Unsere Erfahrungen mit Schulbegleitern

Mitte April sind es acht Jahre, dass das erste unserer vier Kinder die Diagnose Autismus erhalten hat.

Im Oktober 2011 startete dann unsere Zusammenarbeit mit
„der“ Schulbegleitung.
„Der“ in Anführungszeichen, da wir in diesen Jahren schon sehr viele Kräfte erlebt haben / erleben mussten.

Manche stellten nach einigen Tagen fest, dass der Job nicht für sie geeignet war oder sie/er nicht mit meinem Kind und/oder mein Kind nicht mit ihr/ihm zurecht kam.

Andere waren so überzeugt von sich und arbeiteten komplett am Kind vorbei. Leider erzeugten sie bei Lehrkräften eine Erwartungshaltung mit ihren Anforderungen an meine Kinder.
Diese Erwartungshaltung konnten meine Kinder nur leider nicht erfüllen.

Dann gab es jene, die lieber mit den Lehrkräften arbeiteten und sich in der gesamten Klasse einbrachten. Ob sie sich dadurch den Traum, selber Lehrkraft sein zu können, erfüllen wollten – ehrlich ich weiß es nicht.
Allerdings waren sie dann nicht für mein jeweiliges Kind greifbar wenn es Hilfe benötigte.
Die Begründung, mit der sie mir ihre „Arbeit“ verkaufen wollten hörte sich im ersten Moment gut an „ihr Kind soll ja keine Sonderrrolle in der Klasse einnehmen“.
Das sie damit allerdings mein Kind vernachlässigten, dass bekamen sie nicht mit.

Und dann gibt es diese Lichtblicke.
Menschen, die sich bei AutistInnen über Autismus informiert haben.
Die zwar die gängigen Ratgeber gelesen haben aber erstmal schauen was der zu betreuende Schüler tut und wo er Hilfen und Unterstützung benötigt.
Die sich auf den aktuell zu betreuenden Schüler einlassen und zu allererst Beziehungsarbeit zum / mit dem autistischen Schüler leisten.
Vertrauen von Seiten des Schülers zur Schulbegleitung ist einer der Grundbausteine für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Und ja das ist es in allererster Linie, eine Zusammenarbeit zwischen autistischem Schüler und Schulbegleitung.

Das autistische Schüler MUSS wissen, dass seine Fragen zu egal was NICHT  als „nicht so wichtig“ deklariert werden. Und wenn er Probleme mit Aufgabenstellungen hat braucht er die Gewissheit, dass die Schulbegleitung die Geduld aufbringt hier nochmal hinzuschauen und die Aufgabe aufzudröseln.
Es ist dem autistischen Schüler nämlich in keinster Weise geholfen wenn die Schulbegleitung genervt mit Sätzen wie z.B. „das haben wir doch schon hundertmal besprochen“ reagiert.
Und sollte die Aufgabe missverständlich formuliert sein, MUSS die Schulbegleitung sich mit der Lehrkraft auseinandersetzen, damit diese die Aufgabe präzisiert.
Falls der autistische Schüler (wie mein Jüngster es dann oft tut) dann immer noch festhängt, weil er einfach nicht versteht warum die Aufgabe nicht direkt konkret gestellt wurde, dann ist es die Schulbegleitung die der Lehrkraft vermitteln muss, warum arbeiten gerade nicht möglich ist. Sie muss den autistischen Schüler an diesem Punkt aktiv entlasten und den Druck aus der Situation nehmen.

Eine gute Schulbegleitung nimmt sich auch die Zeit und schaut, warum eine Aufgabe in eine Überforderung führt oder warum diese nicht bearbeitet wird / bearbeitet werden kann.
Sie findet es entweder selber heraus oder geht in das Gespräch mit dem Schüler. Falls dies nicht möglich ist, sucht sie den Kontakt zu den Eltern oder gibt zumindest den Hinweis dass eine spezielle Aufgabe zu Arbeitsverweigerung geführt hat und lässt diese forschen.
Rückmeldungen des Schülers übersetzt die Schulbegleitung an die Lehrkräfte, damit diese dem autischen Schüler adäquat helfen können. Und die Schulbegleitung wirbt bei den Lehrkräften für Verständnis für die Fragen des autistischen Schülers.

Besondere Probleme werden in Zusammenarbeit mit dem Elternhaus und den Lehrkräften angegangen.

Auch fungiert die Schulbegleitung als Übersetzer in Situationen wo die soziale Kommunikation sich als Hürde zeigt und die Signale der Mitschüler oder der Lehrkraft vom autistischen Schüler nicht, nicht in Gänze oder gar falsch verstanden wurden. Und selbstverständlich auch im umgekehrten Fall, dass der autistische Schüler nicht verstanden wird.

Zur Zeit haben wir eine solch engagierte Person mit der unser Jüngster gut harmoniert.
Sie gibt ihm Raum sich zu entwickeln.
Die Sicherheit, die sie ihm bietet führt dazu, dass er seine Probleme wesentlich klarer benennen kann.

Allerdings kämpft sie auch mit den Schatten der Vergangenheit, ebenso wie die Lehrkräfte.
Die Schulbegleitung, die wir Anfang des Schuljahres hatten, hat die Arbeit von vier Jahren fast zu Nichte gemacht.
Unser Sohn überprüft nun jede Aussage aller Personen auf Wortlaute und Anforderungen, die diese Frau gesagt und/oder gestellt hat.
Menschen, die sich ähnlicher Formulierungen bedienen, haben bei ihm „ausgeschissen“ und erreichen ihn nur sehr schlecht bzw. führen deren Anforderungen fast augenblicklich in den Overload.

Es ist nun leider auch Aufgabe unserer jetzigen Schulbegleitung, dies den Lehrkräften zu erklären.
Das wird ein hartes Stück Arbeit werden, denn es kamen bereits jetzt solche Sprüche wie z.B. „er muss das doch trennen können“ oder „er hatte schon genug Zeit uns kennenzulernen“.
Wie tief die erzeugte Verunsicherung bei ihm ist können die Lehrkräfte anscheinend überhaupt nicht begreifen.

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4 Kommentare zu „Unsere Erfahrungen mit Schulbegleitern“

  1. Ja, so sollte Schulbegleitung aussehen !
    Deine Zusammenfassung zeigt gut, welche Kompetenzen für die Aufgabe der Schulbegleitung notwendig sind; gerade die vermittelnde Rolle zwischen LehrerInnen und Bedürfnissen/ Möglichkeiten des Kindes ist auch bei guter Ausbildung für einen Berufsanfänger kaum zu leisten, denn auch ein Einblick und Überblick generell in Arbeitsstrukturen und in Teamwork sind hier wichtig;
    Mitunter ist Realität bei Schulbegleitungen eine andere, es handelt sich bei Schulbegleitern dann um sehr schlecht bezahlte Hilfkräfte, die sicher oft sehr motiviert beginnen und dennoch letztlich zwischen die Mühlen aller geraten; für alle Beteiligten eine totale lose-lose-Situation; diese Hilfskräfte werden auch nicht etwa eingestellt, obwohl sich keine Fachkenntnisse, sondern weil (!) und somit billiger sind;
    Besonders übel auch dies :
    – ist die Schulbegleitung krank, wird dem Kind der Unterrichtsbesuch verweigert
    – ist das Kind krank, erhält die Schulbegleitung keine Lohnfortzahlung
    man weiß gar nicht, welche Variante da die andere noch an Erbärmlichkeit toppt !

    Bei solchen Bedingungen zur Inklusion besonders zynisch der Ruf, dass Inklusion mehr Willen , aber nicht mehr Geld braucht !
    LG

    Gefällt 1 Person

    1. Zu den schlechten Bedingungen hatte ich hier https://autismuskeepcalmandcaryon.wordpress.com/2017/07/30/manche-einstellung-laesst-mich-schaudern/ schon mal was gschrieben.

      Mein Sohn bräuchte übrigens egal wo eine Schulbegleitung. Das Problem der schlechten Bezahlung und der merkwürdigen Kompetenzzuordnung ist nicht bei der Inklusion zu suchen.
      Und vieles, was derzeit unter dem Prädikat Inklusion läuft ist häufig nur Integration. Bis wir vollumfängliche Inklusion haben werden, wird es noch dauern.
      Trotzdem bin ich ein absoluter Inklusionsverfechter, denn Inklusion betrifft das ganze Leben und irgendwo müssen wir anfangen.

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    2. ….und der vermittelnde Pflegedienst bekommt locker das Doppelte vom Lohn nur zur Verwaltung….da ist eine fehlende Lohnfortzahlung bei Krankheit des Kindes eine Frechheit.
      Wobei unsere Schulbehleitung tatsächlich eine Lohnfortzahlung bekommt – Ausnahmen bestätigen leider die Regel…
      C.

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