Selbstständigkeitswerdung

Was Eltern autistischer Kinder sich ständig anhören müssen

„Ihr Kind muss selbstständig werden.“

Was darunter zu verstehen ist, wenn Nichtautist/-innen dies fordern:

  • seinen Ranzen alleine packen
  • keine Erinnerung daran, was alles noch zu erlernen hat
  • keine „fremd“erstellten Pläne
  • Nutzung des Schulbusses
  • KEINE Schulbegleitung
  • nicht zu viel fragen

was nicht gemeint ist

  • über Umwege um Hilfe bitten KÖNNEN
  • sich des „Hilfmittels“ Schulbegleitung „bedienen“
  • sich HELFEN lassen / Hilfe akzeptieren

Es geht immer nur darum, möglichst „norm“al zu WERDEN bzw. zu WIRKEN und nicht zu viel Arbeit zu machen.

Das autistische Kind soll einfach mitlaufen.

Es soll den Anforderungen genügen.

Wenn es nicht passt, soll es woanders hin.

Das ist wie mit den alltagspraktischen Fähigkeiten (Beispiel) auf Förderschulen. Diese haben dort einen hohen Stellenwert. Und zwar einen höheren als die formale schulische Bildung in den einzelnen Fächern.

Natürlich ist es wichtig, das behinderte Kinder AUCH alltagspraktische Fähigkeiten erwerben.
Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass dies für ALLE Kinder gilt.

Bei nichtbehinderten Kindern verbleibt dieser Fokus komplett im Elternhaus.
Nur ganz selten weisen Lehrkräfte darauf hin, dass Eltern an der ein oder anderen Stelle mit ihren Kindern noch „nacharbeiten“ müssen.

Gerade zu Beginn der Grundschulzeit ist Schnürsenkel binden an beliebtes Thema.

Aber es hat sich etabliert, dass Klettverschlüsse hier sehr hilfreich sind. Und das, OBWOHL in der Schuleingangsuntersuchung noch überprüft wird, ob das Kind Schleife binden kann.

Vornehmlich geht es in der Schuleingangsuntersuchung darum, ob die Feinmotorik bereits ausreichend geschult ist.

Das aber viele Kinder dies nicht zuverlässig können, beweist der erste Elternabend, wenn die Lehrkraft darum bittet es nachzuschulen ODER Schuhe mit Klettverschluss zu nutzen, weil sie verständlicherweise KEINE Zeit hat, 25 Schulkindern nach dem Sportunterricht die Schuhe zu binden.

Hat man aber ein behindertes Kind, welches Nachteilsausgleiche in Anspruch nimmt und/oder eine Schulbegleitung hat, dann wird der Ruf nach Selbstständigkeitswerdung sehr laut und mit immer größerer Penetranz vorgetragen.

In HPGs (Hilfeplangesprächen) müssen sich Eltern autistischer Kinder nicht selten von Schulseite aus den Vorwurf gefallen lassen, dass sie ihre Kinder dazu ermutigen, sich auf ihrer Behinderung auszuruhen.

Und leider steigen nicht wenige Jugendämter, Kostenträger von Schulbegleitungen, darauf ein und verankern in den Zielvereinbarungen, dass an diesen Themen gearbeitet wird.

Nehmen wir mal exemplarisch das Thema Busfahren zur Schule.

Für viele autistische Kinder ist es rein technisch überhaupt kein Problem einen Bus zu nutzen.
Alles, was rein technisch betrachtet dazu notwendig ist, ist relativ leicht erlernbar.

ABER, so ein Schulbus ist oft KEIN Schülerspezialverkehr sondern es wird der ÖPNV genutzt.

Heißt, wenn die Schule nicht fußläufig erreichbar ist, was die wenigsten weiterführenden Schulen sind wenn man nicht direkt daneben wohnt, dann soll das autistische Kind zu Stoßzeiten im überfüllten Bus fahren.

Nun ist die Reizfilterschwäche bei Autismus ein großes Thema.
ALLES, wirklich alles strömt ungefiltert auf das autistische Kind ein.
Geruch, Licht, Enge, Gerempel, Unterhaltungen

Die autistischen Schüler/-innen können sich dem nicht entziehen und kommen entsprechend vollkommen reizüberflutet in der Schule an.

Je nach Standort der Schule und Wohnort des Kindes ist der Fahrweg länger als eine Stunde und der Aufenthalt im unkoordinierten Durcheinander aller ankommenden Schüler/-innen oft noch über eine halbe Stunde vor Schulbeginn (ja, auf dem Land ist das nicht selten das die Busse so seltsam getacktet sind).

Was ein autistische Kind da an Kraft und Nerven aufwenden MUSS, um das alles auszuhalten entspricht nicht selten einem kompletten Arbeitstag.
Auf dies wird dann der Schultag gepackt, mit all seinen Anforderungen.
Danach folgt der Heimweg, wieder zu Stoßzeiten und meist mit Wartezeit auf den Bus. Also noch ein Arbeitstag.

Und nach 8 bis 10 Stunden Abwesenheit haben die autistischen Schüler/-innen dann fast drei komplette Arbeitstage hinter sich und sollen noch lernen als auch Hausaufgaben erledigen.

Dies geht in der Regel für wenige Tage gut.

Danach macht sich massive Erschöpfung breit.

Welche durch noch höhere Reizfilterschwäche, noch geringeren Filtermöglichkeiten und noch mehr Kraftanstrengung quittiert wird.

Nach kurzer Zeit landen die autistischen Schüler/-innen im Overload, senkt man die Anforderungen nicht kommt es fast zwangsläufig zum Shutdown und / oder Meltdown.

Folge davon ist, dass das Kind als nicht schulfähig betrachtet wird oder ihm Boshaftigkeit unterstellt wird.

Und die wenigsten erkennen den Grund für all das.
Nicht einmal wenn man es ihnen haarklein erklärt.

Das Thema Bus fahren ist nur eines von vielen, die unter Selbstständigkeitswerdung immer wieder angesprochen werden.

Darüber geht verloren, was in Schule EIGENTLICH wichtig ist.
Schulbildung.
Kraft für den Fachunterricht.

Es geht bei autistischen Schüler/-innen ja nicht ausschließlich um die Fähigkeit „Busfahren“ oder „Umziehen in der Gemeinschaftsumkleide“, sondern im Nachgang zu Genanntem um die Fähigkeit dem Unterricht folgen zu können und inhaltlich den Stoff aufnehmen und bearbeiten zu können.

Ich hab nach Jahren endlich das Ziel „Busfahren“ und noch einiges andere aus dem HPG-Protokoll rausnehmen lassen können. Damit die Forderung danach endlich vom Tisch ist.

Nun ist endlich Zeit und vor allem Kraft bei unserem Sohn vorhanden sich auf die fachunterrichtspezifischen Inhalte konzentrieren zu können.

Ich finde es wichtiger, dass er einen Aufsatz schreiben kann und dies auch in der Fremdsprache oder mathematische Formeln versteht und anwenden kann, als das er den ÖPNV ertragen lernt.

Mit den Fertigkeiten der reinen schulischen Bildung wird er einmal einen Beruf ergreifen können.
Das ertragen Können des ÖPNV wird dies nicht ermöglichen.

Werbung

Ein Gedanke zu „Selbstständigkeitswerdung“

  1. Es ist auch so unsäglich im Grunde, jemandem Selbst(!)ständigkeit vorzuschreiben. Was könnte weiter davon entfernt sein.
    Mir kommen diese HPGs auch oft wie eine einzige Show-Veranstaltung vor.
    Euer Busfahrtraining ist dabei unser Toilettentraining. 🚩

    Like

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

%d Bloggern gefällt das: