Kooperationsbereitschaft

Dieses Wort begegnet Eltern behinderter Kinder immer wieder.

Kooperation

Kooperation (lateinisch: cooperatio ‚Zusammenwirkung‘, ‚Mitwirkung‘) ist das zweckgerichtete Zusammenwirken von Handlungen zweier oder mehrerer Lebewesen, Personen oder Systeme, in Arbeitsteilung, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen

Genauso oft wird unterstellt, dass Eltern behinderter Kinder nicht bereit wären, kooperationsbereit zu sein.

Anders jedenfalls kann ich es mir nicht erklären, warum praktisch jede Stelle die Bereitschaft zur Kooperation so übermäßig betont.
Vor allem, wenn wir auf einen Missstand hinweisen und um Abhilfe bitten.

Wir bekommen zu hören, dass wir doch erst einmal

  • alle Seiten betrachten sollen
  • die Intention der Gegenseite bedenken möchten
  • unser Kind nicht in Watte packen sollen
  • das Kind auch mal fernab der Behinderung sehen sollen
  • Vertrauen haben mögen
  • kooperationsbereit sein sollen

Es wird unterstellt, dass wir Eltern dies alles nicht betrachtet hätten und vollkommen unrealistisch eine Situation einschätzen würden. Das wir zu viel vom Gegenüber erwarten und nicht an einer Zusammenarbeit interessiert wären.

Das ich als Mutter nicht zu 100% objektiv bin bzw. sein kann liegt in der Natur der Sache. Aber ich unterstelle eben diesen Fakt auch Lehrkräften und anderen beteiligten Personen.

Nach etlichen Entwicklungsgesprächen, Förderplanbesprechungen und dutzenden von Hilfeplangesprächen (mit vier Kindern generell , mit autistischen Kindern besonders kommt da schon ein erkleckliche Zahl zusammen) habe ich allerdings den Eindruck gewonnen, dass gerade Eltern behinderter Kinder zu allererst eingenordet werden müssen von den Gesprächspartnern.

So habe ich mehr als nur einmal den Satz zu hören bekommen

Achten Sie bitte darauf, ihrem Kind Vertrauen in unsere Arbeit zu vermitteln. Nicht dass das Kind den Eindruck gewinnt, dass sie grundsätzlich anderer Ansicht sind als wir.

Stehe ich als Mutter bzw. wir Eltern behinderter Kinder unter einer Art Generalverdacht?

Ähnlich ergeht es Eltern gemobbter Kinder. Nicht nur deren Kindern wird vermittelt, dass sie alles falsch verstehen. Nein auch den unterstützenden Eltern wird leider allzu oft die Kompetenz über die Wahrnehmung der Sachlage abgesprochen.

Gibt es da ein Naturgesetz, dass hier Anwendung findet und dass nur Außenstehenden erklärt wurde? Entschuldigt bitte meinen Sarkasmus, aber es fällt mir schwer an diesem Punkt die Contenance zu wahren.

Ich vermisse bei solchen Gesprächen die Augenhöhe.

Ich vermisse das Entgegenkommen, dass von mir eingefordert wird.

Stattdessen habe ich den Eindruck, dass ich mich erstmal beweisen muss. Das ich es überhaupt Wert bin, dass man mit mir in einen Dialog treten kann.

Wenn ich an die ersten Monate nach der Diagnose unseres Ältesten zurückdenke, wie Fachleute mich mit Fachvokabular „erschlagen“ haben und mir den Eindruck vermittelten dass ich absolut keine Ahnung darüber habe was mit meinem Kind los ist, bekomme ich immer noch Schweißausbrüche.

Nach siebeneinhalb Jahren kenne ich deren Vokabular und deren Gesprächsführungstechniken auswendig. Denn quasi jede neue Person, die uns beraten möchte, nutzt dieselben Wege und Worte.

Durch all diese Gespräche habe ich gelernt, sehr vorsichtig zu sein.
Zuviel Emotionalität ist nicht förderlich für solche Gespräche, denn sie wird einem zu oft als Nachteil ausgelegt.
Zuviel Distanziertheit wird als Desinteresse oder Kälte gewertet.
Hier immer die richtige Balance zu finden ist schwer. Denn es geht immer um meine Kinder, deren Rechte ich nach Außen vertrete und vertreten muss.

Nur sehr selten erlebe ich diese glücklichen Momente, wo die Wahrnehmung von/über Geschehnissen meines Kindes und mir einfach ernst genommen werden.

Ich hätte da mal eine Bitte an jene die solche Gespräche führen:

  • geben Sie uns Eltern doch erstmal einen Vertrauensvorschuss
  • gehen Sie doch bitte zu allererst davon aus, dass wir mit Ihnen zusammenarbeiten wollen
  • das wir zusammen mit Ihnen das Beste für das Kind erreichen wollen
  • das wir NICHT grundsätzlich Ihnen in Ihre Arbeit reinpfuschen wollen sondern gerade bei unseren behinderten Kindern nach Lösungswegen suchen und diese eben nicht im Schema F zu finden sind
  • das wir kooperationsbereit sind

Und nehmen Sie uns so ernst, wie Sie ernst genommen werden wollen.

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15 Kommentare zu „Kooperationsbereitschaft“

  1. Hallo, jetzt muss ich mal fragen…was mache ich als Schulbegleitung, wenn ich feststelle dass die Eltern nicht mit mir zusammenarbeiten wollen, weil sie glauben zu wissen was das BESTE für ihr Kind sei? Das macht es auch nicht leicht!!

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    1. Nach meiner Erfahrung hilft nur das ergebnisoffene Gespräch inklusive Situationsanalyse.

      Mal ein Beispiel, das Kind hat Probleme mit der Handlungsplanung. Eltern und auch Schulbegleitung haben unterschiedliche Ansätze, wie man dies „beheben“ bzw. unterstützend eingreifen kann.

      Schlecht ist, wenn jeder seinen Ansatz durchsetzen will, ohne mit dem Gegenüber gesprochen zu haben.

      Gut ist, wenn Schulbegleitung, Eltern und auch Lehrer sich einen gemeinschaftlichen Weg überlegen.

      Dieser kann, darf und sollte im Zweifel sogar von dem abweichen was für die Peer-Group gilt.

      Konkret gesagt, die Lehrerschaft wünscht sich, dass Hausaufgaben mit bzw. unter dem Zieldatum (zu wann diese zu erledigen sind) im Hausaufgabenheft notiert werden. Für viele Schüler stellt dies kein Problem dar. Für mein autistisches Kind hingegen schon.
      Die Lehrerschaft möchte es einheitlich haben.
      Die Schulbegleitung möchte die Regeln der Schule durchsetzen.
      Die Eltern sehen, dass das Kind die Aufgaben nicht mehr im Blick hat und deswegen mit allen Arbeiten in Verzug gerät. Aufgrund der Verunsicherung und den ständigen Ermahnungen setzt sich eine Spirale in Gang, die von der einfachen Überforderung in den Overload führt und schlussendlich in Arbeitsverweigerung enden kann.

      Warum da nicht nach einem gangbaren Weg für das Kind suchen?

      Ich sprach von Augenhöhe und Gesprächen ohne Vorverurteilung und Vorurteilen.
      So, wie ich zuhören möchte, möchte ich auch gehört werden. Dies gestehe ich auch meinem Gegenüber zu.

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      1. Zitat :

        „Hallo, jetzt muss ich mal fragen…was mache ich als Schulbegleitung, wenn ich feststelle dass die Eltern nicht mit mir zusammenarbeiten wollen, weil sie glauben zu wissen was das BESTE für ihr Kind sei? Das macht es auch nicht leicht!!“

        Ich verstehe die Frage nicht. Wo liegt denn der Konflikt ? Eltern lehnen ja nicht Zusammenarbeit ab , weil sie wissen , was das Beste für das Kind ist . Um eine Zusammenarbeit abzulehnen müssten dann ja verschiedene Vorstellungen vom Besten vorliegen. Was das Beste ist , kann man aus der Ferne und ohne zu wissen , um was es geht , nicht beurteilen.
        Es gibt jedoch den schönen Satz “ Eltern sind die Fachleute für ihr Kind „, mit so einer Einstellung ist viel gewonnen im Dialog , vorausgesetzt , es wird sich auf dem Fachwissen der Eltern nicht ausgeruht und eigene Handlungsstrategien entwickelt. Die kann man dann mit den Eltern reflektieren und im günstigen Fall sind die Strategien dann übereinstimmend.

        Gefällt 1 Person

      2. Danke, dass ist genau das was ich mir vorstellen kann, einen guten Weg für das Kind finden. Nur bin ich da ein wenig auf verlorenem Posten, die Schule sieht das etwas anders. Es fehlen aber auch Mittel um den Kindern die Hilfe zuteil kommen zu lassen die sie brauchen.

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  2. Hallo und herzlichen Dank für diesen Beitrag. Ich unterstelle mal, dass alle Mamas das allerbeste für ihr Kind wollen und wir Eltern mit besonderen Herausforderungen ja sowieso. Warum man uns nicht als Experten behandelt, sondern unsere Meinung oft abwertet oder in in Frage stellt ist mir auch ein Rätsel. Es macht uns das Leben nur noch schwerer als es sowieso schon ist.

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