Wie gehen wir mit Kindern um?

Es ist nun schon ein Weilchen her, dass die Dokumentation Elternschule in die Kinos gekommen ist.
Mittlerweile habe ich eine ansehnliche Zahl von Artikeln und Stellungnahmen dazu gelesen.

Die Medien sprechen nach wie vor von einem Shitstorm aus, der da über die Filmemacher und die Klinik hereingebrochen sei.
Attachment parenting wird verunglimpft und den kritisierenden Eltern wird unterstellt, dass sie ja keine Ahnung hätten, wie schlimm die Situation für jene Eltern sei, die sich in der Gelsenkirchener Klinik einer Behandlung unterzögen.

Das ich weiß, wie es den Eltern geht, habe ich hier beschrieben.

Interessant in der gesamten Berichterstattung, ist diese Stellungnahme des Praxisteam Psychoforensik.

Mein Hauptaugenmerk liegt auf diesem Absatz:

Als weiteres potenzielles Entwicklungsrisiko erachten wir zusätzlich den Erwerb überangepasster Verhaltensweisen durch die in der Klinik erfolgten Interventionen. So ist aus der Fachliteratur bekannt, dass überangepasste, die eigenen Bedürfnisse zurückstellende Verhaltensweisen ebenso als Auffälligkeiten im kindlichen Verhalten einzustufen sind wie beispielsweise externalisierende Verhaltensauffälligkeiten, da es sich hierbei um Bewältigungsstrategien von Kindern im Umgang mit sie belastenden Situationen handelt (z.B. Castellanos & Hertkorn, 2016). Zusammenfassend gilt: Was scheinbar hilft, ist nicht immer hilfreich!

überangepasste Verhaltensweisen

Heißt also, die Kinder stellen ihre Bedürfnisse in den Hintergrund um geliebt zu werden bzw. um den Ansprüchen des Außens zu genügen.

Die Kinder maskieren und verdrängen ihre eigenen Bedürfnisse.

In einer anderen Stellungnahme habe ich die Begriffe Lerntheorie und Löschung gelesen, und das dies gut sei.

Diese Begriffe sind mir nur zu geläufig.
Werden sie doch ständig bei ABA genutzt. Wer noch nicht weiß, was ABA ist hier entlang bitte.

Eltern autistischer Kinder werden nach der Diagnose recht schnell mit ABA konfrontiert. Schließlich gilt diese Lerntheorie als evidenzbasiert. Das die Studienlage lange nicht so eindeutig ist, wie gerne behauptet, wird dabei gerne außer acht gelassen.

Bei den Kindern, die in Gelsenkirchen nach der „Elternschule“ behandelt werden, wird meines Wissens keine Diagnostik vorgeschaltet. Schließlich wurden sie Eltern mit den Kindern ja mit einer Problematik X dort eingewiesen.

Wie man in der Stellungnahme der DGKJP zum Film „Elternschule“ nachlesen kann

Es muss der Behandlung immer eine ausführliche Diagnostik vorausgehen. Diese sollte neben dem Ausschluss körperlicher Ursachen und der Anamneseerhebung eine sorgfältige Entwicklungsdiagnostik und eine umfassende kinderpsychiatrische Diagnostik des Kindes (insbesondere zum Vorliegen weiterer Störungen, Erfassung von Temperament und Bindung, etc.) beinhalten.

sollte dies aber trotzdem von Statten gehen. Zumal gerade uns Eltern autistischer Kinder oft die stationäre Aufnahme empfohlen wird für die Diagnostik.
Aber das nur am Rande.

Was besonders auffällig ist, ist die Vehemenz mit der Befürworter, Therapeuten und Eltern agieren.
Da gibt es frappierende Ähnlichkeiten zwischen der Elternschule und ABA.

In der Elternschule spricht man von manipulierendem Verhalten der Kinder gegenüber ihren Eltern.
Der Begründer von ABA, Ole Ivar Lovaas, bezeichnete autistische Kinder als ein „weißes Blatt“ bei dem Problemverhalten gelöscht wird und mit guten Verhaltensweisen neu beschrieben wird.

Wie das geht, kann man in diesem Bericht einer ABA-Therapeutin.

I abused children for a living. It didn’t look like abuse. It didn’t feel like abuse (at least not to me) but it was definitely abuse. I see that now. Back then, I actually thought I was helping those kids. In fact, it was and still is considered ‘therapy.’ And not just any therapy- the most sought-after autism therapy, often the ONLY therapy insurance will cover. To this day it’s lauded as the only “evidence-based treatment” for autism.

Und da kommt eine entscheidende Vokabel zum Vorschein, die man auch bei der Elternschule immer wieder liest, Evidenz.
Es wird also behauptet, dass eine medizinische Evidenz für das Verfahren der Elternschule und die Lerntheorie ABA vorläge.

Die wissenschaftliche Aussagefähigkeit klinischer Studien wird durch Evidenzgrade beschrieben.

Womit wir beim nächsten Punkt sind, Studien.

Zur Multi-Modale-Drei-Phasen-Therapie nach Langer, die nun unter Elternschule bekannt ist, habe ich keine Studie gefunden.
Zu ABA gibt es zwar Studien aber deren Aussagekraft ist längst nicht so hoch, wie gerne behauptet wird. Auf dem Blog Realitätsfilter gibt es dazu einen hervorragenden Artikel.

Da auch die neuere Meta-Studie als einzige tatsächlich belastbare Studie Smith et al. von 2000 anführt, bleibt trotz der neueren Datenbasis der bereits gezogene Schluss übrig, dass für ein fundiertes Urteil über die wissenschaftliche Belegbarkeit von ABA weitere wissenschaftlich korrekte Studien benötigt werden und bis dahin viel dafür spricht, dass die Wirksamkeit von ABA deutlich hinter dem zurück bleibt, was in der Vermarktung versprochen wird.

Ich möchte gerne noch auf den Blogartikel der Bloggerin Butterblumenland hinweisen, der die Rhetorik von ABA-Befürworten mal analysiert hat.

Besonders hervorheben möchte ich diesen Punkt

11. Das ganze Leben ist Konditionierung

Wenn man dann so ziemlich alle anderen Argumente durch hat, greifen ABA-Befürworter ganz tief in die Trickkiste. „Kindererziehung ist immer Konditionierung!“ oder auch „Wenn du arbeiten gehst, dann ist der Lohn am Monatsende auch nur ein Verstärker.“ Da kommt dann das einfach gestrickte Menschenbild hinter ABA so richtig schön zum Vorschein. die Theorie hinter dem operanten Konditionieren geht (fälschlicherweise wie wir seit 50 Jahren wissen) davon aus, dass der Mensch immer eine Belohnung braucht. Um das zu widerlegen, muss man nicht erst lange in der theoretischen Psychologie oder der Hirnforschung lesen….

Konditionierung unter ABA funktioniert also mit Belohnung, dem Verstärkerprinzip.
Konditionierung in der Elternschule hat eine andere Qualität und nutzt den negativen Verstärker.

Beide behaupten, sie würden die intrinsische Motivation stärken.

Aber tun sie das wirklich?

Bei ABA wird das Token-System (mal das Token als direktes Prompting, bei älteren Kindern/Jugendlichen auch das sammeln von Token für eine größere Belohnung) genutzt, in der Elternschule erlernt das Kind zu vermeiden um keine Ignoranz oder Strafe zu erleiden.

Das ist aber doch aber extrinsische Motivation.

Wenn wir Eltern unsere Kinder ernst nehmen, mit all ihren Bedürfnissen und dem Kind zugewandt seine Bedürfnisse befriedigen, dann erleichtern wir ihm das Wachsen.

Sehr schön finde ich diesen Blogbeitrag von Susanne Mierau.
Sei bitte lieb und brav! (sonst kommt nicht der Weihnachtsmann)“

Wir können hinsehen und uns fragen: Was ist jetzt das Bedürfnis meines Kindes? Warum verhält es sich so? Wir brauchen Verständnis für die normale kindliche Entwicklung – und müssen dieses Verständnis auch gegenüber der Gesellschaft verdeutlichen und verteidigen in all jenen Situationen, in denen uns hochgezogene Augenbrauen in der Öffentlichkeit ermahnen wollen, unsere Kinder bitte – koste es was es wolle – in ihre Erwartungen zu pressen.

Das gilt für alle Kinder, auch für autistische Kinder.

Was sollen/können nun aber Eltern tun, die sich in einer sehr anstrengenden Phase mit ihrem Kind befinden?

Was tun bei absoluter Müdigkeit und Erschöpfung, weil das Kind seit Jahren nur in kurzen Etappen schläft und in den Wachphasen die Präsenz der Eltern einfordert?
Was tun, wenn das Kind ein sehr selektiver Esser ist und nur wenige Nahrungsmittel toleriert?
Was tun, wenn Kleidung vom Kind als so störend empfunden wird, dass es am liebsten gar keine Kleidung tragen würde?
Was tun, wenn Zähneputzen und Duschen oder Baden ein einziger Kampf ist, aber Hygiene nicht außer Acht gelassen werden kann?
(das ist nur eine kleine und nicht vollständige Aufzählung)

Schritt eins, Entspannung reinbringen und Entlastung suchen.
Und den Gedanken zulassen, dass das Kind einen NICHT provozieren will sondern es gute Gründe für sein Verhalten hat.

Schritt zwei, die Gründe finden.
Wie das geht, hat ist hier gut beschrieben.

Hier würde ich gerne vom Professor wissen, wie er die Situation denn unter dem Aspekt neu bewerten würde, wenn er wüsste, dass dieses Mädchen einfach nur furchtbare Angst hat.
Angst davor, dass ihre Mutter weggeht, wenn sie nicht auf dem Arm ist.

Ich durfte mich bei meinem Sohn sehr lange nicht aus seiner Sichtweite begeben. Ich hab das damals einmal gemacht und sofort gesehen, dass er Angst bekam. Ab dem Zeitpunkt hatte ich ihn mitgenommen, egal wohin. Auch bei den Hausarbeiten.

Also die Situation von „außen“ betrachten, den Auslöser suchen und schauen, wie man die Situation anders händeln kann.

Schritt drei, sich Unterstützung suchen die wertschätzend und auf Augenhöhe mit den Eltern und mit dem Kind zusammenarbeitet.

Wertschätzung und Augenhöhe sind Dinge, die wir auch unseren Kindern angedeihen lassen müssen. Wir müssen sie ernst nehmen.
Sie brauchen Verständnis und kein ABA und keine Elternschule nach Langer.

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