Gastbeitrag: „Gesprochene Texte verstehen – die einfachste Sache der Welt(?)“

von Aspergianer

Aus Sicht eines Autisten mit einer auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung.
Es handelt sich um keine wissenschaftliche Abhandlung, nur um eine beschreibende Wahrnehmung und Sichtweise.

Einleitung

Die mündliche Kommunikation ist eine der grossen Errungenschaften der Menschheit. Wir nutzen sie tagtäglich und können mit ihr vieles ausdrücken.

Freude, Schmerz, Wissen, Erfahrungen, Meinungen, Empfindungen, ja sogar Gefühle lassen sich gut mit der gesprochenen Sprache transportieren.
Worte lassen sich so präzise verwenden wie ein Skalpell in der Hand eines Chirurgen, mit ihnen lassen sie präzise Beschreibungen formulieren. Worte können auch künstlerisch eingesetzt werden um so blumige bis poetische Texte zu verfassen, welche auch das Herz zu berühren vermögen.

Die Sprachmelodie transportiert in der gesprochenen Sprache noch Teile der nonverbalen Kommunikation und manchmal werden mit ihr mehr Informationen transportiert als mit der Sprache selbst. Die Mimik und Körpersprache bilden nebst der Sprachmelodie die nonverbalen Teile oder eben Sprache einer Kommunikation ab.

Menschen wachsen mit der Sprache auf, lernen und nutzen sie mit einer
Selbstverständlichkeit wie das Atmen.
Sie erfassen den Sinn der Worte automatisch und ohne gross  nachzudenken, kombinieren automatisch die verbale Sprache mit der nonverbalen Sprache und setzen die verschiedenen Kommunikationsarten automatisch zu einem Gesamtbild zusammen.
Es geschieht einfach.

Die einfachste Sache der Welt?

Für die meisten Menschen schon.
Für manche Menschen jedoch ist die verbale und/oder die nonverbale Kommunikation aus verschiedenen Gründen eine Herausforderung.

Alles Schall und Rauch?

Die Sprache wird mit der ausatmenden Luft in den Stimmbändern, der Stellung von Mundhöhle, Zunge und Zähnen erzeugt und verlässt den Mund als Produkt verschiedener sich überlagernden Schallwellen. Diese Schallwellen sind ein komplexes Konstrukt, welches es vom Empfänger zu entschlüsseln gilt, um den Inhalt verstehen zu können.

Vom Ohr bis zum Bewusstsein

Die Ohrmuschel bildet eine Art Trichter, um eintreffenden Schall einzufangen, zu konzentrieren und dem Trommelfell zuzuführen. Am Trommelfell ist einiges an Hardware in Form von kleinsten Gehörknöchelchen vorhanden, welche die mechanische Bewegung des Trommelfells über die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel zum Mittelohr leiten. Das Mittelohr ist mit Luft gefüllt leitet die Schallwellen weiter an die knöcherne Hörschnecke, welche im Innern mit einer Flüssigkeit gefüllt ist.
Diese Flüssigkeit regt dünnste Haarsinneszellen an, welche die mechanischen Bewegungen der Flüssigkeit in elektrische Signale übersetzen.
Von dort aus wird es hochkomplex und das würde den Rahmen sprengen, wenn man auf alle Einzelheiten einginge.

Während der Verarbeitung der sich überlagernden Schallwellen trifft unser Gehirn lange, bevor die Schallwellen unser Bewusstsein erreichen Entscheidungen, von denen wir Menschen normalerweise nichts mitbekommen.
Es werden Unterscheidungen der Informationen selbst getroffen. Was sind wichtige Informationen? Was sind unwichtige Informationen? Welche Informationen signalisieren Gefahr und welche Informationen signalisieren eine sichere Umgebung?

Das Gehirn erledigt 24 Stunden nonstop diese wichtige Vorselektion, egal in welcher Situation wir uns auch befinden mögen.
Unwichtig eingestufte Informationen kann das Gehirn verwerfen oder „wegfiltern“ und erst gar nicht in unser Bewusstsein transportieren. Informationen, von denen unser Leben abhängen könnten werden auf einem „Sonderkanal“ ins Bewusstsein transportiert während
der Rest der „normal wichtigen“ Informationen den üblichen Transportweg nehmen.

Schwupps: ein gesprochener Text erscheint in unserem Bewusstsein, wird greif- und begreifbar und wir können darauf reagieren.

Das könnte ein schönes Ende für eine Beschreibung sein

Normalerweise wäre hier die Beschreibung zu Ende. Stimmbänder, Mundhöhle, Schall, Ohrmuschel, Trommelfell, Mittelohr, Hörschnecke, Vorverarbeitung durch das Gehirn, Information kommt im Verstand an.
Das wäre es gewesen, zumindest für die meisten Menschen.

Für manche Menschen ist hier nicht das Ende, sondern hier beginnt für sie erst die eigentliche Beschreibung. Weiterlesen „Gastbeitrag: „Gesprochene Texte verstehen – die einfachste Sache der Welt(?)““

Lügen

Können AutistInnen lügen?

Welche Funktion erfüllt eine Lüge bzw. welche Funktion soll ihr zugeordnet werden.

Wo liegt die Unterscheidung zwischen einer lässlichen Lüge und einer verwerflichen?

Fragen über Fragen

Beginnen wir mit der einfachen Begriffsdefinition Weiterlesen „Lügen“

Die Goldwaage

„Leg(t) doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage“

Diese Redewendung hören AutistInnen und Eltern autistischer Kinder fast täglich.

Die Annahme/Feststellung, dass bei AutistInnen die soziale Kommunikation gestört sei gehört zu den Diagnosekriterien bei Autismus. Ebenso wird davon ausgegangen, dass Kommunikation aufgrund von wortwörtlichem Verstehen insgesamt leidet.
Meines Erachtens wird dabei nicht beachtet, dass nur aus der Sichtweise von NichtautistInnen auf die Kommunikation geschaut wird.
Das Vier-Seiten-Model von Friedemann Schulz von Thun findet nur einseitig Beachtung.

Es wird unterstellt, dass AutistInnen dies nicht beherrschen würden, Weiterlesen „Die Goldwaage“

Welche Reaktion meines Kindes ist nun autistisch und welche nicht?

Es ist eine Gratwanderung, zu definieren/erkennen, wo ich es mit

– autistischem
– kindlichem/trotzigem
– (von Mitschülern) kopiertem
Verhalten zu tun habe.
Zumal meine Kinder mir auch nicht immer alles erklären können.

Ich habe ja versucht, dass mit der Empathie bei meinen Kindern zu erklären. Und auch über unklare Arbeitsanweisungen in der Schule habe ich schon mal geschrieben.

Im Rahmen der Diagnostik bei unserem Ältesten und den dann nachfolgenden, sehr intensiven Gesprächen und der Recherche Weiterlesen „Welche Reaktion meines Kindes ist nun autistisch und welche nicht?“

Schmerzempfinden

Dieses Thema ist sehr schwierig und von AutistIn zu AutistIn verschieden.

Was bei dem einen nur als Berührung wahrgenommen wird, löst beim nächsten sehr unangenehme Gefühle aus und beim Dritten echte Schmerzen.

So war es für meine eine Tochter immer ein riesen Angang gewesen, den Wasserstrahl der Dusche auszuhalten. Denn dieser bereitete ihr auf der Kopfhaut reell gefühlte Schmerzen.
Andererseits bemerkt/e sie zum Teil schwere Stöße/Verletzungen nicht oder nur stark verzögert. Vor allem selten in der Intensität, wie sie den Wasserstrahl wahrnimmt. Weiterlesen „Schmerzempfinden“