Inklusion, Recht auf Förderung und Förderschwerpunkte

Viele Eltern haben das in diesem Bericht genannte Urteil gefeiert. Nach dem ich diesen Artikel sehr aufmerksam gelesen und mit meinen Erfahrungen verglichen habe kann ich das nicht wirklich verstehen.

Zu Inklusion hatte ich ja schon mal etwas Generelles geschrieben. Nach meiner Erfahrung ist es zielführend, über speziell auf das behinderte Kind abgestimmte Nachteilsausgleiche und entsprechend individuelle Förderpläne dem Kind Lernen zu ermöglichen.

„Ein Förderplan ist ein schriftlicher Plan zur gezielten Förderung von Schülerinnen und Schülern mit (sonder-)pädagogischem Förderbedarf oder von Schülerinnen und Schülern, die von Schulversagen bedroht sind. Er ist eine Voraussetzung für die Qualität schulischer Förderung und zugleich ein Instrument zu ihrer Evaluation“ (Melzer 2013).
(Zitat aus der verlinkten PDF zur Förderplanung)

Mir erscheint in diesem Zusammenhang der Begriff pädagogischer Förderbedarf“ sehr wichtig. Denn es ist durchaus üblich, dass für Kinder und Jugendliche, deren Versetzung gefährdet ist, etwas ähnliches ausgearbeitet wird.

Der Einleitungssatz dieser Erklärung aus Hessen gefällt mir persönlich sehr .

Die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern war schon immer konstitutiver Auftrag von Schule und eine Verpflichtung für jede Lehrerin und jeden Lehrer.

Leider scheint diese Einstellung im Arbeitsalltag und im Besonderen im Rahmen der Inklusion oft unterzugehen. Sonst würde ich in dem Artikel der Welt nicht zum wiederholten Male diesen Satz lesen.

„Inklusion hat Grenzen und braucht Expertise, die im Interesse aller Beteiligten respektiert werden müssen“
(Karin Prien, Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion in der Hmaburgischen Bürgerschaft)

Dieser Satz fällt so häufig, dass bereits 2014 auf der Seite von Inklusionsfakten dieser Eintrag zu finden ist:

Auch der Aussage Inklusion hätte Grenzen muss widersprochen werden. Das ist so als würde man sagen, Menschrechte haben Grenzen…….

(Wer zu anderen, sich stets wiederholenden Aussagen von Inklusionsgegnern Argumente sucht, dem sei diese Seite hier empfohlen.)

Dieser Satz zeigt wie kaum ein anderer, wie wenig Inklusion und auch Förderung verstanden wird. Gerade auf politischer Ebene wird zur Zeit stark gegen Inklusion argumentiert. Und viele bildungspolitischen Debatten werden auf dem Rücken behinderter Kinder und deren Eltern ausgetragen. Nun war also ein Gerichtsurteil notwendig, einem autistischen Jugendlichen zu seinem Recht zu verhelfen.

Sebastians Eltern haben durchgesetzt, dass der Junge einen nur auf ihn ausgerichteten Förderplan bekommt – und dass die Grundlage dafür ein professionelles Gutachten sein muss.

Und nun kommt mein persönlicher Kritikpunkt.
Ein Menschenrecht bzw. ein pädagogischer Grundgedanke / Leitbild muss per Gericht erstritten werden.
Fühlt sich das nur für mich so an, als hätten im Vorfeld alle Beteiligten versucht hier Exklusion par excellence zu betreiben?

Schauen wir doch mal auf die Geschichte des Jungen, die in vielen Teilen derer anderer autistischen Schüler gleicht.

Der Junge wurde erst mit 9 Jahren diagnostiziert, besuchte aber eine ganz gewöhnliche Regelgrundschule.
Im Alter von 14 Jahren, auf der weiterführenden Schule, wurde aber anscheinend erwartet, dass ein autistischer Schüler besser als die Norm funktioniert.

Doch dann kam es zu zwei Vorfällen, die alles veränderten. Einmal rauchte Sebastian, inzwischen 14, unerlaubt eine Zigarette, ein anderes Mal schlug er einen Mitschüler. Im ersten Fall empfanden die Eltern die Bestrafung als zu drastisch, auf den zweiten Vorfall reagierte die Schule damit, dass die Mitschüler Sebastian eine blaue Karte zeigen sollten, wann immer er aus ihrer Sicht die Grenzen überschritt.

Teenager begehen Grenzüberschreitungen, auch autistische Teenager. Aber Strafen gegenüber autistischen Teenagern gehen oft über das gewöhnliche Maß hinaus.

Hier muss auf die „blaue Karte“ meines Erachtens ein besonderes Augenmerk gerichtet werden. Ich habe schon in einigen „Ratgebern“ (ich empfinde sie meistens als Anleitung zum durch Lehrer gestütztem Mobbings) gelesen, dass man über solche Dinge wie die „blaue Karte“ dem autistischen Schüler mitteilen muss, dass er sich falsch benimmt und gefälligst funktionabel agieren soll. Wir haben ähnliches leider auch persönlich erlebt. Wohlgemerkt, nur dem autistischen Schüler wird sein Fehlverhalten so zurückgemeldet. Keinem anderen Schüler wurde die „blaue Karte“ (in unserem Fall waren es immer Klassengespräche wo die kleinsten Kleinigkeiten angeprangert wurden!) gezeigt. Kein anderer Schüler wurde in unserem Fall so derartig gebrandmarkt und dazu aufgefordert doch endlich zu funktionieren. Das Wie des Funktionierens wurde durch die Mehrheit beschlossen. Nicht als Klassenregel (dann wäre es ja noch erträglich gewesen), sondern wohlgemerkt nur als Regelwerk für unseren autistischen Sohn. Und nur von ihm wurde in massiver Intensität eingefordert, dass er sich an das Regelwerk zu halten habe. Und so etwas wird nicht durch ein Gutachten zum Förderschwerpunkt beendet werden. Wenn bei der Erstellung des Gutachtens im Besonderen das Augenmerk auf dem Sozialen liegt (was nach meinen persönlichen Erfahrungen sehr oft der Fall ist) wird es wieder zu solchen Maßnahmen kommen.

Nun zurück zu dem vor Gericht verhandelten Fall. Nach den erwähnten Vorfällen musste der autistische Jugendliche die Schule wechseln. Für mein Empfinden wurde er „geparkt“ und alle (außer den Eltern ! ) hofften, dass sich das Thema irgendwie erledigen würde.

Jetzt wurde also erstritten, dass dieser autistische Jugendliche endlich zu seinem Menschenrecht kommt.

Bisher galt Autismus nicht als sonderpädagogischer Förderbereich. Das Verwaltungsgericht entschied nun, dass das Fehlen des Wortes Autismus im Schulgesetz nicht so interpretiert werden dürfe, dass der Gesetzgeber für Kinder mit dieser Art der Behinderung keine spezifische Förderung zulassen wolle.

Und das, wo gerade Hamburg eine wirklich gute Handreichung zum Thema Nachteilsausgleiche und Förderung von autistischen Schülern hat.

Unter Punkt 2.9.8 FSP Autismus findet sich meines Erachtens schon alles, wo bei diesem Schüler nun ein gesondertes Gutachten erstellt werden muss.

Und da sind wir für meine Begriffe bei dem eigentlichen Problem. Förderung kann anscheinend im deutschen Schulsystem nicht erfolgen, wenn kein Sachverständiger oder „Fach“mann bzw. in diesem Fall ein Sonderpädagoge per Gutachten die Probleme benennt. Und selbst dies muss bei Autisten auch noch per Gericht erstritten werden.

Das ist nach meinem persönlichen Empfinden an Zynismus nicht mehr zu überbieten.

Auch und gerade, weil in der bildungspolitischen Debatte derzeit ein vorläufiges Aussetzen bzw. die Abschaffung der Inklusion propagiert wird. Im Landtagswahlkampf NRW haben dies CDU und FDP immer wieder betont, dass die derzeitig praktizierte Inklusion die behinderten Schüler schädigen würde. Das wir noch weit entfernt von gut sind, darüber müssen wir nicht streiten. Aber ein Aussetzen bringt uns nicht weiter und die Abschaffung ist ein Rückschritt in vergangene Zeiten.

Unter diesem Gesichtspunkt sehe ich solche Gutachten extrem kritisch. Denn diese sind nach meinen leidvollen Erfahrungswerten nicht dazu geeignet, endlich gute Förderung und gute Beschulung zu garantieren sondern dienen nur allzu häufig der schnelleren Segregation.

Und genau deswegen kann ich dem Urteil nur bedingt etwas Gutes abgewinnen. Dass es für diesen einen jugendlichen Autisten nun endlich vorbei ist mit dem „irgendwo geparkt sein“ und er endlich lernen darf. Aber es als generellen Erfolg für alle autistischen Schüler werten, dass kann ich nicht.

Bei mir schrillen nur ganz viele und laute Alarmglocken. Und ich bin da nicht alleine:

 

UPDATE 09.05.2017

Warum ein Autist immer noch nicht zur Schule darf

Ich hatte ja mit vielem gerechnet, aber nicht mit dem beschriebenen Szenario, was sich derzeit in Hamburg abspielt.

Es macht den Anschein, als ob die Schule auf Zeit spielt und die Eltern so wie den autistischen Schüler mürbe machen wollen.

Es ist einfach unglaublich, wie Inklusion in Deutschland sich darstellt und was diesem jungen Mann wiederfährt.

 

Update 28.09.2017

Wie Hamburg einem Autisten die Schule verweigert

Ein erstrittener Förderplan ist keiner wie vom Gericht festgestellt wurde und das Schulamt spielt weiter auf Zeit.

Gegen den Beschluss des Gerichts hat die Schulbehörde Widerspruch eingelegt. So lange wird es das neue Gutachten vermutlich nicht geben. Aber für Sebastian drängt die Zeit. Er ist bereits 18 Jahre alt. Um seinen Abschluss zu schaffen, müsste er nach der langen Zeit, in der er nur wenig in der Schule war, viel Stoff aufholen, um die Prüfungen zu schaffen. Auch ein Start in der Berufsschule hinge davon ab, vorher die wichtigsten Lernstoffe nachzuarbeiten.

Anfang Oktober will die Behörde der Familie einen Vorschlag machen, wie es weitergehen könnte. Zumindest für eine Übergangzeit.

Mir drängt sich der Eindruck auf, das hier einem Autisten bewusst ein Schulabschluss verwehrt werden soll.

Ich bin gespannt, was im Oktober geschehen wird.

Advertisements

7 Kommentare zu „Inklusion, Recht auf Förderung und Förderschwerpunkte“

  1. Bzgl. der Gutachterwut und den sonstigen Inhalten kann ich Dir zustimmen. Hier sind die wieder gewählten Parteien in der Pflicht Bürokratie abzubauen. Auch dies ist ein Punkt auf der Agenda unserer neuen Landesregierung.

    Nicht aber zustimmen kann ich bei der Interpretation, dass Förderschulen abgeschafft und damit Inklusion zum Stillstand kommen soll.

    Dies ist eine Interpreatation, die durch mediale Schlagzeilen verbreitet und durch Eltern teils unreflektiert übernommen wird. Manchmal steckt mehr dahinter, als es augenscheinlich ist. Mal ganz davon abgesehen, dass es gerade unseren autistischen Kindern nicht zu Gute käme, hätten sie es in einer Klasse mit 29 anderen Kindern mit den Kindern zu tun, mit denen man es teils auf Förderschulen zu tun hat. Es gibt leider auch nach wie vor nicht behinderte Kinder, die aus einem sozialen Umfeld kommen, die die spezielle Unterstützung durch Sonderpädagogen benötigen, bevor überhaupt daran gedacht werden kann, sie rückzuschulen.

    Desweiteren möchte ich darum bitten, auch den Elternwunsch zu respektieren. Wie Du weisst, haben wir uns bewusst für eine Förderschule entschieden. Und ich möchte nicht ständig Prügel dafür beziehen, wenn behauptet wird dass wir damit Eltern mit Inklusionswunsch die Inklusion kaputt machen. Eine Medaille hat immer zwei Seiten. Ich sehe das Wohl meines Kindes und womit er besser klar kommt. Was sein Weg ist. Ich sehe nicht mehr, dass ich einen gesetzlichen Anspruch darauf habe und versuche, diesen Anspruch auf Biegen und Brechen durchzusetzen, obwohl es meinem Kind im Moment schadet.

    Die rot/grüne Regierung hat etwas auf den Weg gebracht, welches in der bisherigen Art und Weise so nicht weiter geführt werden kann. Lasst euch doch erst mal drauf ein und wartet ab. Ich denke, da sind einige sehr gute Ansätze dabei.

    Im übrigen kann ich nur empfehlen, Mitglieder der Parteien anzusprechen und über das, was nicht läuft aufzuklären. Du hast als Bürger tatsächlich nicht nur ein Recht zu wählen sondern auch ein Recht, Politik mit zu gestalten. Wenn die, die die Gesetze gemacht haben, keine Kenntnis haben, wie die Gesetze umgesetzt werden, kann man nichts ändern. Denn teilweise legen Sachbearbeiter Anweisungen und Gesetze anders aus, als sie gedacht waren.

    Denken wir Neu. Denken wir positiv und gestalten mit. Es gibt sehr viele engagierte Menschen bei CDU und FDP, die sich z.b. mit Elternvertretern und Selbsthilfevereinen an einen Tisch setzen und sich tatsächlich anhören, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben.

    Dass man aus Erfahrung lernt ist das Eine. Wir müssen aber auch lernen, unser Misstrauen aufgrund negativer Erfahrungen abzulegen und Chancen zu geben. Es lohnt sich.

    Gefällt mir

    1. Was ich nicht verstehe Anika, warum Du Dich persönlich angegriffen fühlst.

      Ich mache Eltern mitnichten einen Vorwurf, die aufgrund der mangelnden Umsetzung von Inklusion ihr Kind derzeit lieber auf einer Förderschule sehen und dort eine positive Entwicklung verzeichnen.

      Und dass ich mich politisch nicht engagiere, woraus ziehst Du diesen Schluss?

      Ich habe hier aktuelle Probleme aufgezeigt, wo selbst auf einer Förderschule der Schüler und seine Eltern darum kämpfen, dass er überhaupt irgendeine Chance bekommt.

      Gefällt 2 Personen

    2. „Und ich möchte nicht ständig Prügel dafür beziehen, wenn behauptet wird dass wir damit Eltern mit Inklusionswunsch die Inklusion kaputt machen.“

      Ihr macht es nicht den Eltern kaputt, ihr macht es den Kindern kaputt, die als Erwachsene dann wieder damit leben müssen, dass ihr Umfeld nicht schon von Kindesbeinen an gelernt hat, mit Behinderten umzugehen.
      Ich bin ein erwachsener Autist, der, bevor es seine Diagnose überhaupt in der ICD gab, Regelschulen besucht hat, Grundschule und Gymnasium. Ohne Inklusion, sondern einfach so. Mit den passenden Nachteilsausgleichen und inklusiven Klassen wäre ich wahrscheinlich deutlich besser durchs Schulsystem gekommen.
      Auf einer Förderschule hätte ich mich übelst deplatziert gefühlt, abgeschoben. Und ich hätte nicht den Schulabschluss, den ich heute habe.

      Heute habe ich die Diagnose. Und ein Umfeld, das nie gelernt hat, mit Behinderten umzugehen.
      Die Menschen wissen nicht, wie man mit Autisten umgeht. Sie schieben Blinde ungefragt in der Gegend rum, weil sie meinen, es würde ihnen helfen. Sie behandeln Kleinwüchsige wie Kinder. Sie reden nicht mit den Behinderten, sondern über sie, wenn es um ihre Belange geht. Sie wissen dauernd besser, was für die Behinderten gut sein soll.

      Kinder, die mit Inklusion aufwachsen, haben eine Chance, dass sie auch als Erwachsene eine ganz andere Art der Wertschätzung untereinander erleben dürfen. Diese Chance sollte keinem verwehrt bleiben.

      Ja, was momentan als Inklusion verkauft wird, ist oft großer Mistkram. Aber genau deshalb kämpfe ich FÜR die Inklusion.
      Sie zu stoppen, auszusetzen, Förderschulen zu erhalten, ist der falsche Weg, das falsche Signal.
      Im Gegenteil muss die Inklusion vorangetrieben werden, damit auch dein Kind dort sein Wohl finden kann statt in der Segregation.

      Chancen geben. Ja. Gib sie der Inklusion und deinem Kind.

      Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s