Welche Reaktion meines Kindes ist nun autistisch und welche nicht?

Es ist eine Gratwanderung, zu definieren/erkennen, wo ich es mit

– autistischem
– kindlichem/trotzigem
– (von Mitschülern) kopiertem
Verhalten zu tun habe.
Zumal meine Kinder mir auch nicht immer alles erklären können.

Ich habe ja versucht, dass mit der Empathie bei meinen Kindern zu erklären. Und auch über unklare Arbeitsanweisungen in der Schule habe ich schon mal geschrieben.

Im Rahmen der Diagnostik bei unserem Ältesten und den dann nachfolgenden, sehr intensiven Gesprächen und der Recherche habe ich vieles neu überdenken müssen. Es gab viele AHA-Effekte. Unter anderem, dass das Außen (ohne Diagnose und später auch ohne gutes Wissen über Autismus und was es bedeutet) oft nicht in der Lage war, Überforderungen zu erkennen und Reaktionen unter Trotz, Verweigerung und mutwilligem Verhalten einsortierte.

Ich bekam vor der Diagnose sehr oft die Rückmeldung aus den verschiedenen Institutionen, dass meine Kinder wohl extrem stur und bockig seien. (Manchmal kamen auch die Attribute scheu und schüchtern oder verschlossen, wobei diese lange nicht so negativ behaftet sind und entsprechend weniger harte Maßnahmen nach sich zogen.) Vor allem, weil auf Nachfrage von den dort arbeitenden Personen meine Kinder mit Antworten aufwarteten die sie zum Teil von ihrer Peergroup kopiert hatten ohne denselben Hintergrund für die Aussage zu haben, wie diese. Mehr als einmal kam die Antwort von meinen Kindern „da hatte ich keinen Bock drauf“. Aber diese Bekundung von Unlust traf vielleicht in 10% der Fälle auch wirklich zu. Oft war es nur eine Schutzbehauptung um weiteren Nachfragen zu entgehen.

autistische Reaktion
mein Kind reagiert mit einem Overload/Shutdown/Meltdown auf eine Situation, die es entweder nicht einordnen kann oder die es maßlos überfordert.

Trotz
mein Kind will etwas unbedingt haben oder etwas mit Vehemenz nicht tun und reagiert patzig, motzig oder brüllt einfach nur rum.

kopierte Reaktion
das Kind ist in einer Überforderungssituation, die noch nicht vollkommen „aus dem Ruder gelaufen“ (RW) ist, die es aber nicht einordnen kann und kopiert irgendwas, dass es in einer ähnlichen Situation bei einem Kind aus der Schule gesehen hat.

Auch autistische Kinder können mit Trotz reagieren, denn schließlich sind sie immer noch Kinder.
Aber lange nicht alles, was als Trotz von der Umgebung identifiziert wurde, ist es auch.
Wenn Reaktionen des autistischen Kindes falsch einsortiert werden, erzeugt es bei den Beteiligten auch falsche Gegenreaktionen.

Mal ein Beispiel:
mein Kind sitzt in der Schule und bekommt mit der gesamten Klasse den Auftrag „nehmt Eure Bücher raus und schlagt Seite 120 auf“, mein Kind fühlt sich aber nicht angesprochen, weil der Auftrag zu allgemein gehalten ist. Auf Rückfrage durch die Lehrkraft kommt dann die Antwort „da hatte ich keinen Bock drauf“.
Da wird dann schnell aus der Unfähigkeit die Anweisung zu verstehen falsch geschlussfolgert, dass das Kind sich schlicht verweigert und bodenlos frech ist.
Das es sich schlicht nicht angesprochen fühlt wird übersehen.

Ein weiteres Beispiel:
mein Kind hat einen festen Sitzplatz in der Schule, war längere Zeit krank und als es wieder kommt, stellt es fest dass der Sitzplan geändert wurde ohne das es darüber informiert wurde.
Es geht ganz gewöhnlich an „seinen“ Sitzplatz und bereitet alles vor, wie es es gewohnt ist. Das Kind, was nach dem neuen Sitzplan dort sitzt, kommt später und fordert mein Kind auf, diesen Platz zu räumen.
Für mein Kind bricht eine gewohnte Struktur weg und es fängt an, mit Sachen um sich zu schmeißen.
Von Außen betrachtet wirkt es wie Trotz und Sturheit.
Dass mein Kind mit der Situation (weil nicht angekündigt und besprochen) einfach nicht umgehen kann wird übersehen.

Diese Reaktionen meines Kindes sind ganz klar autistisches Verhalten, die im schulischen Bereich durch eine Schulbegleitung und klare Absprachen abgemildert bzw. im besten Fall verhindert werden können.

Auch bei unvorhergesehen Situationen oder Unfällen ist es passiert, dass meine Kinder nicht adäquat reagiert haben. Weil sie schlicht noch nicht etwas ähnliches erlebt hatten, woraus sie eine Regel „wie reagiert man da“ für sich ableiten konnten.

Wenn als Maßstab das Verhalten „normgerechter“ Kinder hergenommen wird und nicht nach der Ursache geschaut wird, dann kommt es zu Fehlschlüssen.

Diese Fehlschlüsse führen oft dazu, dass autistische Kinder dann in Therapieformaten landen, von Schulausschluss bedroht sind oder irgendwo auf dem „Abstellgleis geparkt“ werden.

Ein autistisches Kind gut zu begleiten und seine Reaktionen richtig einzuordnen bedarf ganz viel Geduld, der Akzeptanz dass Autismus sich bei jedem Kind anders äußern kann und nicht nur das Kind muss sein Verhalten reflektieren lernen sondern auch das begleitendende Umfeld. Unter Stress passiert es auch mir, dass ich eine Situation mal falsch einschätze und entsprechend falsch reagiere, davon kann ich mich nicht freisprechen. Wichtig ist, schwierige Situationen im Nachhinein nochmal bzw. mehrmals zu durchdenken und auch dem Kind zu vermitteln, dass ich an einer Stelle falsch gehandelt habe.
Am besten funktioniert (auch wenn es verdammt viel Zeit und noch mehr Geduld erfordert) es, wenn wir Druck aus der Situation nehmen und nicht sofort eine Bewertung einer Situation vornehmen. Das führt nicht grundsätzlich dazu, dass meine Kinder nur noch vermeiden. Denn eine spätere Bewertung und ruhige Reaktion auf eine Situation hat einen nachhaltigeren Effekt als jede Falscheinschätzung und/oder Strafe.

Advertisements

Schmerzempfinden

Dieses Thema ist sehr schwierig und von AutistIn zu AutistIn verschieden.

Was bei dem einen nur als Berührung wahrgenommen wird, löst beim nächsten sehr unangenehme Gefühle aus und beim Dritten echte Schmerzen.

So war es für meine eine Tochter immer ein riesen Angang gewesen, den Wasserstrahl der Dusche auszuhalten. Denn dieser bereitete ihr auf der Kopfhaut reell gefühlte Schmerzen.
Andererseits bemerkt/e sie zum Teil schwere Stöße/Verletzungen nicht oder nur stark verzögert. Vor allem selten in der Intensität, wie sie den Wasserstrahl wahrnimmt.

Wenn es nun also so ist, dass Duschen sich wie Nadelstiche anfühlt, dann ist das so. Eine Desensibilitation in dem Sinne findet nicht statt. Was man tun kann, ist den Duschkopf verändern oder anstatt Duschen Baden anbieten. Zum Haarewaschen einen Becher nutzen, anstatt mit dem Duschkopf zu arbeiten.
Auch Zähneputzen kann als sehr schmerzhaft empfunden werden. Hier lohnt es sich verschiedene Zahnbürsten anzubieten.
Manchmal kann auch Kleidung zu einem schmerzhaften Problem werden.

Diese Probleme sind relativ leicht lösbar, wenn man sie erstmal identifiziert hat. Wesentlich schwieriger ist es allerdings, ernsthafte Krankheiten oder Verletzungen zu erkennen.
Wenn das autistische Kind selber die Schmerzen nur diffus wahrnimmt oder nicht einordnen kann und dadurch nicht genau beschreiben kann, kann sich das schnell zu einem massiven Problem entwickeln.

Es gibt schon einige sehr gute, informative Texte von AutistInnen, die ich Euch zu dem Thema gerne vorstellen möchte:

Schmerzen reblog von innerwelt
von Kanner 840

Es geht auch anders II – Zahnärzte
von Gedankenkarrussel

Immer weiter
von Innerwelt

Problem Arztbesuch – ein Mitmachtext
von Marlies Hübner

Alle vier beschreiben die großen Schwierigkeiten, die AutistInnen mit der Thematik haben. Und auch, wie viele Probleme es bereitet, wenn denn Schmerzen endlich als Schmerz eingeordnet wurden dies für Außenstehende (Arzt, Betreuer oder Eltern) gut zu erklären.

Gerade bei autistischen Kindern sind wir Eltern stark gefordert, genau hinzuschauen. Wir müssen unsere Kinder schlicht ernst nehmen.

Wir sind schlicht verpflichtet, ihr Empfinden ernst zu nehmen.

Als Eltern autistischer Kinder müssen wir viel genauer hinschauen/beobachten und zuhören, als es normaler Weise von Nöten ist.

Es kann auch zu selbstverletzendem Verhalten kommen, dass nicht auf Stress zurückzuführen ist sondern den Zweck erfüllen kann, auszutesten, ab wann das Kind etwas spürt. Quasi zur Überprüfung des eigenen Körpers. Hier ist es dann sehr wichtig, differenziert zu schauen, warum tut das Kind das. Pauschalurteile helfen hier nicht weiter. Es gilt dann zu schauen, dass das Kind lernt seinen Körper und die Empfindungen einzuordnen. Das Wort „Richtig“ kommt mir in dem Zusammenhang übrigens falsch vor. Denn eine „richtige“ Wahrnehmung kann es in der Form gar nicht geben.

Jeder hat einen eigenen Normalzustand und die Abweichung davon gilt es zu erkennen.

Der nächste Schritt ist dann, dass das autistische Kind lernt die Abweichung für andere zu erklären.

Und hier sind wir Eltern stark gefordert, dem Kind die Aufmerksamkeit zu schenken, die es benötigt und das Kind auch vor relativierenden Sätzen von Ärzten zu schützen.

Es ist meines Erachtens sinnvoll, sich hier Unterstützung durch eine Ergotherapie (sensorische Integration ist hier das Stichwort) und auch eine Gesprächstherapie zu holen. Das hier maßvoll agiert und nichts durch Druck und Zwang „behandelt“ werden sollte versteht sich hoffentlich von selbst.