Gastbeitrag: Vom „Anderssein“ und den anderen, die anders sind

von „Das autistische Chamäleon“
(ich wurde gebeten hier keinen Link zu setzen, um die Anonymität zu sichern)

Ich bin Autist. Dies äußert sich bei mir, neben unzähligen anderen Dingen, gelegentlich auch in Form einer „naiven Offenherzigkeit“ gegenüber Menschen, die ich mag (oder zumindest schätze). Es ist Teil meiner Persönlichkeit und meiner Behinderung zugleich; und nichts, wofür ich mich schämen SOLLTE. Denn es gehört zu der Art, wie ich (selektiv!) kommuniziere: offen, fragend, aufrichtig – gelegentlich auch besorgt – und dabei doch stets um den richtigen „Takt“ bemüht. Aber leider empfinden manche Menschen als anstrengend (oder gar störend), was sie in Wahrheit als höchste „Auszeichnung“ betrachten sollten, die ihnen von mir zuteil werden kann: mein echtes Interesse an ihnen als Mensch.

Doch dass dies leider nur die Allerwenigsten verstehen, ist mir überdeutlich bewusst. Denn ich habe es im Laufe der letzten 38 Jahre auf die harte Tour lernen müssen. Tatsächlich wurde und wird es mir immer wieder „an den Kopf geworfen“ (Redewendung), so lange ich zurückdenken kann. Und doch kommt es für mich jedes einzelne Mal wieder aus dem Nichts, wie ein Hammer. Weiterlesen „Gastbeitrag: Vom „Anderssein“ und den anderen, die anders sind“

Sie müssen mal Pause machen …

  • Passen Sie bitte auf sich auf.
  • Sie werden noch gebraucht.
  • Wann finden Sie eigentlich Ruhe?

Wie ich heute darauf komme, wo ich den Spruch schon so oft gehört habe?
Ich habe diesen nachdenklichen Text gelesen.

Erst wollte ich dort antworten

Pause?
Gar nicht, bzw wenn ich mir aktiv eine Pause verordnete werde ich schlagartig so müde, dass ich Stunden schlafen würde.

Und genau das geht gar nicht.
Denn sofort klingelt das Telefon, oder die Uhr schreibt irgend etwas vor was unabdingbar genau zu diesem Termin erledigt werden muss.

Ist das gesund?
Nein.
Aber leider sehe ich derzeit keine Chance aus dem ganzen auszubrechen.
Mit meinen vier autistischen Kindern und dem Druck der dadurch von Außen auf uns ausgeübt wird, bleibt gar nichts anderes übrig als perfekter zu funktionieren wie egal wer anders.

Funktioniere ich mal einen Tag lang nicht….

Wenig später habe ich noch eine Mail gelesen, in der erklärt wurde, dass ich meine Sorge äußern würde über etwas unseren Jüngsten betreffend. Weiterlesen „Sie müssen mal Pause machen …“

Die Stimme eines autistischen (klein) Kindes:

Wir Eltern haben die verdammte Pflicht unseren Kindern sehr gut zuzuhören.

Auch und gerade und besonders.

„Sind so kleine Seelen
offen ganz und frei.
Darf man niemals quälen
gehn kaputt dabei.“

(Bettina Wegener – „Sind so kleine Hände…“)

melli´s kleines nähkästchen

„ Mama ich bin autist , Mama ich bin behindert , egal ob es dir gefällt oder nicht.

Ich bin autist und ich bin behindert , selbst wenn es mir nicht gefällt und ich mich manchmal anstrenge und Dinge tue die mir nicht gut tun , einfach aus dem Grund , weil ich es auch gerne könnte , wie die anderen Kinder !

Mama die anderen Kinder die haben unendlich viele Löffel , so scheint es mir und ich , ich habe weniger und die verteilen sich auch ganz anders !

Na klar als ich geboren wurde , hatte ich soviele Löffel wie jedes Neugeborene hat , aber weißt du Mama , ich bin jetzt schon drei und habe in den wenigen Jahren einige Löffel zerbrechen sehen !

Ich habe schon längst nicht mehr so viele wie andere , du musst gut auf mich und meine Löffel aufpassen , denn…

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Gastbeitrag: „Gesprochene Texte verstehen – die einfachste Sache der Welt(?)“

von Aspergianer

Aus Sicht eines Autisten mit einer auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung.
Es handelt sich um keine wissenschaftliche Abhandlung, nur um eine beschreibende Wahrnehmung und Sichtweise.

Einleitung

Die mündliche Kommunikation ist eine der grossen Errungenschaften der Menschheit. Wir nutzen sie tagtäglich und können mit ihr vieles ausdrücken.

Freude, Schmerz, Wissen, Erfahrungen, Meinungen, Empfindungen, ja sogar Gefühle lassen sich gut mit der gesprochenen Sprache transportieren.
Worte lassen sich so präzise verwenden wie ein Skalpell in der Hand eines Chirurgen, mit ihnen lassen sie präzise Beschreibungen formulieren. Worte können auch künstlerisch eingesetzt werden um so blumige bis poetische Texte zu verfassen, welche auch das Herz zu berühren vermögen.

Die Sprachmelodie transportiert in der gesprochenen Sprache noch Teile der nonverbalen Kommunikation und manchmal werden mit ihr mehr Informationen transportiert als mit der Sprache selbst. Die Mimik und Körpersprache bilden nebst der Sprachmelodie die nonverbalen Teile oder eben Sprache einer Kommunikation ab.

Menschen wachsen mit der Sprache auf, lernen und nutzen sie mit einer
Selbstverständlichkeit wie das Atmen.
Sie erfassen den Sinn der Worte automatisch und ohne gross  nachzudenken, kombinieren automatisch die verbale Sprache mit der nonverbalen Sprache und setzen die verschiedenen Kommunikationsarten automatisch zu einem Gesamtbild zusammen.
Es geschieht einfach.

Die einfachste Sache der Welt?

Für die meisten Menschen schon.
Für manche Menschen jedoch ist die verbale und/oder die nonverbale Kommunikation aus verschiedenen Gründen eine Herausforderung.

Alles Schall und Rauch?

Die Sprache wird mit der ausatmenden Luft in den Stimmbändern, der Stellung von Mundhöhle, Zunge und Zähnen erzeugt und verlässt den Mund als Produkt verschiedener sich überlagernden Schallwellen. Diese Schallwellen sind ein komplexes Konstrukt, welches es vom Empfänger zu entschlüsseln gilt, um den Inhalt verstehen zu können.

Vom Ohr bis zum Bewusstsein

Die Ohrmuschel bildet eine Art Trichter, um eintreffenden Schall einzufangen, zu konzentrieren und dem Trommelfell zuzuführen. Am Trommelfell ist einiges an Hardware in Form von kleinsten Gehörknöchelchen vorhanden, welche die mechanische Bewegung des Trommelfells über die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel zum Mittelohr leiten. Das Mittelohr ist mit Luft gefüllt leitet die Schallwellen weiter an die knöcherne Hörschnecke, welche im Innern mit einer Flüssigkeit gefüllt ist.
Diese Flüssigkeit regt dünnste Haarsinneszellen an, welche die mechanischen Bewegungen der Flüssigkeit in elektrische Signale übersetzen.
Von dort aus wird es hochkomplex und das würde den Rahmen sprengen, wenn man auf alle Einzelheiten einginge.

Während der Verarbeitung der sich überlagernden Schallwellen trifft unser Gehirn lange, bevor die Schallwellen unser Bewusstsein erreichen Entscheidungen, von denen wir Menschen normalerweise nichts mitbekommen.
Es werden Unterscheidungen der Informationen selbst getroffen. Was sind wichtige Informationen? Was sind unwichtige Informationen? Welche Informationen signalisieren Gefahr und welche Informationen signalisieren eine sichere Umgebung?

Das Gehirn erledigt 24 Stunden nonstop diese wichtige Vorselektion, egal in welcher Situation wir uns auch befinden mögen.
Unwichtig eingestufte Informationen kann das Gehirn verwerfen oder „wegfiltern“ und erst gar nicht in unser Bewusstsein transportieren. Informationen, von denen unser Leben abhängen könnten werden auf einem „Sonderkanal“ ins Bewusstsein transportiert während
der Rest der „normal wichtigen“ Informationen den üblichen Transportweg nehmen.

Schwupps: ein gesprochener Text erscheint in unserem Bewusstsein, wird greif- und begreifbar und wir können darauf reagieren.

Das könnte ein schönes Ende für eine Beschreibung sein

Normalerweise wäre hier die Beschreibung zu Ende. Stimmbänder, Mundhöhle, Schall, Ohrmuschel, Trommelfell, Mittelohr, Hörschnecke, Vorverarbeitung durch das Gehirn, Information kommt im Verstand an.
Das wäre es gewesen, zumindest für die meisten Menschen.

Für manche Menschen ist hier nicht das Ende, sondern hier beginnt für sie erst die eigentliche Beschreibung. Weiterlesen „Gastbeitrag: „Gesprochene Texte verstehen – die einfachste Sache der Welt(?)““

Schulbegleiter sollen NICHT … Eltern dürfen NICHT … autistische Kinder müssen NICHT … – Tokensysteme sind Mist – ein Rant

 

Wie ich das obige gestern zum ersten Mal gelesen habe, hat mich kalte Wut gepackt.

Eine Schulbegleitung berichtet aus ihrem Arbeitsalltag mit einem autistischen Kind und gibt diese „Erfahrungswerte“ an Menschen weiter, die als Schulbegleiter arbeiten möchten.

Einfach so – mit einem fröhlichen und zufriedenem Smiley garniert.

Meine Wut darüber ist immer noch nicht verraucht und es fällt mir sehr schwer, ruhig darüber zu schreiben, was an diesem „Ratschlag“ alles falsch ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich über so etwas aufrege. Es kamen schon öfter solche Fragen wie „Sollte eine Schulbegleitung strafen?“ und anderes was mir die Zornesröte ins Gesicht getrieben hat.

Um es mal ganz platt zu sagen

eine Schulbegleitung soll NICHT

  • strafen
  • erziehen
  • therapieren
  • in das Eltern / Kind – Verhältnis eingreifen

Weiterlesen „Schulbegleiter sollen NICHT … Eltern dürfen NICHT … autistische Kinder müssen NICHT … – Tokensysteme sind Mist – ein Rant“

Für das Hilfesystem stehen wir immer parat … (ein Rant)

  • um uns neue Leute anzusehen
  • HPGs zu führen
  • Anträge zu stellen
  • Widersprüche zu schreiben
  • Telefonate zu führen
  • Kennenlern-Termine für das Kind/den Jugendlichen mit neuen Begleitern zu organisieren
  • usw. usf.

Die Bloggerin Butterblumenland schrieb Anfang der Ferien den Beitrag „Für die Schule leben wir“

seht meinen Blogbeitrag als Ergänzung. Weiterlesen „Für das Hilfesystem stehen wir immer parat … (ein Rant)“

Wenn Eltern von „Bullerbü“ träumen, weil sie es sich so sehr wünschen …

… und ihre Kinder einfach nicht in diesen Traum passen.

Das beginnt schon im Kleinen, wenn es um den Musikgeschmack oder Vorlieben für Sport geht.
Kinder haben ihren eigenen Kopf und machen die Dinge, die ihnen Spaß machen. Weil es ihre Interessen sind.

Ich möchte nicht wissen, wie oft die Eltern in den Bullerbü-Büchern gedacht haben „och nee, warum können die nicht einfach machen was wir wollen und für richtig erachten.

Ja, Eltern haben ein Bild von Familie im Kopf wenn sie Kinder bekommen. Ein Idealbild davon, wie sie es für sich erträumen. Im besten Fall eine grobe Wunschvorstellung die sich dann mit dem Kind entwickelt. Aber es gibt auch Eltern, die auch nach Jahren der Erfahrung mit ihrem Kind in ihrer Wunschvorstellung hängen bleiben und die sich über alles beschweren, was das Kind so anders macht, als sie es wünschen.

Weiterlesen „Wenn Eltern von „Bullerbü“ träumen, weil sie es sich so sehr wünschen …“