Wie erklär ich es meinem Kind (dass ich es öffentlich angreifbar gemacht habe)

Liebes Kind, Du bist Autist.
Die Diagnose hast Du am xxx erhalten.
Es war eine Erleichterung für mich.

Und dann habe ich begonnen in Foren und/oder auf SocialMedia mich darüber auszulassen, wie schwer ich es mit Dir und Deiner Diagnose doch habe.

Wohlgemerkt mit Dir.

Nicht mit den Behörden.
Nicht mit den Lehrkräften.
Sondern mit Dir.

Die Autismusdiagnose war zwar, und da bestehe ich drauf, eine Entlastung für mich, aber mir fiel doch, trotz allem, das Leben mit Dir und Deiner Behinderung sehr schwer.
Ich musste das unbedingt loswerden.
Ich hoffte auf die Unterstützung meines nichtautistischen Umfeldes bzw. auf deren Beifall für meine Leistung und auf ihr Mitleid mit mir und meiner Situation.
Wie schwer das doch wirklich alles mit Dir und dem Autismus ist.
Ich habe es nach außen als Aufklärung über Autismus dargestellt..

So ähnlich erlebe ich es nicht zum ersten Mal, dass Eltern die Diagnose verarbeiten.
Sie nehmen Ausgrenzung vom nichtautistischen Umfeld wahr und möchten trotzdem unbedingt dazu gehören und ihr altes Leben weiterführen.
Da das Kind aber wenig Akzeptanz im nichtautistischen Umfeld erfährt versuchen manche Eltern sich anderweitig die Akzeptanz der Nichtautisten zu sichern.

Und wisst ihr was liebe Eltern, ich versteh Euch NICHT.

Mir gehen ja schon jene nichtautistischen Eltern furchtbar auf die Nerven, die jede Merkwürdigkeit ihres Kindes bei Facebook, Instagram und Co. illustriert für die gesamte Welt darstellen.
Die Fotos ihrer Kinder in den unmöglichsten Posen veröffentlichen.

Ich hatte schon einmal auf diese Studie der Uni Köln hingewiesen, aber anscheinend kann man das nicht oft genug tun.

Die Nutzung digitaler Medien in Familien führt oftmals zu einer gravierenden Gefährdung der Persönlichkeitsrechte von Kindern.

Untersucht wurde auch die Rolle des sogenannten „Sharenting“, also der Verbreitung von Kinderbildern durch Eltern in sozialen Medien, und inwiefern die Beteiligungsrechte und Persönlichkeitsrechte der Kinder dabei beachtet werden.

Wenn dies nun schon bei nichtbehinderten Kindern ein Problem ist, dann schätze ich die Auswirkungen für behinderte Kinder um ein vielfaches höher ein.

Ich hatte ja hier schon einmal darüber geschrieben, welche Auswüchse es bei behinderten Kindern und vor allem bei autistischen Kindern zum Teil annimmt.

Mit Aufklärung über Autismus und Offenheit gegenüber dem direkten Umfeld hat das alles nichts zu tun.

Und ich halte Kinder auch nicht unbedingt für befähigt, hier klar die Konsequenzen des Verhaltens der Eltern in Gänze und auf ihre persönliche Lebenszeit bezogen, überblicken zu können.

Ja, es gibt auch Personen des öffentlichen Lebens (SchauspielerInnen, SängerInnen und PolitikerInnen) deren Kinder autistisch sind.
Und auch hier gibt es negative Beispiele.

Ich weiß nicht, ob diesen Menschen klar ist, welches Bild sie von ihren Kindern für die Öffentlichkeit zeichnen.
Bei Frau Netrebko gehe ich fast davon aus, dass sie erwartet, dass ihr Sohn niemals erfassen wird, was und wie sie über ihn und seinen Autismus spricht.
Sie wird es ihm nicht im Einzelnen zeigen.
Und ich gehe davon aus, dass die Mehrzahl der mir bekannten „offenen“ Eltern dies ebenfalls nicht tut.

Pseudonym zu schreiben kommt vielen dieser Eltern nicht in den Sinn. Schließlich schämen sie sich ja nicht für ihr Kind und dessen Autismus. Aber auch einige Eltern, die pseudonym schreiben machen sich, ihren Wohnort und zT sogar die Schule ihrer Kinder identifizierbar. Weil sie sehr viel von sich preis geben.

Aber, und das möchte ich wirklich nochmals hervorheben liebe Eltern, ihr gebt EUER KIND der Öffentlichkeit preis.

Ich schau dann mal auf uns, unser Sohn war 13 Jahre bei Diagnosestellung und der Jüngste 5 Jahre.
Klar gab es autismusbedingte Schwierigkeiten, die als Lacher oder gar als Schreckensbild für Außenstehende gewirkt hätten.
Hätte ich es denn nach außen getragen.

Niemand muss öffentlich lesen, wie die Sauberkeitserziehung/-werdung meiner Kinder im KleinKlein ablief.
Niemand muss bis ins Detail beschrieben bekommen, wie ein Overload sich bei meinen Kindern äußert.
Ich finde diese Art der „Berichterstattung“ über behinderte und/oder autistische Kinder hat was von Gaffertum.
Man lädt die Gaffer zu sich nach Hause ein und lässt sie auf das Kind/den Jugendlichen schauen, in ganz intimen Momenten.
Und es ist vollkommen egal, ob man das nun schriftlich, per Soundcloud oder per Video macht.
Der Effekt ist identisch.

Mal ehrlich, würdet ihr auch über Eure Eltern so schreiben, wenn sie dement würden und mit ihren Exkrementen spielen würden?
Was sie denn da so alles tun würden, was Euch den letzten Nerv rauben könnte?
Wollt ihr es für Euch so haben, dass jemand so über Euch schreibt?
Das auch das anders machbar ist, ist in diesem wunderbaren Blog nachlesbar.

Es geht hier um Würde.
Es geht um Persönlichkeitsrechte.
Es geht um das Leben eines anderen Menschen.

Und im Fall Eurer Kinder geht es um deren Zukunft.

Ihr habt keine Glaskugel und könnt nicht beurteilen, ob Euer Kind sich gut entwickelt und in der Lage ist, ganz „norm“al einen Schulabschluss zu absolvieren, eine Lehre oder ein Studium zu ergreifen und selbstständig sein Leben zu führen.
(nur um das klarzustellen, es geht in KEINEM Fall, dass ihr Euch über die Persönlichkeitsrechte Eurer Kinder hinwegsetzt!)
Aber ihr könnt mit Eurer maximalen Offenheit dafür sorgen, dass es Eurem Kind trotz erstklassiger Leistungen auf ewig verwehrt bleibt.

Übernehmt Verantwortung für Euer Handeln.
Und lasst nicht Eure Kinder für Euer Handeln büßen.

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Ein Gedanke zu „Wie erklär ich es meinem Kind (dass ich es öffentlich angreifbar gemacht habe)“

  1. Vielen Dank für dieses Statement. Es trifft genau den Punkt und deckt sich mit meiner Meinung, auch wenn ich es aus einer anderen Perspektive als der der Eltern sehe.
    Es ist unfassbar, was Eltern via Twitter, Facebook und Co über ihre Kinder preisgeben – noch dazu, weil mit einem Minimum an Aufwand recherchiert werden kann, um wen es geht.
    Hätten meine Eltern damals nur einen Bruchteil davon irgendwelchen Fremden erzählt (soz. Medien gab es nicht) und ich hätte davon erfahren, es wäre eine Vollkatastrophe geworden.
    Ich empfinde dieses Herausposaunen als kolossalen Angriff auf das Vertrauen, das Kinder ihnen Eltern gegenüber haben können und haben sollten.

    Und ich bin mir sicher, ich weiß, wer/was für diesen Beitrag der Auslöser ist.
    Glaub mir, ich finde dieses Verhalten auch fragwürdig und unangemessen.

    Gefällt 1 Person

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