Die Sache mit dem „Stempel / Etikett“

Reduzier Dein Kind doch nicht auf den Autismus.
Ist Dein Kind nicht mehr als nur Autist?
Mit der Diagnose ist Dein Kind doch abgestempelt und erhält keine Chancen mehr.
Geben Sie die Diagnose an der Schule besser nicht bekannt, wer weiß wie die das auffassen.
Ihr ruht Euch doch auf der Diagnose aus.
Du nimmst Deinem Kind den Entwicklungsraum.
Steck Dein Kind doch nicht in eine Schublade.

So oder so ähnlich habe ich es in den letzten 8 Jahren so oft gehört und gelesen.

Ich habe mal persönlich zu einem Arzt in der Klinik gesagt,
„meinetwegen können sie meinen Sohn grün lackieren, Hauptsache er bekommt endlich die Unterstützung die er benötigt“
und ich meinte das vollkommen ernst.

Warum wird von so vielen Stellen die Diagnose bzw. die Behinderung als negativ wahrgenommen?

Warum wird nicht anerkannt, dass die Diagnose erlösend ist?

Warum wird nicht anerkannt, dass nur mit Diagnose endlich an richtiger Unterstützung gearbeitet werden kann?
Das nur damit Nachteilsausgleiche beantragt werden können?

Nur mit Diagnose kommt man endlich und leider immer nur in Teilen aus der Anstrengungsfalle raus.

Anstrengungsfalle?
Kennt Ihr nicht?

Nu reiß Dich doch mal zusammen.
Das schaffen die anderen auch.
Du musst das so erledigen wie alle anderen, sonst ist Deine Lösung nichts wert.
Wie, Du kannst die Lautstärke schlecht aushalten. Tja, dass können wir nicht ändern.
Unangekündigter Vertretungsunterricht ist Dir zu anstrengend? Da musst Du durch.
Du musst Dich mehr an die anderen anpassen.
Du musst Dich ändern, wir können ja nicht die Welt für Dich verändern.

Was passiert, wenn AutistInnen ständig maskieren müssen, ist hier gut beschrieben.

Und auch für die Eltern ist es entlastend zu wissen, dass ihr Kind Autist ist.

Auch und gerade, wenn die Diagnose früh gestellt wird.
Jedenfalls, wenn man an vernünftige Kinder- und Jugendpsychiater gerät und nicht aus Versehen in der „Elternschule“ landet. Oder bei Anbietern von ABA und anderem was unter Behandlungswahn zu verbuchen ist.

Wenn Eltern wissen, warum es schwierig ist mit

  • Essen (Konsistenz, Geschmack, Farbe)
  • Kleidung
  • Freunden
  • Licht
  • Geräuschen
  • Hitze / Kälte
  • Aufgabenstellungen
  • sozialer Kommunikation

und daraus resultierend es dann zu Overload, Meltdown oder Shutdown kommen kann (hier zwei sehr gute Artikel, von Beatrix Schweigert und von Elodiy-la-Corious), dann können sie anders agieren.
Sie können nach Alternativen suchen oder einfach eine gut leuchtende, aber brummende/quietschende/fiepende Lampe austauschen. Sie können akzeptieren lernen, dass das Kind ein Kleidungsstück lieber zehnmal hat, weil es dieses Kleidungsstück gut erträgt, statt dem Kind andere Kleidung aufzuzwängen.
Sie können alternative Kommunikationsformen zulassen. So zB mit dem Kind, was neben ihnen sitzt per WhatsApp oder Mail kommunizieren, statt den mündlichen Dialog zu suchen.
Ach, es gibt so viele Möglichkeiten, wie man Entspannung in Situationen hinein bekommt.

Stattdessen werden Eltern mit Bemerkungen wie oben genannt konfrontiert und es wird suggeriert das sie ihrem Kind schaden, wenn sie Autismus benennen und akzeptieren. Noch schlimmer, wenn sie ihr Kind unterstützen, ihm Ausgleich für die Nachteile durch die Behinderung gewähren oder das gar noch von der Umwelt einfordern.

Sehr schnell kommen auch die Esoteriker um die Ecke und erzählen von Kristall- oder Indigokindern. Ich verlinke dazu mit Absicht nichts, weil ich die entsprechenden Seiten für absolut inakzeptabel halte.

Ach Mensch, es gibt so viel Unfug oder wirklich gefährliches Zeug, der im Bereich Autismus zu finden ist und dem Eltern zT nur deswegen verfallen, weil sie mit solchen Ratschlägen überschüttet werden.

Könnt ihr bitte damit aufhören, Eltern zu raten, den Autismus der Kinder nicht zu benennen!

Und könnt ihr bitte endlich damit beginnen erwachsenen AutistInnen zuzuhören, die aus ihrem Erleben berichten!

 

Wenn wir Eltern diese Expertise nicht nutzen DANN schaden wir unseren Kindern.

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6 Kommentare zu „Die Sache mit dem „Stempel / Etikett““

  1. Liebe Anita,
    Du hast in allen Punkten Recht. Und dennoch: vor der Diagnose war meine Tochter ein Mensch mit Schwierigkeiten und Besonderheiten, jetzt ist sie bei den Ämtern, Behörden, usw. eine Autistin ……ach ja , irgendwie natürlich auch Mensch. Das ist schon gruselig, wie sehr die Diagnose den Blickwinkel der Andren prägt.

    LG von LW

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    1. Diese Außensicht ist das Problem.

      Aber durch verstecken wird es nicht besser.
      Zumal es auch Ämter sind, die dazu raten es zu verstecken.
      Diese Angst vor dem „nicht greifbaren“, die elenden und tief verankerten Klischees die in der Gesellschaft vorhanden sind und und und

      Wir müssen die Selbstvertretung stärken um dieses „Bild“ zu verändern.

      Wir dürfen zB Autismus Deutschland nicht mehr die Deutungshoheit überlassen.

      Denn diese sind meines Erachtens stark daran interessiert, dass sich nicht für die AutistInnen verändert/verbessert.
      Denen ist daran gelegen, dass in der Betrachtung immer nur die Defizite und nie die Stärken geachtet werden.

      Weder Deine Tochter noch meine vier Kinder bestehen nur aus Defiziten.
      Sie brauchen Unterstützung um ihre Stärken zeigen zu können.

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      1. Das ist doch klar. Ich meinte mi: selbst wenn man dazu steht, schützt es einen nicht vor dem diskriminierenden „ Wohlfahrts“System und den Vorurteilen von Lehrern. Betreuern Sozialpädagogen usw. Du bist das in erster Linie der Autist. Was fürn Mist.,

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