Zielgleich – Zieldifferent – Binnendifferenzierung – Nachteilsausgleich

Zur Begriffsklärung von
Zielgleich und Zieldifferent
Binnendifferenzierung
Nachteilsausgleich bitte den Links folgen.

Manche Nachteilsausgleiche benötigt der behinderte Mensch ein Leben lang.

So benötigt z.B. ein Gehörloser einen Gebärdendolmetscher um mit Menschen, die die Gebärdensprache nicht beherrschen, sprechen zu können.
Oder ein Blinder benötigt ein Lesegerät um Bücher, die nicht in Braille erhältlich sind, lesen zu können.
Es geht also darum, Barrieren zu beseitigen, damit echte Teilhabe möglich ist.

Bei Autisten gestaltet es sich etwas schwieriger.
Da die behindernden Barrieren bei jedem Autisten anders sein können.
Der Bundesverband Autismus Deutschland hat hier Leitlinien zur inklusiven Beschulung von Schülern mit Autismus-Spektrum-Störungen (Stand Februar 2013) wichtige Dinge zum Nachteilsausgleich zusammengefasst.

Nachteilsausgleich in der Schule
Der Nachteilsausgleich ist eine überwiegend pädagogische Fragestellung und nur in geringerem Maße einer juristischen Bewertung zugänglich.
Gesetzliche Grundlagen:
Art. 3 Abs. 3 Satz 2 des Grundgesetzes: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Eine allgemeine Regelung zum Nachteilsausgleich enthält der § 126SGB IX. Im Übrigen gelten spezielle Regelungen in d
en Länderschulgesetzen i.V.m. den entsprechenden Ausführungsbestimmungen.
Definition des Nachteilsausgleichs:
– Der Nachteilsausgleich dient der Kompensation der durch die Behinderung entstandenen Nachteile.
– Er beinhaltet keine Bevorzugung des jeweiligen Schülers.
– Differenzierte organisatorische und methodische Angebote dienen dazu, die
Behinderung angemessen zu berücksichtigen.
-Die fachlichen Anforderungen dürfen nicht geringer bemessen werden und müssensich am jeweiligen Bildungsgang orientieren.
Die Gewährung des Nachteilsausgleichs ist nicht gekoppelt an einen
festgeschriebenen sonderpädagogischen Förderbedarf; eine Autismus-Spektrum-Störung Diagnose ist ausreichend.

 

Der Regierungsbezirk Düsseldorf hat eine sehr gute und detailreiche Zusammenstellung von Problemfeldern und Möglichkeiten erstellt.

Allein, es hapert in der Umsetzung.

Schon der Antrag auf Gewährung von

  • Ruheräumen
  • Gehörschutz
  • Auszeiten in Zeiten der Reizüberflutung
  • konkrete Arbeitsanweisungen für zB den Kunstunterricht
  • Schaffung von Vorhersehbarkeit, in dem Termine frühzeitig und konkret angekündigt werden

kann zu großen Problemen führen.

Immer wieder wird den Eltern von Lehrkräften und Schulleitungen gesagt, dass sie keinen Nachteilsausgleich für ihr Kind beantragen können oder erhalten werden. Weil dadurch die zielgleiche Beschulung gefährdet würde oder das Kind dann automatisch ein sonderpädagogisches Gutachten benötigen würde was dann fast zwangsläufig im zieldifferenten Unterricht endet oder dem Kind Fähigkeiten zum Lernen abgesprochen werden.

Ein differenzierter Blick auf den einzelnen Schüler ist unbedingt notwendig. Leider ist das Wissen bzw. Verständnis über Nachteilsausgleiche bei Lehrern und Lehrerinnen noch sehr unvollständig. Gerade im Rahmen der Inklusion werden viele zum ersten Mal damit konfrontiert; was nicht heißt dass es auf Förderschulen einfacher wäre. Leider ist oft das Gegenteil der Fall.

Wir Eltern können viel dazu beitragen, dass sich das Wissen um Nachteilsausgleiche generell und im Rahmen der Inklusion im speziellen endlich weiter verbreitet. Dazu ist es notwendig, dass wir das Fachvokabular selber erlernen und uns nicht einfach abwimmeln lassen.

In den sieben Jahren, nach Diagnosestellung beim Ältesten, habe ich auf vielfältige Weise erfahren müssen, wie wichtig es ist selber gut informiert zu sein. Denn die Lehrkräfte erhalten oft keine Schulungen zum Thema bzw. etwaige Handreichungen. Da im Bereich Autismus und Inklusion sich gerade im Moment viel bewegt, können wir Eltern auch nicht erwarten, dass Lehrkräfte sämtliche Unterlagen zu dieser speziellen Thematik zur Hand haben oder von den Schulbehörden direkt die neuesten Unterlagen gereicht bekommen. Gerade, wenn Lehrkräfte zum ersten Mal mit der Thematik konfrontiert werden, sind sie oft (leider nicht alle, aber die meisten!) sehr erfreut, wenn wir ihnen Unterlagen der jeweiligen Landesregierungen zur Unterstützung unserer Anträge reichen können.

Es gibt leider aber auch Autismusbeauftragte oder Nachteilsausgleichsbeauftragte, die diese Papiere mit Hinweis auf zielgleich und/oder zieldifferent ablehnen. Oder behaupten, was in dem einen Regierungsbezirk gilt, gilt im Nachbarbezirk nicht.
Innerhalb eines Bundeslandes gilt der Gleichbehandlungsgrundsatz. Zum Teil gilt es „dicke Bretter zu bohren“ (RW) und sich gegen das Vorurteil der überbehütenden Helikoptereltern zur Wehr zu setzen. Noch ein „nettes“ Vorurteil, dass wir Eltern mit den Anträgen zeigen, dass wir die Behinderung unserer Kinder nicht akzeptieren könnten.
Lasst Euch davon nicht einschüchtern.

Wer Fragen dazu hat, bitte gerne in die Kommentare.

 

Nachteilsausgleich (NTA)

Ein Nachteilsausgleich soll Nachteile ausgleichen, die sich durch die Behinderung ergeben.

Es ist KEINE Bevorzung!

Dadurch soll gewährleistet werden, dass das behinderte Kind im schulischen Rahmen alle Möglichkeiten erhält, an schulischer Bildung teilzuhaben.

Es gibt Behinderungsbilder da hinterfragt das so gut wie keiner. Für Blinde, Sehbehinderte, Gehörlose oder körperlich Behinderte wird nur „wenig“ über die Notwendigkeit diskutiert, dass jene speziell aufbereitetes Material oder anders gestaltete räumliche Gegebenheiten benötigen.

Im Bereich Autismus ist es sehr viel schwieriger Nachteilsausgleiche genehmigt zu bekommen. Eine Genehmigung, die in Schriftform ausgesprochen werden MUSS, erscheint zudem einigen Lehrkräften und Schulämtern als ein Unding.

Mal ein paar Grundsätzlichkeiten, die Eltern wissen müssen

  • stellt einen schriftlichen Antrag
  • besteht auf einer schriftlichen Genehmigung
  • zieht die/den Autismusbeauftragte/n zu dem Verfahren selber hinzu (Kopie des Antrages an denjenigen versenden und im Antrag darauf verweisen, dass jener in Kenntnis gesetzt wurde)

Falls die Schule abwiegelt (wir machen das doch schon, das können wir so klären) lasst Euch nicht darauf ein!
Nachteilsausgleiche gehören in die Schulakte!
Denn wenn es auf die Prüfungen zugeht und Ihr dafür gesondert einen Antrag für NTA stellt, diese aber vorher niemals schriftlich genehmigt und in der Schulakte hinterlegt wurden, bekommt Ihr auch keine Genehmigung für die Prüfungen.
In diesem Zusammenhang verweise ich nochmals auf die Notwendigkeit eines guten Kinder- und Jugendpsychiaters.

Auf das Argument

„diese Dinge, die sie da beantragen benötigen aber viele andere Kinder auch“

reicht die Antwort

„mein Kind hat eine Behinderung“.

Das Grundgesetz ist hier eindeutig Artikel 3 Absatz 3,
„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Weiterführende Diskussionen sind in dem Zusammenhang obsolet.
(Mal davon ab, dass sich Schulen und Lehrer durchaus selber fragen können, was sie am Unterricht verändern könnten, dass davon alle Kinder profitieren!)

Leider verfahren weder die Bundesländer noch die einzelnen Regierungsbezirke einheitlich bezüglich Richtlinien für Nachteilsausgleiche. Diese im Internet zu finden ist oft eine Kunst für sich.

Mal ein Beispiel, ich hatte ein gutes Beispiel aus RheinlandPfalz gefunden (zu dem Zeitpunkt gab es in NRW nichts vergleichbares), welches als nicht zielführend abgewiesen wurde, weil es a) auf dem Curriculum einer Realschule basierte und b) das „falsche“ Bundesland sei.
Dies ist mir nicht nur einmal passiert.

Mittlerweile hat NRW nachgearbeitet und es gibt Orientierungshilfen für die Schulleitungen für alle Schulformen und auch für die Prüfungen.
Besonders gut gefällt mir die Seite des Regierungsbezirk Düsseldorf. Leider findet sich auf den Seiten der anderen Regierungsbezirke wenig bis gar nichts zu dem Thema.
Da das Suchen von Informationen immer sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, hier noch die Seiten der anderen Bundesländer
Baden-Württemberg
Bayern
Berlin
Brandenburg
Bremen
Hamburg
Hessen
Mecklenburg-Vorpommern
Niedersachsen
Rheinland-Pfalz
Saarland
Sachsen
Sachsen-Anhalt
Schleswig-Holstein
Thüringen

Zum Teil habe ich nur die Kultusministerien verlinkt, da dort dann nach PDF’s gesucht werden muss. Achtet bitte auf die Aktualität der Dokumente.

Grundsätzlich gilt, jedes autistische Kind hat individuelle Probleme weshalb auch der Nachteilsausgleich individuell gestaltet werden muss.

Oft wird ein sonderpädagogisches Gutachten eingefordert, was aber nicht zwingend erforderlich ist. Schaut diesbezüglich bitte genau, was in den Schulgesetzen Eures Bundeslandes steht!

Es gibt noch zwei wichtige „Vokabeln“, über die Ihr informiert sein solltet.
Zielgleich und Zieldifferenziert

Auch hier möchte ich (gerade im Bezug auf Autismus) nochmal gesondert darauf hinweisen, dass ein Nachteilsausgleich oft erst die Möglichkeit bietet, die handwerklichen Fertigkeiten zu erlernen, um eine zielgleiche Beschulung ermöglichen.
Ich habe nicht selten die Argumentation gehört, dass wenn dies und das genehmigt würde, die zielgleiche Beschulung auf dem Spiel stände.

So zum Beispiel, wenn das Kind (als Handwerkszeug) im Deutschunterricht eine Checkliste benutzen darf, um zu kontrollieren ob es alle Hinweise berücksichtigt hat, um eine Analyse oder Erörterung oder gar eine Charakterisierung erfolgreich zu bearbeiten.
Dass das Kind dadurch sehr viel strukturierter lernt, die Checkliste verinnerlicht und nach längerem Training diese eventuell nicht mehr benötigt, wird in dieser Argumentation allerdings von Lehrkräften außer Acht gelassen.

Also, lasst Euch nicht verunsichern oder gar abwimmeln und beantragt, was Eurem Kind den Schulalltag erleichtert.