Lügen

Können AutistInnen lügen?

Welche Funktion erfüllt eine Lüge bzw. welche Funktion soll ihr zugeordnet werden.

Wo liegt die Unterscheidung zwischen einer lässlichen Lüge und einer verwerflichen?

Fragen über Fragen

Beginnen wir mit der einfachen Begriffsdefinition

Lüge

Eine ganz bewusste Aussage, die nicht der Wahrheit entspricht mit der Absicht, andere Menschen zu täuschen…..

Notlüge

…eine unwahre Aussage, die aber meistens sinnvolle Gründe hat…

lässlich

…leicht zu verzeihen
…wenig bedeutsam

verwerflich

…moralisch inakzeptabel und tadelnswert

Ein gutes Beispiel für eine lässliche Lüge ist für mich die Geschichte von Odysseus und der Zyklop Polyphemus. Odysseus beantwortete die Frage nach seinem Namen mit „Niemand“. Daraus ergeben sich im Verlauf der Geschichte Missverständnisse, die ihm sein Leben retten. Da er vorher unverschuldet in Gefahr geraten war, gibt es keinen der ihm aus der Lüge einen Vorwurf machen würde.

Ein anderes Beispiel für eine Lüge ist die Fabel „Der Hirtenjunge und der Wolf“. Die Moral der Fabel

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!“

Beispiele für verwerfliche Lügen, die Existenzen anderer bedrohen sind meines Erachtens hinlänglich bekannt.

Und schon stehen wir vor einem gewaltigen Problem. Unter dem Oberbegriff der Lüge gibt es viele Nuancen, die es zu beachten gilt. Kleine Kinder erzieht man in der Regel so, dass sie nicht lügen sollen bzw. dürfen. Dies ist seit Generationen tief verankert im kulturellen Gedächtnis, schließlich findet es sich sogar unter den 10 Geboten.

Es gibt einen interessanten Beitrag zum Thema, „Lügen und lügen lassen – Warum die Wahrheit nicht immer der Königsweg ist“

Es ist tatsächlich so eine Sache mit dem Lügenverbot oder – um es positiv zu formulieren – der Ermutigung zur Wahrheit. Und wir alle kennen das Dilemma: Wohl niemand findet Lügen grundsätzlich richtig, niemand hat noch nie gelogen.

und weiter unten

Die Frage nach der Moral von Lüge und Wahrheit stellt sich in diesem Moment noch nicht. Doch mit wachsendem Alter merken die Kinder, dass es verbotene und erlaubte Lügen gibt.

Kinder: „Lügen sind jetzt nicht so schlimm, aber man sollte das nicht, so im Gericht lügen oder bei der Polizei oder sowas.“ – „Bei mir fühlt sich das so krimmelig an, ich hab dann ein schlechtes Gewissen auch.“ – „Man kriegt mehr Ärger wenn man lügt und das dann rauskriegt, als die Wahrheit zu sagen und zu sagen, ja, ich hab’s kaputt gemacht.“

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen.

Ja AutistInnen können lügen und lügen durchaus. Denn irgendwann im Laufe ihrer Entwicklung haben sie den oben zitierten Entwicklungsschritt getan.

Allerdings nach meiner Erfahrung später, viel später als man es gewöhnlicher Weise erwartet.
Und auch längst nicht in der Perfektion, wie es die entsprechende Peergroup in der Regel beherrscht.

Ich merke meinen Kindern an, wenn sie mich anlügen. Es umgibt meine Kinder meistens eine gewisse Unruhe bzw. Unsicherheit wenn sie lügen. Und da eine Lüge meistens andere hinter sich herzieht benötigt es auch ein gewisses Maß an Kraft, das Konstrukt der „anderen Realität“ in Gänze aufrecht zu erhalten.

Nun kommt es schonmal vor, dass jemand (gerade im Bezug auf Schule) mal den Ratschlag gibt, dass eins meiner Kinder einfach eine Notlüge nutzen könnte. Bzw. ich es mit dem Kind trainieren könnte.
Da stehe ich nun aber vor einem riesen Dilemma.

Ich möchte nicht von meinen Kindern angelogen werden, also so grundsätzlich.
Ich möchte, dass meine Kinder nicht das Empfinden bekommen, alles auf Lügen abprüfen zu müssen, schließlich müsste ich ja Beispiele zur Erklärung von Lügen nutzen.
Gerade für unseren Jüngsten sind Lügen jedweder Art Vertrauensbrüche und er analysiert stunden- bzw. tagelang Begebenheiten, wo er belogen wurde. Es ist also extrem kräftezehrend.

Er belügt mich zB immer noch auf dem Niveau eines Erstklässlers. Also auch für Außenstehende relativ leicht zu identifizieren.
Wenn er aber zB einer Lehrkraft die Rückmeldung gibt, warum dies und das nicht erledigt wurde, sagt er meist die Wahrheit. Auch wenn eine Notlüge eventuell sinnvoll gewesen wäre. Sollte die Lehrkraft es allerdings als (Not)Lüge oder Ausrede werten, kann ich in einem solchen Fall persönlich bzw. über die Schulbegleitung der Lehrkraft entgegentreten und seine Aussage verteidigen. Weil es eben keine Lüge war.

Meine Kinder und auch viele andere Autisten empfinden Lügen als anstrengend und nicht erstrebenswert. Denn es ist kraftaufwendig.

Ich erachte es nicht als erstrebenswert, mit meinen Kindern lügen zu trainieren.

Frage an Eltern autistischer Kinder, wie erlebt und handhabt Ihr das?

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Ihr regt mich auf mit Eurer Relativiererei – ein Rant

Es ist passiert. In Deutschland hat eine Mutter ihren autistischen Sohn und ihren Mann umgebracht und ist an ihrem Selbstmord gescheitert.

Ein weiterer Eintrag für das  Autism Memorial,
einer von hunderten.

Ganz „lapidar“ ist in der staatsanwaltschaftlichen Pressemitteilung zu lesen

Ob der wohl an einer autistischen Störung leidende Sohn der Familie…..

 

Es ist nicht auszuschließen, dass das Motiv in der Belastung durch die Erkrankung des Sohnes lag.

diese beiden Formulierungen erregen (nicht nur) meinen Unmut. Denn die Presse übernimmt diese Pressemitteilung genau so und damit wird der Mord an einem Autisten nach meinem Empfinden in den Hintergrund gedrängt.

Einige, die sich an diesen Worten stören wenden sich an Osthessen News und weisen darauf hin, dass diese Wortwahl stark verharmlosend wirkt und dadurch dem Opfer eine Schuld zugeschoben wird.

Mela Eckenfels hat dazu einen einen offenen Brief veröffentlicht.

Mit dieser Formulierung sitzen Sie dem Sterotyp auf, dass das Leben eines behinderten Menschen weniger wert wäre, als das eines nicht-behinderten. Dass die Belastung für Eltern unterträglich hoch sei und daher Morde aus diesem Grund irgendwie verständlich.

Ihrem Brief schließe ich mich übrigens vollumfänglich an.

Ich habe bereits im November 2016 gefragt

Mord ist nicht gesellschaftsfähig – oder doch? Oder darf man bei behinderten Menschen zumindest relativieren?

Und komm mir nun bloß nicht einer, dass ich doch Verständnis mit der Mutter/den Eltern haben muss. (Leider passiert aber gerade genau das, andere Eltern sehen nur das „Leid“ und die Belastung der Täterin.)

Das habe ich nicht. Nicht, weil ich deren Belastung nicht sehe oder ihnen abspreche, dass sie belastet wären oder sie nicht belastet sein dürften. Nein.

Für mich steht der tote Autist im Vordergrund, denn

Alles andere halte ich für unredlich.

Was die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bringen werden, wir werden sehen.

Aber grundsätzlich sehe ich es so

Gerade wir Eltern autistischer Kinder sollten uns vor Augen führen, dass wenn wir der Mutter / den Eltern mehr Aufmerksamkeit schenken als dem toten (ermordeten) Autisten, wir gleichzeitig auch unsere Kinder in die zweite Reihe zurückdrängen.
Und auch, wenn vieles für uns als Eltern unerträglich scheint, viele von uns aufgrund der schweren und oft auch unmöglichen Situationen verzweifeln und dadurch erkranken (siehe Hamburg, wo ein 18jähriger Autist um sein Recht auf adäquate Beschulung und einen adäquaten Abschluss kämpft) es geht nicht um uns Eltern bzw. es geht um uns Eltern immer nur in zweiter Linie.

Es geht um jedes einzelne autistische Kind, jede/n einzelne/n AutistIn
Um sein/ihr Lebensrecht.
Um seine/ihre Würde.
Um sein/ihr Menschenrecht.

Da gibt es keine Diskussionsgrundlage von meiner Seite aus.

Für mich gilt der einfache Grundsatz, Mord ist Mord.
Es gibt keine Entschuldigung.

Und an erster Stelle steht immer das ermordete Opfer und NICHT der Täter/die Täterin.

 

Kooperationsbereitschaft

Dieses Wort begegnet Eltern behinderter Kinder immer wieder.

Kooperation

Kooperation (lateinisch: cooperatio ‚Zusammenwirkung‘, ‚Mitwirkung‘) ist das zweckgerichtete Zusammenwirken von Handlungen zweier oder mehrerer Lebewesen, Personen oder Systeme, in Arbeitsteilung, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen

Genauso oft wird unterstellt, dass Eltern behinderter Kinder nicht bereit wären, kooperationsbereit zu sein.

Anders jedenfalls kann ich es mir nicht erklären, warum praktisch jede Stelle die Bereitschaft zur Kooperation so übermäßig betont.
Vor allem, wenn wir auf einen Missstand hinweisen und um Abhilfe bitten.

Wir bekommen zu hören, dass wir doch erst einmal

  • alle Seiten betrachten sollen
  • die Intention der Gegenseite bedenken möchten
  • unser Kind nicht in Watte packen sollen
  • das Kind auch mal fernab der Behinderung sehen sollen
  • Vertrauen haben mögen
  • kooperationsbereit sein sollen

Es wird unterstellt, dass wir Eltern dies alles nicht betrachtet hätten und vollkommen unrealistisch eine Situation einschätzen würden. Das wir zu viel vom Gegenüber erwarten und nicht an einer Zusammenarbeit interessiert wären.

Das ich als Mutter nicht zu 100% objektiv bin bzw. sein kann liegt in der Natur der Sache. Aber ich unterstelle eben diesen Fakt auch Lehrkräften und anderen beteiligten Personen.

Nach etlichen Entwicklungsgesprächen, Förderplanbesprechungen und dutzenden von Hilfeplangesprächen (mit vier Kindern generell , mit autistischen Kindern besonders kommt da schon ein erkleckliche Zahl zusammen) habe ich allerdings den Eindruck gewonnen, dass gerade Eltern behinderter Kinder zu allererst eingenordet werden müssen von den Gesprächspartnern.

So habe ich mehr als nur einmal den Satz zu hören bekommen

Achten Sie bitte darauf, ihrem Kind Vertrauen in unsere Arbeit zu vermitteln. Nicht dass das Kind den Eindruck gewinnt, dass sie grundsätzlich anderer Ansicht sind als wir.

Stehe ich als Mutter bzw. wir Eltern behinderter Kinder unter einer Art Generalverdacht?

Ähnlich ergeht es Eltern gemobbter Kinder. Nicht nur deren Kindern wird vermittelt, dass sie alles falsch verstehen. Nein auch den unterstützenden Eltern wird leider allzu oft die Kompetenz über die Wahrnehmung der Sachlage abgesprochen.

Gibt es da ein Naturgesetz, dass hier Anwendung findet und dass nur Außenstehenden erklärt wurde? Entschuldigt bitte meinen Sarkasmus, aber es fällt mir schwer an diesem Punkt die Contenance zu wahren.

Ich vermisse bei solchen Gesprächen die Augenhöhe.

Ich vermisse das Entgegenkommen, dass von mir eingefordert wird.

Stattdessen habe ich den Eindruck, dass ich mich erstmal beweisen muss. Das ich es überhaupt Wert bin, dass man mit mir in einen Dialog treten kann.

Wenn ich an die ersten Monate nach der Diagnose unseres Ältesten zurückdenke, wie Fachleute mich mit Fachvokabular „erschlagen“ haben und mir den Eindruck vermittelten dass ich absolut keine Ahnung darüber habe was mit meinem Kind los ist, bekomme ich immer noch Schweißausbrüche.

Nach siebeneinhalb Jahren kenne ich deren Vokabular und deren Gesprächsführungstechniken auswendig. Denn quasi jede neue Person, die uns beraten möchte, nutzt dieselben Wege und Worte.

Durch all diese Gespräche habe ich gelernt, sehr vorsichtig zu sein.
Zuviel Emotionalität ist nicht förderlich für solche Gespräche, denn sie wird einem zu oft als Nachteil ausgelegt.
Zuviel Distanziertheit wird als Desinteresse oder Kälte gewertet.
Hier immer die richtige Balance zu finden ist schwer. Denn es geht immer um meine Kinder, deren Rechte ich nach Außen vertrete und vertreten muss.

Nur sehr selten erlebe ich diese glücklichen Momente, wo die Wahrnehmung von/über Geschehnissen meines Kindes und mir einfach ernst genommen werden.

Ich hätte da mal eine Bitte an jene die solche Gespräche führen:

  • geben Sie uns Eltern doch erstmal einen Vertrauensvorschuss
  • gehen Sie doch bitte zu allererst davon aus, dass wir mit Ihnen zusammenarbeiten wollen
  • das wir zusammen mit Ihnen das Beste für das Kind erreichen wollen
  • das wir NICHT grundsätzlich Ihnen in Ihre Arbeit reinpfuschen wollen sondern gerade bei unseren behinderten Kindern nach Lösungswegen suchen und diese eben nicht im Schema F zu finden sind
  • das wir kooperationsbereit sind

Und nehmen Sie uns so ernst, wie Sie ernst genommen werden wollen.

Wenn ein Text Gefühle oder den Gerechtigkeitssinn anspricht…

… und arbeiten an diesem Text sehr, sehr schwierig wird.

Es ist ein Effekt den ich schon erlebt habe.

Mal ein paar Beispiele?

In Klasse 10 wurde von Morton RhueGive a boy a gun“ gelesen.

Ein Buch über Mobbing, Hierarchie innerhalb eines Klassenverbandes und allem an schrecklichen Folgen, was man sich denken kann.

Für unseren Sohn war der Text unerträglich. Er konnte das Buch schlicht nicht bearbeiten.

In Klasse 5 wurde von Louis SacharLöcher. Die Geheimnisse von Green Lake“ gelesen.

Eine Erzählung über ein Erziehungscamp, ungerechte Behandlung durch die Aufseher.

Die dort auftretenden Ungerechtigkeiten machten damals das Buch schwer erträglich für unseren Sohn und später auch für unsere Tochter. Beide haben unterschiedliche Knackpunkte an der Geschichte als sehr schwierig erlebt.

In Klasse 4 wurde von Otti Pfeiffer „Nelly wartet auf den Frieden“ gelesen.

Ein Buch über die Erlebnisse eines Grundschulkindes, dass bei Kriegsende 1945 13 Jahre alt ist, literarisch festgehalten.

Hier war es nicht der Inhalt des Buches, der die Bearbeitung für unsere Tochter schwierig machte, sondern die Reaktionen der Mitschüler.

In Klasse 5 ein Kurztext über einen Jungen, der sich nicht traut vom 10 Meterbrett zu springen. Mitschüler hänseln ihn mit den Worten „Feigling, Feigling“.

Unser Jüngster kann sich nicht mehr auf die Aufgabe konzentrieren (einsetzen wechselnder Personalpronomen) da er die Ungerechtigkeit, fehlende Fairness der erwähnten Mitschüler nicht ertragen konnte.

In Klasse 9 wurde von Friedrich Schiller „Die Räuber“ gelesen.

Der Bruderzwist und die schwierigen Vater Sohn Beziehungen, sowie die Romanze (gekennzeichnet von Lug und Trug) machten es unserer Tochter sehr schwer den ohnehin nicht leichten Text zu bearbeiten.

In all diesen Texten werden starke Gefühle beschrieben oder Ungerechtigkeiten thematisiert.

Alle meine vier autistischen Kinder haben immer wieder große Probleme mit solchen Texten. Nicht selten kommt es zu Blockaden, die eine Weiterarbeit massiv erschweren oder verunmöglichen.

Jetzt könnte man ja sagen „das sind doch nur literarische Texte, wieso ist das gerade für Deine Kinder solch ein Problem“.

Das Problem ist, dass meine Kinder ganz genau spüren, dass da was schief läuft.
Das sie das sofort ändern möchten.
Das sie für Gerechtigkeit sorgen wollen.
Das sie hochgradig empathisch auf diese Texte reagieren.

Wie bereits in dem sehr guten Artikel von Meerigelstern „Autisten haben doch keine Empathie, oder?“ beschrieben, verfügen Autisten über ein sehr hohes Maß an Empathie.

Das kann so weit gehen, dass mich diese Beschäftigung mit dem Problem anderer Menschen so sehr mitnimmt, dass ich deren Gefühle dann selbst erlebe, dass ich aus dem Grübeln, wie ich denn helfen könnte, gar nicht mehr raus komme und dann an meine Grenzen gehe oder diese auch komplett überschreite, ohne das selbst gleich zu bemerken. Das ist dann sehr anstrengend, denn ich bin dann richtig erschöpft, brauche Auszeiten, Ruhe und irgendetwas, was mein Denken dazu abstellt. Funktioniert aber nicht immer.

Und ich bin nicht die einzige, die bei ihren Kinder erlebt, wie sehr diese mit den Geschichten mitschwingen.

Wenn meine Kinder mir zurückmelden, was an der Lektüre sie massiv beschäftigt, besteht die Möglichkeit über den Text und die darin beschriebenen Personen und deren Verhalten zu sprechen.
Manchmal ist weitergehende Literatur notwendig.

Was für diese Gespräche unheimlich wichtig ist, ist Ruhe und Zeit sowie Verständnis für die entwickelten Gefühle der Kinder.
Diese sind für sie vollkommen real.

Dieser Effekt tritt übrigens auch auf, wenn die Kinder Filme ansehen.

Leider kommen ihre Reaktionen oft zeitverzögert, da sie erstmal versuchen selbstständig mit dem gelesenen / gesehenen zurechtzukommen.

Wenn dies im privaten Rahmen geschieht ist es nicht weiter tragisch. Oft strahlen sie nur massive Unruhe aus, bis sie dann endlich mitteilen können was sie gerade beschäftigt.

Im schulischen Kontext ist das schwieriger, denn da gibt es ja einen engen, festgelegten Zeitrahmen in dem die Lektüre zu bearbeiten ist.

Von Lehrkräften kommt als Rückmeldung leider oft nur, dass das Kind die Arbeit verweigert und es kommt schon detektivischer Kleinstarbeit gleich, herauszufinden was gerade nicht passt.
Auch kann sich solch eine Blockade über mehrere Fächer erstrecken, weil sich gerade jeglich Kompensationskraft auf dieses eine Thema ausrichtet.

Ich habe lernen müssen, dass es sinnvoll ist, sich zeitnah auch als Eltern mit den Ganzschriften der Kinder zu beschäftigen um im Thema zu sein, wenn das Kind beginnt Fragen zu stellen oder über das Buch zu „schimpfen“.

Denn Lehrkräfte können das nur in geringem Maße auffangen und je nach Lektüre sind die Mitschüler nicht die geeigneten Mitdiskutanten um sich über Ungerechtigkeiten oder „merkwürdige“ Gefühle auszutauschen und diese verstehen zu lernen.

Wenn jedes Wort zu viel ist

Im letzten Post habe ich über Die Grenze der Kompensationsfähigkeit geschrieben.

Über dieses Zu Viel an (An)Forderung durch Außenstehende. Diese Außenstehende war in unserem Fall die Schulbegleitung.

Zwei Wochen Ferien haben lange nicht ausgereicht, die Unruhe bei unserem Jüngsten zu beseitigen. Alleine die Namensnennung der alten Schulbegleitung reicht zur Zeit aus, dass unser Jüngster in eine Abwehrhaltung geht und alle negativen Gefühle wieder hochkommen.

Und dann ist jedes Wort, jede Ansprache für unseren Jüngsten zu Viel.

Es reicht aus, dass ein Mitschüler ihn auf einen Fehler hinweist um ihn in den Overload zu treiben.
Oder die Lehrkraft, die ihn auffordert an einer Aufgabe weiter zu arbeiten.

Die neue Schulbegleitung hat zur Zeit einen verdammt kniffligen Job. Das Aufgabenspektrum liegt im Moment bei

  • ihn und seine Eigenheiten kennenlernen
  • ihm den Freiraum ermöglichen, denn er gerade benötigt
  • sich sein Vertrauen erarbeiten
  • bei den Lehrkräften um Verstehen werben
  • ihn irgendwie bei der Stange halten (RW) ohne ihn zu überfordern
  • mit ihm Vereinbarungen treffen wie er zurückmelden kann, dass grad nichts mehr geht
  • die Mitschüler und das Zusammenspiel / kommunikative Miss(T)verständnisse mit/zu unserem Sohn erkennen lernen

Im Moment kann jedes Wort zu viel sein.

Diese Situation ist auch für die Lehrkräfte schwierig.

Aber am schwersten ist es eindeutig für unseren Sohn.

Denn ein Overload ist belastend. Bei unserem Jüngsten erzeugt es zusätzlich zur reinen Überlastung Kopf- und Bauchschmerzen.

Was ich allerdings richtig gut finde, dass ich endlich Beschreibungen bekomme, was einer Flucht aus dem Klassenzimmer vorausgegangen ist. Nur dadurch kann ich mit unserem Jüngsten sprechen, Situationen genauer beleuchten und dann der Schulbegleitung zurückmelden was aus seiner Sicht passiert ist.
So kann in Ruhe und mit Reflektion ganz langsam an diesen einzelnen Situationen gearbeitet werden.
Nur so kann eine (Er)Klärung für unseren Jüngsten stattfinden.

  • warum hat Schüler X Dir das gesagt
  • warum hat Lehrkraft Y Dich dazu aufgefordert
  • warum ist ein Kaugummiverbot sinnvoll
  • wie kannst Du Dir besser Hilfe organisieren um in eine Gruppe zu kommen
  • du darfst jederzeit fragen, wenn Du eine Aufgabe (zB aufgrund eines einzelnen unverständlichen Wortes) nicht oder anders verstehst

Gut ist, dass die neue Schulbegleitung ihm Raum gibt. Wenn er die Kapuze seines Pullis anlässt und er fast darunter verschwindet, dann darf er das. Er wird nicht gedrängelt.
Die Rückmeldung, dass er ganz langsam und vor allem selbstständig ohne Anforderung wieder darunter hervorkommt und dann auch wieder ansprechbar ist (signalisiert durch seine Nachfragen, sein in Kontakt treten mit der Schulbegleitung) tut gut.
Auch das sie da ist, wenn er in die Auszeit geht aber nicht auf ihn einredet sondern abwartet und er sich ganz langsam ihr wieder nähert.
Sein abtasten und ausprobieren ist keine Provokation. Es ist der vorsichtige Versuch zu verstehen wie diese neue Person tickt.

Aber es ist noch ein langer Weg für unseren Sohn. Acht Wochen abzuwarten waren fast zu lang.

Noch mehr Kooperationsbereitschaft, noch längeres Zuwarten wäre hochgradig schädlich für unseren Sohn gewesen.

Lasst Euch nicht das „Heft“ aus der Hand nehmen (RW)

Das ist eine Redewendung (RW), die mir heute mehrfach durch den Kopf ging.

Das „Heft in der Hand haben“ hat eine ziemlich martialische Ursprungsbedeutung.

Das hier gemeinte Heft ist nicht aus Papier, sondern eine Bezeichnung für das Griffstück von Waffen (z.B. von Schwertern oder Messern) und Werkzeugen (z.B. von Feilen). Die Redewendung zielt darauf ab, dass der, der einen Griff nebst zugehöriger Klinge in der Hand hält, einem Unbewaffneten gehörig überlegen ist.

Im übertragenen Sinn bedeutet es, die Oberhand bzw. „Gewalt“ über eine Situation oder Sachlage zu behalten.

Ich habe heute zum wiederholten Male über einige Vorkommnisse, bei und um unseren Jüngsten herum, der letzten Wochen nachgedacht.

Ein Satz kam mir dabei immer wieder in den Sinn

„dann kann ich ja die Gespräche mit den Lehrkräften führen und schonmal mit dem Sonderpädagogen alles Notwendige in die Wege leiten“

Ich habe damals schon direkt widersprochen. Denn das ist definitiv NICHT die Aufgabe einer Schulbegleitung oder eines Coaches.

So konnte in unserem Fall kein Schaden auf dieser Ebene entstehen.
(Es hat sich auch so ausreichend „Material“ zur Nachbearbeitung aufgehäuft.)

Während des Grübelns über die vergangenen Geschehnisse und diesen Satz sind mir alte Fälle aus der Selbsthilfe eingefallen. Wo auf einmal, bei einem ansonsten „gut laufenden“ Kind, sich alles ins Gegenteil verkehrte und die Eltern innerhalb kürzester Frist mehrere Baustellen gleichzeitig beackern mussten und Lehrkräfte und Ämter begannen sich querzustellen.

Ich habe ja schon einmal darüber geschrieben, dass mit der Diagnose des Kindes die Arbeit der Eltern erst richtig beginnt.

Wir Eltern sind die Experten für unsere Kinder.
Wenn unseren Kindern eine medizinische Diagnose gestellt wird, haben wir zu lernen, was es für den Alltag bedeutet.

Wenn das Kind Diabetes hat, muss das Kind aber auch die Eltern alles darüber lernen, es ist lebensnotwendig.
Wenn das Kind Morbus Crohn hat, müssen wieder beide Parteien zum Experten für dieses Gebiet werden.

Wenn das Kind Autist ist, empfinde ich das als ebenso notwendig!

Eltern haben die elterliche Sorge, auch Sorgerecht genannt, bis das Kind volljährig ist.

Die elterliche Sorge ist somit ein Fürsorge- und Schutzverhältnis für minderjährige Kinder, das verfassungsrechtlich geschützt ist (Art. 6 Abs.2 GG), und grundlegend am Wohl des Kindes zu orientieren ist (§ 1627 BGB), das heißt zum Nutzen seiner Entwicklung zu einer selbständigen, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit (vgl. § 1 Abs.1 SGB VIII).

Und solange den Eltern niemand das Sorgerecht entzogen hat, sind diese primär für das Wohlergehen und die bestmöglichsten Gegebenheiten für ihr Kind verantwortlich.

Das betrifft selbstverständlich auch die Beschulung sowie Gespräche mit Lehrkräften und Sonderpädagogen um sich gegenseitig anzuhören, Meinungen auszutauschen und zu schauen, was am zielführendsten für das Kind ist.

Wenn eine Schulbegleitung oder Mitarbeiter einer Tagesgruppe einem hier das „Heft aus der Hand“ nehmen wollen, dann läuft gehörig was schief bzw. es kann den Eltern ganz schnell eine Situation entgleiten.

Eine gute Zusammenarbeit mit Schulbegleitungen beruht auch auf Kommunikation zwischen den verschiedenen beteiligten Personen (Kind, Lehrkräfte, Eltern).

Das heißt NICHT, dass eine Schulbegleitung die ureigenen Verpflichtungen der Eltern übernimmt.
Das ist weder ihr Auftrag noch hat sie das Recht dazu.

Und, liebe Eltern, es ist auch nicht zielführend, dass Ihr diese Eure Verpflichtungen Euch aus der Hand nehmen lasst.
Eine gute Schulbegleitung kann Euch beratend zur Seite stehen.
Aber sie kann und darf nicht Euch die Entscheidungen für und/oder über Euer Kind abnehmen.

Wenn also Gespräche mit Lehrkräften, Sonderpädagogen, Therapeuten und Ärzten anstehen, dann seit Ihr gefragt liebe Eltern.
Niemand sonst.
Sei es nun, ob eine Veränderung in der Therapie angeraten ist, die Medikation bei ADHS überdacht werden soll, ein Förderbedarf zu ermitteln angeraten ist oder Nachteilsausgleiche besprochen werden müssen.
Es ist Eure Aufgabe.

Es ist Euer Kind.
Es ist Eure Verantwortung.
Und nur Ihr alleine müsst Euch später vor Eurem Kind für Eure Entscheidungen rechtfertigen können.
Niemand sonst.

Gebt diese Verantwortung niemals leichtfertig aus der Hand, weil es Euch gerade „leichter“ erscheint.
Macht Euch schlau über die Behinderung Eures Kindes und was Eurem Kind hilft.
Vertretet das nach Außen und vor anderen Menschen.

Es gibt kein richtiges ABA im falschen Weltbild

Es ist nicht die Therapie, die das Miteinander erträglich gestaltet oder formt.

Es ist die Akzeptanz und der Wille, die Anerkenntnis, dass das Gegenüber anders „funktioniert“.

Man keinen Menschen so formen, dass er in das Weltbild des Gegenübers exakt reinpasst, außer man bricht ihn.

Semilocon

Gerade geht auf Twitter wieder die Diskussion, wie ABA nicht gut ist und die Gegenseite sagt wieder mehr oder weniger anerkennend, dass ABA tatsächlich Mist ist, aber ohne Strafen geht es ja noch und ugh….

Eigentlich ja schon etwas beleidigend, dass den ABA-Kritikern regelmäßig so flach gegenargumentiert wird. Da will man mal tiefschürfende Dialoge haben und dann kommt nur die Verteidigung, „na, es ist ja ohne Strafen“ *. Das ist nicht die Kritik.

Beziehungsweise ist es Teil der Kritik, aber es geht viel tiefer. Wir Autisten (und die Eltern natürlich), die ABA ablehnen, finden das dahinterliegende Weltbild unfassbar zynisch und verletzend. Denn ABA geht, in jeder präsentierten Form, davon aus, dass der Autist mit seinem So-Sein gleich schon mal irgend etwas falsch macht. Er kommuniziert nicht korrekt, sie fühlt nicht korrekt, er reagiert nicht korrekt.

Das ist natürlich, wenn man Autisten kennt oder eine Autistin ist, totaler Blödsinn. Denn…

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