Flexibilität muss von dem Autisten / der Autistin ausgehen

Dieses Wort wird so oft be-/genutzt, als Zielvorgabe in Hilfeplangesprächen und Gesprächen mit Lehrkräften.

Das autistische Kind soll, so schnell es eben geht, lernen flexibel zu agieren.

Je älter das Kind ist, wird es mit diesem „Wunsch“ direkt konfrontiert; da es ab einem gewissen Alter zu den jeweiligen Gesprächen dazugezogen wird.
Was ich als durchaus sinnvoll empfinde, da nur darüber gewährleistet wird, dass die Bedürfnisse des autistischen Kindes/Jugendlichen auch als seine Bedürfnisse dargestellt und wahrgenommen werden können.
Allerdings bin ich mir nicht immer ganz einig mit den anderen Teilnehmern solcher Gespräche, in welcher Form und über welchen Zeitraum das Kind / der Jugendliche beiwohnen sollte. Denn diese Gespräche sind oft so defizitorientiert und mit Forderungen beladen, dass sie durchaus als stark belastend zu werten sind.

Aber zurück zur Flexibilität. Gemäß Wortsinn ist damit die Fähigkeit zu anpassungsfähigen Verhalten“ gemeint.

Nun ist Flexibilität nicht unbedingt etwas, dass Autistinnen und Autisten leicht fällt. Denn es beinhaltet ja, dass auf etwas reagiert werden muss, dass vom gewohnten Ablauf abweicht.

Im Schulalltag kann das der Stundenausfall bzw. der Vertretungsunterricht sein. Der Unterricht in einem anderen Raum stattfindet, wo keine klare Sitzplatzzuordnung vorhanden ist. Oder das der Bus Verspätung hat. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Je jünger das autistische Kind ist, umso schwieriger sind solche Momente auszuhalten. Dazu hier ein sehr lesenswerter Text.
Mit zunehmendem Alter und möglichst vielen positiven Erfahrungen bildet sich ein Bewusstsein, wie man mit solchen Situationen umgehen kann. Ähnlich Karteikarten kann dann auf dieses Wissen zurückgegriffen werden, dass solche Situationen „überlebbar“ sind. Nichts desto trotz erzeugen sie im ersten Moment Stress.
Ein Mensch, der in solchen Situationen Halt bietet, weil er selber Ruhe ausstrahlt ist hierbei sehr hilfreich. Wenn die Lehrkraft oder die Schulbegleitung in diesen Momenten klare Antworten hat, nehmen sie einen großen Teil der Unruhe.

Die Umwelt lässt sich nicht komplett auf die Bedürfnisse der Autistinnen und Autisten ausrichten. Das ist ohne Frage richtig. Es lohnt sich allerdings, hier nicht mit Druck bzw. Drängelei zu reagieren. Oder, falls zB der Bus Verspätung hatte und dadurch der Schulbesuch ebenfalls verspätet beginnt, hier keine Vorwürfe zu erheben oder über den Bus zu schimpfen.

Das kann den Stress und die Unruhe dämpfen. Ganz wegnehmen geht allerdings nicht. Denn die wichtige Struktur und Routine wurde durchbrochen. Also muss auch im weiteren Verlauf des Tages dies immer wieder berücksichtigt werden. Und nein, wir reden hier nicht von Schonraum, sondern von Rücksicht.

Es geht um das Zusammenspiel von Anpassung (durch den Autisten / die Autistin) und Verlässlichkeit (der Umgebung) sowie der Akzeptanz, dass es nur von Außen betrachtet leicht fällt. Bei Unterbrechung von Routinen und Durchbrechen von Strukturen ist der Kraftaufwand für die Kompensationsleistung sehr hoch.

Plakativ auf Flexibilität drängen und diese einfordern ist, unter den oben genannten Gesichtspunkten, nicht zielführend und kann (je nach Intensität des Drucks) zu Rückschritten führen.

So sollte es immer auch ein „Sicherheitsnetz“ für die schlechten Tage geben. Ebenso ist die Möglichkeit des Rückzugs in einen ruhigen Raum ein entlastender Faktor.
Allein die Gewissheit, es nicht allein schaffen zu müssen, ermöglicht oft Dinge, die ansonsten im Chaos enden würden.
Auch zu beachten ist, dass der gesamte Stress der vergangenen Tage immer im Auge behalten werden muss.
So kann eine einmalige Veränderung wesentlich besser ausgehalten und flexibel angegangen werden, als wenn es täglich zu mehreren Veränderungen kommt.

Die Flexibilität kann nur von der Autistin / dem Autisten selber ausgehen. Dies kann nur über ein ausreichendes Maß an Verlässlichkeit und Akzeptanz aus der Umgebung erfolgen, weil es eine Stütze für den autistischen Menschen bietet.

Es als „bis zu dem und dem Datum hat dass zu funktionieren“ Ziel zu formulieren erzeugt nur eins, massiven Stress.

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5 Kommentare zu „Flexibilität muss von dem Autisten / der Autistin ausgehen“

  1. Die Art, wie über autistische Flexibilität geredet wird, erzeugt bei mir den Eindruck, als würden Neurotypische denken, dass sich sowas ganz leicht abrufen lasse. Als ob ich mich dazu entscheiden könnte, meine Behinderung halt wenn’s genehm ist, auszuknipsen und normal mit etwas umzugehen und als wäre ich nur „schwierig“, weil ich einfach nur böse oder unerzogen bin und absichtlich den anderen es schwer mache. Für den Autisten selbst ist die Überforderung, die aus Flexibel-sein-müssen entsteht, immer noch am schlimmsten – nicht für Lehrer oder Eltern. Wir sind nicht überfordert, weil wir das gerne sind, sondern es passiert so, weil unsere Gehirne so-und-nicht-anders reagieren. Ich kann nicht beeinflussen, wie meine Neurologie auf etwas reagiert, ich versuche nicht, „schwierig“ zu sein und ich wäre gerne sehr viel flexibler als ich es bin. Aber es geht nunmal nicht oder nicht immer.

    Flexibilität kommt bei mir am besten, wenn ich sicher sein kann, nicht auf die Fresse geschlagen zu bekommen, wenn es anders oder an manchen Tagen auch gar nicht gut geht. Wenn ich den Eindruck habe, ich kann mich nach der Überforderung auch wieder fallen lassen und muss nicht jeden Tag kompensieren. Wenn nicht, weil ich es einmal geschafft habe, jetzt erwartet wird, ich müsse jetzt jeden Tag so gut hinkriegen (alle Tage sind verschieden). Wenn ich auch mal zu einer Änderung Nein sagen darf und nicht ständig vermittelt bekomme, ich hätte kein Recht, über meine Lebensabläufe zu entscheiden.

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