Therapie bei autistischen Kindern – Erwartungen der Eltern

Ich habe mich ja schon oft gefragt, warum Eltern allen möglichen Unsinn an „Therapien“ in Erwägung ziehen oder gar nutzen um ihren autistischen Kindern zu helfen.

Und ja, dass diese Eltern auch (je nach Therapieformat leider aber erstmal sich selbst) ihren Kindern helfen wollen stelle ich nicht in Abrede.

Über den Behandlungswahn hatte ich ja schon öfter geschrieben.
Und was es da nicht alles für Blödsinn gibt.
Mela Eckenfels hat dazu schon einige sehr interessante Beiträge geschrieben. Unter anderem in „Die hässliche Fratze der Alternativmedizin“ und  in diesem Vortrag „Goldesel“ hat sie die Mechanismen der Anbieter durchleuchtet.

Weil zur Zeit immer wieder CBD erwähnt wird und es dazu in den letzten Tagen sehr unschöne Diskussionen gab, in denen ich den Standpunkt vertreten habe und es auch noch immer tue, dass Selbstakzeptanz dass allerwichtigste für die Kinder ist, hatte ich eine Umfrage gestartet.

76% der Teilnehmer ist es also am wichtigsten, dass die Kinder Selbstakzeptanz entwickeln.

Das heißt für mich, dass die Kinder annehmen, dass sie autistisch sind und lernen ihre Grenzen zu erkennen und diese auch definieren und vertreten können.

Das ist meines Erachtens extrem wichtig.
Denn so können sie auch im Rahmen Schule bei Befragung zu NTAs selber begründen was sie so brauchen. Und mit zunehmendem Alter ist es wichtig, dass sie das nach außen vertreten können und sich sich nicht bequatschen lassen, dass sie mehr kompensieren müssen.
Denn ein Übermaß an Kompensation und maskieren ist extrem schädlich und führt nicht selten in die Suizidalität. Auch vor dem Jugend- oder Sozialamt werden sie mit zunehmendem Alter in die Situation kommen, zu begründen warum sie noch Therapie und/oder einen Schulbegleiter benötigen.

Aus der Selbstakzeptanz und Selbstsicherheit des Kindes können dann auch Vereinbarungen getroffen werden, die zu „Kompatibilität“ mit der Familie führen.
So, wie es auch bei Familien mit nichtautistischen Kindern geschieht.
Kinder „verhandeln“ mit ihren Eltern und Eltern passen ihre Grenzen mit wachsendem Alter an die Bedürfnisse der Kinder an.

Reiner Familienfrieden, wie es zu Großvaters Zeiten war, einer sagt an und alle anderen tun was gefordert wird, darüber sollten wir 2019 wirklich hinweg sein.

85% der Eltern wollen im Rahmen einer Therapie verstanden und akzeptiert werden. Die anderen 15% möchten Entlastung, in dem sie Probleme benennen können.

Ich möchte das nochmal konkretisieren.
Wir hatten eine systemische, autismusbezogene Familientherapie.
Es war entlastend die Probleme benennen und sich mal alles von der Seele reden zu können.
Aber es half uns Familie (jetzt, mit Abstand und genauerer Betrachtung) nur marginal. Denn irgendwann sind alle Dinge benannt. Irgendwann wussten wir als Eltern, was uns innerhalb der Familie wirklich weiter brachte.

Was mich zu dem offenen Teil bringt.

Wir hätten mehr Umfeldarbeit benötigt.

Und diese bitte auch mit mehr Elan und nicht nur weichgespült.

Wir hätten die Therapeuten als Stütze gebraucht zB gegenüber der Schule.

Denn was nützt mir die beste Beschulbarkeit meines Kindes durch Therapie, wenn Lehrkräfte mit einem einzigen Satz alles wieder zu Nichte machen.

Ein Therapeut sollte die Anwälte des Kindes, also die Eltern, stützen und nicht ausschließlich Verständnis für alle anderen haben.

Ich möchte mal ein paar Tweets hier reinnehmen, was andere Eltern sich wünschen.

Ja, Therapie ist oft notwendig.

Nach meiner Erfahrung hilft Ergotherapie und Logopädie. Auch Gespräche mit Psychotherapeuten sind hilfreich, sofern diese denn Ahnung von autistischer Kommunikation haben.
Therapie muss stärkenorientiert arbeiten und sollte dem Autisten, der Autistin vermitteln dass sie gut sind, so wie sie sind und ihnen soziale Fragen beantworten und nichtautistische Kommunikation erklären.

Gruppentherapien, um soziale Kompetenz zu fördern, können hilfreich sein aber man muss schon verdammt genau hinschauen, ob die Bedürfnisse aller Teilnehmer beachtet werden. Schema F ist NICHT angeraten.

Und bei aller Therapie und Wünschen was diese erreichen soll, vergesst nie, dass Eure Kinder Persönlichkeiten sind, die sich entwickeln. Die genau so durch die Pubertät gehen, wie nichtautistische Kinder auch. Auch unsere Kinder lösen sich vom Elternhaus und das ist richtig, wichtig und gut so.

Ja, viele Probleme verstärken sich dadurch.

Denn entgegen der Meinung vieler Experten, selbstverständlich schauen sich unsere Kinder das Verhalten aus der PeerGroup ab und wenden es zu Hause an. Sie verlieben sich und wissen nicht wie das geht, dieses „verliebt sein“. Können es manchmal nicht verbalisieren und wirken von außen betrachtet nur noch aggressiv WEIL sie sich selber nicht (mehr) verstehen.

Selten haben sie in der PeerGroup Menschen, mit denen sie sich austauschen können. Und wenn sie welche haben (zB über die sozialen Medien) dann kann es gut sein, dass uns Eltern die Lösungsvorschläge aus der PeerGroup nicht passen.

Liebe Eltern, das ist normal. Auch wenn wir das anstrengend oder unangemessen finden.

Die Eltern der nichtautistischen Kinder leben auch nicht in „Rama-Familien“ (Werbungsidyll).
Nur
sie äußern das eher selten, dass auch bei ihnen nicht alles rund läuft. Da ist oft mehr Schein als Sein.

Und noch eine Bitte wegen der Beschulbarkeit, viele Schulen oder einzelne Lehrkräfte werden Euch Therapien ans Herz legen und Euch für sie wichtige Ziele benennen. Lasst Euch nicht irre machen. Unsere Kinder sind keine progammierbaren Roboter, die nach einer Therapie zu 100% funktionieren.

Das wird leider nur allzu oft vergessen.

Es gilt nicht „Autismus – da muss es doch was dagegen geben“.

Da hilft auch kein Förderschwerpunkt emotional/sozial. Ich hab im übrigen bis heute nicht verstanden, wie Lehrkräfte auf die Idee kommen, über diesen Zweig des Förderschwerpunktes selber Therapie zu praktizieren.
Schaut mal genau hin, ob da sonst noch irgend etwas passiert, was nicht nach „Therapie“ riecht bzw, was genau dort getan wird und ob da im Zweifel sogar gegen Therapieziele im Nachmittagsbereich gearbeitet wird.
Und ganz wichtig, eine Schulbegleitung ist kein Therapiemittel.

Was diese genau ist, habe ich hier definiert.

Meine Kinder sind autistisch.
Sie brauchen Unterstützung und dürfen Erfahrungen machen.
Nicht jedes Verhalten meiner Kinder ist therapiewürdig.
Sie brauchen zT Nachteilsausgleiche und je nach Alter ist es an mir, sie dabei zu unterstützen diese zu erhalten bzw. sie zu stützen es selber durchzusetzen.
Bei Fragen, wo mich Verhalten meiner Kinder verunsichert, frage ich erwachsene AutistInnen, um es besser einschätzen zu lernen.

 

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