Das Internet – unendliche Weiten…

oder

auch AutistInnen nutzen das Internet zur Kommunikation und zur Pflege sozialer Kontakte.

Wie einige vielleicht schon wissen, versuche ich in Diskussionen auf Twitter andere Menschen dafür zu sensibilisieren, die Worte Autismus, Autist/in, autistisch nicht abseits der medizinischen Diagnose zu nutzen.

Heute hat mir dann jemand erklärt

dass er nicht wusste, dass autistische Menschen das Internet auch zur Kommunikation nutzen.

Wir schreiben das Jahr 2017 und es gibt immer noch Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass AutistInnen das Internet nutzen. Dort lesen und schreiben; sich informieren und soziale Kontakte pflegen.

Das aber gerade das Internet ein hervorragendes Medium ist, um barriereärmer mit anderen Menschen in Kontakt zu treten scheint für einige Menschen unbegreiflich. Genauso unbegreiflich scheint eben jenen Menschen, dass AutistInnen not amused sind, wenn sie immer wieder Tweets, Texte und Zeitungsartikel lesen „dürfen“, in denen jemand meint besonders witzig oder eloquent zu sein, wenn er/sie die Worte Autismus / Autist / autistisch aus dem eigentlich Kontext löst und pejorativ verwendet.

Ich möchte nochmal eindringlich auf diese Linksammlung hinweisen, denn die Worte Autismus / Autist / autistisch eignen sich nicht als Metapher.

Und ja, es schadet AutistInnen, wenn durch die immer wiederkehrenden Rückwärtsbeleidigungen Vorurteile zementiert (RW) werden. Mit der willkürlichen Nutzung und der dahinter steckenden Logik (Autismus = Egoismus, unsoziales Verhalten, Engstirnigkeit, Verbissenheit, Sturheit etc. pp.) wird AutistInnen unterstellt, dass diese Eigenschaften bei ihnen vorliegen.
Dann kommt auch schon mal sowas dabei raus, was Elodiylacurious hier beschrieben hat. So viele Menschen haben irgendwann bzw. irgendwo schon mal was gelesen und ziehen Schlüsse die schlicht falsch sind.

Zurück zur Kommunikation

  • ist es wirklich so schwer zu begreifen, dass es für AutistInnen erleichternd ist, sich schriftlich mit anderen Menschen zu unterhalten?
  • ist es wirklich so schwer nachzuvollziehen, dass das Internet AutistInnen ermöglicht sich mit anderen AutistInnen auszutauschen?
  • gehen diese Menschen tatsächlich davon aus, dass AutistInnen kein Interesse an Austausch und Dialog haben?
  • ist es tatsächlich unvorstellbar, dass AutistInnen im Sinne der Selbstvertretung das Internet nutzen um über Autismus aufzuklären?

Mir sind auch schon Menschen auf Twitter begegnet, die mit autistischen Kindern, anscheinend vorwiegend nonverbalen autistischen Kindern, arbeiten, die noch nie in Erwägung gezogen haben, dass eben jene Kinder sich weiterentwickeln und als Erwachsene durchaus in der Lage sein können über den Schriftweg zu kommunizieren und dafür dann das Internet nutzen.

Ist das wirklich so schwierig, ein kleines bisschen weiter als bis zu den eigenen Schuhspitzen (RW) zu denken und in Erwägung zu ziehen dass auch AutistInnen sich entwickeln.

Beratungsresistenz – Gedanken

Bei manchen Diskussionen zu diversen Themen möchte ich verzweifeln. Insbesondere, wenn es um Autismus, Inklusion und Impfen geht, scheinen sich bei einigen Menschen sämtliche Vorurteile, erlesenes und veraltetes Halbwissen vermischt mit eigenen (Kindheits)Erfahrungen bahnzubrechen. Gleichzeitig fallen alle Schranken des Anstands.

Da ich mich ja grundsätzlich für die Verbesserung des Verständnisses von/über Autismus stark mache, kann es schon mal passieren dass ich in eine Diskussion einsteige. Wer mir auf Twitter folgt wird eventuell die Diskussion vom 11.07-13.07.17 verfolgt haben.

Die einen unterstellen autistischen Kindern / AutistInnen dass sie „alles anzündende Brandstifter“ seien, andere sprechen ihnen das Menschsein komplett ab. Gleichzeitig fordern sie, im Sinne der Inklusion, dass autistische Kinder / AutistInnen eine besondere Bringschuld hätten, um an Inklusion teilnehmen zu dürfen. (das hier Inklusion nicht verstanden wurde steht außer Frage)

Nun könnte man ja diese Sprüche ignorieren und hoffen, dass sie im Nirgendwo verhallen; aber das tun sie nicht. Sie finden ihren Weg in die Kommentare von Zeitungsartikeln, in Headlines eben jener und damit dann schnell auch auf die Schulhöfe und auf die Arbeitsstellen von AutistInnen.
Also aus dem virtuellen Raum des Internets ins reale Leben.

Meist sind diese Diskutanten keinem einzigen Argument zugänglich. Egal wie ruhig und wie detailliert man erklärt, sie hören schlicht nicht zu.

Sehr oft denke ich mir, wie kann man nur so beratungsresistent sein.
Wie kann man nur fordern ohne selber ein Minimalmaß an Anstand zu besitzen, zu lesen und nachzudenken. Selbst wenn ich Forschungsergebnisse und Stellungnahmen verlinke, die auf dem neuesten Stand sind, wird mir das Gegenteil „bewiesen“ mit Artikeln die 10, 20 oder 30 Jahre alt sind und in den meisten Fällen längst fachlich widerlegt wurden. Ohne dass die von mir verlinkten Artikel auch nur angeklickt wurden, geschweige denn gelesen. Trotzdem wird sofort behauptet, dass die dort erwähnten Fakten falsch wären. Die Forderung der Sachlichkeit an z.B. mich fällt immer wieder, ohne das die Forderer auch nur im entferntesten selber die Kriterien der Sachlichkeit erfüllen würden.

Ich diskutiere trotzdem mit diesen Menschen.
Warum?
Damit ihre Worte nicht ohne Gegenrede stehenbleiben.

Und so sehe ich das nicht alleine. Viele AutistiInnen, Eltern autistischer Kinder und Menschen die Inklusion verstanden haben diskutieren mit und stellen sich dagegen.

Dafür hier mal ein ganz großes Dankeschön.

Denn ich weiß, wie viel Kraft diese Diskussionen kosten.

Elodiylacurious hat auch etwas zu diesen Diskussionen geschrieben.

Der kritische Punkt bleibt, wo sich Menschen über Autismus informieren, aufgeklärt werden oder auch nur mit dem Thema erstmalig in Kontakt kommen.

Wohl wahr.

Gegen die Beratungsresistenz von Einzelnen werden wir auch mit vereinten Kräften nicht ankommen, aber gemeinsam können wir trotzdem etwas tun.

Heute schweigen wir!

An 364 Tagen im Jahr sind wir laut, doch

am heutigen Weltautismustag schweigen wir Autist*innen und Eltern autistischer Kinder, denn auch heute wird uns die Stimme genommen. Organisationen wie Autism $peaks und nichtbehinderte Menschen, die für uns sprechen, sind am Weltautismustag besonders laut.

Oft vermitteln diese zudem ein Bild von Autismus, das weit entfernt von jenem ist, das Autist*innen von ihrem Autismus haben. Autismus wird als schweres Schicksal für die Familien dargestellt und eine möglichst vollständige „Heilung“ als das Ziel angesehen.

Fragt man Autist*innen, haben diese hingegen oft eine ganz andere Sichtweise. Sie wünschen sich zuallererst einmal Akzeptanz; und als Förderung dann Hilfen, um in der nicht-autistischen Welt zurechtzukommen.

Die für das Verständnis existentiell wichtige Innensicht können nur Autist*innen selbst vermitteln. Nonverbale Autist*innen und auch Kinder können oft nicht für sich selbst sprechen. Umso wichtiger ist es, dass andere Autist*innen, die dazu in der Lage sind, gehört werden.

Dabei gilt immer: Kennt man einen autistischen Menschen, dann kennt man nur einen. Daher sind viele Stimmen der Autist*innen wichtig. Je mehr Erfahrungen und Ansätze zu einem Problem angeboten werden, desto eher findet der autistische Mensch das Richtige für sich.


Fehlt die Innensicht, kommt es leicht zu Fehleinschätzungen durch das nicht-autistische Umfeld.

Wir wünschen uns, dass mehr auf Autist*innen und ihre Sichtweise gehört wird – von Eltern, Ärzt*innen, Therapeut*innen, Lehrer*innen, Schulbegleiter*innen und in den Medien.

Mit uns, nicht ohne uns.
Denn nur so kann es ein umfassendes Bild von Autismus geben.