ABA, es gibt „Ratgeber“ in Buchform III, die Elternperspektive Kapitel 2

„Kinder erfolgreich aufzuziehen …….“

alleine der Einstieg in das Kapitel fällt mir sehr schwer. Was bitte ist erfolgreich. Wer definiert erfolgreich. Welche Kriterien müssen dafür erfüllt sein……

ich les dann mal weiter und schau, was in dem 2. Kapitel noch so auf mich wartet. Hier und hier hatte ich ja schon etwas zu dem Buch gesagt, dessen Titel ist „Eltern als Therapeuten von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen, Selbstständigkeit fördern mit Applied Behaviour Analysis“.

„………wir ziehen unsere Kinder also groß, in dem wir Methoden einsetzen, die auf dem gesunden Menschenverstand………..
…….statt uns auf eine formale Ausbildung oder Anleitung zu verlassen“

Ich möchte explizit erwähnen, dass diese Kapitel von H. Johnston, B. Hanna, L. McKay und M O’Cahan verfasst wurde. Alles Eltern, die ABA im Alltag aus Elternsicht schildern.

„……..kompliziertere Aspekte bzgl der Entwicklung …….. brauchen wir etwas Verlässlicherleres als den bloßen guten Willen“

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Kurze Frage meinerseits, Eltern autistischer Kinder benötigen eine formale Ausbildung?

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„……. das Leben der Menschen in den Bereichen zu fördern, die aus Sicht der Betroffenen oder ihrer Sorgeberechtigten wichtig sind,……“

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nur dass die Betroffenen im Alter zwischen 2 und 5 Jahre (und auch später) niemand fragt, welche Bereiche ihnen wichtig wären. Also bleiben die Sorgeberechtigten bzw. später die Betreuer die, die die Bereiche festlegen.

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In Unterkapitel 2.1 „Was versteht man unter ABA“ wird die Geschichte von ABA nur kurz gestreift.

ABA = applied behaviour analysis
wörtlich übersetzt = angwandte Verhaltens-Analyse

Übersetzung durch die Eltern = praktisch (harte Arbeit) <->applied, etwas verstehen wollen <-> Analyse, tun <-> Behaviour

„…….kann Verhalten beobachtet werden ………….. gibt es manche Verhaltensweisen, die nicht direkt beobachtet werden können ……….. diese ereignen sich (…Gefühle … Gedanken …) … im Inneren der Person……..
auch solche Verhaltensweisen können anaysiert und – falls nötig – verändert werden ………“

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Ich bin sprachlos. Gedanken und Gefühle können analysiert und verändert werden

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Unterkapitel 2.2 „Wie sieht die Behaviour Analysis Autismus“

Es beginnt damit, wie (zum Teil sehr unsensibel) diese Eltern von Ärzten über Autismus aufgeklärt wurden.

„……Der Begriff >Autismus< als solcher aber erkläre nicht. Er sollte eher als eine Art Etikett angesehen werden, sozusagen als eine umfassende Bezeichnung, die angebe, wie sich mein Kind wahrscheinlich verhalten werde……….“

Es fallen die Worte Verhaltensexzesse und Verhaltensdefizite.

„….. bestimmte Aspekte seines Verhaltens ….. die ich gerne reduzieren würde …… selbststimmulierendes Verhalten ………….
Andererseits Verhaltensweisen ………. häufiger, stärker und konsistenter gesehen hätte ……. Einsetzen der Sprache zur Kommunikation….“

Unterkapitel 2.3 „Was sind die Ziele der Behaviour Analysis“

Der Unterschied zwischen Psychologie und ABA wird angerissen.

„…… Im Gegensatz dazu hat ABA Verfahren entwickelt, die genau darauf ausgerichtet sind, individuelle Unterschiede im Verhalten zu messen. ………“

“ …… maßgeschneiderte Behandlungsprogramme ……..“

“ ……. wenn Verhalten sich ändern soll (d. h. Therapie stattfindet) ……. „

„…. zentraler Bestandteil ….. passende Lernumgebung …….
Akzeptanz des jeweiligen Individuums ……
Akzeptanz darf nicht verwechselt werden mit einem Verzicht darauf, weiterzukommen und auszuloten, wozu ein Individuum in der Lage ist …….“

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Das autistische Kind wird auf ein Individuum reduziert.

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Unterkapitel 2.4 „Warum nutze ich ABA für mein Kind?“

„…… auch habe ich mehr Kontrolle ….
In der Vergangenheit war Jack derjenige, der in vielen Situationen die Kontrolle hatte ……..“

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Das Einnehmen von Blickkontakt und spontane Kommunikation sowie soziale Interaktion wird als selbstverständliche Verhaltensweise vorausgesetzt und (wenn nicht vorhanden) als therapeutisches Ziel angesehen.

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Unterkapitel 2.5 „Wie wende ich die Behaviour Analysis an?“

Verhalten definieren

„Identifikation des Zielverhaltens (target behaviour)“

es wird also von den betreuenden Personen festgelegt, wie das Verhalten nach der Anwendung von ABA auszusehen hat.

Verhalten messen

es wird in einer Tabelle (zu Anfang der Intervention) über ca. 10 Tage in die ABC-Tabelle eingetragen, wann welches Verhalten in welcher Intensität auftritt.

Daten aufzeichnen

jedwede Aktion, Reaktion bzw. Verhalten wird festgehalten mit dem

ABC-Modell

A = antecedent / vorangehende Bedingung
B = behaviour / Verhalten
C = consequence / Konsequenz

es wird auch three-term contingency (funktionale Bedingungsanalyse) genannt. Diese Liste wird übrigens auch genutzt, um den Erfolg der Intervention zu dokumentieren. Sie wird zum ständigen Begleiter.

Das ausschlagebendste Intrument scheint (nach Lektüre des Buches) die nachfolgende Bedingung / Konsequenz (C) zu sein.
Der Begriff Verstärker fällt hier zum ersten Mal.

Art der Verstärkung

Als Positive Verstärkung werden

  • Lob
  • Umarmungen
  • und ähnliches

genannt.

Negative Verstärker

  • Dinge auslassen / weglassen die das Kind nicht gerne mag.

Das Weglassen wird als Vermeidungslernen (avoidance learning / escape learning) bezeichnet.

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Was hier allerdings als Verhalten, dass Eltern unabsichtlich negativ verstärken, vorgestellt wird, hat NICHTS mit Autismus zu tun.

Auch wird immer wieder von Wutanfällen gesprochen.

Kein Wort von Überforderung, von Overload, von Shutdown oder gar Meltdown.

Nein, immer wieder Wutanfälle.

Man geht also quasi davon aus, dass das Kind jedwedes Verhalten jederzeit steuern könnte.

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“ ………. Um die Verstärkung so effektiv wie möglich einzusetzen, muss sie genau terminiert sein ………..“

Es soll genau darauf geachtet werden, dass nur DAS Verhalten (Beispiel aus dem Buch) „Sprechen“ verstärkt wird „erwünschtes Verhalten“, was man erreichen wollte. Aber nicht das „ungewünschte Verhalten“ (Händeflattern = Selbststimmulation)

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Dass das Kind z. B. das selbststimmulierende Verhalten des Händeflatterns auslässt, wird als Zuwachs an Kompetenz erklärt.

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Typen von Verstärkern

Da wird in primäre und sekundäre Verstärker unterschieden.

Ein primärer Verstärker wird mit Süßigkeit oder einem geliebten Getränk beschrieben.
Sekundäre Verstärker sind lt. Buch abstrakter, wie zB. Lob, Aufmerksamkeit,  Umarmungen etc.
Diese würden durch Einsatz der primären Verstärker wirksamer und könnten diese später ablösen.

Beispiele von Verstärkern

Diese sind abhängig vom Kind.
Empfohlen wird, essbare Verstärker nur in Maßen einzusetzen und verstärkt soziale Verstärker zu nutzen.

Im Buch wird das Beispiel benutzt, dass das Kind gerne auf Gullydeckel tritt. Dies darf es aber nur, wenn es vorher eine Aufgabe im Rahmen des Zielvorhabens erfüllt hat (und dies wird dann in der Liste gemäß ABC-Modell eingetragen).

Auswahl und Festlegung von Verstärkern

„…… Erfassen Sie die verschiedenen Aktivitäten, die Ihr Kind am meisten mag……..“

„………. welches von beiden es bevorzugt nimmt. Dasjenige, dass es genommen hat, sollte besser als Verstärker funktionieren ………“

Regelmäßig soll die Wirksamkeit der Verstärker überprüft werden.

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Das Kind und alles was es mag, steht also unter stetiger Kontrolle. Und die Dinge, die es wirklich gerne mag oder macht, erhält es immer und nur, wenn es vorher funktioniert hat.
Es wird auch geraten, einige Verstärker für einige Zeit aus dem Lebensumfeld des Kindes zu entfernen. Sogar die Zeit des miteinander spielens wird als Verstärker genutzt.

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Verstärkung im Alltag: ein Beispiel

In dem genannten Beispiel wird dem Kind Berechnung quasi unterstellt.

Das Verhalten des Kindes und die (natürliche bzw. gesunde) Reaktion der Eltern (wir machen einen Spaß zu einer kindlichen Aktion bzw. Reaktion) werden klar gegliedert in

  • intermittierende Verstärkung
  • kontinuierliche Verstärkung

Also steht jeglicher Umgang miteinander immer unter Aufsicht. Alles wird genauestens beobachtet und interpretiert und nach dem ABC-Modell bewertet.

Gestaltung eines Lernprogramms (Intervention)

Verhalten, dass erreicht werden soll, wird in kleinste Schritte zerlegt.
Dazu ist oft die Unterstützung durch sogenannte „Prompts“ notwendig.

Ein solcher „Prompt“ kann eine körperliche Berührung sein. Der über die Zeit reduziert werden soll, was man als „fading“ (Ausschleichen) bezeichnet.
Es wird deutlich klar gemacht, dass es wichtig ist, die Fachbegriffe zu erlernen, da diese hilfreich seien.

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Wieder muss ich feststellen, dass das Zusammenleben mit dem autistischen Kind, auf eine mechanische bzw. instrumentelle Art dargestellt bzw. darauf reduziert wird.
Da jedwede Aktion der Eltern mit einem Fachbegriff belegt wird, und alles dokumentiert werden muss, lösen sich meines Erachtens die Eltern innerlich vom Kind.

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Gestaltung der Lernumgebung

Es wird ein Eins-zu-Eins Unterricht („discrete trials“) für den Anfang empfohlen, um die erforderten Verhaltensweisen so oft wie nötig wiederholen zu können.

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Die Empfehlung, dies in einem reizarmen Raum zu machen, kommt aber nicht aus der Überzeugung, damit dem Kind entgegen zu kommen, sondern um für eine ablenkungsfreie Umgebung zu sorgen.
Damit das Kind gar keine andere Möglichkeit hat, als mit dem „Lehrer“ zu arbeiten, weil es sich der Situation nicht entziehen kann.

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Trainingsbeginn

Am Beispiel, dass das definierte Zielverhalten (target behaviour) „Augenkontakt“ min. 2 Sekunden dauern sollte; wird erklärt wie die Eltern die Anweisungen formulieren müssen und ab wann sie diese erweiteren können. Am Anfang (so die Beschreibung im Buch) wurde das Gesicht des Kindes (wenn es die Aufforderung „schau mich an“) nicht befolgt hatte, in die Richtung des Auffordernden gedreht (Prompt). Schaute das Kind dann korrekt, erhielt es einen Verstärker (Lob oder eine Süßigkeit). Über die Dauer der Intervention konnte dann (nach der Beschreibung im Buch) zuerst der Prompt zurückgefahren und später der Verstärker auf Lob beschränkt werden.

Shaping

Dies bedeutet „Verhaltensformung“.

Verhaltensformung wird in diesem Absatz mit Erziehung (child rearing) bzw. Unterricht (education) in Verbindung gesetzt bzw. gleichgestellt.

Nur über die kleinschrittige Zerlegung von Aufgaben könne der Autist das Gesamte erfassen lernen.

Löschen von Verhalten

„……. Das Prinzip besteht darin, dass bislang verstärktes Verhalten nicht mehr verstärkt wird …….“

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Auf den ersten Blick und anhand der genannten Beispiele könnte man auf die Idee kommen, dass es sich nur um konsequentes Handeln der Eltern handeln würde.
Allerdings kann unter „zu löschendes Verhalten“ alles fallen. Und nicht nur der Wunsch sich stundenlang auf einem Bahnhof (welches im Buch genannt wird) aufzuhalten.
Da ja die Eltern bzw. der BA (behaviour analyst) die Zielvorgaben treffen.

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Generalisierung

Hier wird die Thematik, einmal erlerntes überall anzuwenden, angesprochen.
Dies wird als naturalistisches Lernen bezeichnet.

2.6 Zusammenfassung

“ ……… Es half uns, alltägliche Ereignisse als Möglichkeiten zu sehen, den zorizont unserer Kinder zu erweitern.“

 

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In diesem Kapitel kamen ausschließlich Eltern zu Wort.

In einem Buch, das 2015 zum ersten Mal in der deutschen Übersetzung vorliegt.

Also gehe ich davon aus, dass ich es (nach Lesart der vielen Verteidiger bzw. Anbieter) mit modernem ABA zu tun habe.

Ein Teil liest sich wie konsequente Erziehung.

Aber ist es das wirklich?

Ein Programm, dass in der Regel auf mindestens 20 Zeitstunden in der Woche, lieber aber 40 Zeitstunden angelegt ist und am allerbesten über die gesamte Wachzeit des Kindes ausgeführt werden soll?

Den Eltern wird suggeriert, dass NUR, wenn sie dies konsequent und immerzu durchführen, das autistische Kind überhaupt eine Chance hat. Das nur darüber z.B. der Besuch einer Regelschule überhaupt in Betracht kommt.

Supervision (wie so oft erklärt) wird in diesem Kapitel nur am Rande erwähnt, wie diese genau aussieht aber nicht erklärt.

Das bedeutet, dass die Eltern ein Manual (ABC-Modell) an die Hand bekommen und jegliches Verhalten des Kindes jederzeit protokollieren. Und anhand dessen Zielvorgaben treffen, die dann umgesetzt werden müssen/sollen.

Alles was das Kind mag, wird auf den Wert als Verstärker hin abschätzend betrachtet und dem Kind nur nach erfolgreicher Absolvierung einer Aufgabe zur Verfügung gestellt (über welchen Zeitraum, steht in diesem Kapitel nicht). Das es ihm meist vorher entzogen wurde kann man nur erahnen, aber was für einen Sinn würde ein jederzeit verfügbarer Verstärker ergeben?

Selbststimmulierendes Verhalten, wie z.B. Händeflattern (nur am Rande erwähnt) wird als nicht zu verstärkendes Verhalten genannt. Hierzu empfehle ich die Lektüre von „Quiet Hands„.

Das autistische Kind hat, auch aufgrund der Zeitintensität, keinerlei Zeit mehr einfach Kind zu sein. Dieses Recht wird durch die Zielvorgaben abgesprochen.
Da es ja jederzeit beobachtet wird und jederzeit und überall auf die Anweisungen hin zu funktionieren hat.

Ist dies nun wirklich noch mit normaler und konsequenter Erziehung gleichzusetzen?

 

Noch eine, für mich sehr entscheinde Frage

wo findet hier der Autismus des Kindes Berücksichtigung?

Ich lese von Verhalten, das identifiziert und verändert bzw. gelöscht werden muss. Aber nirgendwo wird die Perspektive des Kindes eingenommen oder gar erklärt, was dem autistischen Kind gut tut. Warum es Dinge tut. Was für Auswirkungen es für das Kind hat, Dinge zu unterdrücken.

Wo bleibt der Aspekt, dass man es NICHT mit einem renitenten, zu Wutausbrüchen neigenden Kind sondern mit einem Autisten, einer Autistin zu tun hat und viele Verhaltensweisen Gründe haben bzw. funktionaler Natur sind?

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4 Kommentare zu „ABA, es gibt „Ratgeber“ in Buchform III, die Elternperspektive Kapitel 2“

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