Ella Schön – die Außenwirkung

Heute Abend läuft auf dem ZDF im Format des Herzkino ein Zweiteiler in dem Autismus thematisiert wird.
Bzw. eine der Hauptdarstellerinnen, Ella Schön gespielt von Annette Frier, soll eine Asperger-Autistin darstellen.

Die Autistin Elodiyla hat sich den ersten Teil bereits angesehen und hier ihre Kritik geäußert.

Da ich bereits vor Wochen auf das Projekt aufmerksam wurde, habe ich versucht, genau wie viele AutistInnen und Eltern autistischer Kinder, mich darüber schlau zu machen.

Der Regisseur Maurice Hübner und auch Annette Frier haben viel Comedy gedreht und gerade Annette Frier weckt dadurch auch Erwartungshaltungen beim Publikum.

Das bedeutet nun nicht, dass ich beiden grundsätzlich abspreche im ernsten Fach Qualität abliefern zu können, sondern spiegelt ausschließlich die Außenwahrnehmung.

Es gibt bereits einige Artikel in den Medien zu dem Zweiteiler „Ella Schön“, unter anderem diesen hier aus der NOZ. 

Einige Sätze machen sehr deutlich, wie Nichtautisten diesen Film werten bzw. erwarten.

Hier ein paar Beispiele:

Das Gesicht dieser Revolution ist Annette Frier, die im komödiantischen Fach bekannt wurde und es in der Titelrolle der Ella Schön schafft, den Zuschauer zum Lachen zu bringen, ohne selbst ein einziges Mal lustig zu sein.

Das Verhalten von AutistInnen regt also Nichtautisten zum Lachen an.

Annette Frier, die für ihre Rolle der Ella vor allem Gestik und Mimik von Menschen mit Asperger-Syndrom studierte, gelingt das Kunststück, ihrer Figur eine unaufdringliche Emotionalität zu verleihen, eben weil sie die Gefühle nicht sichtbar spielt.

Die Ausschnitte, die ich mir angesehen habe (den ganzen Film ertrage ich ob der Klischeedichte nicht) waren NICHT von unaufdringlicher Emotionalität sondern von Gefühlskälte geprägt. Nach meinem persönlichen Empfinden spielt Annette Frier Gefühle nicht einfach nicht, sondern übergeht sie bewusst und der Zuschauer soll erahnen, dass sie etwas fühlen könnte. So etwas regt eher zu Spekulationen an, ob AutistInnen überhaupt etwas fühlen können und/oder Empathie zeigen. Ihre stakatohafte und emotionslose Sprache trägt ihr übriges dazu bei.

Das dies bereits mehrfach widerlegt ist, ist unter anderem hier nachzulesen. In diesem Artikel wird sehr gut deutlich, dass AutistInnen immer wieder Alexithymie (Nachtrag von Semilocon in den Kommentaren) unterstellt wird. Dies kann zusätzlich zu Autismus vorkommen, muss aber nicht sein. In der Regel wird es zusätzlich diagnostiziert.

Nun ja…

Dann wird in diesem Artikel noch stark auf die wörtliche Direktheit und den fehlenden Smalltalk abgehoben.

„Letztlich mogeln wir alle uns ja ganz schön durch den Tag“, sagt Frier über das Rollenspiel, das jeder Mensch in der täglichen sozialen Interaktion vollführen muss und zu dem Halbwahrheiten und höfliche Notlügen gehören. „Das handhabt der Asperger anders: Immer schön raus mit der unverblümten Wahrheit – als Antwort erstaunte, betroffene Gesichter allerorten.“

Das „Asperger“ kein gültiger Begriff für Asperger-Autismus ist und es im DSM-V schon längst nur noch AutismusSpektrumStörung heißt, scheinen die Autisten und Fachärzte beratenden weder dem Regisseur, noch den Drehbuchautoren oder den Schauspielern verständlich gemacht zu haben.

Was Annette Frier da aber im Interview so lax anspricht, sind soziale Verhaltensweisen und Smalltalk.

Ja, Smalltalk fällt vielen AutistInnen schwer, aber gerade erwachsene AutistInnen haben die Regeln dazu erlernt. Bei einigen wirkt es ungelenk und zum Teil auch gestelzt, allerdings selten so hart oder gar unhöflich bzw. aufdringlich, wie im Film dargestellt.
Ihnen ist bekannt, dass Anklopfen und Grüßen wichtig ist. Vor allem, wenn sie sich in ein Gespräch hineinbegeben.
In einem anderen Interview erwähnte Frau Frier (Kölner Treff, Link siehe unten), dass sie sich lange Zeit über einen Menschen aufgeregt hätte da er sie nie zurück grüßen würde. Erst später hätte sie erfahren, dass es sich dabei um einen Autisten handeln würde.
Da stellen sich mir folgende Fragen
– in welcher Beziehung steht sie zu diesem Mann?
– warum grüßt sie ihn wenn sie in nur „Ansehens“ kennt?
– grüßen wir alle jeden, den wir „Ansehens“ kennen?
– kann es nicht auch tatsächlich so gezeigtes Desinteresse sein, nicht zurück zu grüßen?
– oder ist der Autist noch zusätzlich Gesichtsblind und erkennt sie nicht?

Aber nein, es wird einfach klischeehaft angenommen und transportiert, dass Autisten sich nicht an einfachste soziale Regeln halten.

Ebenso das mit der Wahrheitsliebe und der Unfähigkeit zu Notlügen oder einleitenden Sätzen bzw. einer sozialen Gesprächsführung.
Erwachsene AutistInnen, besonders jene die im Berufsleben stehen, haben gelernt, dass es wichtig ist auf den Gesprächspartner einzugehen.

Am schlimmsten in der gesamten medialen Berichterstattung zu dem Zweiteiler war allerdings die Sendung im WDR „Kölner Treff“ vom 06.04.18, als Frau Böttinger Frau Frier fragte (aus dem Gedächtnis zitiert): „Schauspieler nehmen ihre Rolle ja auch schon mal mit nach Hause, können sie mit ihren Kindern noch warmherzig kommunizieren?“

Ja, ich habe mich bereits auf Twitter darüber aufgeregt,

aber dieser Satz hat sich bei mir tief eingebrannt.

Bei Frau Böttinger ist also der Eindruck entstanden, dass AutistInnen nicht in der Lage sind mit egal wem, auch nicht mit den eigenen Kindern, warmherzig zu kommunizieren.

Die Klischeekeule lässt grüßen.

Das ist die Außenwirkung, die selbst bei informierten Personen übriggeblieben ist. Denn Frau Böttinger hat in 2013 in dem Format B.sucht sich mit der Thematik Autismus auseinandergesetzt und sich mit AutistInnen unterhalten. Besonders der Beitrag mit Sabine Kiefner (Autistin und Mutter) ist vielen in guter Erinnerung geblieben. Einen großen Teil ihrer Lebenszeit nutzte sie, gegen eben solche Klischees anzugehen und diese auszuräumen.
Leider scheint dies bei Frau Böttinger nicht nachhaltig gelungen zu sein.

Und genau da stellt sich mir die Frage, wie dann so ein klischeebehafteter Film wie „Ella Schön“ wohl erst bei der Allgemeinbevölkerung ankommen wird und mit welchen Klichees wir uns in den nächsten Wochen und Monaten wieder rumschlagen müssen. Arbeit von Jahren, die sehr kleinschrittig und zeitaufwändig ist, wurde und wird hier für das Amusement einiger einfach zunichte gemacht.

Ich habe übrigens noch eine Bitte, da es bereits auf Twitter mehrmals kam, dass wir solch klischeebelasteten Filmen nicht so viel Aufmerksamkeit widmen sollen.

Nehmt doch bitte die Erfahrungswerte von AutistInnen und Eltern autistischer Kinder ernst liebe Mitmenschen.

Wir wissen wovon wir reden.

Wir erleben es täglich was es heißt, mit all den transportierten Klischees konfrontiert zu werden und immer wieder das Gegenteil beweisen zu müssen.

Da ist nichts mit „steht doch einfach drüber“, denn es kostet unglaublich viel Kraft.

 

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3 Kommentare zu „Ella Schön – die Außenwirkung“

  1. Einen kleinen Fehler gibt’s noch hier: Alexithymie ist keine anerkannte Störung (wurde in den Bereich der Psychosomatie abgeschoben, was für Mediziner keine „echten“ Krankheiten sind) und kann daher nicht diagnostiziert werden, obwohl es rund 10 % der Bevölkerung betreffen soll. Ich halte das selbst für merkwürdig, weil mich Alexithymie oft viel mehr einschränkt als der Autismus an sich.

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