Gastbeitrag: „Gesprochene Texte verstehen – die einfachste Sache der Welt(?)“

von Aspergianer

Aus Sicht eines Autisten mit einer auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung.
Es handelt sich um keine wissenschaftliche Abhandlung, nur um eine beschreibende Wahrnehmung und Sichtweise.

Einleitung

Die mündliche Kommunikation ist eine der grossen Errungenschaften der Menschheit. Wir nutzen sie tagtäglich und können mit ihr vieles ausdrücken.

Freude, Schmerz, Wissen, Erfahrungen, Meinungen, Empfindungen, ja sogar Gefühle lassen sich gut mit der gesprochenen Sprache transportieren.
Worte lassen sich so präzise verwenden wie ein Skalpell in der Hand eines Chirurgen, mit ihnen lassen sie präzise Beschreibungen formulieren. Worte können auch künstlerisch eingesetzt werden um so blumige bis poetische Texte zu verfassen, welche auch das Herz zu berühren vermögen.

Die Sprachmelodie transportiert in der gesprochenen Sprache noch Teile der nonverbalen Kommunikation und manchmal werden mit ihr mehr Informationen transportiert als mit der Sprache selbst. Die Mimik und Körpersprache bilden nebst der Sprachmelodie die nonverbalen Teile oder eben Sprache einer Kommunikation ab.

Menschen wachsen mit der Sprache auf, lernen und nutzen sie mit einer
Selbstverständlichkeit wie das Atmen.
Sie erfassen den Sinn der Worte automatisch und ohne gross  nachzudenken, kombinieren automatisch die verbale Sprache mit der nonverbalen Sprache und setzen die verschiedenen Kommunikationsarten automatisch zu einem Gesamtbild zusammen.
Es geschieht einfach.

Die einfachste Sache der Welt?

Für die meisten Menschen schon.
Für manche Menschen jedoch ist die verbale und/oder die nonverbale Kommunikation aus verschiedenen Gründen eine Herausforderung.

Alles Schall und Rauch?

Die Sprache wird mit der ausatmenden Luft in den Stimmbändern, der Stellung von Mundhöhle, Zunge und Zähnen erzeugt und verlässt den Mund als Produkt verschiedener sich überlagernden Schallwellen. Diese Schallwellen sind ein komplexes Konstrukt, welches es vom Empfänger zu entschlüsseln gilt, um den Inhalt verstehen zu können.

Vom Ohr bis zum Bewusstsein

Die Ohrmuschel bildet eine Art Trichter, um eintreffenden Schall einzufangen, zu konzentrieren und dem Trommelfell zuzuführen. Am Trommelfell ist einiges an Hardware in Form von kleinsten Gehörknöchelchen vorhanden, welche die mechanische Bewegung des Trommelfells über die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel zum Mittelohr leiten. Das Mittelohr ist mit Luft gefüllt leitet die Schallwellen weiter an die knöcherne Hörschnecke, welche im Innern mit einer Flüssigkeit gefüllt ist.
Diese Flüssigkeit regt dünnste Haarsinneszellen an, welche die mechanischen Bewegungen der Flüssigkeit in elektrische Signale übersetzen.
Von dort aus wird es hochkomplex und das würde den Rahmen sprengen, wenn man auf alle Einzelheiten einginge.

Während der Verarbeitung der sich überlagernden Schallwellen trifft unser Gehirn lange, bevor die Schallwellen unser Bewusstsein erreichen Entscheidungen, von denen wir Menschen normalerweise nichts mitbekommen.
Es werden Unterscheidungen der Informationen selbst getroffen. Was sind wichtige Informationen? Was sind unwichtige Informationen? Welche Informationen signalisieren Gefahr und welche Informationen signalisieren eine sichere Umgebung?

Das Gehirn erledigt 24 Stunden nonstop diese wichtige Vorselektion, egal in welcher Situation wir uns auch befinden mögen.
Unwichtig eingestufte Informationen kann das Gehirn verwerfen oder „wegfiltern“ und erst gar nicht in unser Bewusstsein transportieren. Informationen, von denen unser Leben abhängen könnten werden auf einem „Sonderkanal“ ins Bewusstsein transportiert während
der Rest der „normal wichtigen“ Informationen den üblichen Transportweg nehmen.

Schwupps: ein gesprochener Text erscheint in unserem Bewusstsein, wird greif- und begreifbar und wir können darauf reagieren.

Das könnte ein schönes Ende für eine Beschreibung sein

Normalerweise wäre hier die Beschreibung zu Ende. Stimmbänder, Mundhöhle, Schall, Ohrmuschel, Trommelfell, Mittelohr, Hörschnecke, Vorverarbeitung durch das Gehirn, Information kommt im Verstand an.
Das wäre es gewesen, zumindest für die meisten Menschen.

Für manche Menschen ist hier nicht das Ende, sondern hier beginnt für sie erst die eigentliche Beschreibung.

Manche Menschen haben Probleme damit, wichtige Informationen von unwichtigen Informationen unterscheiden zu können. Ihr Gehirn scheint die Vorverarbeitung von Geräuschinformationen nicht, nicht richtig oder nur ungenügend vorzunehmen. Für sie kommen Geräuschinformationen manchmal nicht oder nur kaum gefiltert im Bewusstsein an und die Zuteilung der Geräuschinformationen in wichtige, unwichtige oder
überlebenswichtige Informationen wird komplett dem Bewusstsein überlassen.

Das Bewusstsein muss also die Arbeit übernehmen, welche das Gehirn von sich aus nicht automatisch zu leisten vermag.

Zwei Menschen im Restaurant diskutieren miteinander und sie verstehen den Text der Person gegenüber meist gut oder zumindest so ausreichend gut, dass sie ein Gespräch in dieser Umgebung führen können.
Menschen wie ich hören nicht nur die Person gegenüber sprechen sondern nehmen die Gespräche aller Personen im näheren Umkreis wahr. Aber eben nicht nur die Gespräche sondern alle anderen Geräusche auch. Besteckklappern, Gläser die beim Prosten aneinanderstossen und klirren, Kratzgeräusche von Besteck auf dem Geschirr, das Schluckgeräusch der Menschen die essen oder trinken, das Reiben der Kleidung wenn sie sich
bewegen und oft auch das Atmen der Menschen an den Nebentischen.
Das aber ist noch nicht alles… Je nach Situation nehme ich auch Gespräche in der Küche, die typischen Geräusche der Arbeit in der Küche wahr. Oder wenn der Kellner oder eine Person sonst hinter mir vorbei geht, spüre ich den Windhauch an Arm, Hals und Nacken.
Dazu, je nach Situation auch noch die Geräusche vom Klo oder von der Strasse. An einem Ort, den ich kenne nehme ich sogar ausbleibende Geräusche wahr. Eine Bahn hat Verspätung? Wenn ich den Fahrplan kenne, dann nehme ich auch das Ausbleiben des Bahngeräuschs wahr. Und das, obwohl ich die Bahn gar nicht benutze.

Kurzum: oft kommt ein Brei an (nicht nur) auditiven Informationen in meinem Verstand an, den ich dann auch zeitnah verarbeiten muss. Dies vor allem, wenn ich nicht alleine sondern mit Freunden, Arbeitskollegen usw. unterwegs bin.

Wie sieht das bei mir persönlich mit Autismus und AWVS (Auditive Wahrnehmungs und Verarbeitungsstörung) ganz konrekt aus?

Kurz zusammengefasst: schwierig und hochkomplex.

Im Alter von 3-4 Jahren fiel bei mir auf, das ich eine ganz verwaschene Sprache nutzte. So zumindest wurde das in den Unterlagen festgehalten. Es folgten einige Untersuchungen, man stellte fest, dass ich aussergewöhnlich gut hören würde und schickte mich dann zu einer speziellen Einrichtung um Sprachfähigkeiten zu trainieren und auszubauen (Logopädie).

Es stellte sich heraus, dass ich enorme Probleme bei Wortendungen hatte. Hiess es zum Beispiel nun „einen“ oder „einem“?
Aber auch diverse andere Probleme wurden mit der Zeit in der Einrichtung sichtbar.

Ein Wort wie beispielsweise „Eieruhr“ wurde zu einem grossen Problem für mich. Wurde nun „Eieruhr“ gesagt? Oder vielleicht eher „Aieruhr“? Oder war es nicht „Aierrur“?
Aber „Aieruuur“ wäre doch auch ganz nett?
Und was zum Teufel ist eine „Eieruhr“ (dazu später mehr) überhaupt?
Wortendungen, Wortbetonungen und die Worte an sich konnten mich komplett durcheinander bringen.

Wir trainierten viel, übten auch mit Bildern, zum Beispiel mit dem von einer Eieruhr.
Dennoch: die Sprache wurde nun unwesentlich besser, oft verstand ich nicht, was Menschen zu mir sagten und oft verstand ich den Inhalt dessen nicht, was sie mir sagten. Meine Aussprache blieb eher verwaschen – und sehr monoton – fast ohne Sprachmelodie.

Rückblickend betrachtet und mit dem Wissen um Autismus und der entsprechenden Diagnose weiss ich: ich hatte einiges davon schlicht wortwörtlich wahrgenommen und daraus für mich keinen Text mit Sinn bilden können. Nebst all den Problemen im Zusammenhang mit der AWVS.

All das half mir, aber eben teilweise nur bedingt.
Was damals offenbar niemandem klar war: ich nahm zu viele akustische (und visuelle) Informationen auf und konnte sie nahezu nicht filtern, alles an Geräuschen kam in meinem Verstand an.

Es mussten andere Lösungen her!

Eine erste Lösung in Sicht

Diese ergab sich durch die Distanz zu den Grosseltern erzwungenermassen durch Telefonate, welche die Distanz zwischen uns überbrücken konnten.

Moment?! Bin ich jetzt gerade dran mit Sprechen? Wartet meine Grossmutter auf eine Antwort von mir auf eine von ihr gestellten Frage?
So ging das gefühlt jahrelang. Denn das Telefon transportierte, was es eben transportieren konnte. Sprache. Das wegen der Entfernung und der damals analogen Technik in einer bedenklichen Qualität, welche sich durch ein permanentes Rauschen, Knacken und diversen anderen Nebengeräuschen bemerkbar machte.
Das Telefon konnte nur die Sprache in schlechter Qualität transportieren. Das passende Gesicht dazu, die Körpersprache und Mimik eben nicht.
So blieb nur die Sprache an sich und die Pause zwischen Sätzen, um den Einsatz für die eigene Antwort zu finden und zu oft ging das im Kindesalter komplett schief.

Ja, warum eigentlich?
Eigentlich ist es für viele Autisten eher einfacher, sich mehr auf die
Stimme als auf ein dazugehöriges Gesicht und die darin ausgesendete nonverbale Sprache in Form von Mimik zu konzentrieren.

Auch hier wieder: neben der Sprache, die erst entschlüsselt werden muss die Störgeräusche, die den Prozess des Entschlüsselns zumindest beeinträchtigen und nicht selten auch komplett zum Stillstand brachten. Dazu noch die Geräusche in der eigenen Umgebung.

Am Anfang war das Verstehenlernen

Viele kennen das Problem beim Telefonieren vielleicht ein wenig. Man nimmt das Telefon ab, ein Redeschwall legt los und es dauert 1-2 Sekunden, bis man seinen Gesprächspartner zu verstehen beginnt.
Aus Höflichkeit fragt man dann nach „Entschuldigen Sie, ich hatte Ihren Namen nicht verstanden. Können Sie ihn bitte wiederholen?“.

1-2 Sekunden wären für mich eine tolle Zeit…. Oft dauert es 5-6, bei gewissen Dialekten oder vielen Störgeräuschen auch mal bis zu 10 Sekunden, bis ich beginne mein Gegenüber überhaupt zu verstehen.

Vorher kommt in diesen Sekunden ein Sammelsurium an Wortfetzen, Hintergrundgeräuschen beim Gesprächspartner und den Hintergrundgeräuschen in meiner Umgebung bei mir an.
Unmöglich auch nur ein Wort davon zu verstehen.

Bis….
Ja, bis ich merkte, das ich eine gute Eigenschaft mit an Bord habe. Ich kann mir Geräuschsequenzen von wenigen Sekunden Dauer sehr gut merken. Ich kann diese Geräuschsequenzen im Kopf sogar immer und immer wieder und vor allem auch langsamer oder schneller ablaufen lassen. Und noch besser, vor- und zumindest im Ansatz auch rückwärts abspielen.

Und noch eine Eigenschaft, die ich während der Logopädie lernte: Wörter visualisieren, also sich im Geiste Wörter wie geschrieben vorstellen.

Wie läuft das genau ab?

An einem Beispiel von heute Morgen. Namen und Handlung dazu sind fiktiv.

Ich nehme ein Telefon entgegen. Das Display sagt nichts über den Anrufer aus, also eine mir vermutlich unbekannte Person.
Eine Stimme spricht ein paar Sekunden… Bei mir kommt ein Geräuschsalat aus Sprachfetzen, Hintergrundgeräuschen beim Gesprächspartner an. Und eben auch die Hintergrundgeräusche in meiner Umgebung.

Ich lasse den Geräuschsalat im Kopf laufen, während die Person noch spricht.
„GZi, ha *murmel* tz üllr von *drrr* Dzichrung“
Erst einmal die Hintergrundgeräusche bei mir rausfiltern und noch mal den Geräuschsalat ablaufen lassen.

„Güezi, hi *leisemurmel* einz mülr von *drrr* DVerzchrung“

Immer noch nicht verständlich. Die nächste Runde: Visualisierung des Geräuschsalates mit Hilfe von mehrfachem Abspielen des Geräuschsalates:
„üezi, hi i *leisemurmel=andere Personen* einz mülr von *drrr=Geräusch eines Bohrers* Verzchrung“
„Güetzi, hir ist einz Müllr von Värzischrung“

Das Gemurmle der Arbeitskollegen im Hintergrund der Person und die Bohrgeräusche sind jetzt komplett herausgefiltert, ebenso die Umgebungsgeräusche im Raum, in dem ich mich befinde.

Erfahrungswerte dazunehmen und alles nochmals mehrfach abspielen, daraus wird das Endresultat:
„Grüezi, hier ist Heinz Müller von Versicherung [XY]“
(Grüezi ist schweizerdeutsch und entspricht dem deutschen „Hallo“ oder „Guten Tag“)

Daneben wird das weitere Gespräch von mir aufgezeichnet und nebst der Entschlüsselung der Begrüssung mitentschlüsselt, seine Stimme, Stimmlage und Sprechweise analysiert um den weiteren Verlauf des Gesprächs einfacher durchführen zu können.
Manchmal bin ich mit dem Entschlüsseln auch gar nicht so weit, merke aber, das mein Gegenüber eine Pause macht.
Mein Einsatz?
Mein Einsatz!
„Hallo, mein Name ist [Vorname] [Nachname] von der Firma [Firmenname]. Schön das Sie anrufen. Wie ist nochmal Ihr Name? Ich konnte ihn nicht verstehen“.

Auch wenn ich das alles schon verstanden hatte, diese meine erste Antwort verschafft mir die Zeit, um mich auf mein Gegenüber besser einstellen zu können, seine Stimme, Stimmlage und Sprechweise noch besser analysieren zu können.

Störende Geräusche wie ein Hörer oder Smartphone zwischen Schulter und Kinn einklemmen, das Rascheln von Kleidung durch das Einklemmen, das Mikrophon mit dem Atem zu traktieren führen bei mir unweigerlich dazu, das ich gar nichts mehr von dem verstehe, was die Person sagt. Diese dem Mikrophon nahe stehenden, störenden Nebengeräusche vermag zumindest ich nicht in ausreichender Geschwindigkeit manuell wegzufiltern.
Ebenso kann eine störende Umgebung um mich herum verhindern, dass ich mich ausreichend genug auf das Gespräch konzentrieren kann. Denn die Visualisierung der Worte, das Entschlüsseln wie oben beschrieben ist ein Dauerzustand. Nicht selten auch im normalen Alltag auf der Strasse, im Restaurant, Zuhause.

Ist das immer und überall so?

Bei Telefonaten ist das immer so. Jedesmal. Auch bei mir bekannten Personen. Bei ihnen kann ich mich aber sehr schnell auf die Person einstellen und die gespeicherten Informationen zu Stimme, Betonung, Art der Person usw abrufen.

Musst Du das immer im vollen Bewusstsein quasi manuell machen?

Jaein.
Mit der Zeit hat sich ein gewisser Automatismus eingestellt, der meistens die oben beschriebene Arbeit für mich automatisch durchführt.
Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dadurch viel einfacher werden würde. Diese Fähigkeit, das quasi automatisch durchführen zu können hängt zu grossen Teilen von der jeweiligen Verfassung ab.
Bin ich ausgeruht?
Bin ich gestresst?
Hat es Geräusche im mich herum die Stress auslösen?
Je entspannter ich bin und je entspannter und reizarmer meine Umgebung für mich ist, umso besser funktioniert dieser Automatismus. Je gestresser ich bin und je reizintensiver meine Umgebung auf mich einwirkt, umso schlechter bis gar nicht funktioniert dieser Automatismus.

Autismus, Visualisierung, wortwörtliches Verstehen und Übersetzungsbücher

Die Musikgruppe „Geier Sturzflug“ hatte um 1983 den Song „Bruttosozialprodukt“ rausgebracht. Im Songtext heisst es
„ja dann wird wieder in die Hände gespuckt wir steigern das Bruttosozialprodukt“

Ich war damals 9 Jahre alt, als ich den Song im Radio hörte. Er wurde x-fach gespielt und wohl wegen der Dauerwiederholung verstand auch ich irgendwann den Songtext. Bis heute habe ich Mühe Songtexte zu verstehen. Deutsche Songtexte klappen mittlerweile gut, englische Songtexte?
Keine Chance.

Nur eine Frage:
wie kann man mit „in die Hände spucken“ den Umsatz steigern?

*Bilder im Kopf, wie Menschen in grossen Industriehallen sich in die Hände spucken und so reich werden*
Auch die Bilder brachten keine Auflösung zu dieser komischen Aussage.

Bis, ja bis eine erwachsene Person das erklärte. Es wäre ein Sprichwort, eine Redewendung, eine Metapher. Man würde damit meinen, jetzt richtig hart zu arbeiten und früher hätten sich Menschen vor Arbeitsbeginn in die Hände gespuckt.
*Bilder* …. Sofort stellt sich ein Ekelgefühl ein.

Vermutlich hatte ich schon früher solche Sprichtwörter wahrgenommen und auch erklärt bekommen. Aber an diese Begebenheit bezüglich des Songtextes und der Erklärung kann ich mich bis heute erinnern. Auch an die damals visualisierten Bilder (Industriehallen, Menschen die sich in die Hände spucken).
Spätestens zu diesem Zeitpunkt war mein persönliches Übersetzungsbuch „Sprichwörter und was sie wirklich bedeuten“ geboren.

Nachdem meine Frau 2016 den Verdacht äusserste, sie würde an mir viele autistische Zeichen erkennen, las ich mich zum Thema Autismus sehr intensiv ein und stolperte dabei über eine Aussage von Christine Preißmann. Sie ist Autistin und von Beruf Ärztin. Sie beschreibt eine Begebenheit des wortwörtlichen Verstehens, die mir auch sehr bekannt vorkam und in der ich mich wiedererkannte.
„Hochgeklappte Bürgersteige“.
Wortwörtlich genommen und visualisiert und die Gedanken dazu. Das war einer der Momente, bei denen es bei mir „Klick“ machte.
Es gibt also auch andere Menschen, denen es genau so ergeht wie mir.

Moooment… Was hat das mit dem Verstehen der Sprache an sich zu tun?

Nichts und zugleich alles.
Sprachliche Informationen nehmen normalerweise ihre üblichen Wege, können bei Menschen gleichzeitig Emotionen und Gefühle auslösen, Bilder vor dem geistigen Auge projezieren usw.

Bei manchen Menschen jedoch können ganz normale und völlig unverfänglich erscheinende Wörter noch viel mehr auslösen. Sprichwörter sind oft Widersprüche in sich, sie ergeben oft keinen Sinn, sie lösen Irritationen und Verwirrung aus und stossen einen Denkprozess an der je nach Komplexität und Widerspruchs des Sprichwortes auch mal etwas länger andauern kann.
Mit der Zeit lernt man idealerweise viele dieser Sprichwörter, speichert sie in seinem eigenen „Übersetzungswörterbuch“ im Kopf ab und kann bei Bedarf dazu zugreifen.
Aber eben, man muss jedesmal dieses „Übersetzungswörterbuch“ bemühen, wenn man über Sprichwörter und Redewendungen stolpert.

Autismus/AWVS und die Visualisierung

Man ahnt es schon, ich visualisiere vieles, was ich akustisch wahrnehme. Ich visualisiere Wortfetzen, um daraus Wörter zu bilden, visualisiere Bilder von Aussagen und ich visualisiere Bilder von Worten, die ich nicht verstehe.
Hier kommt dann auch die Eieruhr wieder ins Spiel. Eieruhr? Ja, das Ding, das eigentlich ein Wecker mit einer Laufzeit von 5-15 Minuten hat und signalisiert, wann die voreingestellte Zeit vorbei ist.

Als Kind jedoch? Eieruhr?
Ich kannte Eier, ich kannte Uhren. Aber was zum Teufel soll eine Eieruhr sein? Eine Uhr in Eierform? Ein Ei mit einer Uhr vornedran? Oder in der Mitte?

So in etwa ist damals die Visualisierung bei mir gewesen, als ich den Begriff „Eieruhr“ zum ersten Mal hörte.
Es soll sich jeder mal die verschiedenen Bilder zu dem Begriff „Eieruhr“ und anderen Worten vorstellen. Darunter werden lustige Bilder sein, aber die sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine ernste Sache und eine grosse Herausforderung ist, damit klarzukommen.

Gibt es sonst noch Bilder, die durch akustische Geräusche erzeugt werden?

Ja, viele Geräusche erzeugen automatisch Bilder. Eine zuschlagende Autotüre erzeugt… Eben eine Bildsequenz einer zuschlagenden Autotüre. Das Geklappere auf einer PC-Tastatur erzeugt eine Bildsequenz einer Tastatur, die von Fingern bearbeitet wird, ein Rasenmäher ein Bild eines Rasenmähers, der Wind in den Bäumen ein Bild von einem Baum durch den der Wind streicht, die fallende Gabel auf den Teller als Bildsequenz einer fallenden Gabel auf den Teller usw usw usw.
Vieles nehme ich nicht nur akustisch wahr sondern bekomme auch noch dazu die passenden Bilder oder Bildsequenzen quasi frei Haus geliefert.

Geräusche, was lösen die bei Dir sonst noch aus?

Manche Geräusche lösen bei mir sofort körperliche Reaktionen aus. Manche Menschen zeigen eine solche Reaktion, wenn jemand mit den Fingernägeln eine Wandtafel entlang kratzt. Da zieht sich in einem alles zusammen, es wird fast als körperlicher Schmerz wahrgenommen.

Ein aufheulendes Motorrad löst bei mir sofort Herzrasen und schweissnasse Hände aus. Gleiches bei Sirenen von Einsatzfahrzeugen (da kommt dann noch ein Schwindelgefühl dazu) und noch andere Dinge.

Manche wiederkehrenden Geräusche wie zum Beispiel mit den Fingern auf dem Tisch trommeln können bei mir auch ein Gefühl von grosser Wut aus. Kaugummikauen, sich immer wieder räuspern, immer wieder schniefen oder Husten…. All das kann auf Dauer ein Gefühl grosser Wut auslösen.
Jahrelang war das so und ich nahm es gegeben hin. Während der Wartezeit auf die Autismusdiagnostik dachte ich viel über mich und meine Eigenheiten nach, eben auch über diese Wut.
Ich dachte auch darüber nach, dass ich ja oft akustische Wahrnehmungen speichere und selbst immer und immer wieder abspiele.
Könnte das die Ursache sein, das ein immer wiederkehrendes Schiefgeräusch bei mir ein Gefühl grosser Wut (auf dieses Geräusch) erzeugt?

Wut und Hass auf Geräusche?

Ach komm schon, sowas gibt es doch nun wirklich nicht…

Google war da anderer Meinung und spukte den Begriff „Misophonie“ aus.

Das hört sich ja alles ganz toll an, berücksichtigt aber nicht meine Fähigkeit
Geräuschsequenzen im Kopf aufzunehmen und immer und immer wieder abzuspielen.

Über den Begriff „Misophonie“ hatte ich schon stundenlang nachgedacht…. Vieles mag auch auf mich zutreffen, einiges (von Menschen erzeugte Geräusche) aber wiederum nicht (zwingend).
Ich halte es auch für möglich, das der Autismus hier eine grosse Rolle spielen könnte, insbesondere und namentlich die Overloads (Reizüberflutung).

Wichtig ist mir hier, das ich darum weiss und lerne, entsprechend zu reagieren, bevor der Wut und Hass Überhand nimmt.
Ob ich nun von Misophonie betroffen bin oder nicht spielt für mich deshalb keine Rolle.

Verbale/nonverbale Kommunikation und Autismus

„Man versteht sich auch ohne Worte“.
Ein Sprichwort, vielen bekannt, von vielen auch schon angewendet und der Inbegriff der nonverbalen Kommunikation.

Eine Kommunikation von Angesicht zu Angesicht besteht eben nicht nur aus aneinandergereihten Worten, sondern sie wird von nonverbalen Teilen begleitet. Sei es die Mimik des Gesichts, sei es die Sprache des Körpers insgesamt, sei es die Tonmelodie und die Betonung einzelner Worte.

Um das zu verdeutlichen ein Beispiel.
Viele Tierhalter sprechen mit ihren Tieren. Hunde stechen hier besonders vor, weil diese auf die Sprache ihres Herrchens oder Frauchens besonders gut reagieren.
Aber eben nicht auf die Worte, sondern den dabei verwendeten Tonfall und die verwendete Körpersprache.
Ein
„Bist du ein toller Hund. Du bist der tollste Hund auf der Welt und mein Liebling“
entsprechend positiv mit hoher freundlicher Stimme betont hört sich für den Hund genau so an, als würde man mit der gleichen positiven, hohen und freundlichen Stimme
„Du bist der schlechteste Hund der Welt und kannst nichts. Ich hasse dich.“
sagen.
Es werden also nebst der Sprache nonverbal sehr viel mehr Informationen mitgeliefert.

Viele Menschen haben kein Problem damit, diese zusätzlichen Informationen zu verarbeiten, denn sie machen dies intuitiv und ohne ihr eigenes Zutun.
Für Autisten erschliessen sich diese zusätzlichen Informationen eben oft nicht, weil sie diese Informationen nicht oder nicht ausreichend genug intuitiv richtig verarbeiten und zuordnen und können.
Sie müssen diese Fähigkeit des Entschlüsselns und Zuordnen der nonverbalen Sprache mühsam und aufwändig lernen und es wird für sie dennoch zumindest ein Stück weit ein manueller Prozess während einer Kommunikation bleiben.

Gedankennote-> eine Spekulation: manche Autisten können das nur begrenzt oder gar nicht erlernen.

Ja, aber…. Wenn Du das erlernen konntest, ist doch alles gut?!

Ja… und nein.
Ja, ich konnte vieles von der nonverbalen Kommunikation erlernen, weil ich Menschen und ihre Körpersprache, ihre Interaktionen genau beobachte, analysiere und meine Schlussfolgerung daraus ziehe.
Nein… Weil es dennoch nicht so einfach ist wie es erscheint.

Das Gesicht, eine Diskussion und Autismus

Würdest Du jemanden zuhören, der eine Sprache spricht, die Du nicht verstehst?
Du würdest die Sprache vielleicht interessant finden, aber sie würde Dich vermutlich auch schnell langweilen und Du würdest der Person irgendwann auch nicht mehr zuhören wollen.

Das Gesicht kann sehr viel nonverbal ausdrücken. Freude, Glücklichsein, Wut, Hass, Ekel, Entsetzen, Misstrauen und vieles mehr und das spiegelt sich auch in Sprichworten wie „Wenn Blicke töten könnten“ sehr gut wieder.

Das Gesicht verwendet eine eigene nonverbale Sprache.
Viele Autisten können als Kind mit dieser Art Sprache nichts anfangen, es ist wie eine Fremdsprache, die sie nicht verstehen und der sie irgendwann auch nicht mehr zuhören wollen.
„Schau mir in die Augen, wenn ich mit Dir rede“ dürfte vermutlich einer der Sätze sein, den viele Autisten als Kinder zu hören bekamen.

Nur, warum machen sie das dann nicht? Ist es ein fehlender Respekt? Oder steckt viel mehr dahinter?
Letzteres…. Aus eigener Erfahrung als Kind kann ich schreiben: mir sagten Gesichter gar nichts – das hält sich in einer bestimmten Situation bis heute so, dazu später mehr.

„Schau mir in die Augen, wenn ich mit Dir rede“, diesen Satz hörte ich weiss ich wie oft und oft wurde dann auch physisch nachgeholfen, indem Menschen mein Kinn mit Daumen und Zeigefinger anfassten und so meinen Kopf Richtung ihr Gesicht drehten.

Es ist eben eine Fremdsprache, die mühsam erlernt werden muss und selbst wenn man denkt, man würde sie zumindest ausreichend beherrschen, muss das nicht den Tatsachen entsprechen.
Ein paar Monate vor meiner Autismusdiagnostik stolperte ich über einen Selbsttest. Genauer, einen Augenpartientest. Auch wenn das Gesicht insgesamt viele nonverbale Signale aussendet, so hat die Augenpartie einen grossen Anteil daran.
Was soll ich sagen… Ich sass über eine Stunde an diesem Selbsttest und schon während des Tests merkte ich, das etwas ganz und gar nicht stimmen konnte.
Von den glaube ich 36 Augenpartien erkannte ich knapp 18.
Das Resultat für sich alleine genommen hört sich erst einmal schon fast gut an, aber wenn man für den Test über eine Stunde dafür brauchte…
In der Autismusdiagnostik begegnete mir dieser Test noch einmal. Ich wies die Diagnostikerin darauf hin, dass ich diesen Test vor ein paar Monaten schon einmal gemacht hatte und 17 oder 18 Punkte erzielte. Sie meinte, ich solle ihn nochmals machen. Ich brauchte „nur“ noch knapp 20 Minuten für diesen Test und erzielte 22 Punkte.

Das heisst: ich lerne zwar diese Gesichter und die damit ausgedruckte nonverbale Sprache besser kennen, aber eben nur genau bei diesen Gesichtern, aber nicht im Allgemeinen (oder nur minimal).

Ich erwähne diesen Umstand bei der Diagnostik deshalb explizit, weil viele Menschen die Mechanismen von Autismus nicht ausreichend (genug) verstehen. Die meisten Menschen können durch so einen Test die nonverbale Sprache der Augen gut erlernen und auch auf andere Gesichter übertragen und so die nonverbale Sprache entschlüsseln.
Manche Autisten eben nicht. Sie lernen diesen einen Umstand in dieser einen Situation und können damit umgehen. Aber wenn sie die Umstände oder die Situation an sich auch nur minimal ändern, dann stehen sie wieder am Anfang. Das betrifft nicht nur die Augenpartien, sondern kann nahezu jeden Lebensbereich betreffen.

Gesichter und die nonverbale Sprache sind für viele Autisten also etwas, was eher anstrengend ist. Auch wenn sie die nonverbale Sprache mit der Zeit besser entschlüsseln können, es bleibt anstrengend, auch, weil sich Umstände und Situationen immer wieder ändern.

Ja, aber wieso schaust Du mir nicht oder nicht lange genug in die Augen, wenn Du das doch kannst? Bist Du respektlos?

Ja, ich kann anderen Menschen während des Gesprächs in die Augen schauen. Oder, zumindest so tun, als ob.
Mir wurde wie vorhin schon kurz angedeutet das in die Augen schauen auch körperlich aufgezwungen. Das war keine gute Idee und richtete viel Schaden bei mir an.

Meist schaue ich nur ganz kurz in die Augen und dann auf Punkte nahe der Augen. So hat die Person gegenüber das Gefühl, ich würde ihr ganz der Gesellschaftsnorm und den vielen ungeschriebenen sozialen Gesetzen folgend in direkt in die Augen schauen und alles ist gut.

Würde ich das wirklich so während fünf bis zehn Sekunden machen, käme es zu Derealisationserlebnissen bei mir. Dabei koppelt sich bei mir die Wahrnehmung der Umwelt teilweise ab, die Wahrnehmung findet nur noch wie durch eine dicke Watteschicht statt. Was die Person sagt und was ich darauf antworte, weiss ich nach so einem Derealisationserlebnis meist nicht mehr und wenn dann nur noch ganz bruchstückhaft und nicht zusammenhängend.

Das „nicht in die Augen schauen“ erfüllt aber auch noch einen viel praktischeren Zweck. Ich muss in diesem Moment nicht die nonverbale Sprache mitentschlüsseln sondern kann mich viel besser auf das konzentrieren, was eine Person sagt.
Man könnte es auch so formulieren, dass ich aus Respekt der Person gegenüber ihr nicht direkt in die Augen schaue sondern mich auf das – von mir aus betrachtet – Wesentliche konzentriere und das ist nun mal die gesprochene Sprache.
Das nicht in die Augen schauen ist also nicht Ausdruck von Respektlosigkeit sondern der Inbegriff und Ausdruck von Respekt.

Mit der gesprochenen Sprache habe ich schon gut genug zu tun…. Wörter entschlüsseln, im Sprichwörterverzeichnis nachschlagen, Kontext bilden, mit den aufploppenden Bildern umgehen, Widersprüche abarbeiten, andere sensorische (visuelle, akustische usw).
Wahrnehmungen abarbeiten, mögliche Antworten durchgehen, geschilderte Situationen gedanklich nachspielen um sie logisch begreifbar zu machen, mögliche Antworten darauf durchspielen und sich für die Antwort entscheiden, die am plausibelsten erscheint, oh, die
Entscheidung vielleicht noch einmal durchdenken und nochmal nachspielen?!
Das alles geschieht für Aussenstehende praktisch ohne Verzögerung, so schnell und gut funktioniert das in der Regel.

So eine verbale Kommunikation ist spannend, sie ist oft auch bereichernd, sie erweitert das Wissen und den geistigen Horizont, sie macht Menschen und ihre Wesensart für mich überhaupt erst begreifbar. Ich lerne so auch heute noch jeden Tag neues über Menschen.
Ich mag Kommunikationen.
Aber: sie sind leider auch sehr anstrengend, kräfteraubend. Sie verlangen Menschen wie mir viel ab und irgendwann ist oft zu schnell der Punkt erreicht, an dem eigentlich nichts mehr geht.

Autismus und nonverbale Sprache senden

Derzeit in aller Munde ist die Autistin Greta Thunberg. Wegen ihrem
Klimaschutzengagement wie auch dem Umstand, dass sie Autistin mit dem Asperger-Syndrom ist.
Manche Menschen formulieren, das Greta Thunberg wegen des Autismus nahezu keine Mimik verwenden würde und manche Menschen interpretieren ihre zusammengekniffenen Augen und noch viel mehr an ihren Gesichtsausdrücken.
Daran kann und will ich mich nicht beteiligen, aber diese Diskussionen zeigen, wie gross gewisse Vorstellungen und Bilder von Autisten in den Köpfen der Menschen verankert sind und wie sehr das Unvermögen der Menschen ausgebildet ist, ein Anderssein einfach als solches zu akzeptieren und vorallem zu respektieren.

Meine Frau kann in meinem Gesicht lesen wie ein Buch. Sie sagt immer, dass mein Gesicht sehr viele nonverbale Signale aussenden würde.
Davon bekomme ich so eigentlich nichts mit. Wenn ich mich im Spiegelbild anschaue, dann sehe ich oft ein nichtssagendes Gesicht, das nahezu keine nonverbalen Signale aussendet.
Manchmal erscheint es mir etwas mürrisch angehaucht dieses Gesicht, aber was weiss ich schon von Gesichtern und was sie (aus)sagen?
Meine Frau sagt aber auch oft, wenn wir unterwegs sind, ich solle nicht so böse schauen.
Schaue ich denn in dieser Situation böse? Ich meine nein.
Aber weshalb sollte meine Frau dann so etwas sagen, das nicht der Wahrheit entspricht?
Also schaue ich wohl wirklich böse… Selbst wenn ich mich so weit gut und nicht oder nur wenig gestresst fühle in dieser Situation.
Heisst: ja, ich sende wohl viele nonverbale Signale aus, bekomme davon aber nur selten etwas mit und vorallem scheint bei der Steuerung öfters mal etwas schief zu laufen, wenn ein böser Blick nicht den inneren Zustand in dieser Situation korrekt wiederspiegelt.

Das allerdings führte in der Vergangenheit öfters zu Irritationen, so im Rückblick viele Situationen analysierend.
Soll heissen, bei manchen Menschen muss die nonverbale Sprache des Gesichts nicht zwingend mit dem inneren Zustand und der verbalen Sprache übereinstimmen. Manchmal können Mimik und Empfindung auch komplett im Widerspruch stehen und diese Widersprüchlichkeit ist dann eine sehr grosse Herausforderung für viele Menschen, wie sie damit umgehen sollen und vorallem können.

Gesichter sagten mir als Kind gar nichts, in einer Situation bis heute?

Ja, in der Tat.
Als Kind von vielleicht drei bis vier Jahren erschlugen mich die Eindrücke in Städten oder viel befahrenen Strassen regelrecht. Ich nahm alles wahr, konnte aber angesichts der schieren Menge an Informationen davon fast nichts abarbeiten.

Daraus bildete sich vermutlich und rückblickend betrachtet ein Mechanismus, der bis heute anhält und dessen Existenz ich erst vergangenes Jahr wirklich bewusst wurde. An sich kannte ich es ja nicht anders, dieser Mechanismus war quasi schon immer „da“.

Menschen nehmen eine Situation selektiv wahr…. Da spielen Formen und Farben eine grosse Rolle. Und, wenn Menschen vorkommen, eben auch Menschen. Ihnen unwichtig erscheinende Informationen nehmen sie so nicht wahr.

Ich auch, aber noch extremer. Sehr gut wird das im Strassenverkehr sichtbar. Sehe ich „bewusst“ den Strassenverkehr um mich herum, dann nehme ich alles wahr. Formen, Farben, Menschen, die Umgebung (auch hier wieder Formen, Farben), Geräusche, noch viele andere Informationen.
Das würde mich innert Sekunden erschlagen.
Was aber wäre, wenn der Radfahrer vor mir eben der Einfachheit halber ein „Objekt“ Radfahrer wäre?
Quasi eine Reduktion der Informationsflut von „Radfahrer mit weissem Fahrradhelm mit drei Lüftungsschlitzen auf jeder Seite und dem [Fahrradclub]-Sticker hintendran. Gelbes T-Shirt mit BVB-Logo, kackifarbener Hose bis zu den Knien, die von einem schwarzen Gürtel mit
aufgedrucktem Muster gehalten wird. Halbgeschlossene Schuhe, die einen Füsse mit weissen Sportsocken umschliessen. Älterer Herr (anhand der Haarfarbe und Hautbeschaffenheit der Arme und Nacken)“.
Der Strassenverkehr ist mich eine Ansammlung von Objekten. Menschen nehme ich in der Regel in dem Objekt Auto, Lieferwagen, Lastwagen nicht wahr, sondern das Objekt als Gesamtes. Ebenso Fussgänger, die sind dann eben besondere Objekte, aber eben auch Objekte und beinhalten eben nicht die Informationsflut wie der oben beschrieben Radfahrer.

Das ist toll, aber so als Autofahrer an einem Kreisverkehr stehend… Wenn man das Auto, aber den Autofahrer nicht sieht und wohin der Autofahrer sieht um schlussfolgern zu können, ob er den Kreisverkehr verlässt und ich losfahren könnte oder ob er im Kreisverkehr bleibt?
Schwierig…. Mir sagt der Mensch im Auto in diesem Moment nichts, aber mir sagt der Fahrverlauf des Autos und die Stellung des linken Vorderrades etwas.

Meine Frau in ihrem Auto erkenne ich übrigens auch nicht. Ich erkenne zuerst ihren Autotyp, dann die Farbe des Autos, dann geht der Blick zum Nummernschild und so erkenne ich meine Frau in ihrem Auto. Bei mir bekannten Personen läuft dieses Erkennen auch so ab.

Der Abschluss: Puh, das war viel Text, was soll der mir sagen?

Der Text soll dazu dienen, die Herausforderungen von Menschen mit verschiedenen Einschränkungen (Autismus, AWVS, ein Stück weit auch ADHS) besser verstehen zu können.
Denn erst mit einem gewissen Verständnis kann man die Herausforderungen besser nachvollziehen, weshalb zum Beispiel Sprichwörter für Autisten ein Problem sein können oder weshalb viele Autisten eine klare, unmissverständliche Sprache bevorzugen oder
weshalb viele Autisten nicht gerne in die Augen anderer schauen.

Dieser Text enthält auch viele persönliche Beschreibungen, die sich nicht zwingend 1:1 auf jeden Autisten oder jede Person mit AWVS übertragen lassen.
Er soll einen Eindruck vermitteln, wie sich eine Kommunikation gestalten kann und welche Herausforderungen für Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen bestehen können.

Der Text soll aber jetzt kein Aufruf dazu sein, Autisten oder Menschen mit AWVS plötzlich komplett anders zu behandeln und aus „Höflichkeit“ „gaaaaanz laaaangsaaaam und veeeerstäääändliiich“ sprechen zu wollen.
Das wäre eine üble und völlig deplazierte Beleidigung.

Aber der Text kann vielleicht dazu beitragen begreifen zu können, weshalb Menschen mit Einschränkungen nicht den eigenen Erwartungen und Erfahrungen entsprechend reagieren, sondern anders.

Vieles fehlt, vieles könnte ich noch schreiben… Es ist ein Thema ohne Anfang und ohne Ende.

Zusatzkommentar wegen den eigenen Erlebnissen in der Kindheit

Und liebe Erzieher, Lehrpersonen und Personen, die mit Kindern arbeiten….
Wir machen das nicht extra mit dem „nicht verstehen wollen“…
Wir sind auch nicht blöd oder dumm oder sogar umgangssprachlich und herabsetzend formuliert „behindert“….
Und selbst wenn wir pathologisch betrachtet behindert wären, manche eine
Intelligenzminderung aufweisen sollten usw…

Wir können manche Dinge aus den oben genannten und vielen weiteren Gründen manchmal nicht (sofort) verstehen, auch wenn wir uns so abmühen.
Deshalb wäre es wichtig, vorhandene Vorurteile abzulegen und jeden Menschen als Individuum mit seinen eigenen Stärken und Herausforderungen zu betrachten und individuell mit Menschen agieren, die Stärken zu fördern und die Herausforderungen als Gegeben
hinzunehmen und zu akzeptieren.
Denn wir sind Menschen und möchten auch als solche behandelt werden.

Wir möchten nicht auf das reduziert werden, was wir nicht können.
Wir möchten teilhaben, an der Gesellschaft, am öffentlichen Leben, im Beruf, in den Schulen…
Wir möchten in die Gesellschaft inkludiert und nicht ausgeschlossen und im wahrsten Sinne des Wortes abgestempelt werden.
Wir verschaffen (euch) neue Sichtweisen und Erkenntnisse, wir lösen Probleme oft auf kreative und zugleich unkonventionelle Weise, wir haben oft eine andere Sichtweise zu Dingen und wir haben viele weitere Vorzüge.

Ein Gedanke zu „Gastbeitrag: „Gesprochene Texte verstehen – die einfachste Sache der Welt(?)““

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