Zertifizierungen von Schulbegleitungen und was davon zu halten ist

Gestern habe ich ja von unseren Erfahrungen mit Schulbegleitungen geschrieben.

Bis wir die jetzige gefunden hat es lange gedauert.
Schließlich ist es ein anspruchsvoller Beruf, den eben nicht jeder „mal eben so“ ausüben kann.

Das Sozial- und Jugendämter Fachkräfte genehmigen und auch bezahlen ist selten.
Eher ist mit einem massiven Sparkurs zu rechnen.
Und das ist auf vielen Ebenen schädlich, wie ich hier bereits erklärt habe.
Manche Ämter freuen sich also, wenn sie wen „zertifiziertes“ bekommen können, der nicht „unglaubliche“ Gehaltsforderungen hat.

Und gerade Eltern, deren Kinder frisch diagnostiziert wurden und dringend Unterstützung durch eine Schubegleitung benötigen sind dann von den Titeln beeindruckt.

Aber wie und wo können solche Zertifikate erworben werden?
Was sind diese Zertifikate schlussendlich wert?
Sagen diese Zertifikate irgendetwas darüber, wie gut die Person sich auf den autistischen Schüler einstellen kann?

Ich habe Google bemüht und nach Zertifizierungen für Schulbegleitungen im Bereich Autismus gesucht.

Und ich bin entsetzt.

Es gibt die ATZ die Weiterbildungen anbieten.
Dann findet man ABA-und/oder AVT-Anbieter die ihr „Wissen“ in wenigen Stunden, oft per Webinar, an zukünftige Schulbegleiter weitergeben.
Und dann habe ich noch „Schulen“ gefunden (deren Hauptangebot die Esoterik ist) die von Entspannungspädagogik über das Auspendeln auch noch irgendetwas undefiniertes zu Autismus anbieten. Ebenfalls gerne per Webinar.

Ein Webinar, was ist das eigentlich?

Ein Webinar oder Web-Seminar ist ein Seminar, das über das World Wide Web gehalten wird.

In vielen Bereichen können solche Online-Vorlesungen gut sein. Vielleicht auch noch, um ein minimales Grundwissen über Autismus zu erhalten.

Aber um ein Zertifikat als Schulbegleitung bzw. Fachkraft für Autismus zu erhalten halte ich es für zumindest fragwürdig.

Es gibt keine Arbeit mit AutistInnen.
Auch gibt es keine Arbeit mit autistischen Schülern.
Es wird ausschließlich theoretisches Wissen erworben.
Wie der Umgang mit autistischen Schülern schlussendlich aussieht, ist an einem solchen „Zertifikat“ nicht zu erkennen.

ErzieherInnen und Lehrkräfte erlernen in Praxismodulen bzw. einem Referendariat, unter Beobachtung von ausgebildeten Kollegen, wie sie mit Kindern und/oder Schülern umzugehen haben. Sie erhalten Rückmeldung über ihre Arbeit mit den Menschen, auf die sie „losgelassen“ werden. Es gibt also ein Mindestmaß an Qualitätskontrolle über die Arbeit mit Menschen. Bei einer Zertifizierung durch ein Webinar findet dies NICHT oder nur SEHR SELTEN statt.

Kommen wir zu Zertifizierungen durch ATZs.
Da wir schon eine Schulbegleitung hatten, die eine solche Zertifizierung berufsbegleitend erworben hat, hatte ich hier einen Einblick ein ATZ betreffend.
Dort fanden die Module (über ein Jahr verteilt) am Wochenende statt und das betreute Kind war ihr Anschauungsobjekt. (Dazu braucht es übrigens die Zustimmung der Eltern!)
Eine Beobachtung ihrer Arbeit vor Ort fand NICHT statt.
Die Ausbilder/Fortbilder verließen sich komplett auf ihre Schilderungen über das Kind (welche selbstverständlich nur subjektiv sein können!) und haben dann mit Praxisbeispielen aus dem Therapiealltag Lösungen angeboten.

Diese Art der Qualifizierung ist besser als bei einem Webinar, allerdings halte ich das „Learning by doing“ durch „Trial and Error“ am Kind/Jugendlichen für sehr fragwürdig. Es fehlt ja an der Supervision vor Ort. Aber immerhin findet zumindest etwas Supervision statt.

Was ich von Zertifizierungen durch ABA- und/oder AVT-Anbieter halte, muss jedem klar sein, der meinen Blog schon länger verfolgt.
Aber da ja hoffentlich immer mal wieder neue Leser dazukommen, hier ein Überblick zu meiner Einstellung zu ABA und/oder AVT.

Was können nun Eltern tun, wenn ihnen eine Schulbegleitung mit Zertifizierung angeboten wird?

Sie sollten nachfragen, WO die Zertifizierung erworben wurde und das Institut googeln. Im Zweifel sollten die Eltern dort anrufen, wenn der Internetauftritt des Institutes nicht eindeutig darstellt, was dort gelehrt wurde.

Eltern sollten auch nachfragen, wie viel Kontakt zu AutistInnen (Kinder, Jugendliche und Erwachsenen) bestanden hat.

Weiter sollten Eltern sich dafür interessieren, welche Literatur zu Autismus gelesen wurde.
Ob es Supervision während der Qualifizierungsmaßnahme gab (falls direkt mit AutistInnen gearbeitet wurde) und wie diese aussah.

Liebe Eltern, ihr habt ein Wunsch- und Wahlrecht wer mit Eurem autistischen Kind / Jugendlichen arbeiten soll.
Informiert Euch und nutzt dieses Recht.

Schulbegleiter verbringen einen erheblichen Teil des Tages mit Eurem Kind.
Lasst nicht „irgendwen“ mit einer nicht überprüften Qualifizierung/Zertifizierung mit Eurem Kind arbeiten.
Ich weiß, aus eigener Erfahrung, dass man nach jedem Strohhalm greift, wenn da endlich jemand bereit ist als Schulbegleitung zu arbeiten, schließlich ist oft die Beschulung davon abhängig das es eine Schulbegleitung gibt. Aber manche Schulbegleitung richtet leider mehr Schaden an, als das sie nutzt.

 

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Unsere Erfahrungen mit Schulbegleitern

Mitte April sind es acht Jahre, dass das erste unserer vier Kinder die Diagnose Autismus erhalten hat.

Im Oktober 2011 startete dann unsere Zusammenarbeit mit
„der“ Schulbegleitung.
„Der“ in Anführungszeichen, da wir in diesen Jahren schon sehr viele Kräfte erlebt haben / erleben mussten.

Manche stellten nach einigen Tagen fest, dass der Job nicht für sie geeignet war oder sie/er nicht mit meinem Kind und/oder mein Kind nicht mit ihr/ihm zurecht kam.

Andere waren so überzeugt von sich und arbeiteten komplett am Kind vorbei. Leider erzeugten sie bei Lehrkräften eine Erwartungshaltung mit ihren Anforderungen an meine Kinder.
Diese Erwartungshaltung konnten meine Kinder nur leider nicht erfüllen.

Dann gab es jene, die lieber mit den Lehrkräften arbeiteten und sich in der gesamten Klasse einbrachten. Ob sie sich dadurch den Traum, selber Lehrkraft sein zu können, erfüllen wollten – ehrlich ich weiß es nicht.
Allerdings waren sie dann nicht für mein jeweiliges Kind greifbar wenn es Hilfe benötigte.
Die Begründung, mit der sie mir ihre „Arbeit“ verkaufen wollten hörte sich im ersten Moment gut an „ihr Kind soll ja keine Sonderrrolle in der Klasse einnehmen“.
Das sie damit allerdings mein Kind vernachlässigten, dass bekamen sie nicht mit.

Und dann gibt es diese Lichtblicke.
Menschen, die sich bei AutistInnen über Autismus informiert haben.
Die zwar die gängigen Ratgeber gelesen haben aber erstmal schauen was der zu betreuende Schüler tut und wo er Hilfen und Unterstützung benötigt.
Die sich auf den aktuell zu betreuenden Schüler einlassen und zu allererst Beziehungsarbeit zum / mit dem autistischen Schüler leisten.
Vertrauen von Seiten des Schülers zur Schulbegleitung ist einer der Grundbausteine für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Und ja das ist es in allererster Linie, eine Zusammenarbeit zwischen autistischem Schüler und Schulbegleitung.

Das autistische Schüler MUSS wissen, dass seine Fragen zu egal was NICHT  als „nicht so wichtig“ deklariert werden. Und wenn er Probleme mit Aufgabenstellungen hat braucht er die Gewissheit, dass die Schulbegleitung die Geduld aufbringt hier nochmal hinzuschauen und die Aufgabe aufzudröseln.
Es ist dem autistischen Schüler nämlich in keinster Weise geholfen wenn die Schulbegleitung genervt mit Sätzen wie z.B. „das haben wir doch schon hundertmal besprochen“ reagiert.
Und sollte die Aufgabe missverständlich formuliert sein, MUSS die Schulbegleitung sich mit der Lehrkraft auseinandersetzen, damit diese die Aufgabe präzisiert.
Falls der autistische Schüler (wie mein Jüngster es dann oft tut) dann immer noch festhängt, weil er einfach nicht versteht warum die Aufgabe nicht direkt konkret gestellt wurde, dann ist es die Schulbegleitung die der Lehrkraft vermitteln muss, warum arbeiten gerade nicht möglich ist. Sie muss den autistischen Schüler an diesem Punkt aktiv entlasten und den Druck aus der Situation nehmen.

Eine gute Schulbegleitung nimmt sich auch die Zeit und schaut, warum eine Aufgabe in eine Überforderung führt oder warum diese nicht bearbeitet wird / bearbeitet werden kann.
Sie findet es entweder selber heraus oder geht in das Gespräch mit dem Schüler. Falls dies nicht möglich ist, sucht sie den Kontakt zu den Eltern oder gibt zumindest den Hinweis dass eine spezielle Aufgabe zu Arbeitsverweigerung geführt hat und lässt diese forschen.
Rückmeldungen des Schülers übersetzt die Schulbegleitung an die Lehrkräfte, damit diese dem autischen Schüler adäquat helfen können. Und die Schulbegleitung wirbt bei den Lehrkräften für Verständnis für die Fragen des autistischen Schülers.

Besondere Probleme werden in Zusammenarbeit mit dem Elternhaus und den Lehrkräften angegangen.

Auch fungiert die Schulbegleitung als Übersetzer in Situationen wo die soziale Kommunikation sich als Hürde zeigt und die Signale der Mitschüler oder der Lehrkraft vom autistischen Schüler nicht, nicht in Gänze oder gar falsch verstanden wurden. Und selbstverständlich auch im umgekehrten Fall, dass der autistische Schüler nicht verstanden wird.

Zur Zeit haben wir eine solch engagierte Person mit der unser Jüngster gut harmoniert.
Sie gibt ihm Raum sich zu entwickeln.
Die Sicherheit, die sie ihm bietet führt dazu, dass er seine Probleme wesentlich klarer benennen kann.

Allerdings kämpft sie auch mit den Schatten der Vergangenheit, ebenso wie die Lehrkräfte.
Die Schulbegleitung, die wir Anfang des Schuljahres hatten, hat die Arbeit von vier Jahren fast zu Nichte gemacht.
Unser Sohn überprüft nun jede Aussage aller Personen auf Wortlaute und Anforderungen, die diese Frau gesagt und/oder gestellt hat.
Menschen, die sich ähnlicher Formulierungen bedienen, haben bei ihm „ausgeschissen“ und erreichen ihn nur sehr schlecht bzw. führen deren Anforderungen fast augenblicklich in den Overload.

Es ist nun leider auch Aufgabe unserer jetzigen Schulbegleitung, dies den Lehrkräften zu erklären.
Das wird ein hartes Stück Arbeit werden, denn es kamen bereits jetzt solche Sprüche wie z.B. „er muss das doch trennen können“ oder „er hatte schon genug Zeit uns kennenzulernen“.
Wie tief die erzeugte Verunsicherung bei ihm ist können die Lehrkräfte anscheinend überhaupt nicht begreifen.

Dankbarkeit bzw. die Forderung danach (ein Rant)

Menschen mit Behinderung und Eltern behinderter Kinder kennen es, diese immer wieder aufkommende Diskussion, dass sie gefälligst dankbar zu sein haben. Selten wird diese Forderung so hart formuliert wie ich es hier schreibe, aber ernst gemeint ist sie immer.

Die Gelegenheiten, zu diesen diese Forderung an uns herangetragen wird, sind vielfältig.

Sei es die Mutter eines frühgeborenen Kindes, die noch nicht weiß was für Folgen die Frühgeburt für ihr Kind haben wird und die um Hilfe wegen einer postnatalen Depression einen Therapeuten um Hilfe ansucht.

Sei es die Mutter, die von anderen Müttern dazu aufgefordert wird doch endlich die Schweigepflichtsentbindung zu unterzeichnen, weil der Kampf dem Kind ja schaden würde. Sie solle dankbar sein, dass überhaupt jemand ihrem autistischen Kind eine Chance an der Regelschule gäbe. Sie würde ja durch das Verweigern der Schweigepflichtsentbindung selber erst dafür sorgen, dass die Schulbegleitung nicht zum Einsatz kommt.

Sei es der erwachsene autistische Schüler, der jetzt bis zum OVG klagen muss um die Chance auf einen Abschluss an einer Regelschule zu bekommen. Wo die Schulbehörde sich zu folgendem Satz hinreißen lässt

Die Schulbehörde argumentiert, die 2010 gebildete Lerngruppe am Gymnasium habe sich aufgelöst, weil die Schüler in Klassen integriert wurden. Lediglich einige erhielten noch „punktuell gesonderte Unterstützung“, sagt Sprecher Peter Albrecht. Man habe für den Jungen mit großem personellen Einsatz Angebote vorgehalten, die er „nicht annehmen wollte oder konnte“, so Albrecht.

Hier habe ich chronologisch erfasst was alleine im letzten Jahr Sebastian und seine Eltern erleben mussten.

Und immer wieder, wie hier nachzulesen, entscheiden andere was gut für einen behinderten Menschen ist. Das gilt für alle Behinderungen und ist nicht auf Autismus beschränkt. Andere urteilen oder entscheiden nach ihrem Gutdünken darüber wo und wie eine schulische oder berufliche Ausbildung stattfinden soll und erwarten Dankbarkeit dafür, dass sie überhaupt die Möglichkeit dazu gewähren. Berechtigte Einwände werden abgewehrt.

Agentur uneinsichtig

Doch zur Ausbildung kam es trotzdem nicht. Die Agentur für Arbeit zeigte sich uneinsichtig. Daniel sollte plötzlich die Ausbildung im Christophorus-Werk in Lingen absolvieren, dort gebe es auch Fachpersonal für Autismus. Allerdings hätte der 18-jährige allein die An- und Abreise mit der Bahn von Haren nach Lingen bewältigen müssen. „Das kann Daniel aber nicht“, sagen die Eltern.

Oder die Eltern von Kindern, die eine 24-Stunden-Pflege benötigen, die sich nicht selten anhören müssen, dankbar dafür zu sein zu müssen überhaupt Behandlungspflege auf Rezept verordnet bekommen zu haben.
Hier ein lesenswerter Blogpost zu der Thematik. Überhaupt ist es sehr schwierig qualifizierte Kräfte für die Pflege zu finden.

Die Eltern gehen am Stock. Wenn sie überhaupt einen Pflegedienst finden, dann können sie ihr Pflegegeld teilweise oder ganz „eintauschen“ gegen Pflegesachleistungen. Nur ist die Situation in pflegenden Familien meist sowieso sehr belastet – psychisch und finanziell. (Was noch hinzukommt – leider ist bei jahrzehntelanger Angehörigenpflege die Altersarmut oft für vorprogrammiert – in großer Überzahl Frauen). Vieles muss erkämpft werden – wie Hilfsmittel, Therapien, die oft auch anteilig oder ganz selbst zu bezahlen sind.

In dem Blog findet ihr übrigens viele Links, die helfen Euer Recht durchzusetzen.

Inge Rosenberger, die sich schon seit Jahren stark engagiert weist immer wieder auf Missstände hin und auch ihr und ihrer Tochter begegnet das Thema Dankbarkeit in Form der Forderung von außen immer wieder. Hier verweist sie auf einen Artikel voller berechtigter Forderungen.

Sie fast das grundsätzliche Problem hier gut zusammen.

Semilocon beschreibt die Thematik in diesem Blogpost ebenfalls.

Und darum geht es bei angeblicher „fehlender Dankbarkeit“ am häufigsten: Behinderte kritisieren ein System, das sie systematisch benachteiligt und dies wird ihnen dann als Undankbarkeit an jene paar Menschen ausgelegt, die ihnen helfen und sie unterstützen wollen. Hier wird die Kritik an einem System und Kritik an einzelnen Personen miteinander vermischt (etwas, was Menschen notorisch schlecht auseinander halten können, daher verständlich – nicht weniger falsch, aber).

Und auch ich höre es nicht selten.
Sei es das Jugendamt, die Schule oder das Arbeitsamt, welche immer hervorheben, dass ich mich glücklich schätzen solle.
Das doch alle so viel Energie und Anstrengung in die Förderung unseres Jüngsten stecken würden.

Wir sind durchaus dankbar. Und wir zeigen das auch. Persönlich den Menschen, die uns unterstützen.

Aber mal ehrlich, müssen wir diese Dankbarkeit wie ein Schild vor uns hertragen?
Müssen wir es bei jedem Gespräch, jedem Antrag und jeder Forderung betonen wie dankbar wir sind, dass uns Menschenrechte gewährt werden?
Dürfen wir vor lauter Dankbarkeit keinerlei Kritik mehr äußern?

Wieso wird uns fehlende Dankbarkeit bzw. Aggressivität unterstellt, wenn wir ein Mehr an Menschenrechten einfordern?
Oder einfach nur nach einer Rechtsgrundlage fragen um eine Entscheidung verstehen zu können.

Es gibt ein großes Missverhältnis zwischen der Anerkennung von Menschenrechten behinderter Menschen und Kindern bzw. deren Eltern und der Forderung nach Dankbarkeit von Außenstehenden.

Ich werfe diesen schließlich auch nicht vor, dass diese überhaupt nur eine Arbeitsstelle haben, weil zB mein Kind zur Schule geht, eine Schulbegleitung und Therapie benötigt und das von Ämtern beschieden und kontrolliert werden muss.

Ein Kunde ist ja auch nicht dafür dankbar, dass er irgendwo Dienstleistungen oder Waren einkaufen kann und andere Leute damit ihr täglich Brot verdient.

Wir wertschätzen die Arbeit anderer, wenn sie gut durchgeführt wird.
Aber ich weigere mich dies derartig zu überbetonen, dass vor lauter Dankbarkeit mein Anliegen nicht mehr wahrgenommen wird.

Lügen

Können AutistInnen lügen?

Welche Funktion erfüllt eine Lüge bzw. welche Funktion soll ihr zugeordnet werden.

Wo liegt die Unterscheidung zwischen einer lässlichen Lüge und einer verwerflichen?

Fragen über Fragen

Beginnen wir mit der einfachen Begriffsdefinition

Lüge

Eine ganz bewusste Aussage, die nicht der Wahrheit entspricht mit der Absicht, andere Menschen zu täuschen…..

Notlüge

…eine unwahre Aussage, die aber meistens sinnvolle Gründe hat…

lässlich

…leicht zu verzeihen
…wenig bedeutsam

verwerflich

…moralisch inakzeptabel und tadelnswert

Ein gutes Beispiel für eine lässliche Lüge ist für mich die Geschichte von Odysseus und der Zyklop Polyphemus. Odysseus beantwortete die Frage nach seinem Namen mit „Niemand“. Daraus ergeben sich im Verlauf der Geschichte Missverständnisse, die ihm sein Leben retten. Da er vorher unverschuldet in Gefahr geraten war, gibt es keinen der ihm aus der Lüge einen Vorwurf machen würde.

Ein anderes Beispiel für eine Lüge ist die Fabel „Der Hirtenjunge und der Wolf“. Die Moral der Fabel

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!“

Beispiele für verwerfliche Lügen, die Existenzen anderer bedrohen sind meines Erachtens hinlänglich bekannt.

Und schon stehen wir vor einem gewaltigen Problem. Unter dem Oberbegriff der Lüge gibt es viele Nuancen, die es zu beachten gilt. Kleine Kinder erzieht man in der Regel so, dass sie nicht lügen sollen bzw. dürfen. Dies ist seit Generationen tief verankert im kulturellen Gedächtnis, schließlich findet es sich sogar unter den 10 Geboten.

Es gibt einen interessanten Beitrag zum Thema, „Lügen und lügen lassen – Warum die Wahrheit nicht immer der Königsweg ist“

Es ist tatsächlich so eine Sache mit dem Lügenverbot oder – um es positiv zu formulieren – der Ermutigung zur Wahrheit. Und wir alle kennen das Dilemma: Wohl niemand findet Lügen grundsätzlich richtig, niemand hat noch nie gelogen.

und weiter unten

Die Frage nach der Moral von Lüge und Wahrheit stellt sich in diesem Moment noch nicht. Doch mit wachsendem Alter merken die Kinder, dass es verbotene und erlaubte Lügen gibt.

Kinder: „Lügen sind jetzt nicht so schlimm, aber man sollte das nicht, so im Gericht lügen oder bei der Polizei oder sowas.“ – „Bei mir fühlt sich das so krimmelig an, ich hab dann ein schlechtes Gewissen auch.“ – „Man kriegt mehr Ärger wenn man lügt und das dann rauskriegt, als die Wahrheit zu sagen und zu sagen, ja, ich hab’s kaputt gemacht.“

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen.

Ja AutistInnen können lügen und lügen durchaus. Denn irgendwann im Laufe ihrer Entwicklung haben sie den oben zitierten Entwicklungsschritt getan.

Allerdings nach meiner Erfahrung später, viel später als man es gewöhnlicher Weise erwartet.
Und auch längst nicht in der Perfektion, wie es die entsprechende Peergroup in der Regel beherrscht.

Ich merke meinen Kindern an, wenn sie mich anlügen. Es umgibt meine Kinder meistens eine gewisse Unruhe bzw. Unsicherheit wenn sie lügen. Und da eine Lüge meistens andere hinter sich herzieht benötigt es auch ein gewisses Maß an Kraft, das Konstrukt der „anderen Realität“ in Gänze aufrecht zu erhalten.

Nun kommt es schonmal vor, dass jemand (gerade im Bezug auf Schule) mal den Ratschlag gibt, dass eins meiner Kinder einfach eine Notlüge nutzen könnte. Bzw. ich es mit dem Kind trainieren könnte.
Da stehe ich nun aber vor einem riesen Dilemma.

Ich möchte nicht von meinen Kindern angelogen werden, also so grundsätzlich.
Ich möchte, dass meine Kinder nicht das Empfinden bekommen, alles auf Lügen abprüfen zu müssen, schließlich müsste ich ja Beispiele zur Erklärung von Lügen nutzen.
Gerade für unseren Jüngsten sind Lügen jedweder Art Vertrauensbrüche und er analysiert stunden- bzw. tagelang Begebenheiten, wo er belogen wurde. Es ist also extrem kräftezehrend.

Er belügt mich zB immer noch auf dem Niveau eines Erstklässlers. Also auch für Außenstehende relativ leicht zu identifizieren.
Wenn er aber zB einer Lehrkraft die Rückmeldung gibt, warum dies und das nicht erledigt wurde, sagt er meist die Wahrheit. Auch wenn eine Notlüge eventuell sinnvoll gewesen wäre. Sollte die Lehrkraft es allerdings als (Not)Lüge oder Ausrede werten, kann ich in einem solchen Fall persönlich bzw. über die Schulbegleitung der Lehrkraft entgegentreten und seine Aussage verteidigen. Weil es eben keine Lüge war.

Meine Kinder und auch viele andere Autisten empfinden Lügen als anstrengend und nicht erstrebenswert. Denn es ist kraftaufwendig.

Ich erachte es nicht als erstrebenswert, mit meinen Kindern lügen zu trainieren.

Frage an Eltern autistischer Kinder, wie erlebt und handhabt Ihr das?

Sandwesten, oder „der Untergang des Abendlandes“ (RW)

Seit 15 Tagen beschäftigen sich Menschen mit dem Thema Sandwesten und/oder Gewichtsdecken.

Ursprung der Debatte ist dieser in Teilen sehr undifferenzierte Artikel. Zu lesen ist, dass „unruhigen“ Kindern an Hamburger Schulen Sandwesten zur Verfügung stehen und dies

Das sei freiwillig und erfolge nur in Absprache mit den Eltern, teilte die Hamburger Schulbehörde mit.

geschieht.

Zwei sehr entscheidende Fakten, die da stehen

freiwillig

in Absprache mit den Eltern

Diplom-Psychologin Michaela Peponis, Referatsleiterin bei der Schulbehörde teilte mit, dass Sandwesten in Einzelfällen eine Unterstützung für Kinder im Schulalltag sein können.

Und noch ein Fakt

in Einzelfällen

Bei ruhiger Betrachtung also ein recht klar definierte Gruppe Kinder, die von dem therapeutischen Hilfsmittel Sandweste in der Schule Gebrauch machen KÖNNEN.

Aber seit dem Artikel vom 06.12.2017 ist eine Diskussion losgebrochen, die mich staunend und schockiert zurücklässt. Es wird von Zwangsjacke gesprochen, einige vergleichen dieses Hilfsmittel gar mit MMS Festhaltetherapie oder Elektroschocks.
Es wird viel polemisiert.
Sogar von Stigmatisierung durch die Westen wurde geredet. Das man damit die Kinder quasi an den Pranger stellt.
Aber keiner informiert sich wirklich. Einige kommen zu dem Schluss, dass ein Angebot das auf Freiwilligkeit beruht, nun allen SchülerInnen aufgezwungen werden soll. Zumindest wenn man dem Empörungshype Glauben schenkt.

So viele scheinen diese drei Fakten überlesen zu haben.

Oder sie haben Angst.

Sandwesten und Sanddecken werden schon seit Jahren genutzt. Wie dieser Artikel von 2010 belegt.

Die „Beluga-Sandtherapie“ basiert auf den Erkenntnissen sensorischer Integration und bekannter Gewichtstherapien.

 

Bei welchen Krankheitsbildern wird die „Beluga-Sandtherapie“ bisher eingesetzt?
Als Therapie oder Therapie-Ergänzung wird die „Beluga-Sandtherapie“ eingesetzt bei ADS*), ADHS*), Rumpfkoordinations-Defiziten, Tonusstörungen, Downsyndrom, Unterfunktion im Stirnhirn, beginnender Demenz, Wachkoma, Neigung zu unüberlegtem Handeln, motorischer Unruhe, leichter Ablenkbarkeit und geringem Durchhaltevermögen. Einige Krankheitsbilder lassen sich sogar völlig medikamentenfrei mit der „Beluga-Sandtherapie“ erfolgreich behandeln.

Fakten übrigens, die bereits der erste Journalist hätte finden können und erwähnen müssen.
Und zwar klar und deutlich.
Das es keine Studien zu den Westen gibt ist richtig und ich bedaure dies.

Aber es gibt Erfahrungswerte. Temple Grandin hat diese bereits in einem Artikel von 1992 dokumentiert. „Calming Effects of Deep Touch Pressure in Patients with Autistic Disorder, College Students, and Animals“. (der Artikel ist auf Englisch)

Diese Westen gibt es übrigens nicht nur mit Sand befüllt, sondern auch in leicht, als reine Druckwesten, mit Luft befüllt. Auch das etwas, dass in den Artikel hinein gehört hätte.

Dieses Interview ist differenzierter.

De Wall: Eine Gefahr durch das zusätzliche Gewicht besteht für die Kinder nicht. Die Westen für Grundschüler wiegen zwischen 1,2 und drei Kilo und für Fünf- und Sechstklässler bis zu fünf Kilo. Der Druck verteilt sich gleichmäßig auf den ganzen Oberkörper. Außerdem tragen die Kinder die Westen meist nur zwanzig Minuten, damit sie sich nicht daran gewöhnen. Ein kiloschwerer Schulranzen ist eine größere Belastung.

Es gibt also unterschiedlichen Gewichtsklassen und die Tragezeit ist begrenzt.

Ich möchte hier unbedingt auf die Stimme einer Autistin verweisen, wie sie Druck und/oder Gewicht wahrnimmt.

Ich kenne von meinen Kindern die unterschiedlichsten Reaktionen auf schwere Kleidung oder Decken. Die einen bevorzugen leichte und luftige Kleidung allgemein, aber die Decken müssen schwer sein. Zum Teil packen sie sich selbstständig so fest in die zum Teil sehr schweren Decken ein, dass es an pucken erinnert. Die anderen tragen sehr feste und auch schwere Jacken.
Sie tun es aus sich heraus.

Bei der „Norm“-Bevölkerung hat wohl noch niemand ernsthaft überlegt, warum er/sie gewisse Kleidung präferiert (Gewicht, leicht oder schwer) oder warum er/sie unter bestimmten Decken besser schläft.

Ich möchte allerdings einen Aspekt nicht außer Acht lassen

Das ist eine Befürchtung, die ich auch oben schon anmerkte.
Natürlich gibt es übergriffige Lehrkräfte, die solch ein Hilfsmittel ausnutzen könnten.
Es werden wohl in der Regel genau jene sein, die ansonsten die Eltern zu Medikamenten drängen.
Oh, kennen das die Empörer etwa nicht? Das Eltern von der Schule (Schulform unabhängig) zur Medikamentengabe gedrängt werden?

Aber sollten wir deswegen ein zielführendes Hilfsmittel verteufeln?

Verteufelt eigentlich jemand Kapselgehörschutz, der an manchen Schulen im Klassensatz vorhanden ist?
Und wie viele Dinge aus der Ergotherapie werden mittlerweile ganz gewöhnlich in Schulen zur freien Nutzung angeboten, siehe

Wir reden hier übrigens nicht davon, dass unser Schulsystem hochgradig reformbedürftig ist, das übrigens schon seit Jahrzehnten. Oder darüber, dass selbstverständlich erstmal nach der Ursache geschaut werden muss, warum das Kind unruhig ist.

Aber therapeutische Hilfsmittel bzw. Hilfsmittel allgemein dürfen Kinder auch während des Schulunterrichtes nutzen. Man denke an Orthesen, Brillen, Stehständer, Aktivrollis, Gehhilfen usw. usf.

Ich wünsche mir in der Debatte etwas Differenzierung.
Ich wünsche mir in der Debatte etwas Ruhe.
Und ich wünsche mir, dass Kinder auf sie persönliche zugeschnittene Hilfsmittel nutzen dürfen. Und das es geachtet wird, wenn Schulen bei der Anschaffung von Hilfsmitteln (diese Westen sind nicht günstig) die Eltern unterstützen.

Ach ja, noch etwas wünsche ich mir. Dass all jene, die sich gerade so empört zeigen, sich ebenso lautstark zu Wort melden, wenn es um Therapien wie ABA (die zT durch Schulbegleitungen im Unterricht angewandt werden und zu denen einige Lehrkräfte Schulungen durchlaufen haben) geht.
Mit dem Wunsch bin ich übrigens nicht allein.

Wenn Ihr als Eltern im Rahmen der Inklusion mit Methoden in Kontakt kommt, die Euch seltsam vorkommen, dann ist hinterfragen vollkommen in Ordnung. Sprecht mit den Eltern oder  den Kindern. Aber verurteilt nicht einfach, ohne genau hingesehen zu haben.

Und wenn was schief läuft, dann können wir Eltern behinderter Kinder übrigens gut Unterstützung gebrauchen. Seien es Angebote die zu Lasten des Kindes gehen und die nicht mit den Eltern abgesprochen/abgeklärt sind (bitte erst mit den Eltern sprechen, das ist wichtig) und Verweigerung von Hilfsmitteln und/oder Schulbegleitungen.

 

Nachtrag vom 11.01.2018

Die Kinder- und Jugendärzte im Netz haben eine Stellungnahme zu den Sandwesten verfasst die von der Presse dankend aufgenommen wurde.
Und dort wird mehrfach darauf verwiesen, dass es ja keine Studien zu den Westen gäbe.

Wer aber zu „schweren Decken“ und deep pressure touch stimulation (DPTS) googelt wird schnell feststellen, dass es durchaus schon Studien gibt, die die positive Wirkung bestätigen.

Ruhe ist also immer noch nicht in der Diskussion eingekehrt und informiert haben sich ebenso wenige Menschen.
Sehr schade.

Nachtrag vom 12.01.2018

ADHS – Deutschland e.V. hat einen lesenwerte Stellungnahme zu den Sandwesten verfasst.

Reicht es nicht, dass einzelne Kinder, ihre Eltern und Lehrer sie als hilfreich wahrnehmen? Ein solcher Konsens ist doch eine hinreichende Grundlage zur Nutzung von Sandwesten im Unterricht, mehr braucht es dazu nicht.

Was wir jedoch auf keinen Fall brauchen ist eine weitere ideologische Diskussion, die eine einzelne Maßnahme, mag sie nun sinnvoll sein oder nicht, gegen all die Bedingungen unseres Schulsystems und unserer Gesellschaft ausspielt.

Diesem Fazit möchte ich mich aus vollem Herzen anschließen.

Kooperationsbereitschaft

Dieses Wort begegnet Eltern behinderter Kinder immer wieder.

Kooperation

Kooperation (lateinisch: cooperatio ‚Zusammenwirkung‘, ‚Mitwirkung‘) ist das zweckgerichtete Zusammenwirken von Handlungen zweier oder mehrerer Lebewesen, Personen oder Systeme, in Arbeitsteilung, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen

Genauso oft wird unterstellt, dass Eltern behinderter Kinder nicht bereit wären, kooperationsbereit zu sein.

Anders jedenfalls kann ich es mir nicht erklären, warum praktisch jede Stelle die Bereitschaft zur Kooperation so übermäßig betont.
Vor allem, wenn wir auf einen Missstand hinweisen und um Abhilfe bitten.

Wir bekommen zu hören, dass wir doch erst einmal

  • alle Seiten betrachten sollen
  • die Intention der Gegenseite bedenken möchten
  • unser Kind nicht in Watte packen sollen
  • das Kind auch mal fernab der Behinderung sehen sollen
  • Vertrauen haben mögen
  • kooperationsbereit sein sollen

Es wird unterstellt, dass wir Eltern dies alles nicht betrachtet hätten und vollkommen unrealistisch eine Situation einschätzen würden. Das wir zu viel vom Gegenüber erwarten und nicht an einer Zusammenarbeit interessiert wären.

Das ich als Mutter nicht zu 100% objektiv bin bzw. sein kann liegt in der Natur der Sache. Aber ich unterstelle eben diesen Fakt auch Lehrkräften und anderen beteiligten Personen.

Nach etlichen Entwicklungsgesprächen, Förderplanbesprechungen und dutzenden von Hilfeplangesprächen (mit vier Kindern generell , mit autistischen Kindern besonders kommt da schon ein erkleckliche Zahl zusammen) habe ich allerdings den Eindruck gewonnen, dass gerade Eltern behinderter Kinder zu allererst eingenordet werden müssen von den Gesprächspartnern.

So habe ich mehr als nur einmal den Satz zu hören bekommen

Achten Sie bitte darauf, ihrem Kind Vertrauen in unsere Arbeit zu vermitteln. Nicht dass das Kind den Eindruck gewinnt, dass sie grundsätzlich anderer Ansicht sind als wir.

Stehe ich als Mutter bzw. wir Eltern behinderter Kinder unter einer Art Generalverdacht?

Ähnlich ergeht es Eltern gemobbter Kinder. Nicht nur deren Kindern wird vermittelt, dass sie alles falsch verstehen. Nein auch den unterstützenden Eltern wird leider allzu oft die Kompetenz über die Wahrnehmung der Sachlage abgesprochen.

Gibt es da ein Naturgesetz, dass hier Anwendung findet und dass nur Außenstehenden erklärt wurde? Entschuldigt bitte meinen Sarkasmus, aber es fällt mir schwer an diesem Punkt die Contenance zu wahren.

Ich vermisse bei solchen Gesprächen die Augenhöhe.

Ich vermisse das Entgegenkommen, dass von mir eingefordert wird.

Stattdessen habe ich den Eindruck, dass ich mich erstmal beweisen muss. Das ich es überhaupt Wert bin, dass man mit mir in einen Dialog treten kann.

Wenn ich an die ersten Monate nach der Diagnose unseres Ältesten zurückdenke, wie Fachleute mich mit Fachvokabular „erschlagen“ haben und mir den Eindruck vermittelten dass ich absolut keine Ahnung darüber habe was mit meinem Kind los ist, bekomme ich immer noch Schweißausbrüche.

Nach siebeneinhalb Jahren kenne ich deren Vokabular und deren Gesprächsführungstechniken auswendig. Denn quasi jede neue Person, die uns beraten möchte, nutzt dieselben Wege und Worte.

Durch all diese Gespräche habe ich gelernt, sehr vorsichtig zu sein.
Zuviel Emotionalität ist nicht förderlich für solche Gespräche, denn sie wird einem zu oft als Nachteil ausgelegt.
Zuviel Distanziertheit wird als Desinteresse oder Kälte gewertet.
Hier immer die richtige Balance zu finden ist schwer. Denn es geht immer um meine Kinder, deren Rechte ich nach Außen vertrete und vertreten muss.

Nur sehr selten erlebe ich diese glücklichen Momente, wo die Wahrnehmung von/über Geschehnissen meines Kindes und mir einfach ernst genommen werden.

Ich hätte da mal eine Bitte an jene die solche Gespräche führen:

  • geben Sie uns Eltern doch erstmal einen Vertrauensvorschuss
  • gehen Sie doch bitte zu allererst davon aus, dass wir mit Ihnen zusammenarbeiten wollen
  • das wir zusammen mit Ihnen das Beste für das Kind erreichen wollen
  • das wir NICHT grundsätzlich Ihnen in Ihre Arbeit reinpfuschen wollen sondern gerade bei unseren behinderten Kindern nach Lösungswegen suchen und diese eben nicht im Schema F zu finden sind
  • das wir kooperationsbereit sind

Und nehmen Sie uns so ernst, wie Sie ernst genommen werden wollen.

Wenn ein Text Gefühle oder den Gerechtigkeitssinn anspricht…

… und arbeiten an diesem Text sehr, sehr schwierig wird.

Es ist ein Effekt den ich schon erlebt habe.

Mal ein paar Beispiele?

In Klasse 10 wurde von Morton RhueGive a boy a gun“ gelesen.

Ein Buch über Mobbing, Hierarchie innerhalb eines Klassenverbandes und allem an schrecklichen Folgen, was man sich denken kann.

Für unseren Sohn war der Text unerträglich. Er konnte das Buch schlicht nicht bearbeiten.

In Klasse 5 wurde von Louis SacharLöcher. Die Geheimnisse von Green Lake“ gelesen.

Eine Erzählung über ein Erziehungscamp, ungerechte Behandlung durch die Aufseher.

Die dort auftretenden Ungerechtigkeiten machten damals das Buch schwer erträglich für unseren Sohn und später auch für unsere Tochter. Beide haben unterschiedliche Knackpunkte an der Geschichte als sehr schwierig erlebt.

In Klasse 4 wurde von Otti Pfeiffer „Nelly wartet auf den Frieden“ gelesen.

Ein Buch über die Erlebnisse eines Grundschulkindes, dass bei Kriegsende 1945 13 Jahre alt ist, literarisch festgehalten.

Hier war es nicht der Inhalt des Buches, der die Bearbeitung für unsere Tochter schwierig machte, sondern die Reaktionen der Mitschüler.

In Klasse 5 ein Kurztext über einen Jungen, der sich nicht traut vom 10 Meterbrett zu springen. Mitschüler hänseln ihn mit den Worten „Feigling, Feigling“.

Unser Jüngster kann sich nicht mehr auf die Aufgabe konzentrieren (einsetzen wechselnder Personalpronomen) da er die Ungerechtigkeit, fehlende Fairness der erwähnten Mitschüler nicht ertragen konnte.

In Klasse 9 wurde von Friedrich Schiller „Die Räuber“ gelesen.

Der Bruderzwist und die schwierigen Vater Sohn Beziehungen, sowie die Romanze (gekennzeichnet von Lug und Trug) machten es unserer Tochter sehr schwer den ohnehin nicht leichten Text zu bearbeiten.

In all diesen Texten werden starke Gefühle beschrieben oder Ungerechtigkeiten thematisiert.

Alle meine vier autistischen Kinder haben immer wieder große Probleme mit solchen Texten. Nicht selten kommt es zu Blockaden, die eine Weiterarbeit massiv erschweren oder verunmöglichen.

Jetzt könnte man ja sagen „das sind doch nur literarische Texte, wieso ist das gerade für Deine Kinder solch ein Problem“.

Das Problem ist, dass meine Kinder ganz genau spüren, dass da was schief läuft.
Das sie das sofort ändern möchten.
Das sie für Gerechtigkeit sorgen wollen.
Das sie hochgradig empathisch auf diese Texte reagieren.

Wie bereits in dem sehr guten Artikel von Meerigelstern „Autisten haben doch keine Empathie, oder?“ beschrieben, verfügen Autisten über ein sehr hohes Maß an Empathie.

Das kann so weit gehen, dass mich diese Beschäftigung mit dem Problem anderer Menschen so sehr mitnimmt, dass ich deren Gefühle dann selbst erlebe, dass ich aus dem Grübeln, wie ich denn helfen könnte, gar nicht mehr raus komme und dann an meine Grenzen gehe oder diese auch komplett überschreite, ohne das selbst gleich zu bemerken. Das ist dann sehr anstrengend, denn ich bin dann richtig erschöpft, brauche Auszeiten, Ruhe und irgendetwas, was mein Denken dazu abstellt. Funktioniert aber nicht immer.

Und ich bin nicht die einzige, die bei ihren Kinder erlebt, wie sehr diese mit den Geschichten mitschwingen.

Wenn meine Kinder mir zurückmelden, was an der Lektüre sie massiv beschäftigt, besteht die Möglichkeit über den Text und die darin beschriebenen Personen und deren Verhalten zu sprechen.
Manchmal ist weitergehende Literatur notwendig.

Was für diese Gespräche unheimlich wichtig ist, ist Ruhe und Zeit sowie Verständnis für die entwickelten Gefühle der Kinder.
Diese sind für sie vollkommen real.

Dieser Effekt tritt übrigens auch auf, wenn die Kinder Filme ansehen.

Leider kommen ihre Reaktionen oft zeitverzögert, da sie erstmal versuchen selbstständig mit dem gelesenen / gesehenen zurechtzukommen.

Wenn dies im privaten Rahmen geschieht ist es nicht weiter tragisch. Oft strahlen sie nur massive Unruhe aus, bis sie dann endlich mitteilen können was sie gerade beschäftigt.

Im schulischen Kontext ist das schwieriger, denn da gibt es ja einen engen, festgelegten Zeitrahmen in dem die Lektüre zu bearbeiten ist.

Von Lehrkräften kommt als Rückmeldung leider oft nur, dass das Kind die Arbeit verweigert und es kommt schon detektivischer Kleinstarbeit gleich, herauszufinden was gerade nicht passt.
Auch kann sich solch eine Blockade über mehrere Fächer erstrecken, weil sich gerade jeglich Kompensationskraft auf dieses eine Thema ausrichtet.

Ich habe lernen müssen, dass es sinnvoll ist, sich zeitnah auch als Eltern mit den Ganzschriften der Kinder zu beschäftigen um im Thema zu sein, wenn das Kind beginnt Fragen zu stellen oder über das Buch zu „schimpfen“.

Denn Lehrkräfte können das nur in geringem Maße auffangen und je nach Lektüre sind die Mitschüler nicht die geeigneten Mitdiskutanten um sich über Ungerechtigkeiten oder „merkwürdige“ Gefühle auszutauschen und diese verstehen zu lernen.