„Grabenkämpfe“ – so unnötig

Gut, dass ich alte Schulbücher aufhebe und so den direkten Vergleich habe, wie sehr sich die Lehrwerke der Grundschule verändert haben.

Aber von Anfang an. Unser Jüngster ist Autist und ADHSler. Sein Begabungsschwerpunkt liegt eindeutig im mathematischen und technischen Bereich. Einmal verstandene Prinzipien wendet er sicher (bis auf Flüchtigkeitsfehler) an.
Einen festen Nachteilsausgleich hat er in Mathematik nicht. Nur selten benötigt er Übersetzungshilfe für Sachaufgaben, vor allem wenn es um Schachtelsätze geht.
Er lernt zur Zeit noch im jahrgangsübergreifenden Unterricht 1 – 4.
Aus diesem Grunde, weil fast alles eigenständig durch den Schüler erarbeitet werden muss, wurde ein neues Lehrwerk in der Schule eingeführt.

Und seit 3 Jahren hadern mein Sohn und ich mit diesem Buch.
Sehr oft sind die Angaben nicht klar bzw. es fehlen Erklärungen oder eine wirkliche Einführung ins Thema.
Selbst Merksätze müssen sich die Kinder selber erarbeiten.
OHNE dass ihnen irgendjemand einmal klar erklärt hat, was ein Merksatz wirklich beinhalten muss.

So weit so schlecht.

Da er aber ein schneller Arbeiter ist, hat er regelmäßig ca. 4 Wochen vor Schuljahresende das Buch und die dazugehörigen Arbeitsblätter fertig.

Nun bat ich die Klassenlehrerin darum, ihm noch weiterführendes Material an die Hand zu geben, damit er sachorientiertes Rechnen üben kann und besser vertraut ist mit Texten, aus denen er Informationen entnehmen muss um selber Fragen und Rechnungen zu erstellen.

Leider hat man aber an der Schule wohl alle alten Lehrmaterialien entsorgt, oder es macht zu viel Arbeit. Ich bekam die lapidare Antwort, dass die Lehrkräfte ihm nichts mehr zur Verfügung stellen können.

Also bin ich auf den Dachboden gestiefelt und habe die alten Unterlagen der Geschwister rausgesucht. Denn immer wenn am Schuljahresende die Lehrer sagten „das Buch ist jetzt so alt, dass sortieren wir aus und ihr dürft es behalten“ haben wir das auch getan. So hat sich den letzten 14 Jahren einiges an alten Schulmaterialien angesammelt, was mir bei unserem Jüngsten schon oft wertvolle Dienste geleistet hat.

Beim kopieren diverser Seiten ist mir erst richtig klar geworden, wie stark die Änderungen / Unterschiede zwischen diesen beiden Büchern sind.

Im aktuellen Buch sind die Aufgabenbereiche

  • Symmetrie
  • Flächeninhalt/Umfang
  • Maßstab
  • Längen
  • Gewichte
  • Rauminhalte
  • Wahrscheinlichkeiten

klar vom Arbeiten mit den Grundrechenarten getrennt. Auch Sachaufgaben sind nicht im allgemeinen Teil etabliert. Dafür häufen sich „Rechendiskussion / Rechenkonferenz“ und weitere Gruppenarbeiten.

Im alten Buch wurden diese Bereiche einfach eingebettet und es gab viele Sachaufgaben bzw. sachorientiertes Rechnen.

Mein Sohn hatte in einem Test starke Schwierigkeiten, aus den Bildtafeln (die ungenau beschriftet waren) Aufgaben zu erkennen und entsprechende Rechnungen zu erstellen.
Im alten Buch gab es Tabellen anstatt hübscher Bilder. Und zur Einführung einen klaren, vorgegebenen Merksatz.
Eine Tabelle für einen Marktstand (an dem viele verschiedene Artikel angeboten werden) welcher Artikel was kostet ist einfacher zu verstehen als eine (die Preise sind den Bildern nicht klar zugeordnet) Bilddarstellung.

Und wo liegt nun das Problem, werden wohl einige fragen.
An dem Unverständnis, wo die Probleme liegen und wie man sie beheben könnte, bzw. an Miss(T)verständnissen und schwieriger Kommunikation zwischen Lehrkräften und Eltern.

In einem HPG hat mir die alte Klassenlehrerin mal gesagt, dass meinem Sohn Erfahrungshintergründe für Sachaufgaben fehlen würden und er deswegen dort Probleme hätte. Ich müsste ihn zum Beispiel öfter selbstständig einkaufen schicken, dann würde er da schneller den Zusammenhang verstehen lernen.
Ich habe schwer an mich halten müssen, um nicht die Ruhe zu verlieren.
Als ich damals darum bat, ob er mehr klar ersichtliches Material zur Verfügung gestellt bekommen könnte, um zu üben, kam ein Nein. Genauso wie jetzt.

Das es eventuell am Material liegen könnte und an fehlender Übung wurde vehement verneint.

Das es manches mal geholfen hätte, wenn im jahrgangsbezogenen Unterricht für den ganzen Jahrgang Grundprinzipien und Merksätze erklärt und aufgeschrieben worden wären, wurde als nicht notwendig abgetan.

Bei unserem Sohn wurden alle Schwierigkeiten auf den Autismus und das ADHS geschoben. Aber niemals wurde die Lehrmethode in Frage gestellt.

Ähnliches habe ich im Fach Deutsch erlebt.
Auch hier wurde mit einem neuen Lehrwerk alles in Eigenarbeit erarbeitet. Gruppenarbeiten und Diskussionen nehmen 50% der Arbeit ein.
Aufsatzerziehung, beginnend mit Nacherzählungen, in dem Sinne gab es nicht. Entweder das Kind ist so begabt, dass es ihm „zufliegt“ oder eben nicht.
Viel Wert legt das Lehrwerk auf die verschiedensten Formen von Lyrik und Interpretation der selbigen. Fabeln und damit auch das Erkennen und Verstehen von Metaphern rangiert dafür unter „nicht so wichtig“.

Auch hier verstieg sich die alte Klassenlehrerin mal in einem HPG zu der Aussage „Ich denke ja nicht, dass AutistInnen es wirklich vermögen, lange und fantasievolle Texte zu schreiben“.
Meine Bitte, ihm hier anderes Material zu geben wurde wieder verneint.
Meine Bitte, Gruppenarbeiten besser zu strukturieren und bei der Partnerwahl besser zu unterstützen wurde ebenfalls verneint. Die Krux von jahrgangsübergreifendem Unterricht, in dem jedes Kind nach eigenem Tempo arbeitet, ist aber dass jedes Kind auch an einem anderen Punkt in den Lehrwerken ist. So musste mein Sohn sich immer langwierig auf die Suche nach einem Partner machen, anstatt hier durch Lehrkraft Unterstützung zu erhalten. Wie viel Kraft es immer wieder gekostet hat, kann und können Lehrkräfte kaum ermessen. Aber es ist ein Fakt.

Ja wie, himmelhergottnocheins, soll denn dann ein autistisches Kind das Handwerkszeug zum Texte schreiben erlernen, wenn es keine Hilfe bekommt. Wenn seine Texte nicht Korrektur gelesen werden und die Fehler konsequent angestrichen werden. Wenn ihm nicht andere Formulierungen (wenn zB zuviel Alltagssprache im Text vorkommt) an den Rand geschrieben werden. Wenn ihm einfachste Untertstützung versagt wird.
Fragen über Fragen.

Das große Problem bei einem autistischen Kind ist, „was die Lehrkraft sagt, ist Gesetz“.

Wer kennt die Sätze
„die Frau XYZ hat das aber so nicht gesagt“
und
„warum muss ich denn mehr arbeiten als die anderen Kinder“
nicht?

Ich hatte also in den Unterlagen der Geschwister nach geeigneten Aufgaben gesucht, sie der Lehrkraft vorgelegt und gebeten, dass sie ihm sagt, dass er diese Aufgaben arbeiten möchte und ihm dafür ähnliche Aufgaben aus dem aktuellen Lehrwerk streicht. Damit mein Sohn, weil Auftrag von der Klassenlehrerin, diese Aufgaben auch ohne größere Diskussionen durcharbeitete.

Pustekuchen, tat sie nicht.
Sie fühlte sich durch mich angegriffen.

Anstatt, dass wir zusammen (und ich habe immer vorher nachgefragt) nach Lösungsmöglichkeiten und Strategien suchten (nein, einen festen Sonderpädagogen der über den Lernstand voll informiert ist, gibt es nicht ), verharrte sie auf dem Standpunkt, dass die neuen Lehrwerke toll seien.

Ich habe nun schon oft von Lehrkräften gelesen, die Inklusion so unheimlich anstrengend finden und das man sie alleine lässt dabei.
Ist das wirklich immer so?
Oder gibt es auch in kleinen Teilen Lehrkräfte, die sich in ihrer Ehre angegriffen fühlen, wenn Sonderpädagogen, Autismustherapeuten, Schulbegleiter oder gar Eltern einen anderen Weg vorschlagen.

Ich möchte immer gerne MIT den LehrerInnen zusammenarbeiten und am liebsten ist mir, wenn ich nicht eingreifen muss. Aber ich möchte mindestens ernst genommen werden, wie Lehrkräfte auch.

Liebe Lehrer, wenn Menschen mit Autismuserfahrung (und ja mit vier autistischen Kindern rechne ich mich dazu) Ihnen sagen, WO das Problem liegt und WIE man es recht einfach beheben kann, damit ein positiver Lernerfolg eintreten kann, dann sehen Sie sich nicht in Ihrer Ehre gekränkt.

Es spricht Ihnen niemand die Kompetenz ab, nur weil man einen anderen Weg vorschlägt.

Manch unnötige Kämpfe und Reibereien können durch offene Gespräche vermieden werden.
Das Ziel sollte immer sein, dass das autistische Kind in Ruhe lernen kann.

Inklusion, Recht auf Förderung und Förderschwerpunkte

Viele Eltern haben das in diesem Bericht genannte Urteil gefeiert. Nach dem ich diesen Artikel sehr aufmerksam gelesen und mit meinen Erfahrungen verglichen habe kann ich das nicht wirklich verstehen.

Zu Inklusion hatte ich ja schon mal etwas Generelles geschrieben. Nach meiner Erfahrung ist es zielführend, über speziell auf das behinderte Kind abgestimmte Nachteilsausgleiche und entsprechend individuelle Förderpläne dem Kind Lernen zu ermöglichen.

„Ein Förderplan ist ein schriftlicher Plan zur gezielten Förderung von Schülerinnen und Schülern mit (sonder-)pädagogischem Förderbedarf oder von Schülerinnen und Schülern, die von Schulversagen bedroht sind. Er ist eine Voraussetzung für die Qualität schulischer Förderung und zugleich ein Instrument zu ihrer Evaluation“ (Melzer 2013).
(Zitat aus der verlinkten PDF zur Förderplanung)

Mir erscheint in diesem Zusammenhang der Begriff pädagogischer Förderbedarf“ sehr wichtig. Denn es ist durchaus üblich, dass für Kinder und Jugendliche, deren Versetzung gefährdet ist, etwas ähnliches ausgearbeitet wird.

Der Einleitungssatz dieser Erklärung aus Hessen gefällt mir persönlich sehr .

Die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern war schon immer konstitutiver Auftrag von Schule und eine Verpflichtung für jede Lehrerin und jeden Lehrer.

Leider scheint diese Einstellung im Arbeitsalltag und im Besonderen im Rahmen der Inklusion oft unterzugehen. Sonst würde ich in dem Artikel der Welt nicht zum wiederholten Male diesen Satz lesen.

„Inklusion hat Grenzen und braucht Expertise, die im Interesse aller Beteiligten respektiert werden müssen“
(Karin Prien, Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion in der Hmaburgischen Bürgerschaft)

Dieser Satz fällt so häufig, dass bereits 2014 auf der Seite von Inklusionsfakten dieser Eintrag zu finden ist:

Auch der Aussage Inklusion hätte Grenzen muss widersprochen werden. Das ist so als würde man sagen, Menschrechte haben Grenzen…….

(Wer zu anderen, sich stets wiederholenden Aussagen von Inklusionsgegnern Argumente sucht, dem sei diese Seite hier empfohlen.)

Dieser Satz zeigt wie kaum ein anderer, wie wenig Inklusion und auch Förderung verstanden wird. Gerade auf politischer Ebene wird zur Zeit stark gegen Inklusion argumentiert. Und viele bildungspolitischen Debatten werden auf dem Rücken behinderter Kinder und deren Eltern ausgetragen. Nun war also ein Gerichtsurteil notwendig, einem autistischen Jugendlichen zu seinem Recht zu verhelfen.

Sebastians Eltern haben durchgesetzt, dass der Junge einen nur auf ihn ausgerichteten Förderplan bekommt – und dass die Grundlage dafür ein professionelles Gutachten sein muss.

Und nun kommt mein persönlicher Kritikpunkt.
Ein Menschenrecht bzw. ein pädagogischer Grundgedanke / Leitbild muss per Gericht erstritten werden.
Fühlt sich das nur für mich so an, als hätten im Vorfeld alle Beteiligten versucht hier Exklusion par excellence zu betreiben?

Schauen wir doch mal auf die Geschichte des Jungen, die in vielen Teilen derer anderer autistischen Schüler gleicht.

Der Junge wurde erst mit 9 Jahren diagnostiziert, besuchte aber eine ganz gewöhnliche Regelgrundschule.
Im Alter von 14 Jahren, auf der weiterführenden Schule, wurde aber anscheinend erwartet, dass ein autistischer Schüler besser als die Norm funktioniert.

Doch dann kam es zu zwei Vorfällen, die alles veränderten. Einmal rauchte Sebastian, inzwischen 14, unerlaubt eine Zigarette, ein anderes Mal schlug er einen Mitschüler. Im ersten Fall empfanden die Eltern die Bestrafung als zu drastisch, auf den zweiten Vorfall reagierte die Schule damit, dass die Mitschüler Sebastian eine blaue Karte zeigen sollten, wann immer er aus ihrer Sicht die Grenzen überschritt.

Teenager begehen Grenzüberschreitungen, auch autistische Teenager. Aber Strafen gegenüber autistischen Teenagern gehen oft über das gewöhnliche Maß hinaus.

Hier muss auf die „blaue Karte“ meines Erachtens ein besonderes Augenmerk gerichtet werden. Ich habe schon in einigen „Ratgebern“ (ich empfinde sie meistens als Anleitung zum durch Lehrer gestütztem Mobbings) gelesen, dass man über solche Dinge wie die „blaue Karte“ dem autistischen Schüler mitteilen muss, dass er sich falsch benimmt und gefälligst funktionabel agieren soll. Wir haben ähnliches leider auch persönlich erlebt. Wohlgemerkt, nur dem autistischen Schüler wird sein Fehlverhalten so zurückgemeldet. Keinem anderen Schüler wurde die „blaue Karte“ (in unserem Fall waren es immer Klassengespräche wo die kleinsten Kleinigkeiten angeprangert wurden!) gezeigt. Kein anderer Schüler wurde in unserem Fall so derartig gebrandmarkt und dazu aufgefordert doch endlich zu funktionieren. Das Wie des Funktionierens wurde durch die Mehrheit beschlossen. Nicht als Klassenregel (dann wäre es ja noch erträglich gewesen), sondern wohlgemerkt nur als Regelwerk für unseren autistischen Sohn. Und nur von ihm wurde in massiver Intensität eingefordert, dass er sich an das Regelwerk zu halten habe. Und so etwas wird nicht durch ein Gutachten zum Förderschwerpunkt beendet werden. Wenn bei der Erstellung des Gutachtens im Besonderen das Augenmerk auf dem Sozialen liegt (was nach meinen persönlichen Erfahrungen sehr oft der Fall ist) wird es wieder zu solchen Maßnahmen kommen.

Nun zurück zu dem vor Gericht verhandelten Fall. Nach den erwähnten Vorfällen musste der autistische Jugendliche die Schule wechseln. Für mein Empfinden wurde er „geparkt“ und alle (außer den Eltern ! ) hofften, dass sich das Thema irgendwie erledigen würde.

Jetzt wurde also erstritten, dass dieser autistische Jugendliche endlich zu seinem Menschenrecht kommt.

Bisher galt Autismus nicht als sonderpädagogischer Förderbereich. Das Verwaltungsgericht entschied nun, dass das Fehlen des Wortes Autismus im Schulgesetz nicht so interpretiert werden dürfe, dass der Gesetzgeber für Kinder mit dieser Art der Behinderung keine spezifische Förderung zulassen wolle.

Und das, wo gerade Hamburg eine wirklich gute Handreichung zum Thema Nachteilsausgleiche und Förderung von autistischen Schülern hat.

Unter Punkt 2.9.8 FSP Autismus findet sich meines Erachtens schon alles, wo bei diesem Schüler nun ein gesondertes Gutachten erstellt werden muss.

Und da sind wir für meine Begriffe bei dem eigentlichen Problem. Förderung kann anscheinend im deutschen Schulsystem nicht erfolgen, wenn kein Sachverständiger oder „Fach“mann bzw. in diesem Fall ein Sonderpädagoge per Gutachten die Probleme benennt. Und selbst dies muss bei Autisten auch noch per Gericht erstritten werden.

Das ist nach meinem persönlichen Empfinden an Zynismus nicht mehr zu überbieten.

Auch und gerade, weil in der bildungspolitischen Debatte derzeit ein vorläufiges Aussetzen bzw. die Abschaffung der Inklusion propagiert wird. Im Landtagswahlkampf NRW haben dies CDU und FDP immer wieder betont, dass die derzeitig praktizierte Inklusion die behinderten Schüler schädigen würde. Das wir noch weit entfernt von gut sind, darüber müssen wir nicht streiten. Aber ein Aussetzen bringt uns nicht weiter und die Abschaffung ist ein Rückschritt in vergangene Zeiten.

Unter diesem Gesichtspunkt sehe ich solche Gutachten extrem kritisch. Denn diese sind nach meinen leidvollen Erfahrungswerten nicht dazu geeignet, endlich gute Förderung und gute Beschulung zu garantieren sondern dienen nur allzu häufig der schnelleren Segregation.

Und genau deswegen kann ich dem Urteil nur bedingt etwas Gutes abgewinnen. Dass es für diesen einen jugendlichen Autisten nun endlich vorbei ist mit dem „irgendwo geparkt sein“ und er endlich lernen darf. Aber es als generellen Erfolg für alle autistischen Schüler werten, dass kann ich nicht.

Bei mir schrillen nur ganz viele und laute Alarmglocken. Und ich bin da nicht alleine:

 

UPDATE 09.05.2017

Warum ein Autist immer noch nicht zur Schule darf

Ich hatte ja mit vielem gerechnet, aber nicht mit dem beschriebenen Szenario, was sich derzeit in Hamburg abspielt.

Es macht den Anschein, als ob die Schule auf Zeit spielt und die Eltern so wie den autistischen Schüler mürbe machen wollen.

Es ist einfach unglaublich, wie Inklusion in Deutschland sich darstellt und was diesem jungen Mann wiederfährt.

Wie geht das denn nun…

„wie förderst Du Deine Kinder, wenn Du ABA so vehement ablehnst. Tust Du gar nichts?“

So, oder ähnlich werde ich häufig gefragt, wenn ich dazu Stellung nehme, dass ich ABA ablehne.

Es klingt immer der Unterton mit, als ob ich nicht willens wäre meine Kinder zu fördern oder gar zu fordern.
Als ob es mir egal wäre, was aus meinen Kindern wird.

Mir ist nicht ganz klar, warum dies geschieht. Womit dieser Umkehrschluss begründet sein könnte. Schließlich gibt es durchaus gute Möglichkeiten für autistische Kinder Förderung zu bekommen.

Ergotherapie

hier kann ein guter Therapeut mit vielen unterschiedlichen Materialien Angebote schaffen (ohne Druck und Drill) um Probleme in der Handlungsplanung und Konzentration anzugehen.

Logopädie

ist ein weiterer Baustein, mit dem autistische Kinder gute Förderung erlangen können.

Wichtig hierbei ist allerdings, dass nicht nur auf etwaige Sprachfehler geachtet wird sondern auch auf die autismusspezifischen Probleme mit Sprache, Kommunikation allgemein und auf der sozialen Ebene im Speziellen.

Ein hilfreiches Buch ist hierbei „Autismus und Sprache von Melanie Eberhardt“.

Gebärdensprache ist ein weiterer Baustein, den man in Betracht ziehen kann. Silke Bauerfeind alias Ella hat dazu einen eindrücklichen Beitrag geschrieben, der an Beispielen aus ihrem Alltag mit ihrem Kind gut beschreibt, was möglich ist.

Wer gerne Informationen zu Unterstützter Kommunikation haben möchte, ist hier gut aufgehoben.

Kommunikation ist mehr als Sprechen

Unterstützte Kommunikation (UK) muss die individuelle Art zu kommunizieren nicht ersetzen, sondern kann sie ergänzen und unterstützen. Dabei können Rituale und Routinen einen sozialen Rahmen bieten, der zur Kommunikation anregt und motiviert. Durch den Einsatz von Gebärden, Objekten, grafischen Symbolen oder technischen Hilfen kann die Kommunikation im Alltag intensiviert und verbessert werden.

Unterstützte Kommunikation darf man allerdings nicht mit gestützter Kommunikation (FC = Facilitated Communication) verwechseln oder gar gleich setzen.

Und im Alltag?
Da versuche ich so normal als irgend möglich auf meine Kinder einzugehen.
Klare Sprache bzw. eindeutige Sprache ist hier ein Baustein. Mal ein Beispiel:
Anstatt „Kannst Du mir bitte die Butter geben“ ist es zielführender „Gibst Du mir die Butter bitte“ zu sagen.
Manche mögen diese Sprache als unhöflich empfinden, weil ihnen da gewisse Floskeln fehlen.
Aber ist sie das wirklich? Ich empfinde diese Form von Sprache als genauer, konkreter und weniger missverständlich da die Aufforderung klar ausgesprochen wird.

Wenn Dinge mit Vehemenz abgelehnt werden lohnt sich der genaue Blick auf die komplette Gegebenheit.
Liegt es zum Beispiel beim Einkaufen daran, dass es im Geschäft laut und unübersichtlich ist? Das Neonröhren ein grelles, weißes Licht haben was im schlechtesten Fall noch flackert?
Oder eventuell bei der Fahrt im Bus an der Masse an Gerüchen, die man dort wahrnehmen kann. Vielleicht ist es dort auch nur die massive Enge, wenn der Bus voll ist und es dauernd zu unbeabsichtigten Berührungen von anderen kommt.
Will das Kind sich nur nicht anziehen (lassen) oder liegt es vielleicht doch am Kleidungsstück.
Warum ist der Toilettengang oder das Zähneputzen solch ein Problem? Beim Toilettengang kann es gut möglich sein, dass die Toilette selber das Problem oder das Töpfchen einfach sehr unangenehm ist.
Und beim Zähneputzen ist es die Zahnpasta, die einen sehr unangenehmen Geschmack hat oder die Zahnbürste die Reize erzeugt die mit Schmerzen einhergehen.
Will das Kind nur nicht die Haare gekämmt bekommen, oder empfindet es Berührungen auf der Kopfhaut als schmerzhaft. Lohnt sich da nicht, es einfach mit anderen Bürsten zu probieren?

Denn, und das darf man nicht außer Acht lassen, wenn bei solchen Kleinigkeiten es immer wieder zu Schwierigkeiten, unangenehmen Empfindungen oder gar Schmerzen kommt und dies täglich geschieht, dann sinkt die Reizschwelle. Die ganze Zeit ist das Kind in „Hab Acht Stellung“ und erwartet die nächste „Zumutung“. Also ein recht aufgeregter Zustand.

Wenn ich aber fördern und fordern möchte muss ich ERST dafür sorgen, dass ein ausgeglichener Zustand angestrebt wird.

So kann auch ein/e TherapeutIn oder Lehrerin sehr gut sein, aber das Kind nicht erreichen, weil sie oder er ein sehr aufdringliches Parfüm trägt. Oder im Therapieraum ein unterschwelliges Rauschen oder Brummen von zum Beispiel der Heizung kommt.

Dann liegt aber das auslösende Problem nicht beim Kind.

Dies wird aber sehr oft vollkommen außer Acht gelassen.

Und ansonsten möchte ich hier nochmal auf einen sehr guten Blogpost von Aleksander Knauerhase verweisen, der im letzten Absatz schreibt

Ich halte es für sehr sinnvoll einem Autisten das Leben im Alltag zu erleichtern. Man sollte dies nur über einen Lernprozess ermöglichen damit der Autist auch versteht warum er sich anders verhalten soll. Ein Prozess der unter Umstände länger dauert, aber letztendlich einen nachhaltigeren Effekt haben wird. Und, das ist mir persönlich das wichtigste an diesem Lernprozess, der Autist wird sich weit weniger verbiegen und gegen sich und seine Bedürfnisse arbeiten und damit auch wesentlich zufriedener sein. Daher meine Bitte an alle Eltern und Therapeuten: Erklärt Autisten die nichtautistische Welt! Lasst Ihnen Zeit sie zu verstehen. Helft ihnen dabei sich in der Gesellschaft zurecht zu finden. Aber eben nicht mit vorgegebenen Verhaltensweisen oder Regeln, lasst sie lernen! Ihr werdet sehen: Es lohnt sich!

Gebt Euren Kindern Raum zum Lernen. Sie müssen nicht funktionieren, sondern verstehen.