„Hast Du den Film denn gesehen?“ – #Elternschule

oder hast Du nur den Trailer gesehen und ein ~ zwei Artikel gelesen?

Sagen wir mal so, wenn ich ins Kino gehen würde um mir diesen Film anzusehen, würde man mich höchstwahrscheinlich schnell aus dem Kino entfernen.

Außerdem gibt es Dokumentationen und Filme, die kann ich einfach nicht am Stück sehen.
Ich brauche Erholungspausen und muss mir Notizen machen können.
Soviel aber nur vorab.

Etwas anderes ist mir durchaus wichtiger.

Wir reden hier von einem Konzept, dass in dieser Dokumentation kritiklos als Chance dargestellt wird.

So zumindest ist es Interviews und Anmoderationen zum Film zu entnehmen.

Ein Konzept übrigens, dass mit einer Erfolgschance von 85% wirbt, über das es aber keine Studien gibt. Demzufolge auch keine Studien über Langzeitfolgen – weder positiv noch negativ.

Ich bin der Meinung das ich den Film auch nicht sehen muss, wenn die Recherche zum Konzept, zur Klinik und zu den Akteuren recht eindeutig ausfällt.

Zum einen finde ich es fahrlässig, dass Kinder und Eltern in einer solchen Dokumentation dem Voyeurismus des Publikums preisgegeben werden.
Zum anderen entsprechen die Netzfunde zur Klinik und zur Methode, die Erfahrungsberichte und Beobachtungen (siehe Tweets) eine ziemlich deutliche Sprache.

In dieser Klinik war ich auch. Wegen meiner schweren Neurodermitis. Ich war da in etwa 4 Jahre.
Da das Ganze schon 24 Jahre her ist, ist die Erinnerung natürlich nicht sehr groß. Ich habe auch mit meiner Mutter gesprochen, die erinnert sich auch nicht mehr an vieles.
Aber das an was ich mich erinnere, ist grausam.

Ich habe da nie großartig drüber gesprochen, so ohne Anlass, aber manchmal habe ich davon erzählt, dass ich ziemlich üble Erinnerungen an die Klinik habe, in der ich wegen meiner Allergien war.

Eine Situation an die ich mich sehr intensiv erinnere ist, dass ich im Gitterbett lag, in einem hellblauen Raum und geschrien habe, dass ich Hunger habe und nach meiner Mutter gerufen. Ich wollte nicht ohne sie essen und wurde deshalb halt hungern gelassen. An dieses fast bewusstlos schreien erinnere ich mich sehr intensiv.

 

 

Auch ist das Verhalten derjenigen, die den Film promoten fast symptomatisch zu sehen. Kritik wird geblockt oder entfernt oder es werden Facebook-Seiten vom Netz genommen, weil man so der Kritik gänzlich entgeht und nicht mehr benannt werden kann.
Im Vergleich mit Verschwörungstheoretikern oder Impfgegnern fehlt hier nur noch die Aggressivität der Anbieter. Denn einige Nutznießer der Methode zeigen dieses Verhalten durchaus.

In einigen Threads und Anmerkungen war immer wieder zu lesen, dass man ja schließlich die Vorgeschichte der Familien nicht kennt.

Das ist richtig.
Aber ist es wirklich wichtig?
Wird denn in der Klinik eine Diagnostik betrieben und danach ein auf das Kind abgestimmtes Konzept entwickelt?
Oder wird die Methode bei allen Kindern angewandt?
Und wenn nicht, welche Kinder verdienen denn eine solche Methode?

Aber versuchen wir es doch einfach mal am Beispiel unseres jüngsten Sohnes.

Er ist Autist und hat ADHS.
Er wächst mit drei autistischen Geschwistern auf.
Der Stresslevel ist durch viele Dinge in unserer Familie nicht gerade niedrig.

Er hatte lange Zeit enorme Schlafprobleme.
Bis zum Alter von vier bis fünf Jahren schlief er nicht durch.
Ja das zehrt an den Nerven von Eltern.
Er schlief nur in meiner Anwesenheit, auf dem Sofa, aber bitte kein Körperkontakt.

Ebenfalls hatte er in diesem Zeitraum ein, von außen betrachtet, sehr seltsames Ernährungsverhalten.
Getränke MUSSTEN weiß sein.
Brei zu füttern war mehr als schwierig.
Brot ging gar nicht.
Nahrungsmittel, die immer und zuverlässig gingen, waren Kirschtomaten und Weintrauben ohne Kerne sowie Nudeln ohne Soße mit einer bestimmten Gewürzsorte.
Über die Jahre erweiterte sich das Repertoire erträglicher Nahrungsmittel.
Aber nur sehr langsam.

Trocken war er erst mit 5 Jahren.

Ein klassischer Fall für diese Klinik, oder nicht?
Oder für ABA-Anbieter, hätten wir denn die Diagnose schon sehr früh bekommen und wären an schlechte Ratgeber bzgl. Autismus geraten.

Die Diagnostik brauchte aufgrund des Alters ihre Zeit. Was konnten wir nun tun in den Jahren in denen die Diagnostik lief?
Wir hätten mit aller Strenge und Konsequenz unser Kind drillen können.
Wir hätten unseren Sohn auf den Topf setzen und am Tischbein festbinden können, wie es in den 60er Jahren noch oft vorkam, um ihn zu zwingen nicht mehr in die Windel zu machen. Dies wurde meiner Mutter sogar mal für mich vorgeschlagen, als ich (geboren Ende der 60er) mit drei Jahren noch nicht trocken war.
Wir hätten ihm immer wieder dasselbe Essen vorsetzen können, bis er schließlich vor Hunger aufgegeben hätte oder eben hungrig blieb.
Oder ihm den Brei in den Mund stopfen, bis er runter schluckt – oder erbricht.
Wir hätten ihn selbstverständlich auch ins Bett packen können und stundenlang schreien lassen, bis er irgendwann vor lauter Erschöpfung eingeschlafen wäre.

Wir haben andere Lösungen gesucht und gefunden.
Und das war für die Entwicklung unseres Sohnes genau richtig so.
Und auch bei den anderen Kindern haben wir nach anderen Lösungen gesucht bei ähnlichen Problemen.

 

Aber, mal ne grundsätzliche Frage:

Wie war das mit dem Grundrecht eines Kindes auf gewaltfreie Erziehung?

BGB § 1631 Inhalt und Grenzen der Personensorge

(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

Fallen all die genannten Möglichkeiten an Maßnahmen nicht unter dieses Gesetz?
Und wenn ja, sind sie dann zulässig?
Müssen wir das wirklich diskutieren?

Was verstehen Menschen denn bitte unter „gewaltfreier Erziehung“, dass sie die Methodik dieser Klinik trotzdem gutheißen können?
Meinen diese Menschen eigentlich wirklich, dass es nur um Schläge geht, die damit verboten wurden?
Und jede andere Form von Zwang oder Ignoranz sind in Ordnung?
Jetzt belegt durch eine in einer Klinik angewandte Methode?
Das es KEINE Studie zur Methodik gibt ist irrelevant?

ERNSTHAFT?

Der Deutsche Kinderschutzbund sieht zumindest schon mal in der Darstellung der Kinder ein Problem.

Der Kinderschutzbund stellt in Bezug auf den Trailer „Elternschule“ fest, dass der Zusammenschnitt von dramatischen Filmsequenzen zu einer gewollten Zuspitzung von problematischen Situationen und zu einer Verzerrung der Darstellung der kindlichen Persönlichkeit und zwar zum Nachteil der Kinder führt. Die Rechtsstellung des Kindes als Subjekt mit eigener Persönlichkeit und eigenen Menschenrechten wird nach Meinung des DKSB missachtet.

Herr Renz-Polster hat einen sehr klugen Beitrag zum Film geschrieben.

Lernen die Eltern in diesem Film Erziehung?

Wie denn? Das, was diese Kinder suchen – das Gefühl von Schutz, von Bedeutung und Zugehörigkeit – das wächst nicht dadurch, dass die Eltern lernen, auf „korrektes“ Verhalten zu bestehen. Das was diese schlaflosen Kinder suchen, wächst nicht, indem sie bei Krankenschwestern „das Schlafen lernen“. Und die Fähigkeit der Eltern, ihr Kind stark und gütig zu begleiten, wächst nicht, indem sie die Routinen des Krankenhauses dann zuhause umsetzen.

für diesen Text möchte ich eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen.

Etwas ist mir noch zusätzlich sehr wichtig. Bei der Recherche zur Klinik und zu dem leitenden Psychotherapeuten ist vielen aufgefallen, dass sein Vorgänger mit dem er auch zusammengearbeitet hat Ernst August Stemmann ist.
Dieser hat sich dadurch hervorgetan, dass er die Germanische Neue Medizin für gut erachtet.
Diese wurde von Ryke Geerd Hamer begründet.
Dieser erreichte zweifelhafte Berühmtheit durch den Fall Olivia Pilhar.

2005 gab es ein Verfahren gegen Herrn Stemmann, der Spiegel berichtete.
Hier noch ein weiterer Bericht.
Es geht um diese „Verfahren“.
Und was hier nachzulesen ist, macht auch überhaupt gar keine Freude.

Eine Methodik, die sich aus den Grundsätzen Hamers ableitet wird also gerade von den Filmemachern UND der Presse gefeiert.
Kritik wird verunglimpft und nicht hinterfragt warum so viele Kritiker auf den Plan treten.
Sogar die Kritik von jenen, die den Film gesehen haben?

Oder ist die Prägung durch Johanna Haarer doch tiefer in der Gesellschaft verankert, als ich wahr haben möchte?

Es lässt mich ratlos und schockiert zurück, dass die Medien den Film Elternschule so toll finden.

Abschließend noch ein paar wichtige Gedanken

Ja, ich kritisiere diesen Film.
Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, meine Gründe dafür darzulegen.

 

Nachtrag 12.10.2018 17:00 Uhr

Interview mit Jörg Adolph bei SWR2

Bei mir hinterlässt folgende Aussage (ab Minute 1:10) lauter Fragen

… Ja es sind nämlich ganz normale Familien die dort hinkommen. Und sie kommen dorthin aus Sorge um ihr Kind. Also, sie haben sich durch ihr Kümmern und ihr Tun in einen Teufelskreis manövriert wo sie alleine ohne Hilfe nicht mehr rauskommen.

Das können dann Schlafprobleme, das können Essprobleme, Verhaltensprobleme sein. Es kann aber auch so etwas sein wie Asthma und Neurodermitis. Psychosomatische Erkrankung, das ganze Spektrum wird dort in der Klinik behandelt und das mit einem Verhaltenstherapeutischen Ansatz….

Sorry, aber weiter konnte ich mir das Interview wirklich NICHT anhören.

Asthma und Neurordermitis sind also psychosomatisch?

ERNSTHAFT?

Mal eine Frage, wird dort dann den Kindern notwendige, medikamentöse Behandlung verwehrt?

Was richtig ist, unter Stress sind beide Krankheiten schlimmer.
Das ist aber auch alles.

Dieser Frage

schließe ich mich gerne an.

Und diesen Gedankengang find ich wichtig.

Nachtrag 15.10.18

Ich bin froh, dass sich die kritischen Stimmen mehren

Ich stimme Ihnen vollkommen zu, dass dieser Film ein Rückfall in die Schwarze Pädagogik ist…

Beste Grüße,

KH Brisch

Univ.-Prof. PMU Salzburg
Priv. Doz. Dr. med. Karl Heinz Brisch“

Nachtrag 25.10.18

Der deutsche Kinderschutzbund hat eine weitere Stellungnahme abgegeben.

Nachdem nun Gelegenheit war, den Kinofilm anzusehen, hat sich der Eindruck aus dem Trailer bestätigt: Es gibt in diesem Film zahlreiche Szenen, in denen psychische und physische Gewalt gegen Kinder, zumeist kleine Kinder, in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen gezeigt wird.

Der Kinderschutzbund rät Eltern darum vom Besuch dieses Filmes ab.

 

8 Kommentare zu „„Hast Du den Film denn gesehen?“ – #Elternschule“

  1. Danke für die umfassende Darstellung. Als selbst durch die Eltern schwer Traumatisierte finde ich es mehr als grob fahrlässig, Eltern gegen ihre Intuition agieren zu lassen und Kindern ihr Recht auf Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse zu nehmen und darauf, mit diesen und mit den entsprechenden Gefühlen umgehen zu lernen. Es ist für mich schwer, dieses jetzt mit über 40 aufzuarbeiten und bin stolz darauf, dass ich es irgendwie geschafft habe, mit meinen Kindern anderes umzugehen.

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo, danke für deinen guten Artikel. Ich hinterlasse mal bei dir einen Kommentar, weil ich gesehen habe, dass du auf Twitter hierzu immernoch sehr aktiv und fundiert antwortest. Ich selbst habe aber keinen Twitteracount.

    Ich habe angeregt durch die Diskussion mal bei meine Krankenkasse angefragt, ob und auf welcher Grundlage sie eine Behandlung in der Gelsenkirchener Klinik bezahlen. Ich bezog mich dabei konkret auf die „psychosomatische“ Behandlung von Neurodermitis und Asthma, einfach weil ich zur Behandlung von Essstörungen und „Verhaltenausfälligkeiten“ keine fundierten Argumente außer meiner persönlichen Meinung habe.
    Die Krankenkasse hat mich gestern tatsächlich zurückgerufen und mir mitgeteilt, dass sie die Klinik sehr kritisch sehen und bereits vor ein paar Jahren ein Gutachten vom medizinischen Dienst eingeholt haben und basierend darauf die Behandlung dort im Normalfall NICHT erstatten.
    Vielleicht wäre das auch nochmal für andere interessant bei ihren Krankenkassen nachzufragen, vll. ist ja eine sogar bereit öffentlich etwas dazu zu sagen.

    Gefällt 2 Personen

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