Es ist nur Autismus IV – das Glück einer frühen Diagnose

Ja, es kann Glück bedeuten, früh diagnostiziert worden zu sein.

Wenn

tja wenn….

Aber von Anfang an; mein Ältester war zum Diagnosezeitpunkt (nach langen Wirren und viel Mobbing) 13 Jahre alt. Der Kleinste war 5 Jahre alt.
Mir war allerdings bereits klar, dass er Autist ist, als er 3 Jahre alt war. Er war seinem Bruder so sehr ähnlich.

Nun konnte ich viel früher anders reagieren und ihm „Felsbrocken“ aus dem Weg räumen, als ich es beim Großen tun konnte.

Wir konnten einen Kindergarten wählen, der nicht auf Anpassung ausgerichtet war, sondern die Kinder so annimmt wie sie sind.
Das ist Glück.

Wir konnten zu Schulbeginn direkt mit Schulbegleitung starten, und ihm dadurch vieles erklärlicher machen.
Das ist Glück.

Wir konnten mit der Logopädin nicht nur an den schwierigen Lauten arbeiten, sondern vor allem an der sozialen Kommunikation.
Das ist Glück.

Durch all diese Dinge können wir an seinem Selbstverständnis und seiner Selbstakzeptanz arbeiten und diese stärken.
Das ist großes Glück.

Denn nichts ist wichtiger, als das er lernt, sich selbst so anzunehmen wie er nun mal ist.
Ein Autist mit ADHS.
Ein liebenswerter Kerl, der gerne lernt, mit anderen Kindern spielt und diese auch gerne unterstützt.

Wir haben uns ganz bewusst dazu entschieden, ihn nicht auf Norm zu trimmen.
Ihn nicht auf Norm zu trimmen bedeutet NICHT, dass wir ihn nicht fordern oder fördern.
Es bedeutet nur, dass wir andere Wege gehen.
Das unser Ansatz ihn zu fördern und zu fordern anders ist.

Es ist nunmal zielführender, ihm Dinge ausführlich zu erklären. Übersetzungsarbeit für die Gespräche mit anderen Kindern zu bieten und ihm unklare Aufgabenstellungen in kurzen Sätzen zu erklären, als ihn verbiegen zu wollen.

Und da wären wir bei dem Wenn

Leider passiert es sehr häufig, dass Eltern bei einer frühen Diagnostik (im Alter zwischen 1 und 5 Jahren) von der diagnostizierenden Stelle mit hochmanipulativen Therapien konfrontiert werden.

Die Begriffe, unter denen diese „Therapien“ angeboten werden, sind vielfältig.

  • ABA
  • Mifne
  • Son-Rise
  • Discrete Trial Training
  • EIBI (Early Intensive Behaviour Intervention Programm)
  • BET
  • MIA
  • AVT

Das sind nur die gängigsten Begriffe, die immer wieder fallen. All diesen „Therapien“ gemeinsam ist, dass nicht das Kind und seine Bedürfnisse im Vordergrund steht, sondern wie die Außenwirkung ist. Fehler im Verhalten werden gemarkert und das Kind wird darauf trainiert, diese Fehler nicht mehr zu begehen. Alles, was das Umfeld (Eltern, Verwandte, Bekannte, Lehrer, Betreuer) stört wird von diesen „behandelt“.

Denn das gesamte Umfeld wird in die Therapie mit einbezogen.
So wird 24 Stunden am Tag am Kind herumgedoktort.

Das Kind darf eines nicht, einfach Kind sein.

Sämtliche Freiräume werden entzogen und alles wird vordiktiert.

Alles, was in der modernen Erziehung als Errungenschaft dient, wird unter den vorgenannten Therapien als nichtig erklärt. Schließlich handelt es sich ja um ein autistisches Kind. Da müsste man andere Maßstäbe anlegen. So zumindest musste ich es schon vermehrt von den Vertretern und Befürwortern dieser „Therapieformen“ mir anhören.

Für mich klingt es mehr als zynisch. Und wie ich zu diesen Therapien stehe, habe ich bereits mehrfach beschrieben. Unter anderem hier, hier, hier und hier.

Das andere Extrem, dem ich immer wieder begegne sind Diäten. Allen voran die GF/CF Diät. Oft unterstützt durch die Gabe von Mikronährstoffen (Cease) oder Homöopathie. Ganz besonders widerlich ist der Ansatz, mit MMS den Autismus wegzuätzen. Auch über Stuhlverpflanzung wurde schon diskutiert. Hier gute Blogartikel zu der Thematik von Marlies Hübner und Aleksander Knauerhase.

Zu der GF/CF Diät hat Marlies Hübner einen weiteren guten Artikel geschrieben.

Die Bloggerin Butterblumenland beschreibt hier, wie „Beratungen“ oftmals ablaufen.

Der Behandlungswahn ist insgesamt sehr bedenklich.

Denn dem Kind wird dadurch vermittelt, dass es falsch ist.
Und dem Kind wird die Chance entzogen, sich selbst anzunehmen.

 

Das Glück einer frühen Diagnose hängt elementar davon ab, wie Eltern damit umgehen.

Ob sie es als einen großen Schicksalsschlag ansehen, dem man hochintensiv entgegentreten muss; oder ob sie lernen, dass ihr Kind ist wie es ist.

Es ist nur Autismus
und Eltern tun gut daran über der Diagnose nicht ihr Kind aus den Augen zu verlieren.

Wenn Eltern nicht glücklich sind, mit dem was Sie haben, werden sie niemals glücklich sein.

Und Eltern autistischer Kinder können ihnen nichts schöneres schenken, als sie so zu akzeptieren wie sie sind.

Denn auch autistische Kinder verdienen das Glück, einfach Kind sein zu dürfen. Um, gestärkt durch Akzeptanz von Außen, zur Selbstakzeptanz zu finden aus der sie Ruhe und Glück ziehen können.

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5 Kommentare zu „Es ist nur Autismus IV – das Glück einer frühen Diagnose“

  1. Eine weitere wichtige Sache ist, wie von Seiten der Professionellen mit der Diagnose umgegangen wird. Lehrer, Erzieher und Therapeuten sehen oft nicht das Kind als Mensch, sondern, weil sie es mit professioneller Distanz verwechseln, das Kind als Diagnose. Da werden dann dem Kind oft erst Defizite eingeredet, die, einmal in der Gedankenwelt des Lehrers oder Erziehers etabliert, deren Bild vom Kind prägen und das Kind weiter behindern. Kinder erhalten keine Chancen, die sie als Nichtbehinderte bekommen hätten, mit der Begründung, mit dieser Diagnose könne man das ja eh nicht (regt mich immer auf, wenn ich auf Blogs von Nonverbalen lese, wie deren Eltern eingeredet wurde, das Kind würde nie lesen lernen oder rechnen und deswegen müsste es ja auch nicht auf eine Schule). Das führt zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung: Wenn man Kindern das Lernen vorenthält mit der Begründung der Diagnose und sich dann bestätigt sieht, weil das Kind tatsächlich diese Sache nicht durchführen kann. Dabei lag es ja daran, dass dem Kind gar nicht erst die Chance gegeben wurde, die Tätigkeit zu lernen, sondern es gleich als unfähig wegen der Diagnose abgeschrieben wurde. Besonders schlimm ist, dass sich dieses Denken überträgt. Ich habe viele Jahre damit gekämpft, zu glauben, ich könne bestimmte Dinge „ja eh nicht“ – und ich war damals noch nichtmal mit Autismus diagnostiziert, allerdings mit anderen Dingen. Meine Eltern haben mir dieses Gefühl zum Glück nie gegeben und deswegen konnte ich es so gut überwinden, aber was wäre, wenn ich andere Eltern gehabt hätte? Furchtbar.

    So kann dann eine Diagnose dazu führen, dass das Kind nicht nur gegen die Ausgrenzung permanent ankämpfen muss, sondern auch noch gegen diese Diagnose und das soziale Stigma, das damit nun einmal einhergeht. Ich unterstelle ja Lehrern und anderen Professionellen nicht aus Bosheit, dass sie so handeln, eigene Vorurteile prägen unsere Handlungen oft unreflektiert und unbemerkt. Und behindert sein ist eben ein soziales Stigma, das kann man ganz objektiv so festhalten.

    Deswegen finde ich das Binden von Hilfen an Diagnosen, wie es momentan stattfindet, so wenig hilfreich. Ich denke, jeder sollte einfach die Hilfen bekommen können, die er braucht, unabhängig von einer pathologisierenden Zuschreibung. Man kann natürlich trotzdem Diagnosen stellen, aber die sollten nicht ausschlaggebend für die Hilfe sein, sondern vielmehr, was das Kind für spezifische Probleme hat und dafür dann die zugeschnittenen Hilfen anbieten. Das würde auch das Hilfe empfangen normalisieren, wenn nicht nur „die Behindis“ diese in Anspruch nehmen dürften oder könnten. Aber dafür müsste sich das Denken etablieren, dass die Hilfe für den einen dem oder den anderen nichts wegnimmt. Nehmen aber leider viele so wahr, auch Lehrer und Therapeuten.

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    1. Ich denke bzw. hoffe, dass Eltern nach der Akzeptanz (mein Kind ist autistisch) auch in der Lage sind Vertrauen in ihr Kind zu entwickeln.

      Das Vertrauen, dass das Kind lernwillig und lernfähig ist.

      Nur dann sind Eltern auch in der Lage, gegen Vorurteile anzukämpfen.

      Meine Kinder sind Autisten. Aber sie bestehen nicht nur aus Defiziten.

      Manchen Eltern autistischer Kinder ist diese Sichtweise fremd. Sie haben entweder den Mut verloren oder wurden von Fachleuten demoralisiert.
      Sie müssen lernen, wieder möglichst unbefangen auf ihr Kind zu schauen um dann den professionellen Fachleuten entgegentreten zu können und für ihr Kind zu kämpfen.

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