Ein Tag ohne Schulbegleitung

Gestern Morgen bekam ich früh die Nachricht, dass unsere Schulbegleitung erkrankt war.

Das kann passieren und ist menschlich.
Selbstverständlich ist in einem solchen Fall, dass die Schulbegleitung sich auskurieren muss.
Das diskutier ich nicht.
Keinem ist damit gedient, wenn jemand krank zur Arbeit geht.

So kurzfristig eine Vertretung zu bekommen ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Niemand hat heutzutage Personal als Springer rumsitzen.

So obliegt es also mir als Mutter, mir Gedanken zu machen, wie es nun an diesem Tag mit der Beschulung aussieht.

In früheren Jahren meldete ich unseren Jüngsten krank.
Denn er war damals NICHT in der Lage einen Schultag alleine durchzustehen.
Das lag damals auch und vor allem an der dünnen Personaldecke und dem hohen Krankenstand unserer Grundschule sowie dem dort herrschenden Lehrsystem. Es wurde jahrgangsübergreifend Klasse 1-4 unterrichtet und der Unterricht wurde durch die SchülerInnen selber gestaltet. Heißt auch, dass unser Jüngster sich damals seine Aufgaben selber zuteilen und zusehen musste im doch recht lauten Durcheinander sich zu organisieren.
Unsere schlimmsten Wochen waren Ende des 4. Schuljahres, als wir für 5 Wochen keine bzw. nur sporadisch für wenige Tage eine vollkommen neue Person als Vertretung haben konnten.
In dieser Zeit habe ich zu Hause die Organisation übernommen, die Aufgaben zugeteilt und überwacht dass diese auch erarbeitet wurden.

Vor über 18 Jahren witzelte ich mal darüber, dass wir uns den Luxus leisten, dass ich zu Hause bin.
Mittlerweile muss ich sagen, dass es eine zwingende Notwendigkeit ist um solche Phasen ausgleichen zu können.
Wenn ich alleinerziehend wäre, wären solche Nachrichten wie Schulbegleitung krank, Kind im Overload – kommen sie es bitte sofort abholen, der Worstcase.
Das kann eine alleinerziehende Person nicht oder nur sehr selten leisten.

Zurück zum gestrigen Tag.

Bevor ich unserem Sohn mitteilte, dass die Schulbegleitung krank ist, ratterte mein Gehirn sofort Fragen in einer Endlosschleife runter

  • kann ich ihn in die Schule schicken
  • kann ich ihn nicht in die Schule schicken
  • hab ich Zeit ihn zwischendrin abzuholen wenn es nicht geht
  • hab ich die Zeit nicht
  • Was sagt die Schule
  • sind alle Lehrer da
  • was für Unterricht ist heute
  • wie viele Raumwechsel
  • wie viele Kurse
  • wie sieht es mit dem Termin am Nachmittag aus
  • wie wird sich das aufs Wochenende auswirken

Also Stunden- und Vertretungsplan überprüft. Uff, um 6:30Uhr noch keine Raumwechsel oder Vertretungen angekündigt.
Keine Zeit anzurufen und in Ruhe zu klären, da sind schließlich noch die anderen drei Kinder, die ihre Morgenroutine haben UND pünktlich zu ihren Terminen müssen.

Ruhe bewahren – Ruhe ausstrahlen – erste Bürgerpflicht
sonst brauch ich gar nicht weiter überlegen.

Wenn ich als Mutter in solchen Momenten unruhig wirke, überträgt sich das sofort auf alle Kinder und ich brauch beim Jüngsten gar nicht weiter überlegen und kann ihn direkt zu Hause behalten. Mit unruhiger Grundstimmung im ungewohnten Setting in die Schule gehen, schafft unser Jüngster einfach nicht.

Nach Überprüfung der mir möglichen Fakten habe ich dann mit dem Jüngsten gesprochen. Seine erste Anmerkung war, „ich will in die Schule, da wartet schließlich mein Freund“.
(Ja, unser Sohn hat einen Freund und die zwei kommen sehr gut miteinander aus. Dank unserer Schulbegleitung konnten auch alles bisher aufgetretenen Miss(t)verständnisse schnell beigelegt werden.)

Also hab ich mit ihm abgemacht, dass ich mit den Lehrkräften spreche und schaue, was geht und wie man ihm im Notfall helfen kann.
Es braucht  eine klare Absprache, wie er Auszeiten nehmen kann und wo und mit wem er dann sprechen muss/soll/darf.
Wo er, wenn nötig, eine Auszeit nehmen kann.
Mir machten aus, dass ich dann erst eine Entscheidung treffen kann.

Nachdem ich dann irgendwann alle notwendigen Informationen hatte und geklärt war, dass die Schule es probieren wollte und alle Lehrkräfte informiert werden, habe ich mit unserem Jüngsten die wichtigsten Eckpunkte besprochen und bin schleunigst aus der Schule verschwunden.

Falls es jemanden wundert, dass ich nicht in der Schule verblieben bin, dass habe ich einmal gemacht und es hat unserem Sohn nicht gut getan. Das ist keine Lösung für ihn sondern macht ihn wuschig. Nach seiner Einstellung habe ich nichts im Schulalltag zu suchen und er hat damit einfach Recht. Dann bleibt er lieber einen Tag zu Hause.

Es war ein sehr unruhiger Vormittag für mich. Schließlich hatte ich zugesagt, dass ich zu 100% erreichbar bin und jederzeit abholen kann, wenn es nicht laufen sollte.
Das Telefon klingelte Gott sei Dank nicht.
Ich war zu Schulende dann wieder nervös, was mich wohl erwarten würde.
Den Therapietermin für den Nachmittag hatte ich nicht profilaktisch abgesagt, wenn es eben ging wollte ich dorthin, damit schwierige Punkte aus dem Morgen sofort besprochen werden konnten. Außerdem ist es mir wichtig, dass die Ärztin und der Therapeut sehen, was ein solcher Tag für Auswirkungen auf ihn hat.

Aus dem Schulgebäude kam er dann und machte eine erschöpften aber nicht vollkommen erschlagenen Eindruck. Er meinte, er könne die Hin- und Rückfahrt gut aushalten.

Er berichtete begeistert, wie sehr er den Lehrkräften hat helfen können.
Das er den Klassenraum aufräumen durfte und auch keinen auf den Deckel bekommen hatte, als er das Pausenende überzog weil er runterkommen musste nachdem er sich über Schüler aus anderen Klassenstufen aufgeregt hatte.

Er war also in einigen Dingen in Grundschulzeiten zurückgefallen.
Damals hat er, wenn alles durcheinander war, immer begonnen seine Umgebung zu ordnen und Dinge in Ordnung zu bringen.
Er zeigt in solchen Momenten eine fast unheimliche Geschäftigkeit. Das ist Teil seiner Kompensationsfähigkeit.
Gut, dass die Unterrichtsstunden den dafür notwendigen Raum ließen und die Lehrkräfte dieses Verhalten toleriert haben.
Hätten sie es nicht getan, hätte er die fünf Schulstunden nicht durchgestanden.

Ein großes Danke an dieser Stelle dafür.

Während der Therapiestunde zeigte sich dann, dass seine Toleranzschwelle sehr niedrig war.
Er floh aus dem Therapieraum zu mir, als er dort noch mehr sprechen sollte.

Ich ging mit ihm zusammen zurück und sprach selber mit dem Therapeuten. Ab und an klinkte der Jüngste sich ins Gespräch ein. Er brauchte eine „Krücke“ um am Gespräch teilnehmen zu können.

Auch dort zeigte er das Verhalten, alles dominieren zu wollen und Ordnung herzustellen.

Auf der Rückfahrt wurde er immer stiller aber es arbeitete enorm in ihm.

Irgendwann sagte er klar
„Das hat heute geklappt, aber an einem Langtag mach ich das nicht. Pausen ohne Schulbegleitung sind sehr schwer. Ich weiß nicht, was ich machen muss oder soll, wenn da die Jungs aus der höheren Klassenstufe anfangen mich nachzuäffen oder mir Dinge wegnehmen.“

Der Tag endete ohne größere Komplikationen. Wir nahmen das „Ordnung schaffende“ Verhalten hin. Auch hier wieder, hätten wir es nicht getan, wäre es zwangsläufig zum Overload gekommen.

Seit heute morgen nun, schleicht unser Jüngster durchs Haus.
Für Ordnung schaffen ist keine Kraft vorhanden.
Hausaufgaben machen geht nicht.
Er geht immer wieder freiwillig in sein Bett und versucht sich auszuruhen.
Nach der Häufigkeit zu schließen, in der er wieder kommt, geht es ihm nicht gut.

Klar könnte ich jetzt auf Hausaufgaben und Vokabeln lernen bestehen.
Aber lernen kann er jetzt nicht, es ist keine Aufnahmekapazität vorhanden. Stattdessen würde ich eher einen Overlaod oder gar einen Meltdown provozieren.

Das gute am gestrigen Tag
er hat sich selbst bewiesen, dass er es auch mal allein schaffen kann.

Wichtige Information fürs nächste HPG als Notiz an mich
wie viel es ihn gekostet hat und welche Nachwirkungen solch ein Tag bei ihm hinterlässt.

(und nun versuche ich meine Nerven etwas runter zu regeln – denn ja – auch mich hat dieser Tag enorm geschlaucht)

 

Update 23.09.18

Wie der gestrige Tag verlief habe ich hier geschildert.

Der heutige Tag ist insofern besser, als dass er nicht mehr so erschlagen ist.
Allerdings ist das nachholen von Hausaufgaben gerade ein schwieriges Problem. Er kann sich nur schwer konzentrieren, versucht wieder alles zu ordnen und stellt gleichzeitig alles in Frage.
Auch stimmt er heute mehr als in all den Wochen vorher.

Die kommende Woche wird schwierig werden.

2 Kommentare zu „Ein Tag ohne Schulbegleitung“

  1. Als Mutter ist man ständig in Bereitschaft, und hier 1x mehr. Aber es war für euch beide gut, jeder musste mal ein Stück weit loslassen. Das kann man nicht planen, aber das war spontan. Beim nächsten mal bist du ruhiger! Ich wäre stolz auf mein Kind, und natürlich auf mich selbst….Situation gemeistert, auch wenn es viel Kraft gekostet hat!LG

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    1. Die ständige Bereitschaft, die Du ansprichst, hat bei Eltern von autistischen Kindern eine durchaus andere Qualität.

      Es hat im übrigen nichts mit loslassen zu tun und ob ich gewillt bin dies zu tun oder nicht.

      Und auch nein, es gibt keine Garantie, dass ich oder er beim nächsten Mal ruhiger sein werden. Es ist sehr von den vorhergehenden Situationen abhängig und ob die im Text genannten Optionen passen.

      Ja, er hat den Freitag geschafft.
      Ja, er hat viel gelernt.

      Die Kosten für IHN sind jedoch nicht unerheblich.
      Den gesamten Samstag war er zu NICHTS in der Lage.
      Er hat tagsüber viel geschlafen, wachte immer wieder mit starken Kopfschmerzen auf, war kaum in der Lage etwas zu essen. Das ging erst gegen 21Uhr wirklich. Bis 0:30Uhr geisterte er durchs Haus.
      Es hat seinen Rhythmus total durcheinander gebracht. Und wie sich die kommende Schulwoche gestalten wird und ob er aus dem Muster alles ordnen und sortieren zu müssen schnell wieder rauskommt müssen wir abwarten.

      Es hat auch die gesamte Familie viel gekostet, was Außenstehende verständlicher Weise weder einschätzen noch vorhersehen können.
      Jeder ging hier auf Zehenspitzen durchs Haus und musste schauen ihn nicht zu triggern.
      Der kleinste Auslöser hätte gestern gereicht ihn in einen Overload zu schieben.
      Am späten Nachmittag sah es auch kurz so aus, dass die gesamte Anspannung sich in Erbrechen auflösen würde.

      Ja, ich bin stolz auf meinen Kleinsten, weil er es geschafft hat.
      Das Du sagst, dass ich auch stolz auf mich sein müsse, irritiert mich allerdings schon.

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