Miss (T) verständnisse

Oder:

wenn die Erfahrungswerte von AutistInnen in Frage gestellt werden

Auf Facebook und aus Foren kenne ich das schon länger und jetzt gab es das auch auf Twitter. AutistInnen schildern ihre Erfahrungswerte mit etwas und Eltern autistischer Kinder stellen diese Erfahrungswerte absolut in Frage. Ab und zu gewinne ich den Eindruck, dass gar nicht gewusst werden will oder möchte, dass die Erfahrungswerte erwachsener AutistInnen mit denen der eigenen autistischen Kinder identisch sein KÖNNTEN.

Meine Tweetkette dazu möchte ich jetzt in diesem Blogbeitrag nochmal aufgreifen und auch Reaktionen dazu hier einstellen.

Miss (T) verständnisse
so unnötig
so kraftraubend
so kontraproduktiv
wie oft habe ich so ’nen Driss in der Familie wie oft entstehen diese dadurch, dass die Gesprächebene und/oder die Intention der Familienmitglieder nicht klar/nicht identisch ist. Da keiner eine LED-Schrift auf der Stirn hat, wo die Gedanken die vor einem Gespräch vorhanden sind oder während eines Gespräches entstehen, ablesbar sind kommt es leider oft zu Eskalationen.
Wir hatten hier im Haus schon heftige Streits, weil der eine nicht erkannt hat, was der andere will. Beispiel: einer erledigt eine Arbeit die sehr schwierig ist ein zweiter kommt dazu, sieht das und möchte helfen sagt aber nur „geh mal weg – ich mach das“ Beim ersten kommt nur an „der hält mich nicht für fähig diese Arbeit fertig zu stellen“ die Reaktion darauf ist „ich kann das schon alleine – geh weg“ Nun nimmt der zweite wahr, „ich will helfen was immer eingefordert wird, jetzt darf ich aber nicht meine Pflicht wahrnehmen“. Die Reaktion des Zweiten ist entsprechend ungehalten um es vorsichtig zu sagen. Ich habe solche Dinger hier fast täglich. Und in der akuten Situation mit den beiden Kontrahenten etwas besprechen zu wollen ist absolut unmöglich. Denn NIEMAND hat die Kapazitäten frei die Situation ausschließlich von außen zu betrachten. Die Beziehungsebene kann in der Situation nicht ausgeblendet werden. Die Verletzungen, absolut unbeachsichtigt von beiden Seiten, können nicht beiseite geschoben werden. Es braucht oft WOCHEN in unserer Familie, die einzelnen Aspekte in (nicht immer schönen) Gesprächen herauszufinden. Diese dann dem jeweils anderen zu übermitteln ist SEHR SCHWER.

Bei vier autistischen Kindern und Eltern die aus verschiedensten Gründen schon lange am Anschlag gehen, sind solche Miss (T) verständnisse leider nicht selten. So kann es vorkommen, dass ein Kind vielleicht nur 2h geschlafen hat, weil das Gedankenkarussel sich nachts nicht anhalten ließ. Dieses Kind ist aber NICHT in der Lage, dies zu verbalisieren, weil es maximal erschöpft ist. Es kann weder Tonlage steuern, noch ist es zu Höflichkeitsfloskeln wie „Bitte – Danke“ in der Lage.

Es kommt vor, dass das Kind morgens ins Wohnzimmer „stürmt“ und schlicht sagt „ich brauch ein Brot und was zu trinken für die Schule, mach das fertig“ ein Blick ins Gesicht des Kindes reicht, um zu wissen, hier läuft grad gehörig was schief. Hier dann ein Bitte einzufordern kann die Situation schon in die maximale Eskalation treiben. Von außen sieht es so aus, als ob wer Befehle erteilen würde und irgendwer diese auch noch befolgt. Ich habe wirklich lange gebraucht (und viele geduldige Erklärungen erwachsener Autisten) zu verstehen was da eigentlich passiert.
Was weiter sehr interessant ist, dass meine Kinder bei den Geschwistern diese Überbelastung oft gar nicht wahrnehmen, weil sie selber in irgendeiner Weise belastet sind.
Dann kann es passieren, dass sie die erlernten Höflichkeitsfloskeln oder einen angenehmen Umgangston einfordern, weil sie selber mit der harsch vorgetragenen Bitte grad nicht umgehen können.

Sie hängen also im eigenen Erleben und den eigenen Belastungen fest und für sie sind die vom Geschwister „harsch“ herangetragenen „Forderungen“ maximal anstrengend.

Wenn ich auf uns Eltern schaue, wir können das auch nicht immer trennen. Was wir aber mit den Jahren gelernt haben, weniger im übrigen in der systemischen autismusspezifischen Familientherapie (muss ich leider so betonen) als über den Kontakt mit erwachsenen AutistInnen. Es bringt wenig bis NICHTS, in einer solch extrem aufgeladenen Situation, langwierig über Stunden zu diskutieren. Es ist keine Kraft dafür vorhanden. Oft sind danach alle am heulen oder die verbalen Ausfälligkeiten nehmen Aumaße an …, Türen knallen und Sachen fliegen.
Im Zweifel hat man nur ein vollkommen erschöpftes Kind vor sich, dass, weil es ENDLICH RUHE HABEN will, alles abnickt / allem zustimmt, aber gar nichts verstanden hat.

Hier möchte ich noch auf möglichen „Sprechdurchfall“ hinweisen

Ja, es hat macht den Eindruck das diskutiert werden möchte, vom autistischen Kind ausgehend.

Eine gute Erklärung was im autistischen Kind vorgehen könnte ist folgende

 

Das sind im übrigen Erfahrungswerte aus nun wirklich langen Jahren des Zusammenlebens mit meinen vier autistischen Kindern und den Fehlern VOR der Diagnose die wir gemacht haben SOWIE dem täglichen Erleben/der täglichen Beobachtung AUCH im schulischen Kontext.

Aber vielleicht kennt das ja auch der ein oder andere nichtautistische Mensch, dass wenn er total drüber ist, er nicht mehr aufnahmefähig ist und er eigentlich nur noch fliehen möchte, statt Vorträge anzuhören und daraus zu lernen.

Selbst wenn in solchen Momenten ein „Erfolg“ zu verzeichnen ist, weil das Kind gesagt „ja du hast Recht, ich hab mich daneben benommen, deine Regeln sind richtig, ich halte mich daran – oder einfach nur – Ja, OKaaaayy“ Das Grundproblem wurde NIE thematisiert. Das Kind kann gar nicht mehr mitteilen, WARUM es überhaupt so geladen morgens durch die Tür kam. Es ist eventuell mit einer geladenen Stimmung aufgestanden, weiß aber manchmal gar nicht, wo das Problem liegt. Es kann es selbst NICHT greifen.

Jede erzielte Versprechung ist in einem solchen Fall wertlos.

Hier möchte ich auf eine Tweetkette verweisen:

So, und was hilft nun? Die erwachsene Person in der Situation ist gefordert. DAS. IST. EXTREM. SCHWER!
Es ist schwer, nicht das Beziehungsohr zu nutzen. Es ist schwer, hier die Ruhe zu bewahren. Es ist schwer, sich vom Verhalten des Kindes nicht angegriffen zu fühlen.
Btw, ich bin nicht perfekt und mir gelingt das weiß Gott nicht immer es so umzusetzen. (bevor mich jetzt irgendwer in den Himmel loben will – ich mache immer noch und leider auch immer wieder ausreichend Fehler)

Regeln in unserem Haushalt aufzustellen ist im übrigen nicht leicht. Heißt es nämlich auch, dass auch wir Eltern uns (wenn wir die schon konkret einfordern) selber auch zu 100% erfüllen müssen.

Ich möchte hier klar auf die Fehlerquote Mensch hinweisen.

Liebe Eltern schaut mal auf Euch selbst, ist es Euch auch schon passiert, dass ihr ins Zimmer des Kindes stürmt und etwas einfordert ohne erkennbaren Kontext und im rein sachlichen „befehlsartigen“ Ton? Wie war da Eure Grundstimmung?
Konntet/Könnt ihr da immer klar benennen, woher da grad dieser Ton entstanden ist?
Ich kann das nicht.

Das schöne Wort Reflektion für
-Situation
-Worte
-Stimmlage
-Grundstimmung
und was daraus folgen soll, betrifft nicht nur meine autistischen Kinder.
Es betrifft auch mich und meinen Mann.
Es wäre/ist schon ganz schön vermessen, wenn wir Eltern ausschließlich Reflektion von unseren Kindern einfordern würden.

Und wenn wir Eltern, vollkommen fertig vom Alltag und allem anderen, gerade nicht in der Lage sind, die eigenen Befindlichkeiten und die eigene Erschöpfung auszublenden, dann ist kein reflektiertes Gespräch auf Augenhöhe möglich.

Hier kommt es dann zu den von Therapeuten nicht gewünschten und von den Kindern oft nicht verstandenen Kurzanweisungen.
Stopp – Halt – Jetzt nicht – geh in Dein Zimmer
Und nein, die sind nicht schön. Sie sind eine Notbremse.

Was mir wirklich oft geholfen hat, ich kann es gar nicht oft genug wiederholen.
Erwachsenen Autisten zuzuhören.
Ja, ich habe auch schon „nur“ über Situationen berichtet. Ich wollte eigentlich keine Analyse der Situation. Ich wollte es mir nur vom Herzen schreiben.
Und dann bekam ich
-Fragen
-Berichte über das eigene Erleben solcher Situationen
-Vorschläge
Sehr oft sogar lasen sich diese Dinge (je nachdem wie aufgebracht, genervt, unter Strom stehend, verletzt und wütend ich selber war) wie die gebrüllten Worte meiner Kinder.
Ich hab Threads geschlossen – und wieder aufgemacht.
Ich habe sie mehrfach gelesen. Ich habe begonnen Fragen zu stellen.
Ich habe versucht Dinge umzusetzen, was ich las.
Aber ich habe gelernt, dass mich KEINER angreifen wollte.

Die AutistInnen, die sich die Mühe machten, mir zu schreiben, wollten mir helfen!
Es lag an mir, dass ich einen scharfen Ton las.
Sie wollten mir erklären, was sie in ihrer Jugend nicht verbalisieren konnten. Sie wollten meinen Kindern eine Stimme geben
Sie haben AUS IHREM Erleben berichtet. Sie haben mir NIE gesagt, das ist garantiert so und so.

Zum Teil haben diese AutistInnen meine Erzählungen lange verfolgt, ohne dass ich es wusste. Die einen schrieben „ich hab das nun schon lange verfolgt“ die anderen schrieben einfach drauf los, weil irgendwas für sie im Rückblick auf die eigene Kindheit triggernd war.
Es tut mir weh zu lesen, dass Eltern die Anmerkungen und Threads erwachsener AutistInnen als herablassend empfinden. Ich wünschte mir wirklich, sie könnten die Beziehungsebene außen vor lassen und einfach wertschätzen, dass da Menschen von ihrem eigenen Empfinden und ihrer Kindheit erzählen. Was für sie möglich war und was nicht. Ja, das kann am eigenen Verständnis als Elter rütteln. Ja, das kann richtig weh tun. Ja, das kann einem eigene Fehler vor Augen führen. Aber es bietet eine unglaubliche Chance. Die Chance Fragen zu stellen.

Kein Therapeut kann das Erleben eines Autisten beschreiben.
Das können nur Autisten.
Ich bin dankbar dafür, dass es erwachsenen Autisten gibt, die ihre Erfahrungen teilen um autistischen Kindern UND deren Eltern zur Seite zu stehen.

Danke dafür

Ich möchte noch etwas wichtiges anmerken, liebe Eltern

niemand erwartet, dass ihr sofort reagiert, wenn Euch eine Antwort gegeben wird
kein Autist stellt seine Erfahrungen als alleinig richtig dar
lasst Euch Zeit zur Verarbeitung
schaut einfach über einen längeren Zeitraum, ob es eventuell Ähnlichkeiten im Erleben bei Eurem Kind gibt
nutzt die Erfahrungswerte als Ideengeber um mit Eurem Kind ins Gespräch zu kommen

Danke

2 Kommentare zu „Miss (T) verständnisse“

  1. Danke. 🙂
    Ich habe übrigens überwiegend die Erfahrung gemacht, dass entsprechende Diskussionen auf Twitter oder in Blogs positiv verlaufen, und das (nichtautistische) Eltern ernsthaft daran interessiert sind, möglicherweise die Gedankenwelt ihres autistischen Kindes ein wenig besser verstehen zu können.
    Natürlich gibt es auch die „Was kommt der nun an, will der mich belehren?!“ – Reaktionen, aber das ist in der Tat sehr selten bei mir bisher der Fall gewesen. Und teilweise sind aus diesen Gesprächen echte oder zumindest virtuelle Freundschaften über Jahre entstanden. 🙂

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    1. Es gibt zwei Arten von Eltern. Jene, die offen sind und jene, die wirklich jede Aussage eines erwachsenen Autisten als Angriff auf sie selbst sehen. Die zweite Sorte clustert vor allem in bestimmten Facebook-Gruppen, aber leider nicht nur dort.

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