Begrifflichkeiten vs. Ideen

Ich hatte gestern eine relativ lange Diskussion um einen Begriff.

Dieser Begriff ist ein Kunstwort, welches helfen soll den Blick auf das Kind zu verändern.

Die Idee, den Blick auf das eigene Kind zu verändern finde ich sehr gut.

Die Idee, darüber MIT dem Kind einen Weg zu finden statt GEGEN das Kind zu arbeiten, ist vernünftig.

Die Bedürfnisse  des Kindes erkennen zu lernen und wert zu schätzen ist wichtig.
Den Bedürfnissen des Kindes Raum zu geben ebenfalls.

Peggy hat meine gestrige Diskussion wohl zum Anlass genommen, diesen Blogpost zu schreiben.
Er greift gut die Stimmungslage auf, wo wir derzeit in der modernen Erziehung stehen. Also den Widerspruch zwischen althergebrachter Erziehung, fußend auf Haarer, und modernen Strömungen wie zum Beispiel Attachment Parenting.

JA, die Entwicklung weg von „das Kind schreien lassen, bis es vor Erschöpfung einschläft“ ist wichtig. Und da ist noch sehr viel Arbeit zu tun, wie die Diskussion um die „Elternschule“ bewiesen hat.

Der Begriff „gefühlsstark“ hilft Eltern, die verständliche Angst vor Auswüchsen in der Diagnostik haben, wie sie um den Fall Winterhoff sichtbar wurden.

Und ja, in vielleicht 50 Jahren ist die Inklusion in Deutschland so weit fortgeschritten, das frühe Diagnostik von Autismus oder ADHS nicht mehr diese Relevanz hat, wie sie sie für das heutige Schulsystem besitzt.

Denn dann sind hoffentlich ausreichend Erzieher/-innen, Lehrkräfte, Schulpsychologen/-innen und Schulsozialarbeiter/-innen so geschult, dass sie natürlich und stärkenorientiert als Team MIT den Eltern das Beste FÜR das Kind MIT dem Kind erreichen wollen.

Wenn ich auf die heutige Lehrsätze in den erwähnten Ausbildungen (auch Studium)  schaue, hege ich da allerdings noch große Zweifel, denn die Ausbilder/-innen und Professoren/-innen sind genauso Kinder ihrer Zeit wie wir Eltern auch.
Und unsere Schulgesetze kennen Inklusion nicht als Regelfall, sondern nur wenn ein Fördergutachten erstellt wurde. Vorher hat der/die Schüler/in einfach nur zu funktionieren. Das die Fördergutachten allerdings OFT in eine Abwärtsspirale führen und OFT NICHT stärkenorientiert sind, dürfte jeder schon erfahren haben, der sich länger als ein Jahr mit der Thematik auseinander gesetzt hat.

Solange Erzieher/-innen, Lehrkräfte, Schulpsychologen/-innen und Schulsozialarbeter/-innen im Regelfall defizitorientiert schauen und den Reparaturbedarf beim Kind sehen, ist es maximal schwierig.

Beispiel

In der Grundschule wird noch mit Lärmampeln (halbherzig) gearbeitet und Lärmschutzkopfhörer sind im Klassensatz vorhanden.
ABER je höher die Klassenstufe wird um so mehr sinkt die Akzeptanz diese zu tolerieren.

Nicht selten höre ich aus der Selbsthilfe folgendes Argument, dass Lehrkräfte vor den Schüler/-innen äußern.

„Irgendwann muss auch mal gut sein, die Kinder haben sich ja an die Lautstärke gewöhnt“.

Meinem jüngsten Sohn wurde in der weiterführenden Schule mehrfach gesagt, dass er sich nicht so anstellen soll, er wäre ja schließlich auch selber laut, auch sein Papier würde rascheln und der Stift klappern. Da müsse er die Geräusche der anderen auch aushalten lernen.

Autisten wissen durchaus, dass sie selber auch Geräusche erzeugen, nur der empfundene Lärm in seiner Gesamtheit erzeugt bei Ihnen nicht selten Overloads.
Diese entstehen auch durch aushalten.
Und ja, auch Vogelgezwitscher das als schön empfunden wird kann GLEICHZEITIG wie der unerträgliche Lärm eines Presslufthammers empfunden werden.

Ebenso ist es mit Licht. Viele Autisten nutzen Sonnenbrillen, weil ihnen alles zu grell ist. Künstliches Licht kann auch Probleme erzeugen, wenn die Lampe flackert oder Geräusche erzeugt.

Versucht mal in der Schule durchzusetzen, dass ein Autist eine Sonnenbrille und Gehörschutz tragen darf.

Es scheint für viele in Schule Tätige leider schon eine Unverschämtheit zu sein, die Kapuze des Hoodies aufzuziehen.
Wie viele Diskussionen ich schon mit Lehrkräften dazu führen „durfte“ wollt ihr wirklich nicht wissen.
Bei meinem Sohn ist es eine einfach Möglichkeit sich ETWAS gegen Umwelteinflüsse abzuschirmen und es ist ein sicheres Zeichen dafür das es ihm nicht gut geht.
Es wurde aber als Renitenz und Missachtung der Lehrkraft gewertet.

Mir wurde sogar vorgeschlagen, dass ich ihm diese Pullis wegnehme, damit die Lehrkräfte nicht mehr diese Diskussionen mit meinem Sohn führen müssten.

Warum ich das so ausführlich erkläre?
Mein Sohn HAT die Diagnosen Autismus und ADHS.
Er besucht eine Regelschule mit Vollzeitschulbegleitung.
Und er hat Nachteilsausgleiche.
Trotzdem „erstickt“ er im Kleinklein der Erwartungshaltung von Lehrkräften.
Und es wurde mehrfach versucht, uns Erziehungsunfähigkeit zu unterstellen.

WAS glaubt ihr wohl wie es Eltern, aber vor ALLEM deren Kindern, ergeht wenn sie nun mit der neuen Begrifflichkeit „gefühlsstark“ versuchen Verständnis bei Lehrkräften zu erreichen?

Auf einer Privatschule mit EXTREM KLEINEN Klassen mag das in der Primarstufe VIELLEICHT noch funktionieren. In der Sekundarstufe Eins (bis Klasse 9 bzw. 10) VIELLEICHT auch noch am Anfang.
Mit steigendem Alter und entsprechender Erwartungshaltung an die Entwicklung des Kindes nicht mehr.

Und ich spreche da aus Erfahrung.

Vor 15 Jahren wechselte unser Ältester Sohn auf die weiterführende Schule.
Dinge, die vorher irgendwie funktionierten und wo wir meist eine Lösung für Problemlagen (welche nicht selten waren) mit der unterrichtenden Lehrkraft fanden und wo MEIST auf seine Stärken geschaut wurde, funktionierten NICHT mehr.

Ein Jahr später erklärte man uns sehr eindringlich, dass wir zum Jugendamt gehen müssten und um „Hilfe zur Erziehung“ nachsuchen sollten, sonst müsste man uns dem Jugendamt melden.

Was war passiert.

Wir haben auf die Bedürfnisse unseres Sohnes geschaut, ihn unterstützt wo es notwendig war (was beinhaltete dass wir ihn mit dem Auto zur Schule fuhren weil er das Gedränge, die Gerüche, die Lautstärke im Bus nicht aushielt) und wir forderten aktiv ein dass das Mobbing im Klassenverband gegen mehrere Schüler/-innen bekämpft und geächtet wird.

Es wurde uns mitgeteilt, dass wir unseren Sohn FALSCH erzogen hätten und somit das Mobbing provoziert hätten.

Wo er Anweisungen wortwörtlich umsetzte, wurde ihm wahlweise Aggressivität oder Provokation unterstellt.

Wo er sich darauf verließ, dass er nicht belogen oder ausgenutzt würde, wurde ihm die Schuld dafür zugewiesen, belogen und ausgenutzt zu werden.
O-Ton: „so dumm kann er doch gar nicht sein, dass nicht zu verstehen“.

Was danach alles auf uns zukam, mit Tagesgruppe, Diagnostik und Klinikaufenthalt, Schulsuche, es war fürchterlich.

Und es hat Schäden hinterlassen. Bei allen meiner vier Kinder.

Es reicht halt NICHT allein als Eltern dem Kind gerecht zu werden und dessen Bedürfnisse zu achten.
Selbst einen Begriff dafür zu haben hilft NICHT.
Es reicht schon gar nicht, einen neuen euphemistischen Begriff zu nutzen und damit eine eventuell NOTWENDIGE Diagnostik zu vermeiden / auszuschließen.
Denn die Angst davor, dass das Kind eine Behinderung hat, wird NICHT gemindert.

Es nützt auf GAR KEINEN FALL den Kindern verbunden mit der neuen Begrifflichkeit mit Schwurbelbehandlungen zu „helfen“.

Und es HILFT NICHT das Stigma der Diagnose zu brechen.
Denn die Vorurteile und das Unwissen über beispielsweise Autismus oder ADHS bleiben.

Und falls wer meint, unsere Geschichte wäre ein Einzelfall…

… NEIN, ist sie NICHT!

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