Ihr regt mich auf mit Eurer Relativiererei – ein Rant

Es ist passiert. In Deutschland hat eine Mutter ihren autistischen Sohn und ihren Mann umgebracht und ist an ihrem Selbstmord gescheitert.

Ein weiterer Eintrag für das  Autism Memorial,
einer von hunderten.

Ganz „lapidar“ ist in der staatsanwaltschaftlichen Pressemitteilung zu lesen

Ob der wohl an einer autistischen Störung leidende Sohn der Familie…..

 

Es ist nicht auszuschließen, dass das Motiv in der Belastung durch die Erkrankung des Sohnes lag.

diese beiden Formulierungen erregen (nicht nur) meinen Unmut. Denn die Presse übernimmt diese Pressemitteilung genau so und damit wird der Mord an einem Autisten nach meinem Empfinden in den Hintergrund gedrängt.

Einige, die sich an diesen Worten stören wenden sich an Osthessen News und weisen darauf hin, dass diese Wortwahl stark verharmlosend wirkt und dadurch dem Opfer eine Schuld zugeschoben wird.

Mela Eckenfels hat dazu einen einen offenen Brief veröffentlicht.

Mit dieser Formulierung sitzen Sie dem Sterotyp auf, dass das Leben eines behinderten Menschen weniger wert wäre, als das eines nicht-behinderten. Dass die Belastung für Eltern unterträglich hoch sei und daher Morde aus diesem Grund irgendwie verständlich.

Ihrem Brief schließe ich mich übrigens vollumfänglich an.

Ich habe bereits im November 2016 gefragt

Mord ist nicht gesellschaftsfähig – oder doch? Oder darf man bei behinderten Menschen zumindest relativieren?

Und komm mir nun bloß nicht einer, dass ich doch Verständnis mit der Mutter/den Eltern haben muss. (Leider passiert aber gerade genau das, andere Eltern sehen nur das „Leid“ und die Belastung der Täterin.)

Das habe ich nicht. Nicht, weil ich deren Belastung nicht sehe oder ihnen abspreche, dass sie belastet wären oder sie nicht belastet sein dürften. Nein.

Für mich steht der tote Autist im Vordergrund, denn

Alles andere halte ich für unredlich.

Was die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bringen werden, wir werden sehen.

Aber grundsätzlich sehe ich es so

Gerade wir Eltern autistischer Kinder sollten uns vor Augen führen, dass wenn wir der Mutter / den Eltern mehr Aufmerksamkeit schenken als dem toten (ermordeten) Autisten, wir gleichzeitig auch unsere Kinder in die zweite Reihe zurückdrängen.
Und auch, wenn vieles für uns als Eltern unerträglich scheint, viele von uns aufgrund der schweren und oft auch unmöglichen Situationen verzweifeln und dadurch erkranken (siehe Hamburg, wo ein 18jähriger Autist um sein Recht auf adäquate Beschulung und einen adäquaten Abschluss kämpft) es geht nicht um uns Eltern bzw. es geht um uns Eltern immer nur in zweiter Linie.

Es geht um jedes einzelne autistische Kind, jede/n einzelne/n AutistIn
Um sein/ihr Lebensrecht.
Um seine/ihre Würde.
Um sein/ihr Menschenrecht.

Da gibt es keine Diskussionsgrundlage von meiner Seite aus.

Für mich gilt der einfache Grundsatz, Mord ist Mord.
Es gibt keine Entschuldigung.

Und an erster Stelle steht immer das ermordete Opfer und NICHT der Täter/die Täterin.

 

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Mord ist nicht gesellschaftsfähig – oder doch? Oder darf man bei behinderten Menschen zumindest relativieren?

Es gab gestern eine sehr heftige Diskussion auf Twitter, die mich am Verstand einiger Menschen zweifeln lässt. Vor allem an deren Fähigkeit zur Reflektion.

Ausgangspunkt war der dieser Tweet

Daraufhin hagelte es Vorwürfe gegen alle, die diesen Tweet weitergaben. Die hier den behinderten Menschen sahen, der keine Entscheidungsfreiheit hatte. Dem das Leben genommen wurde. Um es nochmal klar zu sagen. Ich verurteile jeden Menschen, der aus freier Entscheidung einen Menschen umbringt.

Denn für Mord gibt es keine Entschuldigung.
Keine Überlastung dieser Welt rechtfertigt es, jemanden zu töten.
Es gab damals Hilfen und es gibt sie heute. Ja, diese Hilfen müssen leichter erreichbar sein bzw. werden. Und nochmal ja, genau diese Hilfen müssen den behinderten Menschen gerecht werden.
Aber es ist KEINE Notwehr, wenn eine pflegende Person den zu Pflegenden umbringt. Es „entlastet“ nur die pflegende Person. Der zu pflegende Mensch ist einfach tot. Das hat was von Euthanasie durch die Hintertür. Die im Behinderungsbereich bzw. in der Altenpflege wohl auch irgendwie akzeptiert scheint. Dieser Eindruck ist zumindest bei mir gestern entstanden, als ich all die zum Teil sehr widerlichen Antworten bzw. Unterstellungen gelesen habe.

Das Thema ist nicht neu. Bereits 2014 schrieb die Bloggerin Butterblumenland über diesen sehr merkwürdigen Effekt.

In 2013 gab es diese beeindruckende Demonstration.

Und da die Morde an autistischen Kindern einfach nicht abreißen (immer mit Überforderung „entschuldigt“) gibt es diese Gedenkseite. Der zur Zeit letzte Eintrag ist vom 17.10.2016.

Ich bin Mutter von vier autistischen Kindern. Seit 20 Jahren kümmere ich mich um sie. Und ja es ist oft anstrengend und treibt mich an meine Grenzen. Nebenbei bemerkt nicht nur bedingt durch das, was Autismus hier an Herausforderungen mit sich bringt; sondern hauptsächlich dadurch, dass die Hilfesysteme oft nicht funktionieren. Und auch habe ich zusätzlich meine Mutter 2 Jahre gepflegt. Und ich weiß verdammt gut, was ein anstrengender Alltag ist. Wie fordernd und auch oft überfordernd der Alltag einer pflegenden Person ist.
Vor allem, wenn es im häuslichen Rahmen die engsten Bezugspersonen sind.

Ich habe Hochachtung, vor jedem der sich dieser Aufgabe stellt. Noch größere Hochachtung habe ich vor jenen Eltern, Eheleuten, Geschwistern und Kindern; die sagen „wir können nicht mehr – wir gehen kaputt daran – wir brauchen Hilfe“. Und die dann sich professionell unterstützen lassen oder einen Heimaufenthalt für die von ihnen betreuten Menschen in die Wege zu leiten.
Und ich habe ebenfalls vor jedem Hochachtung, der im pflegerischen Bereich arbeitet (und sich den miserablen Bedingungen, die dort herrschen stellt) und dadurch überhaupt erst die Möglichkeiten schafft, dass wir privat Pflegenden Entlastung bekommen können.
Deswegen unterstütze ich den #Pflegestreik, auch hier gibt es Lesenwertes dazu.

Dies sollte übrigens jeder Mensch tun. Denn die Bedingungen in der Pflege für die dort Arbeitenden sind einfach unterirdisch.

Aber zurück zur der gestrigen Diskussion. Ich fragte gestern eine der diskutierenden bzw. relativierenden Personen ob es einen Unterschied gäbe zwischen:

ich bekam keine Antwort.

Was mir fehlt in all den Diskussionen, es wurde immer nur nach Ausreden gesucht, warum die Pflegende Person zu bemitleiden sei. Es wurde uns vorgeworfen, dass wir diese Personen nicht im Blick hätten. Es wurde aber nie der Mord verurteilt.

Zumindest Gerichte sehen z.B. in dem Fall von London McCabe alle Merkmale von Mord erfüllt. Die Mutter von Charles-Antoine Blais hingegen wurde als eine Art Vorbild“ von der Autismusgesellschaft von Montreal engagiert.

Andere Mütter wurden regelrecht dazu aufgefordert, ihre Kinder umzubringen. Und auch mir ist dies schon begegnet.

Es scheint bei einigen Menschen gesellschaftlich akzeptiert zu sein, dass Leben von behinderten Menschen, hier im speziellen von autistischen Menschen beenden zu dürfen. Und wenn jemand googelt, wird er eine ähnliche Akzeptanz auch bei anderen Behinderungsbildern finden.

Warum?

Ist es diese tiefsitzende Überzeugung, die aus der Nazizeit übrig geblieben ist, dass es lebensunwertes Leben gibt?

Ich dachte wir wären weiter.

Für mich gilt der einfache Grundsatz, Mord ist Mord.
Es gibt keine Entschuldigung.

Update 07.10.2017:

Das Autism Memorial ist umgezogen. Man findet die Gedenkseite nun hier

https://autismmemorial.wordpress.com/

Der Grund für meine Suche war der Mord an dem vierjährigen Antonio Di Stasio.