ABA (Applied Behaviour Analysis) soll eine Frühförderung sein, oder etwa doch nicht?

Zumindest wird ABA bzw. AVT (wie es in Deutschland nun öfter genannt wird, weil ABA ja aufgrund Lovaas einen „negativen Touch“ hätte) so beworben.
Eine (nicht vollständige) Übersicht der immer wieder fallenden, unterschiedlichen Namen habe ich ja bereits hier erwähnt.

Nun hat ja die Aktion Mensch dankenswerter Weise die Förderung von ABA eingestellt.
Noch mal Danke, dass unsere Kritik ernstgenommen wurde.

Doch zum Thema Frühförderung zurück. Das IFA in Bremen bewirbt ja das

„Bremer Frühtherapieprogramm Autismus (BFA)“

entstanden aus BET, welches auf EIBI basiert.

Dieses soll gemäß Website bis spätestens zum 5. Lebensjahr einsetzen und hochintensiv 30-40 Stunden/Woche durchgeführt werden.

Frühförderung, bis zu einem Alter von 5 Jahren einsetzend. Darüber, wie lange Frühförderung im einzelnen dauern soll, finde ich leider nichts genaues. Allgemein gelten für die Frühförderung aber folgende Regelungen.

In den Kommentaren bei Aktion Mensch habe ich allerdings mit Schrecken gesehen, wie lange ABA (ja, auch in dieser hohen Intensität von 20 ~ 40 Stunden, bzw. über die gesamte Wachzeit) eingesetzt wird.

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Wir sprechen also bei dieser Frühförderung von Zeiträumen zwischen 3 und 12 Jahren.
Für mein Empfinden kann hier maximal das Wort Förderung fallen.
Denn ein 16jähriger ist weit aus dem Bereich der Frühförderung raus.
Wenn man die Kommentare aufmerksam liest, war auch ein autistisches Kind dabei, wo die Therapie erst mit 11 Jahren startete. Und dass die Förderung eines non-verbalen Autisten auch anders funktionieren kann, kann man eindrucksvoll auf dem Blog von Silke Bauerfeind nachlesen.

Mir stellt sich bei ABA die Frage, wie das mit der propagierten Selbstständigkeit funktioniert bzw. ob es im Falle eines Abbruchs oder des Auschleichens nicht erst zu massiven Rückschritten kommt, die dann doch wieder mit Medikamenten behandelt werden oder eben mit lebenslanger „Therapie“.
Wohlgemerkt Therapie und nicht Unterstützung!
Es braucht schon sehr viel Willen und Energie des autistischen Menschen, diesen Kreislauf zu durchbrechen.
Nur, ist dieser dann noch vorhanden?

Ich habe mit großen Interesse das Buch von Arthur und Carly Fleischmann gelesen. Ich suchte dann Carly Fleischmann in den sozialen Medien. Fand aber auch einen Bericht, der mir sehr weh tat (hier und hier nachzulesen). Ja, ich kann die Verzweiflung von Eltern verstehen. Beim lesen des Buches habe ich so viele Situationen wiedererkannt. Denn nein, mit hochfunktionellen autistischen Kindern ist auch wenig einfach. Und nur, weil ich nicht dauernd die Probleme nach vorne stelle, heißt das nicht, dass wir nicht auch Probleme haben!
Was ich aber nicht verstehe, warum der „Normalisierungs“-Wille bei einigen Eltern so ausgeprägt ist.
Ist es für das autistische Kind nicht zielführender, dass es sich angenommen fühlt und an es geglaubt wird?

Wie ich mir Förderung vorstelle, habe ich hier schon beschrieben. Das diese selbstverständlich ein besseres Fundament bietet, wenn sie früh einsetzt; darüber müssen wir nicht diskutieren.

Aber die Automie des Menschen steht dabei immer im Vordergrund.
Selbstständigkeit, selbstständige Entscheidungen und das hervorheben der Stärken sind immens wichtig.

Es wurde schon des öfteren über die Wirtschaftlichkeit von Therapien, besonders wenn sie auf den einzelnen autistischen Menschen zugeschnitten sind, debattiert. Aber kann man nun behaupten, dass ABA wirtschaftlicher sei als herkömmliche Ergotherapie oder Logopädie? Ist eine Spiel- oder Kunsttherapie wirklich nicht zielführend?

Fragen über Fragen, die mir noch kein Befürworter schlüssig beantworten konnte.

 

Nachtrag 09.02.17:

Nicht das jemand meint, es wären vereinzelte Stimmen, die von jahrelanger ABA-„Behandlung“ sprächen, hier noch ein lesenswerter Beitrag.

Wie geht das denn nun…

„wie förderst Du Deine Kinder, wenn Du ABA so vehement ablehnst. Tust Du gar nichts?“

So, oder ähnlich werde ich häufig gefragt, wenn ich dazu Stellung nehme, dass ich ABA ablehne.

Es klingt immer der Unterton mit, als ob ich nicht willens wäre meine Kinder zu fördern oder gar zu fordern.
Als ob es mir egal wäre, was aus meinen Kindern wird.

Mir ist nicht ganz klar, warum dies geschieht. Womit dieser Umkehrschluss begründet sein könnte. Schließlich gibt es durchaus gute Möglichkeiten für autistische Kinder Förderung zu bekommen.

Ergotherapie

hier kann ein guter Therapeut mit vielen unterschiedlichen Materialien Angebote schaffen (ohne Druck und Drill) um Probleme in der Handlungsplanung und Konzentration anzugehen.

Logopädie

ist ein weiterer Baustein, mit dem autistische Kinder gute Förderung erlangen können.

Wichtig hierbei ist allerdings, dass nicht nur auf etwaige Sprachfehler geachtet wird sondern auch auf die autismusspezifischen Probleme mit Sprache, Kommunikation allgemein und auf der sozialen Ebene im Speziellen.

Ein hilfreiches Buch ist hierbei „Autismus und Sprache von Melanie Eberhardt“.

Gebärdensprache ist ein weiterer Baustein, den man in Betracht ziehen kann. Silke Bauerfeind alias Ella hat dazu einen eindrücklichen Beitrag geschrieben, der an Beispielen aus ihrem Alltag mit ihrem Kind gut beschreibt, was möglich ist.

Wer gerne Informationen zu Unterstützter Kommunikation haben möchte, ist hier gut aufgehoben.

Kommunikation ist mehr als Sprechen

Unterstützte Kommunikation (UK) muss die individuelle Art zu kommunizieren nicht ersetzen, sondern kann sie ergänzen und unterstützen. Dabei können Rituale und Routinen einen sozialen Rahmen bieten, der zur Kommunikation anregt und motiviert. Durch den Einsatz von Gebärden, Objekten, grafischen Symbolen oder technischen Hilfen kann die Kommunikation im Alltag intensiviert und verbessert werden.

Unterstützte Kommunikation darf man allerdings nicht mit gestützter Kommunikation (FC = Facilitated Communication) verwechseln oder gar gleich setzen.

Und im Alltag?
Da versuche ich so normal als irgend möglich auf meine Kinder einzugehen.
Klare Sprache bzw. eindeutige Sprache ist hier ein Baustein. Mal ein Beispiel:
Anstatt „Kannst Du mir bitte die Butter geben“ ist es zielführender „Gibst Du mir die Butter bitte“ zu sagen.
Manche mögen diese Sprache als unhöflich empfinden, weil ihnen da gewisse Floskeln fehlen.
Aber ist sie das wirklich? Ich empfinde diese Form von Sprache als genauer, konkreter und weniger missverständlich da die Aufforderung klar ausgesprochen wird.

Wenn Dinge mit Vehemenz abgelehnt werden lohnt sich der genaue Blick auf die komplette Gegebenheit.
Liegt es zum Beispiel beim Einkaufen daran, dass es im Geschäft laut und unübersichtlich ist? Das Neonröhren ein grelles, weißes Licht haben was im schlechtesten Fall noch flackert?
Oder eventuell bei der Fahrt im Bus an der Masse an Gerüchen, die man dort wahrnehmen kann. Vielleicht ist es dort auch nur die massive Enge, wenn der Bus voll ist und es dauernd zu unbeabsichtigten Berührungen von anderen kommt.
Will das Kind sich nur nicht anziehen (lassen) oder liegt es vielleicht doch am Kleidungsstück.
Warum ist der Toilettengang oder das Zähneputzen solch ein Problem? Beim Toilettengang kann es gut möglich sein, dass die Toilette selber das Problem oder das Töpfchen einfach sehr unangenehm ist.
Und beim Zähneputzen ist es die Zahnpasta, die einen sehr unangenehmen Geschmack hat oder die Zahnbürste die Reize erzeugt die mit Schmerzen einhergehen.
Will das Kind nur nicht die Haare gekämmt bekommen, oder empfindet es Berührungen auf der Kopfhaut als schmerzhaft. Lohnt sich da nicht, es einfach mit anderen Bürsten zu probieren?

Denn, und das darf man nicht außer Acht lassen, wenn bei solchen Kleinigkeiten es immer wieder zu Schwierigkeiten, unangenehmen Empfindungen oder gar Schmerzen kommt und dies täglich geschieht, dann sinkt die Reizschwelle. Die ganze Zeit ist das Kind in „Hab Acht Stellung“ und erwartet die nächste „Zumutung“. Also ein recht aufgeregter Zustand.

Wenn ich aber fördern und fordern möchte muss ich ERST dafür sorgen, dass ein ausgeglichener Zustand angestrebt wird.

So kann auch ein/e TherapeutIn oder Lehrerin sehr gut sein, aber das Kind nicht erreichen, weil sie oder er ein sehr aufdringliches Parfüm trägt. Oder im Therapieraum ein unterschwelliges Rauschen oder Brummen von zum Beispiel der Heizung kommt.

Dann liegt aber das auslösende Problem nicht beim Kind.

Dies wird aber sehr oft vollkommen außer Acht gelassen.

Und ansonsten möchte ich hier nochmal auf einen sehr guten Blogpost von Aleksander Knauerhase verweisen, der im letzten Absatz schreibt

Ich halte es für sehr sinnvoll einem Autisten das Leben im Alltag zu erleichtern. Man sollte dies nur über einen Lernprozess ermöglichen damit der Autist auch versteht warum er sich anders verhalten soll. Ein Prozess der unter Umstände länger dauert, aber letztendlich einen nachhaltigeren Effekt haben wird. Und, das ist mir persönlich das wichtigste an diesem Lernprozess, der Autist wird sich weit weniger verbiegen und gegen sich und seine Bedürfnisse arbeiten und damit auch wesentlich zufriedener sein. Daher meine Bitte an alle Eltern und Therapeuten: Erklärt Autisten die nichtautistische Welt! Lasst Ihnen Zeit sie zu verstehen. Helft ihnen dabei sich in der Gesellschaft zurecht zu finden. Aber eben nicht mit vorgegebenen Verhaltensweisen oder Regeln, lasst sie lernen! Ihr werdet sehen: Es lohnt sich!

Gebt Euren Kindern Raum zum Lernen. Sie müssen nicht funktionieren, sondern verstehen.