Corona, ist nun für AutistInnen alles einfacher?

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass ja.

Aber reell betrachtet, NEIN.

Weil, jede/e AutistIn lebt ein anderes Leben.

Oh Wunder.

Ja, es gibt Dinge die nun leichter sind.
Das Händeschütteln fällt weg, manche schriftlichen Kommunikationswege beginnen sich fester zu etablieren, es herrscht in einigen Bereichen nun mehr Ruhe und der tägliche Spießroutenlauf der sozialen Kommunikation ist auf ein Minimum reduziert.

Aber es fallen auch viele Strukturen und Routinen weg.
Bei einigen gibt es Probleme bzgl. Nahrungsmitteln die nun kaum oder nur in kleinen Mengen zu bekommen sind und die Umstellung auf andere, erreichbare Nahrungsmitteln ist problematisch.

Was allerdings am schlimmsten ist, ist die Unplanbarkeit für die nächsten Wochen.

Ja, es gibt die erfreulichen Berichte, dass jetzt Dinge möglich sind mit autistischen Kindern, die vorher nicht denkbar waren.
Ob diese aber nun zwingend damit zu tun haben, dass bei den Kindern bis ca 14 Jahren der Druck durch fehlende Schule raus ist oder weil die Eltern einfach selber entspannter sind ist nicht geklärt.

Und ja, Eltern von autistischen Kindern mit schwierigen Beschulungssituationen sind alles andere entspannt.
An dieser Front herrscht im Moment tatsächlich Ruhe.

Keiner drängelt, dass das Kind jetzt funktionieren müsse in der Schule.
Keine zusätzliche Person, wie zum Beispiel Schulbegleiter zerrt am Kind rum.
Aufgaben kommen ENDLICH per Mail von der Schule und die Arbeitszeit kann frei eingeteilt werden.
ENDLICH kann per Mail nachgefragt werden, was nicht verstanden wurde.
Denn es sind Alle von dem Problem geschlossene Schule betroffen.
Kein Elter muss um Aufgaben betteln und sich anhören, dass man ja nur die Klassenkameraden anrufen müsste um an die Aufgaben heran zu kommen.

Und nach einer Woche Ruhephase, konnte ich auch beim Jüngsten jetzt feste Arbeitszeiten etablieren.
Zum ersten Mal seit Jahren KEIN Theater, KEINE Overloads und schlimmeres.
DENN die Aufgaben kamen von den Lehrkräften.
Etwas übrigens, dass ich seit Jahren versuche Lehrkräften zu erklären.
Es macht einen Unterschied, ob ich mündlich die laufenden Aufgaben weitergebe oder ob ich etwas ausdrucken kann.

Die ausgedruckten Aufgaben haben übrigens einen enormen Vorteil zu mündlichen Aufgaben im schulischen Kontext, man kann sie nochmal lesen.
Ich als Elter kann ENDLICH hergehen und die „verwinkelten“ Sätze in der Aufgabenstellung in kurze Sätze zerpflücken OHNE die Anforderung zu senken.
Etwas, was unserem Jüngsten noch enorm schwer fällt und unsere Schulbegleitung LEIDER nicht leistet, zum Teil weil Lehrkräfte dies untersagt haben und zum Teil weil sie nicht nah genug dran ist und überhaupt nicht erkennt dass der Bedarf besteht.

Aber ich habe ja nun vier Kinder.
Die anderen drei sind auch AutistInnen, haben aber andere Lebensrealitäten.

Da ist die Ausbildung des einen die wir privat finanzieren (müssen, was uns und ihm enorm schwer fällt).
Weil da die staatliche Schule versagt hat und er schon ein vielfaches an Demütigungen und Rückschlägen erlitten hat.
Der nun schon wieder sieht, wie ihm Lebenszeit abhanden kommt.
Unwiederbringlich.
Der bei einem regelhaften Schulverlauf schon lange in Lohn und Brot stehen könnte.
Der sich nun wiederholt damit konfrontiert sieht, dass er auf unbestimmte Zeit warten muss, dass es besser wird.
Der sich nun WIEDER als Belastung für alle anderen empfindet.

Bei ihm schlägt nun die Depression mit voller Wucht durch.
Und das wo er sich gerade wieder aufgerappelt hatte, nachdem Anfang des Jahres ihn die PTBS und die Depression zurückgeworfen hatte.

Einem anderem meiner Kinder fehlt die Struktur der letzten Wochen enorm. Es gibt derzeit keine Aufgaben aus dem Studium heraus und der Nebenjob ist weggebrochen.

Und meine Kleine bereitet sich auf Prüfungen vor. Bräuchte Präsenzzeit in der Schule um mit den Lehrkräften Unwägbarkeiten besprechen zu können.
Ob und wie die Prüfungen stattfinden werden, wer weiß das heute schon.
Auch bei ihr zeigt sich die Depression mit voller Wucht.

Sie alle suchen sich entlastende Momente.
Alle meine Kinder versuchen irgendwie zurecht zu kommen.
Aber wenn sie aufeinander treffen, ist das schon in Teilen „explosiv“.
Denn es ist einfach so, dass man eine 11jährige durchaus mit Kleinigkeiten beruhigen kann.
Jugendliche/Jungerwachsene bei denen es um die Ausbildung und/oder Arbeit geht nicht.

Und da ist die Unsicherheit d autistischen FreiberuflerIn, d alle Aufträge weggebrochen sind.
AutistInnen in Maßnahmen vom Jobcenter, wo die Maßnahmeträger träge reagieren, weil ihnen selbst die Informationen fehlen, hängen in der Unsicherheit fest was Morgen bzw. nächste Woche passiert.
AutistInnen die regelhaft Werkstätten für Behinderte besuchen, die Gott sei Dank geschlossen wurden, denen die Alltagsstruktur nun wegbricht und wo die Wohneinrichtungen nun darum kämpfen irgendwie den Alltag zu strukturieren.
Therapien bei Depression, die nur noch vereinzelt stattfinden oder ambulante Betreuung, die wegbrechen werfen Menschen zurück.
Und nein, das ist kein singuläres Problem von AutistInnen.

Ja, ich habe mich gefreut als die Schulen bundesweit geschlossen wurden.
Weil es notwendig und richtig war und ist und weil die letzten Monate für den Zwerg maximal belastend waren. Er also jetzt unbesorgt und in Ruhe lernen kann und er nun gerade auf der sozialen Ebene Entlastung erfährt und die Anforderung zu maskieren vollkommen wegfällt.

Aber ja, ich hatte auch die Konsequenzen für seine Geschwister im Blick.
Auch wenn ich das öffentlich nicht so geäußert habe.
Denn, was hätte ich daran ändern können?

Was bleibt nun?
Durchhalten, die sozialen Netze im Internet nutzen und im Gespräch bleiben.
Und nicht blindlings Dinge feiern, die einem in ein oder zwei Monaten um die Ohren fliegen.

 

 

Noch eine Bitte, für einen etwaigen Krankenhausaufenthalt, was wichtig für Euer Kind bzw. Euch AutistInnen ist.
Schaut bitte hier unter „Krankenhaus-Karteinkarten“  nach Beispielen.

Wenn ein Test bezüglich Corona fällig wird, bittet darum dass genau erklärt wird, was genau gemacht werden muss.

Wollen wir hoffen, dass es nicht notwendig ist, sich damit genauer auseinanderzusetzen, allerdings halte ich es für wichtig vorbereitet zu sein.
Deswegen überlegt Euch auch, wie ihr im Fall der Fälle Kontakt zu Euren Vertrauenspersonen halten könnt!

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