Bedürfnis vs Wunsch

Wo zieht man da die Grenze und wer definiert die Grenze?

Und ist es wirklich Luxus seine Bedürfnisse zu benennen?

Mal ganz rudimentär gedacht, jeder hat bei Hunger das Bedürfnis zu essen.
Und wenn nicht gerade eine Hungersnot herrscht isst doch wohl jeder das, was er mag bzw. ertragen kann.

Wir reden hier ja nicht davon, dass jemand Austern und Kaviar benötigt um satt zu werden.
Aber doch davon dass sich niemand etwas reinwürgen muss, was Würgereflexe auslöst.

Von dasfotobus gibt es dazu einen sehr lesenswerten Artikel.
„Autistisch essen“

Ähnlich sieht es übrigens bei Getränken aus.
Mein Jüngster Sohn hat bis zum Alter von vier Jahren kein Getränk toleriert, dass nicht weiß war. Also haben wir Milch soweit es geht verdünnt, dass die Farbe noch erhalten blieb.
Er trank einfach NICHTS anderes. Er wäre eher verdurstet.

Ja, AutistInnen haben auch damit Probleme.

Und die Probleme sind unterschiedlichst gelagert

Es ist also kein Wunsch, wenn ein Autist oder autistisches Kind das Bedürfnis nach einem bestimmten Getränk äußert, sondern ein Bedürfnis.
Wenn dieses Bedürfnis nicht erfüllt wird, hat es schwerwiegende Konsequenzen.

Nun ist die Frage, warum Außenstehende bei autistischen Kindern sich einbilden solche Dinge als therapiewürdig einzustufen.
Einerseits wird den Eltern unterstellt, dass sie sich nicht genug kümmern würden und andererseits wird autistischen Kindern unterstellt oppositionell zu sein.

Dass sie also ein Bedürfnis nur vorspielen würden um ihren Willen durchzudrücken.

Wie ihr den Ausführungen der erwachsenen AutistInnen entnehmen könnt ist dies nicht der Fall.

Ja, es ist nicht immer leicht autistisches Verhalten von Trotz oder gar kopiertem Verhalten zu unterscheiden.

Das gilt auch bei der Äußerung von Bedürfnissen und Wünschen und ist altersabhängig.

Es gilt also, dass man sehr genau schauen muss.

Aber, je rudimentärer das Bedürfnis ist, desto wahrscheinlicher ist, dass es sich nicht um reine Wünsche handelt.

Nehmen wir mal den Aspekt Ruhe.

Der Aspergianer hat dazu einen guten Thread auf Twitter geschrieben.
(gern auch hier der Verweis auf seinen sehr lesenswerten Gastbeitag)

Er hat also dargestellt, welches sein Bedürfnis ist.
Dieses ist über Noise Cancelling Kopfhörer nicht voll zu decken, da die ArbeitskollegInnen wohl in der Lage sind einen Höllenlärm für sensorisch empfindliche Menschen zu produzieren.

Homeoffice ist für ihn also die Erfüllung seines Bedürfnisses.

Dank Corona ergab sich diese Möglichkeit.
Leider war es nicht von Dauer.

dasfotobus hat dazu auch eine Artikelreihe im Blog.

Der Wunsch nach Homeoffice stellt also mehr als nur einen Wunsch dar, da er ein Bedürfnis abdeckt.

Das Bedürfnis nach Ruhe und dadurch die Entwicklung der Fähigkeit koordinierter arbeiten zu können.

Wenn jetzt autistische Jugendliche und Jungerwachsene das Bedürfnis nach Ruhe auch auf der Arbeitsstelle äußern, dann wird es als unerfüllbarer Wunsch missverstanden.

Wohlgemerkt von Außenstehenden, die sich noch nie mit Autismus beschäftigt haben.
Sie sehen in dem Bedürfnis den Hinweis auf einen Therapiebedarf.

Nur, Reizoffenheit und/oder ein besonders empfindliches Gehör kann man nicht abtrainieren.

Leider wird auch oft die Nutzung von Noice Cancelling Kopfhörern als Wunsch und nicht als Bedürfnis verstanden.

Und es gibt noch ganz viele dieser Beispiele.
Sei es nun, dass Wasser aus der Dusche nicht auf der Haut ertragen werden kann, weil es sich wie Nadelstiche anfühlt oder die Zahnbürste sich wie Schmirgelpapier anfühlt, oder, oder, oder …

Was bleibt
mal ehrlich, wir Eltern machen es uns zu einfach, wenn wir die Bedürfnisse unserer Kinder nur als Tagträumereien und unerfüllbare Wünsche abtun.

Selbiges gilt für alle, die mit AutistInnen arbeiten.

Ein Bedürfnis hinterfragen ist in Ordnung.
Aber es von vornherein als Blödsinn abtun und nicht erfüllen weil man es falsch als Wunsch einordnet ist ein NoGo.

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