Welt-Autismustag 2018

Dieser Tag macht mir enorme Bauchschmerzen.

An diesem einen Tag ploppen in vielen Medien Berichte über Autismus auf. Die wenigsten sind dazu geeignet, zur Aufklärung über Autismus beizutragen. Und in noch viel weniger Medien kommen AutistInnen selber zu Wort.
Dafür werden dann Betreuer oder Eltern befragt, wie diese Autismus einschätzen und was dieser für Probleme bereitet.
In den seltensten Fällen geschieht dies auf Augenhöhe.

Das Leid, dass der Autismus mit sich bringen kann, wird überbetont.
In der Hauptsache übrigens das Leid, dass über die Eltern kommt.
Ob und wenn woran AutistInnen leiden wird selten gefragt.

Aber woran leiden denn die Eltern?
An ihrer Erwartungshaltung an das Kind?
Oder an der immer noch nicht funktionierenden Inklusion und der schlechten schulischen Versorgung?
An Therapeuten, Schulbegleitungen, und Lehrkräften, deren Erwartungshorizont sich nur auf die Defizite der autistischen Kinder konzentriert und diese beseitigen will?
An dem Wissen, dass es nach der Schule nicht besser wird und die Möglichkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt sehr beschränkt sind?

Dieser Beitrag ist einer von den wenigen Guten. Bemerkenswert ist dieser Absatz.

Finanzsorgen und eine schlecht informierte Öffentlichkeit

Wo Handlungsbedarf herrscht, das zeigt eine Studie des „Autismus-KompetenzNetzwerks Oberbayern“ aus dem Jahr 2016: Zwar gab eine Mehrheit der autistischen Studienteilnehmer an, im Privatleben eine relativ hohe Zufriedenheit zu haben und Dinge wie die Wohnsituation, den Partner oder die Freizeit autonom auswählen zu können. Getrübt wird dieses Bild allerdings durch die materiellen Umstände: Fast 80 Prozent fühlten sich nicht ausreichend finanziell geschützt und erleiden mitunter existenzielle Ängste. Weiterer Punkt: die Aufklärung über das Autismus-Spektrum. Mehr als 90 Prozent der Befragten meinten, dass die Öffentlichkeit über Autismus nicht genügend informiert ist und fast zwei Drittel fanden sich mit ihren positiven Fähigkeiten in der Öffentlichkeit nicht korrekt dargestellt.

Vor allem der Aspekt, dass die Öffentlichkeit immer noch zu wenig über Autismus weiß ist wichtig.
Immer noch liegt die Konzentration (wie auch in diesem Artikel) auf der IT, siehe:

In der Regel können Autisten gut analysieren, sie erkennen gleiche Muster in Datenbeständen und sie haben eine enorm hohe Aufmerksamkeitsspanne. Genau jene Fähigkeiten also, die in der Informatik gewünscht sind.

Was wohl auch daran liegt, dass die Firma Auticon sich gut eignet positiv über Autismus zu berichten.

Nun bin ich schon seit acht Jahren durch die Diagnose unseres Ältesten damit beschäftigt, mich mit Autismus auseinander zu setzen. Mittlerweile weiß ich, dass alle meine vier Kinder autistisch sind.

In diesen acht Jahren habe ich viele AutistInnen kennenlernen dürfen.

Deren Begabungsprofile und Interessengebiete sind so unterschiedlich und breit gestreut wie in der Allgemeinbevölkerung.

Ja, ich habe InformatikerInnen kennengelernt, aber auch BibliothekarInnen, LehrerInnen, JournalistInnen, GraphikerInnen, BiologInnen, Kauffrauen- und männer, HandwerkerInnen und GärtnerInnen um nur einige Berufsbilder zu benennen.
Ihnen allen ist gemein, dass sie in ihrem jeweiligen Fachgebiet ihre Stärken ausleben.
Sind sie auch alle auf dem ersten Arbeitsmarkt berufstätig?
Leider Nein.
Und Warum?

Weil SocialSkills erwartet werden, die ohne Coaching/Übersetzung der Anforderungen kaum oder nicht leistbar sind.
Weil der Aspekt der Reizüberflutung so oft verdrängt wird.
Aleksander Knauerhase hat dazu schon vor einiger Zeit einen sehr guten Artikel geschrieben.
Weil das Wissen um Overload, Melt- und Shutdown immer noch so gering ist. Die Bloggerin Innerwelt hat dazu diesen beeindruckenden Text auf ihrem Blog.
Weil es so viele Vorurteil über Autismus gibt und diese auch von Medien immer wieder befördert werden. Sei es durch den Gebrauch des Wortes Autismus als Metapher (eine gute Linksammlung zur Thematik findet ihr bei dasfotobus) oder dadurch dass Autisten als Gefahr wahrgenommen werden (dazu ist dieser Text der verstorbenen Sabine Kiefner immer noch aktuell und lesenswert).

Für die breite Öffentlichkeit scheint Autismus nur interessant, wenn es mit einem hohen Leidfaktor präsentiert wird. Dies nutzt im übrigen Autism Speaks mit ihrer Aktion LIUB. Dem setzen AutistInnen und Angehörige die Aktion Walk in Red entgegen. Warum Autism Speaks keine gute Adresse für AutistInnen ist könnt ihr auf Why Boycott Autism Speaks nachlesen.
Mela Eckenfels hat dazu auch einen lesenswerten Artikel auf deutsch verfasst.

Der Weltautismustag setzt nur ein Spotlight. Und direkt danach schwindet die Aufmerksamkeit sofort wieder. Häufig bleiben von diesen Spotlights nur die besonders erschreckenden oder leidbehafteten Schlagwörter in Erinnerung.

Was können wir also tun, um die Aufklärung über Autismus voran zu bringen?
In dem wir uns zu Wort melden, wenn Autismus in den Medien falsch dargestellt wird. Genau wie es Elodiyla heute schon mit diesem Artikel getan hat.
In dem wir sachlich klarstellen, dass Autismus als Metapher nicht taugt.
In dem wir unsere Wünsche klar benennen, wie es Gedankenkarrussel in diesem Artikel getan hat.

Versuchen wir doch einfach jeden Tag zur Aufklärung beizutragen. Ein anderer wird es nicht für uns tun.

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2 Kommentare zu „Welt-Autismustag 2018“

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