Die Grenze der Kompensationfähigkeit

Meine Kinder sind autistisch.
Sie sind sogenannte gut kompensierende AutistInnen.
Soll heißen das sie einige der großen Problematiken, die im Autismus begründet sind, für einen größeren oder kleineren Zeitraum mit Kompensation überbrücken können.
Aber diese Leistung kostet immens Kraft und Anstrengung, die an anderer Stelle fehlt.

Ich habe gestern einen sehr lesenswerten Blogbeitrag von Sarinijha gelesen, der das Problem gut beschreibt.

Sie hat quasi das vorgelebt, was Jugend- und Sozialämter immer als Ziel von Kindern und Jugendlichen im Autismusspektrum einfordern.
Leben, Lernen, Studieren und Arbeiten ohne zu zeigen, dass sie autistisch sind.

Mir haben zahlreiche Menschen Komplimente gemacht, weil ich nicht wie eine Autistin auf sie wirke. Ich habe gelächelt und mich gefreut, weil genau das mein Ziel war; ich hielt es für erstrebenswert ein Chamäleon zu sein. Das wurde zum Sinn meines Lebens. Mit Hilfe des Chamäleonkostüms konnte ich sein wie meine Kommilitonen. Doch das war ein Trugschluss. Durch das Kostüm habe ich nicht nur verhindert ich selbst zu sein, sondern habe dadurch auch suggeriert, dass ich keine Hilfe brauche. Obwohl ich in vielen Situationen sehrwohl auf Hilfe angewiesen wäre.

 

Dieses und andere Ziele werden in HilfePlanGesprächen (HPG) festgelegt. Unter anderem, wenn man Therapien oder Schulbegleitung über das Sozial- oder Jugendamt für sein autistisches Kind erhält.

Jahrelang hatten wir einen guten Anbieter für Schulbegleitung, dessen Mitarbeiter in erster Linie das Kind und seine Problematiken im Vordergrund sahen und die das Kind langsam in die Lage versetzten kleine Unterziele zu erreichen. Das diese verlässlich und in einem großen Zeitrahmen erhalten blieben lag ausschließlich an der stetigen und verlässlichen Unterstützung durch die Schulbegleiter. Leider hat dieser Anbieter aufgegeben.
Zum neuen Anbieter konnten wir anfänglich unsere alte Schulbegleitung mitnehmen aber zum Sommer wollte diese sich leider beruflich verändern.

Nun begann das neue Schuljahr an der neuen Schule mit einer neuen Schulbegleitung.

Sehr viel neues für ein zehnjähriges Kind. Für ein autistisches Kind durchaus eine große Hürde.

Wir besprachen mit der neuen Schulbegleitung viel, wiesen mehrfach darauf hin, wie wichtig gerade in den ersten Wochen eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unserem Kind ist, damit er ausreichend Zeit hat und in Ruhe ankommen kann.

Schließlich brauchte er ja seine ganze Kraft um mit dem vollkommen anderen Schulsystem, den neuen Lehrkräften und vor allem mit den anderen Kindern zurechtkommen zu lernen.

Wir sagten klar, dass die neue Schulbegleitung dafür da sei, ihm den Schutzraum zu ermöglichen, damit er bei Miss(T)verständnissen in der sozialen Kommunikation nicht alleine ist.

Aber die neue Schulbegleitung setzte auf Einhaltung von Regeln und des Erreichens der Ziele aus dem letzten HPG.
Sie bemühte sich nicht um den Aufbau einer Vertrauensbasis.

So kam es in den letzten Wochen zu mehreren Overloads in der Schule mit Weglauftendenzen. Und jeder Overload war schlimmer als der vorhergehende. Unser Sohn ging weit über seine Grenzen hinaus um sich dem Einfluss der Schulbegleitung zu entziehen. Aber durch die angespannte Grundstimmung war alles weg, was er jemals an Grundlagen für soziale Kommunikation gelernt hat. Er konnte es nicht mehr abrufen.

Es zeigt sich also ganz klar, dass ein forsches Voranschreiten einer Schulbegleitung oder eines Coaches nicht dazu führt, dass AutistInnen schneller ohne Hilfe zurechtkommen, sondern dass es zu massiven Rückschritten kommen kann.

Wenn die Grenzen der Belastbarkeit und der Kompensationsfähigkeit überschritten sind, dann ist es schlicht ein Zuviel an Forderung.

Im schlimmsten Fall bewirkt ein solches Vorgehen, dass AutistInnen ernsthaft psychisch und/oder physisch erkranken.

Manchmal ist es sinnvoller, sich von jemandem zu trennen.

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Als verkappter Behinderter auf der Regelschule

Ein Bericht einer spätdiagnostizierten Autistin über Regelschule die sie

trotz fehlender Hilfen

schaffte, mit ihrem Autismus. 🙂

Diesen Satz möchte ich wirklich gerne hervorheben.

Semilocon

Ich sagte im letzten Reblog, dass ich darüber schreiben wollte, dass früher unerkannt Behinderte ganz normal auf Regelschulen waren und dort auch überlebten. Stichwort ist hier tatsächlich „überleben“, denn eine angenehme Erfahrung war dies oft für keinen unmittelbar Betroffenen, einschließlich der Lehrer und Eltern.
Inklusion an der Schule wird oft in Frage gestellt mit dem Argument, dass behinderte Kinder nicht so viel leisten könnten wie normale Kinder, was an sich nicht stimmt. Ein Kind, das sich mit einem Rollstuhl fortbewegt, ist nicht notwendigerweise dadurch auch geistig eingeschränkt. Umgekehrt können auch Lernbehinderte mit der richtigen Förderung viel erreichen. Des weiteren wurde keiner meiner Mitschüler schlechter in Mathe, nur weil ich schlecht in Mathe war.
So können autistische Schüler normalerweise durchaus gute Leistungen in Regelschulen erbringen. Der Beweis sind die zigtausenden unerkannten und als Kind undiagnostizierten Autisten, die ihre Schulzeit an Regelschulen verbrachten, denn Autismus ist eine „unsichtbare“ Behinderung, die teilweise erst…

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Es gibt kein richtiges ABA im falschen Weltbild

Es ist nicht die Therapie, die das Miteinander erträglich gestaltet oder formt.

Es ist die Akzeptanz und der Wille, die Anerkenntnis, dass das Gegenüber anders „funktioniert“.

Man keinen Menschen so formen, dass er in das Weltbild des Gegenübers exakt reinpasst, außer man bricht ihn.

Semilocon

Gerade geht auf Twitter wieder die Diskussion, wie ABA nicht gut ist und die Gegenseite sagt wieder mehr oder weniger anerkennend, dass ABA tatsächlich Mist ist, aber ohne Strafen geht es ja noch und ugh….

Eigentlich ja schon etwas beleidigend, dass den ABA-Kritikern regelmäßig so flach gegenargumentiert wird. Da will man mal tiefschürfende Dialoge haben und dann kommt nur die Verteidigung, „na, es ist ja ohne Strafen“ *. Das ist nicht die Kritik.

Beziehungsweise ist es Teil der Kritik, aber es geht viel tiefer. Wir Autisten (und die Eltern natürlich), die ABA ablehnen, finden das dahinterliegende Weltbild unfassbar zynisch und verletzend. Denn ABA geht, in jeder präsentierten Form, davon aus, dass der Autist mit seinem So-Sein gleich schon mal irgend etwas falsch macht. Er kommuniziert nicht korrekt, sie fühlt nicht korrekt, er reagiert nicht korrekt.

Das ist natürlich, wenn man Autisten kennt oder eine Autistin ist, totaler Blödsinn. Denn…

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Beschulung von Autisten in Deutschland

Ein autistisches Kind in Deutschland beschulen zu lassen ist schwierig.
Ob nun
InklusivIntegrativFörderschule bzw. mit Förderschwerpunkt.

Dies ist vielen Faktoren geschuldet.

Das Unwissen über Autismus bzw. einem Wissen dass durch Klischees geprägt ist einer. Überzogene Vorstellungen was ein autistisches Kind leisten kann und wie man es therapeutisch auf Spur bringen kann und die hohe Erwartungshaltung von einigen Lehrkräften (Schulform unabhängig!) sind ein weiterer Faktor. Desweiteren trägt die zum Teil richtig schlechte Unterstützung durch Sozial-, Jugend- und Schulämter dazu bei.

Gestern abend habe ich zwei Artikel in der Süddeutschen Zeitung zu Autisten in deutschen Schulen gelesen, ergänzt mit einem Interview der Vorsitzenden von Autismus Deutschland. Sie verweist auf eine Umfrage deren Ergebnisse hier nachzulesen sind.

Eine Information über diese Umfrage wurden den Eltern zu Teil, die im Bundesverband Mitglied sind oder deren Kind in einem Autismus Therapie Zentrum (kurz ATZ) angebunden ist.

Ich habe mich an dieser Umfrage nicht beteiligt, da sie meines Erachtens die Anonymität der autistischen SchülerInnen nicht gewährleistete. So fehlen z.B. meine vier autistischen Kinder in dieser stichprobenhaften Erhebung und damit auch die unterschiedlichen Erfahrungen die sie und wir als Familie gemacht haben.

Und ich denke nicht, dass ich die einzige Mutter bzw. das einzige Elter bin, dass so gehandelt hat.

Auch ist nicht erkenntlich, ob es sich um aktuelle Fälle handelt oder um Fälle aus den letzten 10~20 Jahren.

Der verlinkte Artikel spricht viele wichtige Punkte an. So zum Beispiel:

  • fehlende fachliche Ausbildung von Schulbegleitungen und ein klares Aufgabengebiet.
  • fehlende Nachteilsausgleiche
  • mangelnde Informationen über die Möglichkeiten in einzelnen Bundesländern
  • keine einheitliche Ausgestaltung der Möglichkeiten bundesweit
  • fehlender Hausunterricht bzw. der Zuständigkeitswirrwarr, die Bewilligung eines zu kurzen Zeitraumes und der Lehrermangel, der diesen verunmöglicht

Aber dies sind keine neuen Fakten.

Jeder, der sich länger mit der Thematik beschäftigt hat, weiß um exakt diese Probleme und diese bestehen nicht erst, seit es Inklusion gibt.

Das Problem der Schulausschlüsse zieht sich durch alle Schulformen.

Es der Inklusion anzulasten ist nicht korrekt.

Es wurden viele Dinge abgefragt:

Folgendes wurde abgefragt:
1. Bundesland,
2. Klassenstufe,
3. Diagnose,
4. Schulform,
5. ob die Beschulung integrativ erfolgt,
6. ob es einen Integrationshelfer gibt,
7. ob es in dem Bundesland einen rechtlich verankerten  Förderschwerpunkt Autismus gibt,
8. ob es bei dem Kind sonderpädagogischen Förderbedarf gibt und wenn ja welchen,
9. ob es Zeiten gab, wo das Kind von der Schule ausgeschlossen war,
10. Hort- und Ferienbetreuung,
11. Nachteilsausgleich,
12. „Was Sie uns sonst noch mitteilen möchten“.

Was mir klar fehlt ist das Alter des autistischen Kindes bei Diagnosestellung! Und wie lange der Zeitraum war, bis es zu einer Diagnose kam.

Denn dies ist erheblich um die Gründe für einen Schulausschluss zweifelsfrei dem Autismus zuordnen zu können oder ob er sich nur aus den durch fehlende Diagnose entstandenen Schwierigkeiten ergeben hat. Ob es also aufgrund fehlender Hilfen und Unwissenheit geschah oder grundsätzlich am Autismus festzumachen ist.
Und nur so kann eingeordnet werden, warum z.B. Nachteilsausgleiche nicht gewährt werden.

Ich möchte nochmals betonen, wie wichtig es ist Nachteilsausgleiche schriftlich zu beantragen und von der Schule bestätigen zu lassen.

Mit keinem Wort erwähnt dieser Bericht die qualitativ doch sehr abweichenden Arbeitsweisen der einzelnen ATZ, verweist aber auf diese.

Ein ATZ was ABA bzw. AVT oder daran anglehnte Therapien nutzt, wird solche Arbeitsweisen und die dadurch zu erreichenden Ziele auch an Lehrkräfte weitergeben.
Autismus Deutschland hat sich immer noch nicht von ABA distanziert und dies geächtet.
Im Gegenteil, die Vorsitzende von Autismus Deutschland hat mit einer glühenden Verfechterin von ABA gemeinschaftlich an einem Fachgespräch der AG Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zum Thema „Autismusversorgung stärken“ teilgenommen.
Der offene Brief von uns an Herrn Hüppe wurde bis heute übrigens nicht von ihm beantwortet. Ob er wohl den Eindruck gewonnen hat, dass es sich nur um vereinzelte Stimmen handelt deren Worte kaum Gewicht haben? Da er ja bereits mit „dem Organ“ (welches Autismus Deutschland definitiv NICHT ist) der AutistInnen in Deutschland gesprochen hat? Wurde unsere Kritik relativiert oder gar diskreditiert? Unwahrscheinlich ist dies leider nicht, wie dieser Artikel zeigt.
Autismus Deutschland legitimiert diese Therapie immer noch. Trotz aller Proteste von AutistInnen Welt weit.

Es ist hohe Zeit, dass Autismus Deutschland endlich auf die guten Impulse aus engagierten Regionalverbänden achtet und sich klar positioniert.

Auch fehlt in dem Bericht ganz klar der Hinweis, wie wichtig es ist mit erwachsenen AutistInnen in Kontakt zu treten. Diese waren autistische Kinder und haben Schule erlebt. Diese können direkte Hinweise geben, was einem autistischen Kind helfen kann. Autismus Deutschland hat aber diesbezüglich ein großes Problem. Viel zu oft sprechen sie AutistInnen ab, für sich selber eintreten zu können.
Die Aktion „Wir sind Autismus“ aus 2014 (hier weitere Texte von dasFotobus und von Innerwelt die klare Kritik üben) zeigte dieses Problem bereits auf und seit dem hat sich leider wenig getan.

AutistInnen haben es sehr schwer Gehör im Bundesverband zu finden.

Ich bin zwar sehr erfreut, dass mit Birke Opitz-Kittel nun endlich eine Autistin dem Vorstand von Autismus Deutschland angehört und sie hat meine volle Unterstützung. Auch und gerade weil sie diesen Vorstoß gestartet hat:

Mir persönlich ist es wichtig, dass Autisten mitreden und nicht über sich bestimmen lassen. Das ist meine Motivation für meine Teilhabe im Bundesvorstand von autismus Deutschland e.V. Wenn ihr, liebe Autisten, euch vorstellen könnt im Vorstand eurer Region mitzuarbeiten, dann freue ich mich über eine PN. Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Bedingungen für eine Mitarbeit angepasst werden und als Ansprechpartnerin für die einzelnen Regionalverbände da sein.

Hier ihr Facebookpost zu ihrem Vorstoß.
Er zeigt aber auch, wie viel Arbeit noch zu tun ist, damit dieser Verein endlich tut was er mit seinem Namen suggeriert.

AutistInnen eine Stimme zu geben und diese für sich selber sprechen zu lassen. Ihnen vollumfängliche Teilhabe zu gewähren sollte die oberste Pflicht dieses Vereines sein.

Birke Opitz-Kittel sagt klar:

Solange dies nicht von Autismus Deutschland akzeptiert wird sage ich klar:

 

Schule hat begonnen – es ist anstrengend aber schön!

Mein Kleinster, der gestern seinen ersten Tag an der weiterführenden Schule hatte, sagte

„Endlich wieder Schule,schön dass es los geht!“

und ich schrieb gestern nachmittag

Gestern war der große Tag, Einschulungsfeier an der weiterführenden Schule für unseren Jüngsten. Und sie war toll. Er nahm sämtliche Eindrücke auf, die Musikvorführung, das Theaterstück, die Reden; einfach alles.Danach ging es für alle in den Klassenraum (unser Jüngster da bereits begleitet von der neuen Schulbegleitung).

Es zahlte sich gestern aus, dass er bereits in den Ferien nochmal das Gelände und das Gebäude angesehen hatte und somit eine gewisse Orientierung vorhanden war. Er konnte seine Konzentration in größerem Maße auf Mitschüler und Lehrkräfte ausrichten und musste diese nicht vordringlich auf örtliche Gegebenheiten verschwenden. Er schaffte es sogar, sich ein Stück Kuchen vollkommen alleine zu kaufen.
Zu Hause war dann allerdings die Erschöpfung stark zu spüren.
Verstärkt hat es sich, als dann die Geschwister wieder heim kamen.
Vier AutistInnen, die alle voll waren mit neuen Eindrücken, neuen Stundenplänen und leider zum Teil auch mit (großen) Enttäuschungen.

Hier zu Hause platzte alles auf einmal raus. Alle gleichzeitig.
Es ist anstrengend.
Da gibt es nichts drumrum zu reden und es fordert von uns Eltern viel. Und es gelingt auch uns nicht immer, adäquat zu reagieren.

Nein, das wird keine Jammertirade.

Denn ich bin trotz aller Erschöpfung unendlich stolz auf meine Kinder.

  • Das sie den komplett neuen Alltag ausgehalten haben.
  • Das sie ihre Konzentration dort genutzt haben, wo sie notwendig war um möglichst viele Informationen mitnehmen zu können
  • Das sie die geballte Masse Menschen und die neuen Lehrer ausgehalten haben

Ja, meine Kinder können viel kompensieren.
Aber all ihre Kompensationskraft ist nicht unendlich.

Bei aller Erschöpfung, die ich gestern spürte und die heute noch nicht verschwunden ist, versuche ich mir bewusst vor Augen zu führen, was dieser (neue) Alltag meine Kinder an Kraft kostet mit all seinen „Kleinigkeiten“ und das dieses „rausplatzen“ wichtig ist oder eben der Rückzug. Dass sie die Gelegenheit erhalten den Druck abzubauen. Und das ist wichtig, dass wir Eltern uns das immer wieder vor Augen führen. Sonst geraten wir schnell in eine Erwartungshaltung, die die Kinder nicht erfüllen können. Wir können nicht erwarten, dass sie zu Hause nach einem anstrengenden Schultag auch noch perfekt funktionieren. An der Art des Druckabbaus zu arbeiten ist sinnvoll. Aber auch da gilt immer, mit dem Kind nach Strategien suchen und nicht gegen das Kind arbeiten.

Am besten ging es tatsächlich unserem Kleinsten, weil er dank Schulbegleitung viele Dinge direkt besprechen konnte. Dass er seine Nöte und Fragen direkt stellen konnte und es sich nicht aufsummiert.

Diesen Unterschied der Verarbeitung kann ich hier täglich beobachten. Ob eins meiner Kinder allein durch den Alltag mit all seinen Miss(T)verständnissen durch muss, oder einen direkten Ansprechpartner hat, macht einen riesigen Unterschied.

Es werden noch sehr anstrengende Tage und Wochen für die gesamte Familie werden, jetzt wo die Schule wieder läuft, bis sich alles eingespielt hat und sich Routinen um die neuen Strukturen gebildet haben.
Wenn ich auf die Zeit vor der Diagnose des Ältesten zurückschaue kann ich allerdings klare Veränderungen feststellen. Vieles läuft heute besser als all die Jahre zuvor, weil aufgrund Bekanntgabe der Diagnosen einige Schwierigkeiten vermindert werden konnten.
So können meine Kinder heute tatsächlich hingehen und mitteilen, dass sie gerade etwas nicht ertragen können und einen Moment Ruhe benötigen um dann wieder in den Unterricht einsteigen zu können, ohne dass ihnen Vorhaltungen gemacht werden. Das gibt wieder Kapazität für Kompensation.
Das Nachteilsausgleiche von der neuen Lehrerschaft tatsächlich als Ausgleich von Nachteilen anerkannt wird, ist ein weiterer wichtiger Baustein.

Durch viele Kleinigkeiten kann ein gutes Umfeld für ein autistisches Kind erarbeitet/gebaut werden.

Autismus und Klassenfahrten, geht das?

Die einfachste und beste Antwort wäre Ja.
Die einfachste und schlechteste Antwort wäre Nein.

Am Montag las ich einen Blogbeitrag, in dem es eigentlich nur um eine Klassenreise eines behinderten Kindes ging und wie mit Suggestivfragen das Kind dazu bewogen wurde, diese Reise nicht mitmachen zu wollen.

In einem Kommentar stand dann, dass es gut wäre, wenn ein autistisches Kind nicht mit auf solch eine Reise muss. Das ist grundsätzlich richtig, denn:

Die Frage ist halt, wer die Entscheidung trifft und warum die Entscheidung getroffen wird.

Wir haben Klassenfahrten mit und ohne Diagnose erlebt, aber immer mit Autismus.

Viele Klassenfahrten waren die reinsten Katastrophen, weil wir einfach nicht wussten, was da genau schief läuft. Das jeweilige Kind kam vollkommen fertig von der Fahrt zurück. Die Reaktionen waren Rückzug, Overloads und Meltdowns. Nur das wir damals nicht wussten, was es war. Dementsprechend konnten wir den diversesten Vorwürfen von einigen Lehrkräften auch nicht entgegentreten, geschweige denn Vorsorge treffen.

Dann kam die Diagnose des Ältesten und je mehr wir über Autismus lernten um so mehr verstanden wir auch die Systematiken und Auslöser und konnten unterstützend eingreifen.

Jetzt könnte man ja sagen, „Du hast ja hochfunktionale Autisten als Kinder, Du kannst ja gar nicht mitreden….“ aber das trifft es nicht. Mein Jüngster geht nicht ohne Grund seit dem ersten Schuljahr vollzeitbegleitet zur Schule und konnte schon oft, weil die Schulbegleitung erkrankt war, gar nicht zur Schule. Weil es ohne Schulbegleitung schlicht nicht möglich ist. Er reagiert massiv auf Veränderungen jeglicher Art die nicht abgefedert werden.

Die Grundschule, die er bis zu den Sommerferien besuchte, unterrichtet jahrgangsübergreifend Klasse eins bis vier. Und als er im dritten Schuljahr war, wurde das Projekt Schulreise entworfen. Ihr habt richtig gelesen. Die komplette Schule wollte zusammen für drei Tage auf Schulfahrt gehen. Vom Erstklässler bis zum Viertklässler. So eine Situation hatten wir noch nie und mir war ehrlicherweise Angst und Bange zu Mute. Kenne ich doch seine Weglauftendenzen bei absoluter Überforderung und was sonst noch geschieht, wenn er in einen Overload gerät.

Aber ich konnte ja mittlerweile auf Erfahrungen zurückgreifen.

Schließlich gab es ja nun die Diagnose und die Erfahrungen der Klassenfahrten der älteren Geschwister nach Diagnosestellung, wo mit den Lehrkräften Dinge auf dem „kurzen Dienstweg“ besprochen wurden, die diese einhielten, und ich Kinder nach der Fahrt abholen durfte, die endlich auch über was anderes als Stress, Chaos, Unordnung und Überforderung berichten konnte. Meinen Großen hat es unendlich gut getan, zu erleben, dass man um etwas bitten darf um es leichter zu haben.

Also habe ich erstmal für mich eine Liste der Dinge erstellt, die dem Jüngsten sehr schwer fallen oder mit denen er nur sehr schlecht umgehen kann. Dann habe ich bei den Lehrkräften nachgefragt, wie das Programm genau aussehen soll, denn auf reinen Befürchtungen kann man kein tragfähiges Konzept ausarbeiten. Ich habe meine Liste gegengecheckt und mit der Schulbegleitung gesprochen, wie man Dinge lösen kann. Der Antrag beim Jugendamt, eine vollumfängliche Begleitung für die Klassenfahrt, brachte viel Arbeit und Ärger mit sich, aber ihm wurde letztendlich entsprochen. Die dann folgenden Gespräche mit der Lehrkraft und der Schulbegleitung waren wieder anstrengend, aber wir konnten einen Plan erarbeiten.

Und erst nachdem wir alle diese Dinge besprochen haben, haben wir immer mal wieder mit unserem Jüngsten gesprochen. Wir haben Regeln und Ausweichpläne mit ihm zusammen erstellt. Er war konnte sich sicher sein, dass er alles mitmachen darf aber nicht muss. Besonders die letzten Wochen vor der Schulfahrt, als in den Klassen die genaueren Pläne für die Fahrt besprochen wurden und alle Kinder rappelig wurden, kamen viele Fragen von ihm.
Und diese haben wir dann beantwortet. Zum Teil deckten sie sich mit meiner Checkliste und zum Teil hatte er ganz andere Befürchtungen. Aber hier wurde ganz genau auf ihn eingegangen. Und auch während der Fahrt, als sich neue Dinge auftaten die nicht einkalkuliert waren, fanden sich durch die Schulbegleitung und die Lehrkräfte Lösungswege.

Als er zurückkam war er stolz und glücklich. Er hat teilhaben können an der Schulfahrt. Hatte seine Rückzugsorte, jemand der ihm Halt gab und schöne Erlebnisse. Er hat erleben dürfen, wie echte Teilhabe und Inklusion auch auf einer Klassenfahrt möglich sind.

Und darum geht es mir, ein autistisches Kind kann durchaus mit auf Klassenfahrt, wenn man die entsprechenden Voraussetzungen schafft.

Inklusion, Förderschule, Halo-Effekt und andere Merkwürdigkeiten

Das ich für vollumfängliche Inklusion bin, ist bekannt.
Genauso wie die Bloggerin Butterblumenland und die beiden Bloggerinnen von Zwischen Inklusion und Nixklusion. Auch auf dem Blog Inklusionsfakten findet man viel zum Thema.

Gestern las ich einen Blogbeitrag über Förderplanung und schrieb diesen Tweet

Wenn in der Förderplanung an einer Förderschule es für die Sonderpädagogin wichtiger ist, dass der/die SchülerIn Spülen und Abtrocknen lernt, weil das für eine eventuelle Wohngruppe von Bedeutung sein könnte, als das Fertigkeiten im Bereich Mathematik geübt werden, läuft was falsch. Es ist für mich nicht von Bedeutung, um welche Klassenstufe es geht und ob es „nur“ um Grundrechenarten oder um weiterführende Mathematik geht. Mathematik ist wichtig und diese zu lehren gehört zu den primären Aufgaben einer Schule. Spülen und Abtrocknen ist auch wichtig, gehört aber als alltagspraktische Fähigkeit primär ins Elternhaus.

In der Diskussion rund um meinem Tweet hörte ich zum ersten Mal vom Halo-Effekt. Es gibt also einen Namen für mein diffuses Gefühl, dass manche Menschen nur aufgrund einer Behinderung, eines Namens oder des Aussehens anderen Menschen grundsätzlich weniger zutrauen und z.B. Lehrer, Jugendamtsmitarbeiter oder Berater vom Arbeitsamt dann auch schlechter bewerten oder mehr Bedenken bezüglich der Berufswahl oder der Selbstständigkeit oder oder oder haben.

Einzelne Eigenschaften einer Person (z. B. Attraktivität, Behinderung, sozialer Status) erzeugen einen positiven oder negativen Eindruck, der die weitere Wahrnehmung der Person „überstrahlt“ und so den Gesamteindruck unverhältnismäßig beeinflusst. Ein typisches Beispiel für einen Halo-Effekt ist, wenn ein Lehrer die Leistungen eines gut aussehenden und freundlichen Schülers höher bewertet als sie es objektiv im Vergleich mit anderen Schülern sind.

 

Hier findet ihr den erwähnten Podcast (ab Minute 6, englisch)

Der Gedanke, dass wenn die Behinderung vorher bekannt gewesen wäre, jede Verhaltensweise und jeder Ausspruch anders gewichtet worden wäre, ist nicht von der Hand zu weisen.

Als Inklusionsbefürworter bekommt man ja oft zu hören, dass die man die Behinderung des Kindes nicht annehmen würde und Sonderpädagogen aufgrund ihrer Fachlichkeit einen besseren Blick auf das Kind hätten. Tja, dem steht der Halo-Effekt entgegen. Auch haben einige Sonderpädagogen resigniert und möchten „wohlmeinend“ auf eine Zukunft in einer Werkstatt für behinderte Menschen vorbereiten. Weil sie wissen dass es sehr viel Energie, Kraft und Ausdauer benötigt um verkrustete Strukturen zu durchbrechen. Aber anstatt hier unterstützend den behinderten Schülern und deren Eltern zur Seite zu stehen, haben anscheinend einige schlicht aufgegeben.

Ich bin Raul Krauthausen sehr dankbar für diesen Text.

5 Fragen, die ihr euch, Freunden und den zuständigen Ämtern stellen könnt:

  • Gibt es in eurem Umfeld inklusive Schulkonzepte?
  • Welche inklusiven Möglichkeiten gibt es für Arbeitnehmer mit den verschiedensten Behinderungen?
  • Gibt es barrierefreie Wohnungen? Gibt es Wohnkonzepte für Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderungen, die nicht alleine leben können/wollen? Welche Finanzierungen gibt es für barrierefreie Wohnungen und inklusive Wohnkonzepte?
  • Wie sieht die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel aus? Ist auch Menschen mit Behinderungen die Teilhabe am öffentlichen Leben vollständig möglich?
  • Sind Freizeitgestaltungsmöglichkeiten barrierefrei?

Einige Fragen, die mir in diesem Zusammenhang zusätzlich wichtig sind:

Wie viele Eltern wissen eigentlich wirklich, welche Möglichkeiten es für ihre behinderten Kinder nach der Schule gibt?
Wie viele Eltern haben sich schon mal mit dem persönlichen Budget auseinandergesetzt?
http://www.einfach-teilhaben.de/DE/StdS/Finanz_Leistungen/Pers_Budget/pers_budget_node.html
Wie viele Eltern engagieren sich selber oder unterstützen zumindest Projekte für alternative Wohnformen für behinderte Menschen oder haben sich schon mal mit Grundsicherung und dem Bundesteilhabegesetz auseinandergesetzt? Der Blog ElerbeKi ist ein gutes Beispiel für Engagement.

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Dinge allen Eltern bekannt sind. Und ich bin mir weiter nicht sicher, ob Eltern von Förderschulen in diesen Punkten gut beraten werden. Zu oft habe ich den Eindruck, dass Eltern dahingehend beraten werden, dass Unterbringung in Wohngruppen (vom selben Träger wie die Förderschule) und Arbeit in einer WfbM (vom selben Träger wie die Förderschule) der einzig akzeptable Weg sei.
Das es sich somit um Wohlfahrtsindustrie und ein sich selbst erhaltendes System handelt.
Es ist für mich deutlich spürbar, wenn Eltern Nachteilsausgleiche für ihre Kinder beantragen und sich dann so etwas anhören müssen
„also nach der Schule gibt es sowas ja auch nicht mehr“.

Eine der „Merkwürdigkeiten“ in Diskussionen zu Inklusion, die Politiker liebend gerne aufgenommen haben, ist das Elternwahlrecht der Schulungsform.
Dass dies in der UNBRK nicht erwähnt ist und sich auch nicht ableiten lässt, wird ignoriert. Es wird sich lieber auf eine nicht korrekte Übersetzung berufen.

Wer die Schattenübersetzung noch nicht kennt, sollte hier unbedingt nachlesen.

(1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel,

Und hier (auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung) gibt es eine sehr gute Gegenüberstellung der amtlichen deutschen Übersetzung, der Schattenübersetzung und der englischen Originalfassung.

Bild anklicken zum Vergrößern

Hans Wocken hat hier (in einem sehr ausführlichen Text) gut erläutert, warum das Elternwahlrecht in der von Inklusionsgegnern und Politikern kein gutes ist und welche Voraussetzungen er an ein Elternwahlrecht hat. Für diesen langen und ausführlichen Text spreche ich eine absolute Leseempfehlung aus!

In einer früheren Abhandlung (Wocken 2014)
habe ich vier Kriterien genannt, die ein bedingungsloses, wirklich „ehrliches“ Elternwahlrecht erfüllen sollte:
Selbstbestimmung, Allgemeingültigkeit, Nachhaltigkeit und Umfänglichkeit. Ein „ehrliches“ Elternwahlrecht
-ist nicht nur ein Wunschrecht, sondern ein Entscheidungsrecht der Eltern;
-gilt für alle Eltern, nicht allein für die Eltern behinderter Kinder;
-respektiert die elterliche Entscheidung ohne Vorbehalt und ohne zeitliche Befristung;
-eröffnet alle Wahlmöglichkeiten und darf nicht auf
bestimmte Schulformen und -arten beschränkt werden.

Anstatt die bestehenden Formen von Inklusion zu kritisieren sollten viel mehr Menschen daran mitarbeiten, dass es endlich eine funktionierende Inklusion gibt. Das Fotobus hat hier mal einige Anregungen zusammengefasst.

Kämpft für die Inklusion, wie sie sein sollte und funktionieren kann!
Denn Inklusion ist es erst dann, wenn für jedes Kind die Mittel und Möglichkeiten da sind, dass es teilhaben kann wie jedes andere Kind!