Warum tust Du Dir das eigentlich an?

Warum schaust Du Dir Berichte zum Weltautismustag an und kommentierst diese?

Warum hast Du bei Twitter eine Suche zu Autismus und artverwandten Schlagworten offen?

Warum stehst Du dafür ein, auf inhaltliche Fehler oder Wortfindungen zu reagieren und Menschen darauf aufmerksam zu machen?

Warum machst Du das regelmäßig?

Warum machst Du das „trocken“, also rein sachlich, und erklärst?

Warum lässt Du es nicht einfach stehen und gehst drüber weg, bzw. warum versuchst Du nicht, dies mit einer anderen Art von Sprache zu tun?

Tja, warum.

Seit 2008 hängen wir im System. Seitdem habe ich viel gelernt.
Vor allem den Wert von Worten und wer diese wie benutzt.
Und was es für Auswirkungen hat.
Wie wenige Hilfen es hinter schwammigen Worthülsen zu finden gibt und mit was so alles gedroht wird.

Ja, ich schon wieder, die deren Geschichte man nicht verallgemeinern darf.
Die, die mit ihren vier Kindern in den letzten 14 Jahre so viel erlebt hat, dass es für drei Leben reicht.

Vor 14 Jahren ging es „nur“ um Mobbing.
Und das mein Sohn schuld daran trüge, gemobbt zu werden.

2010 im April, nach vielen Irrungen und Wirrungen stand dann die Diagnose und ich versuchte im World Wide Web herauszufinden, was das alles bedeutet.

Und ich fand Berichte, bei denen sich mir wahlweise „die Nackenhaare kräuselten“ (RW) oder „sich die Zehennägel aufrollten“ (RW).
Ich fand einiges, wonach Mütter schuldig am Autismus ihrer Kinder sind.
Und Bezeichnungen von Nichtautisten für Autisten, bei denen ein Eimer zum übergeben nicht mehr ausreichte.

Und ich fand Blogs von Autisten, die sich klar und unmissverständlich dafür einsetzten, dass sich etwas ändert.

Die aber auch die Hoffnung hatten, irgendwann lockerer werden zu können.
Der Blogpost ist von 2011.

Zeitgleich fällt mir dabei ein:
Während Autismus gerne als Vergleich, machmal vielleicht sogar auch wirklich als Schimpfwort oder Beleidigung, benutzt wird, da der Umgang mit dem Begriff offener wird, ohne dass es sich da um die tatsächliche Behinderung Autismus drehen würde, wird das Wort „Autismus“ da, wo es hingehört, von Nicht-Autisten oft gerne gemieden.

Dieser hier ist von 2016.

Darf immer nur einer was sagen und dann darf es keine Reaktion mehr geben, zumindest keine negative, keinen Widerspruch?
Und sind es wirklich immer nur Ideologien, Weltanschauungen und politische Überzeugungen? Sind es nicht ab und an tatsächlich reichlich beleidigende Inhalte, um die es geht?

Ich selbst schrieb 2016 folgendes.

Worte haben Gewicht.
Mit Worten kann viel Unheil angerichtet werden.
Mit falschen Zuschreibungen werden Meinungen erschaffen.

Von 2017, fünf Jahre später immer noch aktuell.

Jetzt stell dir vor, deine Behinderung wird ständig von Leuten mit massenhaft Vorurteilen belegt, die mit den wahren Symptomen nichts zu tun haben.
Und dann stell dir vor, dauernd gehen Leute her und picken nur ein Symptom heraus oder oft gar eins der Vorurteile und meinen, das allein wäre schon die ganze Behinderung.

Und ja, es geht auch um so „banale“ Dinge wie Identity First Language = IFL statt Person First Language = PFL.

Es geht um Witze, die keine sind. Um Metaphern und schlimmeren Schwachfug.
Es geht um die Verharmlosung von Autismus oder die Fehlvorstellung von einer Inselbegabung. Diese beiden Blogpost (von 2013) sind von der viel zu früh verstorbenen Sabine Kiefner und sie sind immer noch aktuell.

Einiges ist besser geworden.
Anderes hält sich hartnäckig.

Einige kann man erreichen durch Gegenrede.
Andere verschanzen sich hinter (Nicht-)Argumenten, weil sich ertappt fühlen oder gar kein Unrechtsbewusstsein haben (wollen).

Den seltsamsten Vergleich den ich jemals las, um solche Kritik abzuwerten, dass es ja fast „wie ABA wäre, wenn man ständig Menschen belehrt“.

Da kann ich nur sagen, ABA wurde nicht verstanden, und gleichzeitig so sehr relativiert, dass ich mich übergeben möchte.
(Wer mehr über ABA lesen mag, um zu verstehen warum diese „Kritik“ keine ist, hier entlang bitte.)

Ich habe es bei meiner Kritik mit wechselnden Ansprechpartnern zu tun, die ich auf Dinge hinweise.
Und nicht mit einer Person, die ich „konditionieren“ will.

Zu einem großen Teil sehe ich mir die Person sogar vorher an, um zu entscheiden, ob es wirklich meine Zeit wert ist, Arbeit in Aufklärung zu stecken oder ob ein Block nicht stressfreier ist.

Ihr könnt Euch übrigens gerne mal ansehen, was man auf Twitter so findet, wenn man eine Autismussuche laufen lässt.
Und  dann überlegt mal, wie oft ich oder andere wirklich was dazu schreiben.

Die Bloggerin Butterblumenland hat mal alltägliche Vorurteile zusammengefasst, die man leider immer noch und immer wieder AUCH auf Twitter wiederfindet.
Entweder, weil Eltern davon berichten, dass sie ihnen „um die Ohren geschlagen wurden“ (RW) oder weil man Tweets sieht, wo solche Meinungen vertreten werden.

Diesen Weltautismustag habe ich übrigens kaum etwas geschrieben, aber einige Artikel gespeichert, um sie später zu lesen und zu kommentieren.
Und ich hab beim ersten Überfliegen der Artikel so viel gesehen, was man nicht unkommentiert stehen lassen kann.
Zu meiner Verwunderung las ich aber, dass kaum jemand schwierige Berichte oder Artikel fand.
Frage, lest ihr diese Artikel einfach nicht und denkt, dann läsen den andere Menschen (zT Entscheider, die Euch im nächsten HilfePlanGespräch gegenüber sitzen werden) auch nicht?

Ist Euch nie von Lehrkräften, Schulbegleitern, therapeutischen Kräften, dem Jugendamt oder sonstwem erklärt worden, was ihr alles an Diäten, homoöpahtischen Mittelchen, Nahrungsergänzungsmitteln oder Therapien zu nutzen hättet?
Ehrlich?
Wie begegnet ihr diesen Menschen, wenn es doch mal passiert?
Woher habt ihr denn Informationen, wie man diesen Menschen entgegen tritt, oder versucht ihr gar all diese Empfehlungen?

Ich bin ja der Meinung, dass sich nichts ändert, wenn man nichts tut.
Jeder DARF SELBSTVERSTÄNDLICH seinen eigenen Weg gehen.

Aber meine Erfahrungen der letzten Jahre hat mich gelehrt, dass es ohne die Personen, die sich gerade machen und Zeit sowie Kraft investieren, einfach nicht geht.
Und das ich ohne diese Personen nicht das Wissen hätte, was ich heute habe.
Diese Personen haben mich im wahrsten Sinne des Wortes ermächtigt, selber tätig zu werden.
Klar, ich berichte aus Elternperspektive, ich beschreibe die Außenwirkung auf meine Kinder und auf Familiensysteme gesamt gesehen.
Autisten berichten aus ihrer eigenen Sicht heraus.
Dies ergänzt sich in der Regel.

Ein Gedanke zu „Warum tust Du Dir das eigentlich an?“

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