„Hast Du den Film denn gesehen?“ – #Elternschule

oder hast Du nur den Trailer gesehen und ein ~ zwei Artikel gelesen?

Sagen wir mal so, wenn ich ins Kino gehen würde um mir diesen Film anzusehen, würde man mich höchstwahrscheinlich schnell aus dem Kino entfernen.

Außerdem gibt es Dokumentationen und Filme, die kann ich einfach nicht am Stück sehen.
Ich brauche Erholungspausen und muss mir Notizen machen können.
Soviel aber nur vorab.

Etwas anderes ist mir durchaus wichtiger.

Wir reden hier von einem Konzept, dass in dieser Dokumentation kritiklos als Chance dargestellt wird.

So zumindest ist es Interviews und Anmoderationen zum Film zu entnehmen.

Ein Konzept übrigens, dass mit einer Erfolgschance von 85% wirbt, über das es aber keine Studien gibt. Demzufolge auch keine Studien über Langzeitfolgen – weder positiv noch negativ.

Ich bin der Meinung das ich den Film auch nicht sehen muss, wenn die Recherche zum Konzept, zur Klinik und zu den Akteuren recht eindeutig ausfällt.

Zum einen finde ich es fahrlässig, dass Kinder und Eltern in einer solchen Dokumentation dem Voyeurismus des Publikums preisgegeben werden.
Zum anderen entsprechen die Netzfunde zur Klinik und zur Methode, die Erfahrungsberichte und Beobachtungen (siehe Tweets) eine ziemlich deutliche Sprache.

In dieser Klinik war ich auch. Wegen meiner schweren Neurodermitis. Ich war da in etwa 4 Jahre.
Da das Ganze schon 24 Jahre her ist, ist die Erinnerung natürlich nicht sehr groß. Ich habe auch mit meiner Mutter gesprochen, die erinnert sich auch nicht mehr an vieles.
Aber das an was ich mich erinnere, ist grausam.

Ich habe da nie großartig drüber gesprochen, so ohne Anlass, aber manchmal habe ich davon erzählt, dass ich ziemlich üble Erinnerungen an die Klinik habe, in der ich wegen meiner Allergien war.

Eine Situation an die ich mich sehr intensiv erinnere ist, dass ich im Gitterbett lag, in einem hellblauen Raum und geschrien habe, dass ich Hunger habe und nach meiner Mutter gerufen. Ich wollte nicht ohne sie essen und wurde deshalb halt hungern gelassen. An dieses fast bewusstlos schreien erinnere ich mich sehr intensiv.

 

 

Auch ist das Verhalten derjenigen, die den Film promoten fast symptomatisch zu sehen. Kritik wird geblockt oder entfernt oder es werden Facebook-Seiten vom Netz genommen, weil man so der Kritik gänzlich entgeht und nicht mehr benannt werden kann.
Im Vergleich mit Verschwörungstheoretikern oder Impfgegnern fehlt hier nur noch die Aggressivität der Anbieter. Denn einige Nutznießer der Methode zeigen dieses Verhalten durchaus.

In einigen Threads und Anmerkungen war immer wieder zu lesen, dass man ja schließlich die Vorgeschichte der Familien nicht kennt.

Das ist richtig.
Aber ist es wirklich wichtig?
Wird denn in der Klinik eine Diagnostik betrieben und danach ein auf das Kind abgestimmtes Konzept entwickelt?
Oder wird die Methode bei allen Kindern angewandt?
Und wenn nicht, welche Kinder verdienen denn eine solche Methode?

Aber versuchen wir es doch einfach mal am Beispiel unseres jüngsten Sohnes.

Er ist Autist und hat ADHS.
Er wächst mit drei autistischen Geschwistern auf.
Der Stresslevel ist durch viele Dinge in unserer Familie nicht gerade niedrig.

Er hatte lange Zeit enorme Schlafprobleme.
Bis zum Alter von vier bis fünf Jahren schlief er nicht durch.
Ja das zehrt an den Nerven von Eltern.
Er schlief nur in meiner Anwesenheit, auf dem Sofa, aber bitte kein Körperkontakt.

Ebenfalls hatte er in diesem Zeitraum ein, von außen betrachtet, sehr seltsames Ernährungsverhalten.
Getränke MUSSTEN weiß sein.
Brei zu füttern war mehr als schwierig.
Brot ging gar nicht.
Nahrungsmittel, die immer und zuverlässig gingen, waren Kirschtomaten und Weintrauben ohne Kerne sowie Nudeln ohne Soße mit einer bestimmten Gewürzsorte.
Über die Jahre erweiterte sich das Repertoire erträglicher Nahrungsmittel.
Aber nur sehr langsam.

Trocken war er erst mit 5 Jahren.

Ein klassischer Fall für diese Klinik, oder nicht?
Oder für ABA-Anbieter, hätten wir denn die Diagnose schon sehr früh bekommen und wären an schlechte Ratgeber bzgl. Autismus geraten.

Die Diagnostik brauchte aufgrund des Alters ihre Zeit. Was konnten wir nun tun in den Jahren in denen die Diagnostik lief?
Wir hätten mit aller Strenge und Konsequenz unser Kind drillen können.
Wir hätten unseren Sohn auf den Topf setzen und am Tischbein festbinden können, wie es in den 60er Jahren noch oft vorkam, um ihn zu zwingen nicht mehr in die Windel zu machen. Dies wurde meiner Mutter sogar mal für mich vorgeschlagen, als ich (geboren Ende der 60er) mit drei Jahren noch nicht trocken war.
Wir hätten ihm immer wieder dasselbe Essen vorsetzen können, bis er schließlich vor Hunger aufgegeben hätte oder eben hungrig blieb.
Oder ihm den Brei in den Mund stopfen, bis er runter schluckt – oder erbricht.
Wir hätten ihn selbstverständlich auch ins Bett packen können und stundenlang schreien lassen, bis er irgendwann vor lauter Erschöpfung eingeschlafen wäre.

Wir haben andere Lösungen gesucht und gefunden.
Und das war für die Entwicklung unseres Sohnes genau richtig so.
Und auch bei den anderen Kindern haben wir nach anderen Lösungen gesucht bei ähnlichen Problemen.

 

Aber, mal ne grundsätzliche Frage:

Wie war das mit dem Grundrecht eines Kindes auf gewaltfreie Erziehung?

BGB § 1631 Inhalt und Grenzen der Personensorge

(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

Fallen all die genannten Möglichkeiten an Maßnahmen nicht unter dieses Gesetz?
Und wenn ja, sind sie dann zulässig?
Müssen wir das wirklich diskutieren?

Was verstehen Menschen denn bitte unter „gewaltfreier Erziehung“, dass sie die Methodik dieser Klinik trotzdem gutheißen können?
Meinen diese Menschen eigentlich wirklich, dass es nur um Schläge geht, die damit verboten wurden?
Und jede andere Form von Zwang oder Ignoranz sind in Ordnung?
Jetzt belegt durch eine in einer Klinik angewandte Methode?
Das es KEINE Studie zur Methodik gibt ist irrelevant?

ERNSTHAFT?

Der Deutsche Kinderschutzbund sieht zumindest schon mal in der Darstellung der Kinder ein Problem.

Der Kinderschutzbund stellt in Bezug auf den Trailer „Elternschule“ fest, dass der Zusammenschnitt von dramatischen Filmsequenzen zu einer gewollten Zuspitzung von problematischen Situationen und zu einer Verzerrung der Darstellung der kindlichen Persönlichkeit und zwar zum Nachteil der Kinder führt. Die Rechtsstellung des Kindes als Subjekt mit eigener Persönlichkeit und eigenen Menschenrechten wird nach Meinung des DKSB missachtet.

Herr Renz-Polster hat einen sehr klugen Beitrag zum Film geschrieben.

Lernen die Eltern in diesem Film Erziehung?

Wie denn? Das, was diese Kinder suchen – das Gefühl von Schutz, von Bedeutung und Zugehörigkeit – das wächst nicht dadurch, dass die Eltern lernen, auf „korrektes“ Verhalten zu bestehen. Das was diese schlaflosen Kinder suchen, wächst nicht, indem sie bei Krankenschwestern „das Schlafen lernen“. Und die Fähigkeit der Eltern, ihr Kind stark und gütig zu begleiten, wächst nicht, indem sie die Routinen des Krankenhauses dann zuhause umsetzen.

für diesen Text möchte ich eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen.

Etwas ist mir noch zusätzlich sehr wichtig. Bei der Recherche zur Klinik und zu dem leitenden Psychotherapeuten ist vielen aufgefallen, dass sein Vorgänger mit dem er auch zusammengearbeitet hat Ernst August Stemmann ist.
Dieser hat sich dadurch hervorgetan, dass er die Germanische Neue Medizin für gut erachtet.
Diese wurde von Ryke Geerd Hamer begründet.
Dieser erreichte zweifelhafte Berühmtheit durch den Fall Olivia Pilhar.

2005 gab es ein Verfahren gegen Herrn Stemmann, der Spiegel berichtete.
Hier noch ein weiterer Bericht.
Es geht um diese „Verfahren“.
Und was hier nachzulesen ist, macht auch überhaupt gar keine Freude.

Eine Methodik, die sich aus den Grundsätzen Hamers ableitet wird also gerade von den Filmemachern UND der Presse gefeiert.
Kritik wird verunglimpft und nicht hinterfragt warum so viele Kritiker auf den Plan treten.
Sogar die Kritik von jenen, die den Film gesehen haben?

Oder ist die Prägung durch Johanna Haarer doch tiefer in der Gesellschaft verankert, als ich wahr haben möchte?

Es lässt mich ratlos und schockiert zurück, dass die Medien den Film Elternschule so toll finden.

Abschließend noch ein paar wichtige Gedanken

Ja, ich kritisiere diesen Film.
Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, meine Gründe dafür darzulegen.

 

Nachtrag 12.10.2018 17:00 Uhr

Interview mit Jörg Adolph bei SWR2

Bei mir hinterlässt folgende Aussage (ab Minute 1:10) lauter Fragen

… Ja es sind nämlich ganz normale Familien die dort hinkommen. Und sie kommen dorthin aus Sorge um ihr Kind. Also, sie haben sich durch ihr Kümmern und ihr Tun in einen Teufelskreis manövriert wo sie alleine ohne Hilfe nicht mehr rauskommen.

Das können dann Schlafprobleme, das können Essprobleme, Verhaltensprobleme sein. Es kann aber auch so etwas sein wie Asthma und Neurodermitis. Psychosomatische Erkrankung, das ganze Spektrum wird dort in der Klinik behandelt und das mit einem Verhaltenstherapeutischen Ansatz….

Sorry, aber weiter konnte ich mir das Interview wirklich NICHT anhören.

Asthma und Neurordermitis sind also psychosomatisch?

ERNSTHAFT?

Mal eine Frage, wird dort dann den Kindern notwendige, medikamentöse Behandlung verwehrt?

Was richtig ist, unter Stress sind beide Krankheiten schlimmer.
Das ist aber auch alles.

Dieser Frage

schließe ich mich gerne an.

Und diesen Gedankengang find ich wichtig.

Nachtrag 15.10.18

Ich bin froh, dass sich die kritischen Stimmen mehren

Ich stimme Ihnen vollkommen zu, dass dieser Film ein Rückfall in die Schwarze Pädagogik ist…

Beste Grüße,

KH Brisch

Univ.-Prof. PMU Salzburg
Priv. Doz. Dr. med. Karl Heinz Brisch“

 

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soziales Spiel – Rollenspiel – Spiel allgemein

Wenn man die Fragebögen zu Autismus in die Hand gedrückt bekommt, dann wird oft abgefragt, ob das Kind Rollenspiele spielt.

Typisch zu nennen wäre nun Vater-Mutter-Kind.
Ein So-Tun-Als-Ob Spiel also.

Das Spiel ist variationsreich. Bietet es doch die Möglichkeit, die Welt der Erwachsenen nachzuahmen.

Das Spiel kann auch alleine gespielt werden.

Wenn die Puppenmutter/der Puppenvater also ihren Plüschtieren und/oder Puppen Rollen zuordnet und das Kind die Puppen/Tiere lebendig werden lässt.

Ja, meine Kinder haben dieses Spiel gespielt.
Aber es hatte eine andere Qualität, als bei nichtautistischen Kindern.

Wie hier beschrieben, haben die Kinder eine Situation arrangiert, einen Zeitraum abgewartet, neu arrangiert, gewartet, neu arrangiert und vielleicht noch aufgeräumt.

Gesprochen wurde da eventuell noch, was Kinder in der Schule gesprochen haben.
Aber es wurden keine Situationen erdacht, sondern nur wiederholt, was woanders geschah.

Von Außen betrachtet sah es nun für die Fragebögen so aus, dass es soziales Spiel gab.

Gerade bei den Mädchen führte es in der Anfangszeit der Diagnostik dazu, dass über diesen Punkt definiert wurde, dass sie nicht autistisch sein könnten.

Die Qualität des Spiels

  • schlüpft das Kind in die Rolle von jemand anderes
  • ersinnt es sich seine Rolle vollkommen frei

oder

  • spult das Kind nur ein Programm ab und hat keine oder kaum Variationen im Spiel

Auffälliger waren da schon die Spiele im Kindergarten.

Ein Kind ist im Pferdegeschirr, ein anderes Kind hält die Zügel und galoppiert zusammen mit dem ersten Kind über den Hof.
Ich habe zum Beispiel meine Mädchen nie im Geschirr gesehen.
Das obligatorische Wiehern war wohl nicht ihrs.
ABER, von außen sah es aus wie gewöhnliches soziales Spiel.

Oder im Sandkasten, „Kuchen backen“ und dann so tun, als ob man es isst. Sie haben das ganz anders gemacht als andere Kinder. Sie haben nur mit Förmchen Gebilde erschaffen aber jemanden das als Kuchen unterzuschieben, kam ihnen nicht in den Sinn.
Ich musste allerdings diesbezüglich auch keine Angst haben, dass sie wirklich Sand aßen.
Sie waren dabei, haben agiert, aber nicht zusammen mit den anderen gespielt.
Es war ein nebenher.

Trotz und alledem hatten meine Kinder aber auch Gegenstände, Puppen oder Plüschtiere, denen sie besonderen Wert zugemessen haben.
Allerdings spielten sie eher weniger mit ihnen.
Bei dem Spiel Vater-Mutter-Kind zum Beispiel waren sie ausgeklammert.
Sie durften eine beobachtende Position einnehmen.

Auch das Spiel mit Bausteinen war wenig variationsreich.
Eine einmal gewählte Form wurde zigfach wiederholt.

Unser Ältester zB hatte nie dieses aufreihen von Gegenständen gezeigt.
Aber seine Gebäude waren farblich immer gleich aufgebaut und hatten immer dieselbe Form.

Im Gegensatz dazu steht unser Jüngster.
Er hat klassisch Dinge aufgereiht und konnte nicht ertragen, wenn wer seine Ordnung zerstört hat.
Ansonsten liebt er das heillose Chaos und hat viele Dinge zerstört um hinter die Funktion eines Spielzeugs zu kommen.
Am interessantesten waren allerdings Geräte, die Geräusche erzeugen.
So geräuschempfindlich er auch ist, umso lauter ist sein Spiel.

Andere mitspielen zu lassen fällt ihm hingegen sehr schwer.
Ebenso innerhalb einer Gruppe zu spielen.
Vor allem wenn „unvorhersehbar“ und vor allem „unangekündigt“ die Regeln verändert werden. Er bekommt diese Ankündigungen kaum bzw. nicht mit.
Das geht seinen Geschwistern nicht besser. Die soziale Kommunikationsweisen anderer fallen ihnen unheimlich schwer.

Ja, meine Kinder haben auch Rollenspiele gespielt.
Aber es gab immer einen festen Rahmen, von dem nicht abgewichen wurde.
Wie ein Drehbuch, dass strikt befolgt werden musste.
In Rollenspielen mit anderen Kindern führte aber genau dies dazu, dass die anderen nicht oder nur selten mit ihnen spielen wollten.

Es braucht im Rahmen der Diagnostik hier schon einen sehr erfahrenen Fragesteller um den Unterschied im sozialen Spiel heraus zu arbeiten.
Denn die Qualität des sozialen Spieles meiner Kinder ist eine gänzlich andere als bei nichtautistischen Kindern, die ich in all den Jahren so hab spielen sehen.

Both sides – beachtet doch auch bitte die Belastung der Eltern

oder

  • der Therapeuten
  • der Schulbegleiter
  • der Lehrkräfte
  • der Betreuer
  • der Mitschüler
  • der Arbeitskollegen
  • der Mitmenschen

Für die ist es doch auch schwierig…

Sagt mal, mit Verlaub, geht es Euch noch gut?

Eine Autistin beschreibt wie sie ihren Autismus erlebt

und

erntet unter anderm von einer Nichtautistin die Forderung, dass sie doch bitte unbedingt beide Seiten im Blick behalten muss.

(Quelle des Bildes: http://ink-and-daggers.tumblr.com/)

Was erdreistet ihr euch eigentlich, unter der Beschreibung einer Autistin, zu erklären wie stark belastend für Euch die Anwesenheit von Autisten ist und was die Autisten denn verlangen würden.

Immer wieder lese ich, warum kann XYZ das jetzt wieder nicht, warum bockt XYZ, warum tut XYZ uns das an…? Es ging doch… gut und jetzt kann XYZ das nicht mehr, wie viel Zeit dieses Kind verbraucht, wie viel Energie von diesen besonderen Kindern verbraucht wird, wie lästig das wird,…
So ein Leben ist für uns im ASS Spektrum äußerst anstrengend, Kräftezehrend, belastend, unwirklich, surreal, schmerzhaft, ängstigend, furchteinflößend, laut, immens, unfassbar, erschreckend, unbegreiflich, überwältigend, ungewollt überraschend, ungewöhnlich, unaufhörlich unbeständig,…
Es zehrt an uns, an uns selbst, an unserem innersten, für UNS, die wir uns fast täglich selbst zu verlieren drohen, ist das weit mehr, als es für euch eine Unannehmlichkeit ist.

Mal ernsthaft, ist das eure Art mitzuteilen, dass die Autisten doch um Himmelswillen endlich akzeptieren müssen, dass sie eine Belastung für ihr Umfeld sind und doch verdammt nochmal mehr Anpassungsleistung bringen müssen?

Was für ein Menschenbild steckt eigentlich hinter so etwas.

Habt ihr eigentlich eine Ahnung, was diese Forderung mit AutistInnen macht?

Ja, Autismus ist anstrengend.
ABER vor allem für AutistInnen.

Ja, unser Hilfesystem ist kräftezehrend und bringt all die am Anfang genannten an ihre Grenzen und darüber hinaus.
ABER für AutistInnen ist es um ein VIELFACHES anstregender und packt sich auf den Autismus OBEN DRAUF.

Und bedenkt bitte einmal.
Wenn die Gesellschaft schon für Nichtautisten kaum erträglich ist, wie UNERTRÄGLICH muss es dann erst für AutistInnen sein.

Fordert nicht noch mehr Anpassung in ein menschenfeindliches System sondern helft dieses System zu verändern!

 

UND

 

wenn ihr Eure autistischen Kinder verstehen wollt

HÖRT ZU was AutistInnen euch sagen.

Förderschule fördert!

Die Zahlen so konzentriert zu lesen macht wenig Freude, ist aber wichtig.

Danke für diesen Beitrag.

Essays aus dem Elfenbeinhochhaus

Förderschule fördert? Vielleicht. Die Frage ist nur, was. Eigentlich ist die Förderschule ja für die Kinder und Jugendlichen da, von denen angenommen wird, dass sie im Regelschulsystem nicht ohne weiteres mitmachen können. So weit so gut. Dies könnte zu der Annahme verleiten, dass Förderschulen dafür da sind, diese Kinder eben auf anderem, individuellen Wege zu einem Schulabschluss zu führen.

Grundsätzlich sollte eine Schule schließlich zum Schulabschluss führen.

Um sich für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren, braucht man in der Regel einen Schulabschluss – wer nicht mindestens einen Hauptschulabschluss hat, hat wirklich schlechte Chancen. In 2016 (das sind die aktuellsten verfügbaren Zahlen) verließen 49.200 Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Abschluss. Mehr als die Hälfte dieser Jugendlichen besuchte eine Förderschule, das heißt, dass rund 24.600 Jugendliche die Förderschule ohne mindestens einen Hauptschulabschluss verließen. Hauptschulen wurden demgegenüber von 9.800 Kindern ohne Abschluss verlassen. Na gut, könnte man jetzt sagen, die Förderschulen haben nun…

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Ein Tag ohne Schulbegleitung

Gestern Morgen bekam ich früh die Nachricht, dass unsere Schulbegleitung erkrankt war.

Das kann passieren und ist menschlich.
Selbstverständlich ist in einem solchen Fall, dass die Schulbegleitung sich auskurieren muss.
Das diskutier ich nicht.
Keinem ist damit gedient, wenn jemand krank zur Arbeit geht.

So kurzfristig eine Vertretung zu bekommen ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Niemand hat heutzutage Personal als Springer rumsitzen.

So obliegt es also mir als Mutter, mir Gedanken zu machen, wie es nun an diesem Tag mit der Beschulung aussieht.

In früheren Jahren meldete ich unseren Jüngsten krank.
Denn er war damals NICHT in der Lage einen Schultag alleine durchzustehen.
Das lag damals auch und vor allem an der dünnen Personaldecke und dem hohen Krankenstand unserer Grundschule sowie dem dort herrschenden Lehrsystem. Es wurde jahrgangsübergreifend Klasse 1-4 unterrichtet und der Unterricht wurde durch die SchülerInnen selber gestaltet. Heißt auch, dass unser Jüngster sich damals seine Aufgaben selber zuteilen und zusehen musste im doch recht lauten Durcheinander sich zu organisieren.
Unsere schlimmsten Wochen waren Ende des 4. Schuljahres, als wir für 5 Wochen keine bzw. nur sporadisch für wenige Tage eine vollkommen neue Person als Vertretung haben konnten.
In dieser Zeit habe ich zu Hause die Organisation übernommen, die Aufgaben zugeteilt und überwacht dass diese auch erarbeitet wurden.

Vor über 18 Jahren witzelte ich mal darüber, dass wir uns den Luxus leisten, dass ich zu Hause bin.
Mittlerweile muss ich sagen, dass es eine zwingende Notwendigkeit ist um solche Phasen ausgleichen zu können.
Wenn ich alleinerziehend wäre, wären solche Nachrichten wie Schulbegleitung krank, Kind im Overload – kommen sie es bitte sofort abholen, der Worstcase.
Das kann eine alleinerziehende Person nicht oder nur sehr selten leisten.

Zurück zum gestrigen Tag.

Bevor ich unserem Sohn mitteilte, dass die Schulbegleitung krank ist, ratterte mein Gehirn sofort Fragen in einer Endlosschleife runter

  • kann ich ihn in die Schule schicken
  • kann ich ihn nicht in die Schule schicken
  • hab ich Zeit ihn zwischendrin abzuholen wenn es nicht geht
  • hab ich die Zeit nicht
  • Was sagt die Schule
  • sind alle Lehrer da
  • was für Unterricht ist heute
  • wie viele Raumwechsel
  • wie viele Kurse
  • wie sieht es mit dem Termin am Nachmittag aus
  • wie wird sich das aufs Wochenende auswirken

Also Stunden- und Vertretungsplan überprüft. Uff, um 6:30Uhr noch keine Raumwechsel oder Vertretungen angekündigt.
Keine Zeit anzurufen und in Ruhe zu klären, da sind schließlich noch die anderen drei Kinder, die ihre Morgenroutine haben UND pünktlich zu ihren Terminen müssen.

Ruhe bewahren – Ruhe ausstrahlen – erste Bürgerpflicht
sonst brauch ich gar nicht weiter überlegen.

Wenn ich als Mutter in solchen Momenten unruhig wirke, überträgt sich das sofort auf alle Kinder und ich brauch beim Jüngsten gar nicht weiter überlegen und kann ihn direkt zu Hause behalten. Mit unruhiger Grundstimmung im ungewohnten Setting in die Schule gehen, schafft unser Jüngster einfach nicht.

Nach Überprüfung der mir möglichen Fakten habe ich dann mit dem Jüngsten gesprochen. Seine erste Anmerkung war, „ich will in die Schule, da wartet schließlich mein Freund“.
(Ja, unser Sohn hat einen Freund und die zwei kommen sehr gut miteinander aus. Dank unserer Schulbegleitung konnten auch alles bisher aufgetretenen Miss(t)verständnisse schnell beigelegt werden.)

Also hab ich mit ihm abgemacht, dass ich mit den Lehrkräften spreche und schaue, was geht und wie man ihm im Notfall helfen kann.
Es braucht  eine klare Absprache, wie er Auszeiten nehmen kann und wo und mit wem er dann sprechen muss/soll/darf.
Wo er, wenn nötig, eine Auszeit nehmen kann.
Mir machten aus, dass ich dann erst eine Entscheidung treffen kann.

Nachdem ich dann irgendwann alle notwendigen Informationen hatte und geklärt war, dass die Schule es probieren wollte und alle Lehrkräfte informiert werden, habe ich mit unserem Jüngsten die wichtigsten Eckpunkte besprochen und bin schleunigst aus der Schule verschwunden.

Falls es jemanden wundert, dass ich nicht in der Schule verblieben bin, dass habe ich einmal gemacht und es hat unserem Sohn nicht gut getan. Das ist keine Lösung für ihn sondern macht ihn wuschig. Nach seiner Einstellung habe ich nichts im Schulalltag zu suchen und er hat damit einfach Recht. Dann bleibt er lieber einen Tag zu Hause.

Es war ein sehr unruhiger Vormittag für mich. Schließlich hatte ich zugesagt, dass ich zu 100% erreichbar bin und jederzeit abholen kann, wenn es nicht laufen sollte.
Das Telefon klingelte Gott sei Dank nicht.
Ich war zu Schulende dann wieder nervös, was mich wohl erwarten würde.
Den Therapietermin für den Nachmittag hatte ich nicht profilaktisch abgesagt, wenn es eben ging wollte ich dorthin, damit schwierige Punkte aus dem Morgen sofort besprochen werden konnten. Außerdem ist es mir wichtig, dass die Ärztin und der Therapeut sehen, was ein solcher Tag für Auswirkungen auf ihn hat.

Aus dem Schulgebäude kam er dann und machte eine erschöpften aber nicht vollkommen erschlagenen Eindruck. Er meinte, er könne die Hin- und Rückfahrt gut aushalten.

Er berichtete begeistert, wie sehr er den Lehrkräften hat helfen können.
Das er den Klassenraum aufräumen durfte und auch keinen auf den Deckel bekommen hatte, als er das Pausenende überzog weil er runterkommen musste nachdem er sich über Schüler aus anderen Klassenstufen aufgeregt hatte.

Er war also in einigen Dingen in Grundschulzeiten zurückgefallen.
Damals hat er, wenn alles durcheinander war, immer begonnen seine Umgebung zu ordnen und Dinge in Ordnung zu bringen.
Er zeigt in solchen Momenten eine fast unheimliche Geschäftigkeit. Das ist Teil seiner Kompensationsfähigkeit.
Gut, dass die Unterrichtsstunden den dafür notwendigen Raum ließen und die Lehrkräfte dieses Verhalten toleriert haben.
Hätten sie es nicht getan, hätte er die fünf Schulstunden nicht durchgestanden.

Ein großes Danke an dieser Stelle dafür.

Während der Therapiestunde zeigte sich dann, dass seine Toleranzschwelle sehr niedrig war.
Er floh aus dem Therapieraum zu mir, als er dort noch mehr sprechen sollte.

Ich ging mit ihm zusammen zurück und sprach selber mit dem Therapeuten. Ab und an klinkte der Jüngste sich ins Gespräch ein. Er brauchte eine „Krücke“ um am Gespräch teilnehmen zu können.

Auch dort zeigte er das Verhalten, alles dominieren zu wollen und Ordnung herzustellen.

Auf der Rückfahrt wurde er immer stiller aber es arbeitete enorm in ihm.

Irgendwann sagte er klar
„Das hat heute geklappt, aber an einem Langtag mach ich das nicht. Pausen ohne Schulbegleitung sind sehr schwer. Ich weiß nicht, was ich machen muss oder soll, wenn da die Jungs aus der höheren Klassenstufe anfangen mich nachzuäffen oder mir Dinge wegnehmen.“

Der Tag endete ohne größere Komplikationen. Wir nahmen das „Ordnung schaffende“ Verhalten hin. Auch hier wieder, hätten wir es nicht getan, wäre es zwangsläufig zum Overload gekommen.

Seit heute morgen nun, schleicht unser Jüngster durchs Haus.
Für Ordnung schaffen ist keine Kraft vorhanden.
Hausaufgaben machen geht nicht.
Er geht immer wieder freiwillig in sein Bett und versucht sich auszuruhen.
Nach der Häufigkeit zu schließen, in der er wieder kommt, geht es ihm nicht gut.

Klar könnte ich jetzt auf Hausaufgaben und Vokabeln lernen bestehen.
Aber lernen kann er jetzt nicht, es ist keine Aufnahmekapazität vorhanden. Stattdessen würde ich eher einen Overlaod oder gar einen Meltdown provozieren.

Das gute am gestrigen Tag
er hat sich selbst bewiesen, dass er es auch mal allein schaffen kann.

Wichtige Information fürs nächste HPG als Notiz an mich
wie viel es ihn gekostet hat und welche Nachwirkungen solch ein Tag bei ihm hinterlässt.

(und nun versuche ich meine Nerven etwas runter zu regeln – denn ja – auch mich hat dieser Tag enorm geschlaucht)

 

Update 23.09.18

Wie der gestrige Tag verlief habe ich hier geschildert.

Der heutige Tag ist insofern besser, als dass er nicht mehr so erschlagen ist.
Allerdings ist das nachholen von Hausaufgaben gerade ein schwieriges Problem. Er kann sich nur schwer konzentrieren, versucht wieder alles zu ordnen und stellt gleichzeitig alles in Frage.
Auch stimmt er heute mehr als in all den Wochen vorher.

Die kommende Woche wird schwierig werden.

Es ist nur Autismus VI – Eltern können dazu lernen

So einfach
und doch
so schwer.

Hier im Blog habe ich schon öfter beschrieben, wie lange wir für die Diagnosefindung bei den Kindern gebraucht haben.

Nach April 2010, als die Diagnose beim Ältesten dann endlich stand, habe ich begonnen mich eingehender damit zu beschäftigen, was Autismus eigentlich heißt.

Ich hatte ja immer noch dasselbe Kind vor mir, dass mir so nah war und ist, wie vor der Diagnose.

Nur die Merkwürdigkeiten, an denen sich die Umwelt dauernd gestoßen hatte, hatten nun einen Namen.

Also las ich (bekennender Vielleser) alles, was ich in die Finger bekommen konnte.
Schließlich verband ich mit Autismus all die Klischees, mit denen Menschen so in Kontakt kommen und die sie nebenbei mal in den Medien aufschnappen.

Ich landete in einem Elternforum, las Fachbücher von ausgewiesenen Fachleuten, beschäftigte mich mit Institutionen die sich dafür einsetzen Aufklärung über Autismus nach vorne zu bringen und dachte WOW, da gibt es ja schon einiges.
Im Elternforum wurde ich freundlich aufgenommen, stellte aber schnell fest, dass es dort unterschiedliche Gruppen gab.
Da waren die Eltern der Aspies Asperger Autisten, die der frühkindlichen Autisten und vereinzelte AutistInnen.
Zwischen den Elterngruppen gab es immer wieder Konflikte, es war eine Art von Konkurrenzkampf, wer es schlimmer hätte. Und gerade den Eltern von milder betroffenen (zum milden Autismus und warum es Blödsinn ist, gibt es unter anderem Texte von Aleksander Knauerhase und der Bloggerin Butterblumenland) Asperger Autisten wurde immer unterstellt, dass sie das Leid und die Anstrengungen der anderen Eltern sich nicht vorstellen könnten.
Auch AutistInnen wurden zT angegangen, dass sie das Leid herab spielen würden, weil sie ja schließlich die Fähigkeit hätten zu kommunzieren.
Später fand ich Blogs.
Am informativsten waren die Blogs von AutistInnen, diese fand ich allerdings erst später, wurden sie doch nur selten im Elternforum verlinkt.

Das erste Jahr nach Diagnosestellung war geprägt davon, dass wir alles versuchten unseren Sohn in der Schule zu halten und ihn gleichzeitig aus der Mobbingspirale zu befreien.
Es war ein Spießroutenlauf begleitet von Strohhalmen, von denen wir uns Hilfe versprachen.

Es war alles andere als leicht und hat uns alle geschädigt. Vor allem der Klinikaufenthalt war sehr hart für uns alle.

Bei einigen Dingen habe ich erst im nachhinein verstanden, dass es keine Hilfen waren.

Da war zB die Stiftung, die zu einer Aufklärungsstunde in die neue Schule ging.
Ein Mitarbeiter der Stiftung war mal eine Stunde bei uns um unseren Sohn kennenzulernen (ein viel zu kurzer Zeitraum, aber nicht anders zu bewerkstelligen, schließlich kostet Zeit immer Geld). Dieser Mitarbeiter machte sich einige Notizen und reichte die an andere Mitarbeiter weiter, denn er selber ging nicht in die Schule.
Der Enkel der Stiftungsgründer ging damals mit in die Schule.
Es ist ein nonverbaler Autist.

Ich fand das damals gut.

Aber was wusste ich damals schon. Nach heutigem Kenntnisstand viel zu wenig um einschätzen zu können, wie solch eine Aufklärung funktionieren könnte und wie 14jährige das aufnehmen werden.

Erst Jahre später hat ein damaliger Mitschüler meinem Sohn etwas über diese Aufklärung und seine Eindrücke erzählt.

Wir hatten die Jugendlichen erfolgreich verschreckt.

Aber mit dem Kenntnisstand von damals war ich begeistert, dass es diese Möglichkeit der Aufklärung überhaupt gab.
Ich war damals schon davon überzeugt, dass nur AutistInnen über Autismus aufklären können.

Was genau passierte also in dieser Aufklärungsstunde.
Es gab Handschuhe, die von innen sehr rau waren und gleichzeitig sehr dick um zu verdeutlichen, dass AutistInnen eine andere Wahrnehmung bezüglich Haptik haben können.
Es gab eine Art Brillen, um die Möglichkeit der anderen Wahrnehmung bzgl. Sehen darzustellen und noch einiges mehr.
Leider war wohl keine Zeit, um etwas ähnliches wie dieses Video in der Klasse vorführen zu können

Das finde ich im übrigen sehr gut, obwohl auch dieses nur einen kleinen Überblick gewährt. Wie man an diesem Video sehen kann.

Beide Videos sind nur Beispiele.

Das war mir damals nicht in Gänze bewusst und es wird leider auch nur selten von NichtautistInnen, die für Organisationen Aufklärung in Schulen durchführen so benannt.

Eine spätere Aufklärung in einer anderen Klasse durch eine Autistin hatte diesen Effekt nicht.
Sie machte klar darauf aufmerksam, dass es trotz gleicher Diagnose erhebliche Unterschiede geben kann.
Sie schaffte, was die Stiftung nicht hinbekam.
Es gab endlich Akzeptanz für meine Tochter. Das Mobbing konnte durchbrochen werden. Es wurden Fragen gestellt, auch an meine Tochter. Aber dies immer annehemend und wertschätzend.

Nehmen wir mal die Handschuhe als Beispiel.
Ich habe vier autistische Kinder. Jedes Kind hat andere Dinge, die es nicht anfassen oder auf der Haut ertragen kann.
So fühlt sich für unseren Jüngsten Creme oder Lippenpflege wie Wachs auf der Haut an.
Den Ältesten machen Schildchen in der Wäsche absolut verrückt.
Diese stören aber den Jüngsten überhaupt nicht, dafür kann er diese in Krägen eingearbeiteten Kapuzen (die man einrollen kann) im Nacken nicht ertragen. Er muss auch die ausgerollte Kapuze immer anziehen, weil er das störende Gefühl, dass da was zu viel ist im Rücken, nicht aushalten kann.

Die Kleine ist absolut berührungsempfindlich. Wasser aus der Dusche fühlt sich für sie wie Nadelstiche an und Haare waschen und kämmen waren ein ewiger Kampf, weil es ihr Schmerzen bereitete. Auch Zähneputzen hat diesen Effekt.

Es hat länger gebraucht, bis wir für die einzelnen Punkte des jeweiligen Kindes Lösungen gefunden haben. Die Lösung für den einen wäre beim anderen aber zum Worstcase geworden.

Es gibt schlicht keine Lösung, die auf jedes Kind passt. Selbst in unserer Familie nicht. Es gibt immer nur Ähnlichkeiten. Das führte hier auch schon zu Auseinandersetzungen zwischen den Kindern, weil der eine sich nicht vorstellen konnte, wie es sich für den anderen anfühlt.

Ich musste das lernen.
Lernen, wo die Konflikte herkommen.
Lernen, dass eine 08/15 Aufklärung dem jeweiligen Autisten nicht gerecht wird.

Was mich zu der unseligen Autismuskabine bringt. Rainer beschreibt es gut

Klar, das was das „simuliert“ wird sind auch nur Metaphern.

Nun hat er einen autistischen Sohn und somit auch Vorwissen.
Aber besitzen das die anderen Besucher auch?

 

Das Thema Medikamente ist uns ebenfalls nicht fremd.
Zwei meiner Kinder haben die Zusatzausstattung ADHS.
Hier hilft Ritalin. Aber das richtige Medikament in der passenden Zusammenstellung zu finden war schon knifflig.

Mein Ältester hat nur Autismus. Er bekam aber, da er sich einem Daueroverload befand, ebenfalls über einen Zeitraum X Medikamente.
Alle waren mit seinen Reaktionen auf Kleinigkeiten überfordert.
Ich erwartete mir Hilfe und Beruhigung der Situation.

Die Rückmeldungen Jahre später zeigen aber, dass es nicht das Medikament war, was Hilfe brachte, sondern die Möglichkeit endlich zur Ruhe zu kommen.

Was wir Außenstehenden als unerträglich erlebten, muss sich in meinem Sohn noch viel schlimmer dargestellt haben.

Ich lernte.
Lernte, dass selbst Psychiater sich nur auf das äußerlich sichtbare Symptom stürzten.

Ebenso war es mit der Tagesgruppe.

Ich lernte.
Lernte, dass die Außenbetrachtung alleine nicht hilfreich ist.
Lernte, dass viele Außenstehende kein Verständnis über und von Autismus besitzen.

Autismus ist nicht in fünf Minuten erklärt.

Das nächste Thema, Schulbegleitung.
Wir hatten sehr gute und sehr schlechte.
Es gab welche mit Zertifikat aus einem Webinar oder aus längeren Schulungen verteilt über mehrere Wochenenden.

Ich lernte.
Lernte, dass nicht jede Qualifikation das Papier wert ist, auf dem sie steht.
Lernte, dass man verdammt noch mal sehr genau hinschauen muss, was einem da präsentiert wird.

Während der Zeit, als wir nach einer Schule suchten, habe ich unzählbar viele Webseiten angesehen und Gespräche geführt.
Der Eindruck, dass die meisten nur Hochglanzprospekte sind und es wenig echte Kenntnis über Autismus gibt, ist nicht weniger geworden.

Ich lernte.
Lernte, dass ich alles, wirklich alles hinterfragen muss.

 

Und dann fand ich AutistInnen, die in Foren, Blogs, auf Facebook und Twitter und vielen anderen Plattformen sich einer Sisyphosarbeit stellen.
Die sich die Zeit nehmen:

  • Fragen zu beantworten
  • Fragen zu stellen
  • die über das eigene Empfinden als Beispiel berichten und auf Empfindungen anderer Autisten verweisen, weil sie nicht behaupten, dass nur ihre Empfinden die korrekte Art von Empfinden bei Autismus ist
  • für ihre Rechte einzustehen
  • die Klischeedenken angreifen
  • die auch mal Fachleuten widersprechen, weil deren Darstellung dem Empfinden vieler AutistInnen nicht entspricht

Sie stehen für Selbstvertretung ein.

Ich lernte.
Lernte viel über Autismus und die unterschiedlichen Ausprägungen.
Lernte, dass die Übergänge fließend sind und sich Kanner und Asperger Autisten nicht als unterschiedliche Störungsbilder differenzieren lassen. Dem trägt der DSM-V insoweit Rechnung, dass es dort jetzt AutismusSpektrumStörung heißt.

Was ich aber auch lernte, dass es immer wieder Menschen gibt, die AutistInnen das Recht auf Selbstvertretung absprechen oder ihre Argumente gegen sie verwenden bzw. diese zu invalidieren versuchen.
Diese Menschen reden von einem Miteinander, beanspruchen aber gleichzeitig die Deutungshoheit darüber was dieses Miteinander ausmachen darf. Nach meinem persönlichen Eindruck gebrauchen diese Menschen AutistInnen als schmückende Zier. Hier habe ich das schonmal näher beleuchtet.

Was bleibt?

Lernen!

Genau hinschauen.

Lernen!

Und für mich persönlich bedeutet es, sich nicht der Selbstvertretung von AutistInnen in den Weg zu stellen. Auch dazu habe ich schonmal etwas geschrieben.
Denn ich möchte, dass meine autistischen Kinder ihre Stimme erheben können ohne von NichtautistInnen benutzt zu werden. Das sie ernst genommen werden und ihre Erfahrungswerte wertgeschätzt werden.

Sozialkompetenz

Es gibt viele Vorschläge und Gruppen sowie Therapien/Therapieeinheiten, in denen autistische Kinder soziale Kompetenz erlernen sollen.

Immer wird davon ausgegangen, dass AutistInnen hier ein gewaltiges Manko hätten und erlernen müssten, wie die NichtautistInnen funktionieren.
Das heißt auch, dass erwartet wird, dass AutistInnen erlernen müssen eine Maske zu tragen.

Welche Auswirkungen das hat, hat die Bloggerin La Violaine in dem Beitrag „#DieMaskeAbnehmen“ gut erklärt.

Maskierst du, bist du kein richtiger Autist. Maskierst du nicht, strengst du dich nur nicht genug an.

Auf Twitter gab es diesen Beitrag zu lesen

Ich finde den Gedanken gar nicht so abwegig.

Während der Diagnosephase und dem späteren Klinikaufenthalt wurde unserem ältesten Sohn so oft gesagt
„Du kannst nicht die anderen ändern, auch wenn diese sich falsch verhalten. Du musst DEIN Verhalten ändern und akzeptieren, dass die anderen in der Mehrzahl sind“

Ich denke, diesen Satz hat so gut wie jede/r AutistIn diesen Satz schon zu hören bekommen hat, sobald sie oder er sich in Therapie begeben hat.

Das fängt an, dass Stimming in der Öffentlichkeit als nicht akzeptabel erachtet wird. Wenn dann „nur“ darauf gedrungen wird, in der Öffentlichkeit unauffällig zu stimmen (zB mit dem Fidget Cube oder einen Knautschball) kann man sich schon glücklich schätzen.
Anderen wird das stimmen komplett untersagt oder das Verhalten derartig abschätzig dargestellt, dass AutistInnen es tatsächlich unterlassen (gerade in der Schule) und sich damit schaden.
Stimmen ist eine gute Form, um sich selbst zu regulieren.
Nimmt man AutistInnen diese Form der Selbstregulation weg, erhöht man die Overloadgefahr.
Weiter geht es mit jedweder Form des Ausdrucks und des Verhaltens von AutistInnen, diese haben sich anzupassen.

In dem Thread von @dieZimmerlaute kam die Frage auf, wie man kurz und knapp mal ein paar Punkte zusammenfassen könne, die für AutistInnen belastend sind und wie man dies den NichtautIstinnen vermitteln könne.

Ich habe es versucht, es in kurzen Stichpunkten zusammenzufassen.
Abschließend aber das

Und doch stellt sich mir die Frage, warum nicht gerade und vor allem MitschülerInnen und Arbeitskollegen von einem solchen Training nicht profitieren würden.

Sie könnten das Klischeedenken verlieren.
Sie könnten verstehen, was Nachteilsausgleiche wirklich sind.
Sie könnten lernen, dass AutistInnen mitnichten in ihrer eigenen Welt leben sondern mitten unter uns.

Wertschätzung, Akzeptanz und Miteinander könnte wachsen.

Zusammen lernen, wie man miteinander umgeht, was ist dagegen einzuwenden?