Schulbegleiter sollen NICHT … Eltern dürfen NICHT … autistische Kinder müssen NICHT … – Tokensysteme sind Mist – ein Rant

 

Wie ich das obige gestern zum ersten Mal gelesen habe, hat mich kalte Wut gepackt.

Eine Schulbegleitung berichtet aus ihrem Arbeitsalltag mit einem autistischen Kind und gibt diese „Erfahrungswerte“ an Menschen weiter, die als Schulbegleiter arbeiten möchten.

Einfach so – mit einem fröhlichen und zufriedenem Smiley garniert.

Meine Wut darüber ist immer noch nicht verraucht und es fällt mir sehr schwer, ruhig darüber zu schreiben, was an diesem „Ratschlag“ alles falsch ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich über so etwas aufrege. Es kamen schon öfter solche Fragen wie „Sollte eine Schulbegleitung strafen?“ und anderes was mir die Zornesröte ins Gesicht getrieben hat.

Um es mal ganz platt zu sagen

eine Schulbegleitung soll NICHT

  • strafen
  • erziehen
  • therapieren
  • in das Eltern / Kind – Verhältnis eingreifen

Eine gute Schulbegleitung zeichnet es aus, dass sie sich für das Kind einsetzt und seine Bedürfnisse achtet.

Dafür ist eine gute Vertrauensbasis unabdingbar.

Leider ist dieses Wissen bei vielen Schulbegleitungen unbekannt.
Und es ist leider auch egal, welche Aus-, Vor- und/oder Fortbildung oder gar Zertifizierung eine Schulbegleitung vorweisen kann.

Denn viel zu oft wird von Sonderpädagogen, Sozialpädagogen und Therapeuten propagiert, dass es wichtig ist das Kind über einen Verstärkerplan – ein Tokensystem zu leiten.

In manchen Schulen werden sie generalisiert für alle Kinder eingesetzt und halt beim autistischen Kind oder Kind mit ADHS in verschärfter Form.

Auf den ersten Blick erscheinen Tokensysteme und Verstärkerpläne wie ein Segen.
Schließlich hat man endlich was in der Hand, wie man dem renitenten Kind bei kommen kann.

Nur dabei wird vollständig außer Acht gelassen, dass das Verhalten des autistischen Kindes oder Kindes mit ADHS einen GRUND hat.

Bei der Umsetzung von Tokensystemen wird seltenst danach gesehen, WARUM ein Kind agiert bzw. reagiert, wie es dies gerade tut.

Es wird stur bewertet.

Dem Kind wird also recht subtil beigebracht, dass sein Empfinden, seine Not und seine Wahrnehmung nicht gilt und es deshalb bitte sämtliches daraus resultierendes Verhalten abzustellen hat.

Im Zweifel versucht das Kind also zu gefallen und setzt alles daran, das Token zu erhalten.
Und setzt dabei alle verfügbaren Ressourcen nur noch für dieses Ziel ein.

Bei meinem Jüngsten endete das dann in täglichen Overloads im häuslichen Bereich. Manchmal sogar mehrmals täglich.
Spoiler für alle Schulbegleiter, DAS IST NICHT GESUND für das Kind!

Wir haben das damals sofort beendet.
Was uns Eltern im übrigen bis heute angekreidet wird, es wurde in der Schulakte vermerkt.
Das er von da an wieder besser dem Unterricht folgen konnte und die Lerninhalte endlich wieder in sich aufnehmen konnte hat die Schule leider nicht dort dokumentiert. Ich konnte es allerdings an den Klassenarbeiten sehr genau erkennen.

Kommen wir mal zu den Versprechungen, die die Schulbegleitung da für das Kind verwaltet.

Nur bei ausreichend Smileys darf das Kind nachmittags Freunde besuchen gehen.

Es wird also mit Hausarrest gearbeitet, den die Eltern für Fehlverhalten in der Schule zu Hause durchsetzen sollen.
Weiter wird mit Geld als Belohnung gearbeitet.

Aus welchem Jahrhundert stammen denn bitte diese Erziehungs„hilfen“?

Mal ein Zitat aus dem obigen Link

In anderen Fällen kann der Hausarrest aber auch eine seelische Gewalt darstellen, nämlich wenn er „entwürdigend“ ist.

Schauen wir mal genau hin, autistische und auch Kinder mit ADHS haben enorme Probleme Freundschaften zu schließen.
Ihnen diese zu erschweren, weil ein Tokensystem regelt, wann das Kind rausdarf ist ein NoGo.

Und nein, Schule hat keinen derart weitgreifenden Erziehungsauftrag, den sie über Schulbegleitung ins Elternhaus weiterleiten kann.

In den Schulgesetzen in Deutschland steht etwas von partnerschaftlicher Zusammenarbeit.

Bei Vorgehen, wie oben im Bild gezeigt, werden Eltern zu Erfüllungsgehilfen degradiert. Damit wird die Eltern/Kind-Beziehung geschädigt.

So liebe Eltern, mein dringender Appell:

macht solche Methoden nicht mit.

Ja, ich weiß dass es verdammt schwer ist, sich von solchen Vorschlägen abzugrenzen.
Gerade wenn die Diagnose frisch ist, oder die Schule Euch vermittelt, dass das Kind sonst seinen Schulplatz verliert.

Führt Euch aber bitte vor Augen, dass Euer Kind mit Overloads bezahlt, wenn es derart unter Druck gerät.

Lasst Euch bitte nicht derart unter Druck setzen.
Es gibt andere Wege.
Ich habe auf Twitter von einige Eltern gelesen, dass deren „Mitarbeit“ von Schule mit Konsequenzen bzgl. des Schulplatzes erzwungen wurde. Wir reden hier aber trotzdem und explizit davon, dass ihr mit solchen Methoden wie im Beitragsbild unter Umständen die Gesundheit Eures Kindes gefährdet.

Was bei massiven und ständigen Overloads geschieht, habe ich hier und hier beschrieben.

Nicht selten landen autistische Kinder in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie, aufgrund ständiger Overloads und werden dann mit Medikamenten behandelt, die in die Impulssteuerung eingreifen.

Das WARUM, also der Grund warum die Kinder sich selbst nicht mehr steuern können, wird dabei aber nicht beseitigt.

Wie man nach dem WARUM schaut, wird hier gut erklärt.
Ja, der Beitrag ist auf englisch, aber er lohnt sich sehr. Besonders weil er von einer Autistin geschrieben wurde!

Sorgt lieber dafür, dass Euer Kind auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Nachteilsausgleiche erhält.

Noch etwas ganz wichtiges

autistische Kinder müssen NICHT funktionieren

Was es mit autistischen Kindern macht zeigt der Beitrag Quiet Hands sehr gut.

  • Sucht einen Weg, eurem autistischen Kind die Welt zu erklären
  • Sucht nach den Gründen für unangemessenes Verhalten
  • Sucht nach Entlastungsmöglichkeiten die über NTAs auch in Schule greifen
  • LERNT euer autistisches Kind lesen
  • Lasst Euch nicht von Schule und Hilfesystemen drangsalieren
  • Verliert NICHT das Vertrauen in euer Kind
  • Vertraut Eurem Bauchgefühl bei Maßnahmen die installiert werden
  • Lasst Euch nicht das Heft aus der Hand nehmen

Und ihr liebe SchulbegleiterInnen

  • informiert Euch bei den ExpertInnen in eigener Sache, erwachsenen AutistInnen was Autismus ist und was einem autistischen Kind hilft
  • hinterfragt bitte eigenständig, ob ihr solche Methoden bei eurem eigenen Kind einsetzen würdet
  • argumentiert NICHT damit, dass das Kind ja behindert wäre und sonst nichts zöge
    Auch behinderte Kinder haben Rechte, im übrigen die selben unveräußerlichen Menschenrechte wie alle anderen Kinder auch

Und hier nun noch mein Thread zum Thema auf Twitter

Lest vor allem die Antworten der anderen Eltern.

Diese hier halte ich für sehr wichtig.

 

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2 Kommentare zu „Schulbegleiter sollen NICHT … Eltern dürfen NICHT … autistische Kinder müssen NICHT … – Tokensysteme sind Mist – ein Rant“

  1. Ich kann nur zustimmen! Obwohl bei mir das Asperger-Syndrom erst mit fast 20 Jahren festgestellt wurde und bei mir (glücklicherweise!) nicht mit Tokensystem gearbeitet wurde, habe ich beim Anpassen daran, wie andere mich wollten (und ich wollte ja funktionieren wie alle), vor lauter Verkleidung die Bindung zu mir selbst verloren. Und sehr viel Energie, habe auf den Stress schwere körperliche Symptome entwickelt, ausgeprägte Angststörungen, eine Depression, etc. etc. – und mich hat niemand gezwungen, mich zu verstellen. Jetzt muss ich langsam wieder zu mir selbst finden, lernen mich wieder zu fühlen und daneben die Matura nachholen, die ich zum Haupttermin einfach nicht mehr geschafft habe. Meinen drei jüngeren Geschwistern geht es ähnlich. Alle im Spektrum und Lea (13) ist in der Sonderschule mit „Schwerstbehindertenlehrplan“ und muss jetzt wechseln, weil die Lehrerin sie drangsaliert hat, da Papa in die Schule kam, ein Foto von Lea’s Bissspuren am Handgelenk (Selbstverletzung durch Reizüberflutung) gezeigt und gesagt hat sie sollen sie besser schützen und dass sie ja merken müssten, wenn sie sich beißt. Die haben uns auch gesagt, sie könne keine Autistin sein, weil sie zu sozial wäre (gemobbt wurde sie trotzdem – von ihren angeblichen Freundinnen) und die in der Autistenklasse so laut wären, ganz anders als sie (sie bricht ja auch erst zuhause zusammen) – es ist ja nicht so, dass sich Autismus und Sozialsein ausschließen würden und was mich daran am meisten ärgert ist, dass sich die an der Schule als Autismus-Experten bezeichnen. Wenn es in der Autistenklasse zu laut ist, läuft offensichtlich etwas falsch. Mir tun die Eltern leid, die das dann ausbaden dürfen.
    Nachteilsausgleich ist etwas, was das Kind entlasten soll, und damit ist nicht gemeint, dass man es ihm leichter macht als anderen, sondern dass es die gleiche Chance bekommt wie die anderen, an die das System ja bereits angepasst ist.
    Wobei ich denke, dass es sowieso ziemlich unverantwortlich ist, alles so zu standardisieren. Es gibt keinen Standard-Menschen, wieso dann ein Standard-System? Und Standard-Richtlinien für Pädagog*innen? Was ist mit der Vielfalt, die wir brauchen, damit jede Aufgabe in unserer Gesellschaft erfüllt wird? Dafür benötigt es Anpassung! Aber vom System und nicht von Individuen!

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