Behandlungswahn vs. Akzeptanz

Der Weg bis zur Diagnostik ist of lang. Die Diagnostik selber ist nicht nur für die Kinder sehr belastend. Und Außenstehende geben in dieser Zeit sehr viele (meist ungefragt) Ratschläge an die Eltern, wie sie die Kinder funktionabel bekommen können.
Gerade, wenn die Kinder sehr klein sind, fühlen sich viele berufen hier zu helfen.

Es wird den Eltern oft unterstellt, dass die Erziehung mangelhaft sei. Dies hinterlässt ein hohes Maß an Verunsicherung.

Wenn dann endlich die Diagnose Autismus Spektrum da ist, kommen die nächsten Menschen, die für alles eine Lösung haben.

Da gibt es jene, die den Eltern erklären, dass der Autismus durch Impfungen ausgelöst wurde. Was absolut falsch ist. Die Bloggerin Butterblumenland hat in ihrem Rant gegen die Impfgegner dazu Stellung genommen.

Andere erklären einem, dass man mit Homöopathie das Kind wieder auf Spur bringen kann. Was ebenfalls in den Bereich Märchen und Fabeln einzuordnen ist. Hierzu noch zwei lesenswerte Artikel: Homöopathie allgemein und Homöopathie bei Autismus.

Dann gibt es jene, die meinen mit Chlorbleiche könnte man den Autismus wegätzen. Auf dem Blog dasfotobus gibt es eine hervorragende Sammlung von Artikeln zu dieser Thematik.

Und dann kommen jene, die erklären, dass das Kind nur eine besondere Diät benötige. Gluten und Laktose seien Auslöser von Autismus. Auch dies ist falsch. Es werden Labore empfohlen die sehr weit weg sind und super teuer. Von Opiodbildung wird gesprochen und es wird Angst aufgebaut.
Klar, es gibt Eltern, die Zöliakie haben und ja, wenn dies in der Familie vorkommt ist es sinnvoll dies auch beim Arzt testen zu lassen. Und ja, wenn der Kinderarzt es rundweg ablehnt dies zu überprüfen sollte man sich einen anderen Arzt suchen.
Aber aus diesen Fällen eine Regel abzuleiten ist einfach falsch. Ebenso ist es falsch, die bereits verunsicherten Eltern in Angst und Schrecken zu versetzen.

Der Markt, auf dem Produkte für GF/CF-Diäten angeboten werden, ist sehr lukrativ. Ebenso jener der Nahrungsergänzungsmittel oder Mikronährstoffe.
Es geht zu 99,9% darum Geld zu verdienen. Denn die Produkte sind sehr teuer und die Wirkung ist nicht bewiesen.
Auch die Empfehlungen, wie vorzugehen sei, sind sehr abenteuerlich. Es wird meist nicht von einem Arzt begleitet. Die Erfolge werden „nur“ von den Eltern protokolliert.

Und dann gibt es noch die hochintensiven und manipulatorischen Therapien wie zB ABA.

Von Ärzten verschriebene Medikamente können in Einzelfällen, vor allem wenn eine Kombination mit ADS / ADHS vorliegt, helfen. Allerdings sollte der Arzt sehr erfahren sein und wissen, dass Autisten sehr oft paradox reagieren. In dem Buch von Ludger Tebartz van Elst „Das Asperger-Sydrom im Erwachsenenalter“ ab Seite 264 gibt es viele Informationen zu der Thematik.

Natürlich suchen Eltern nach Entlastung für ihre Kinder. Selbstverständlich möchten sie ihren Kindern ermöglichen stressfrei aufzuwachsen und sich nach ihren Möglichkeiten zu entwickeln und zu lernen.

Das sie mit all den oben genannten „Möglichkeiten“ nur an Symptomen herumexperimentieren ist ihnen nur in den seltensten Fällen klar. Sie investieren sehr viel Geld und noch mehr Zeit und Kraft. Und verlieren den Blick für ihr Kind.
Und sie vermitteln dem autistischen Kind, dass es so, wie es ist, nicht korrekt sei. Sondern nur eine Anhäufung von Störungen, die es zu beseitigen gilt.

Selbstakzeptanz ist wichtig.

Akzeptanz durch die Eltern ist es ebenso.
Das dürfen wir Eltern nicht aus den Augen verlieren.

Wir müssen uns dafür einsetzen, dass die Bedürfnisse der autistischen Kinder im Vordergrund stehen und uns nicht vom Reparaturbedürfnis anderer leiten lassen und in einen Behandlungswahn verfallen.

Es ist nur Autismus II – bleiben Sie ruhig

Es wird viel darüber gestritten, was für Kinder besser ist. Ob es nun die Diagnose im Kleinkindalter ist oder erst als Jugendlicher oder man es besser ganz vermeidet dem Kind einen „Stempel“ aufzudrücken.

Generell ist der Weg der Diagnostik sehr langwierig, zeitraubend und nervenaufreibend. Also nichts, was man „mal eben“ nebenher machen würde.

Ich bin dafür, dass eine Diagnose so früh als möglich gestellt wird. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die Eltern dann nicht mit der Diagnose „einfach so“ nach Hause geschickt werden, sondern unterstützt werden. Aber niemals unter dem Gesichtspunkt, dass das Kind mit hoch manipulativen Therapien zum „Nicht“Autisten gedrillt wird (was übrigens gar nicht möglich ist!). Es geht darum, dass das Kind früh merkt „Ich bin anders, aber nicht falsch – ich werde so angenommen wie ich bin“.

Dies ist, ob der tief verankerten Klischees in der Gesellschaft zu Autismus, zwingend notwendig. Denn, es ist egal in welchem Alter die Diagnose gestellt wird, es gibt nur wenig wirkliche Unterstützung und viele Rattenfänger die hoch manipulative oder gar unsinnige „Therapien“ und anderen Unsinn verkaufen.

Man sollte nie unterschätzen, was (z.T. recht unsensible Diagnostiker) anrichten, wenn sie den Eltern die Diagnose in die Hand drücken und ihnen sagen „da bestehen wenig Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben“, oOder alternativ „da müssen sie jetzt sehr konsequent schauen, dass das Kind erlernt, so normal wie möglich zu funktionieren, sonst wird das nie was“. Das sind keine realistischen und zum Teil sogar falsche Aussagen. Denn niemand hat eine Glaskugel und kann die Zukunft voraussagen.

Was wäre denn, wenn Eltern unterstützend auf dem Weg begleitet würden, zu lernen:

  • was tut dem Kind gut
  • was verunsichert es
  • wie finden wir Lösungen für die Momente, wo es problematisch ist / können wir Auslöser beseitigen oder zumindest reduzieren
  • wie können wir dem Kind helfen, seine Umwelt zu verstehen
  • wie überfordern wir das Kind nicht mit Informationen
  • an welcher Stelle können wir das Kind entlasten
  • wie geht lernen einfacher

….. (die Liste ist nur ein Anfang 🙂 )

Ausschlaggebende Faktoren sind ZEIT und Ruhe.

Vieles geht langsamer und vor allem anders. Deswegen ist es aber nicht falsch.

Und das ist überhaupt das Wichtigste.

Ein autistisches Kind ist nicht falsch. Es ist Autist.

Kein Kind ist dafür geboren worden, die Wünsche und Bedürfnisse seiner Eltern zu „befriedigen“.

Es bedarf der Liebe, der Zuwendung, der Unterstützung und dem Verständnis über seinen Autismus!