Händeschütteln und was man sonst noch so lernen kann

Händerschütteln und Blickkontakt sind so „Meilensteine“ die Therapeuten gerade bei jüngeren autistischen Kinder und Jugendlichen gerne als Zielvorgaben innerhalb einer Therapie setzen.

Warum eigentlich?

Ich gebe zu, ich habe letztends eine Autistin damit „überfallen“ ihr spontan die Hand zum Abschied hingehalten zu haben. Weil ich sie am liebsten umarmt hätte. Weil ich dank ihr und mit ihr einen solch tollen Tag hatte (und ich hoffe sehr, sie auch!). Es passiert mir unheimlich selten, dass ich einem Menschen dadurch meinen Dank ausdrücken möchte. Ob nun für einen tollen Tag oder für eine Aufmunterung oder einfach nur, dass es ihn gibt. Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass mir in diesem Moment „die Pferde durchgegangen“ (RW) sind. Ich habe hier eine Grenze überschritten, wie ein Anfänger im Bereich Autismus und Umgang mit AutistInnen.

Auf Wikipedia kann man nachlesen was Händeschütteln ehemals für eine Bedeutung hatte

Auf römischen Münzen lässt sich das Händeschütteln als Symbol der Eintracht wiederfinden. In der Zeit der Republik war die Geste nur bei einem Wiedersehen nach längerer Abwesenheit oder als Ausdruck besonderer Verbundenheit üblich

heute ist es als allgemeine Umgangsform etabliert.

Ich denke nicht, dass ich es in diesem Moment wirklich zum Ausdruck bringen konnte, warum ich (obwohl ich wusste, dass es eigentlich nicht gut ist) dies tat.

Und noch jetzt beschäftigt es mich. Aber es war mir ein echtes Bedürfnis, keine Floskel/Umgangsform, die man so einhält, weil es der Norm entspricht.

Es wird viel über Therapien berichtet, mittlerweile auch über Therapien für erwachsene AutistInnen. Und immer wieder tauchen Schlüsselwörter auf; Blickkontakt und die Hand zu geben scheinen für einige Therapeuten und auch Eltern elementar zu sein.

Aber warum?

Um gesellschaftlichen Umgangsformen zu genügen?

Sucht man ein bisschen auf verschiedenen Plattformen wird man feststellen, dass dies insgesamt sehr umstritten ist. Es treibt Eltern um, wenn die Kinder nicht bereitwillig der Oma die Hand oder ein Küsschen geben, Mittlerweile hat sich rumgesprochen dass zumindest das mit dem Küsschen geben durchaus vom Kind selbst bestimmt sein darf. Und selbst zum Händeschütteln finden sich Gott sei Dank schon seit einigen Jahren kritische Stimmen.

Die Entscheidung, ob ein Kind jemandem die Hand geben möchte oder nicht, gehört für mich zum Selbstbestimmungsrecht jedes Menschen dazu,…

Aber anscheinend ist es ab einem Alter X üblich, dass man dieses Selbstbestimmungsrecht ad acta legt und sich Konventionen unterwirft.
Nun ja…

Aus diesem Grund scheint es für viele Therapeuten ein gutes (und vor allem leicht erreichbares) Ziel zu sein, dies zu trainieren. Manche haben verstanden, dass Händeschütteln für viele AutistInnen äußerst unangenehm ist und bieten Alternativen dazu an. Sowas cooles wie High Five oder gar Brofist. Aber ist das wirklich eine Alternative?

Unser Jüngster mag Händeschütteln nicht.
Er begrüsst Menschen unterschiedlich danach, wie gut er sie kennt. Er handelt da strikt nach seinem persönlichen Empfinden. Zu 99% sehr höflich, aber halt so wie er diese Menschen mag bzw. ihnen vertraut. Das ist für ihn wichtig.

Nun steht der Wechsel auf die weiterführende Schule an und die Therapeutin sah bzw. sieht sich berufen ihm die allgemeingültigen Umgangsformen beizubringen, was mich mal wieder in Erstaunen versetzt.
Nicht das mich jetzt wer falsch versteht, ich finde es richtig und wichtig, dass mein Sohn sich zu benehmen weiß.
Aber ich möchte, dass er über Erklärung versteht warum welches Benehmen wo wichtig ist.

High five bzw. Brofist können eine Alternative sein, aber das hat eine ganz andere Ebene als Hände schütteln.
Und auch Händeschütteln macht man nicht einfach so.
Da gibt es ungeschriebene Regeln, die man beachten muss und soll.
Sonst wirkt man immer noch komisch, wenn man jedem die Hand anbietet oder jedem die Hand zum High Five hinhält oder die Faust zum Brofist.
Wenn man in eine Schulklasse schaut, begrüßen sich die einen mit einem saloppen Hallo, andere fallen sich in die Arme und wieder andere geben sich Luftküsschen auf die Wange.
Also ein riesiges Durcheinander an Möglichkeiten, welches für einen Autisten für Verwirrung sorgen kann.
Wo mache ich nun was und bei welcher Person ist welches Verhalten nun angemessen?

Wenn ich nun meinem autistischen Kind beibringe jedem die Hand zu geben, ist das nun richtig, weil es systemkonform ist?
Wenn ich nun meinem autistischen Kind das High Five beibringe und es dies überall anwendet, ist das richtig?
Oder dieses Brofist, passt das überall?

Die soziale Komponente, wo wende ich was an und was ist wo sozialkonform, ist kompliziert. Es gibt wahnsinnig viele Fallstricke wo man erlerntes Wissen falsch anwenden kann.
Wichtig ist, die Ebenen zu kennen.

Nun ist die große Frage, wie vermittel ich eben diese Ebenen.

Kann ich das in 45 Minuten runterbrechen, in dem ich eine alternative Handlung erlerne, ohne den Hintergrund zu kennen?
Oder ersetze ich dass nicht systemkonforme „ich mag nicht die Hand geben“ durch „ich begrüße jedermann mit High Five“.
Oder setze ich dadurch wieder jemanden der Skepsis und/oder der Belustigung anderer aus, weil diese darunter etwas ganz anderes verstehen?

Ist es für Therpeuten wichtig einen schnellen Erfolg vorweisen zu können?
Was ist mit Nachhaltigkeit?

Und die Sache mit dem Blickkontakt, die immer wieder hervorgekramt wird, weil man dadurch angeblich dem Gegenüber vermittelt zuzuhören und diesen ernst zu nehmen bzw. ihm zu signalisieren, dass man ihn wahrnimmt.
Ist das wirklich so, dass dies nur darüber geht?
In einer Studie hat sich gezeigt, dass es nicht nur AutistInnen schwer fällt sich unter Blickkontakt ausreichend auf die Botschaften des gesprochenen Wortes zu konzentrieren und weiter

Schutz vor Überbelastung des Gehirns

Die Befunde legen also nahe, so die Psychologen Shogo Kajimura und Michio Nomura, dass die doppelte Aufgabe – Augenkontakt (und die innewohnende intime Verbindung, die damit verknüpft ist) aufrechterhalten, während das Gehirn nach einem passenden Wort für die Aufgabe sucht – ist einfach zu anstrengend.

Deshalb sorgt das Gehirn für einen Abbruch des Augenkontakts, so dass es sich ausschließlich auf die Wortfindung zu konzentrieren braucht.

wenn also eine Lehrkraft eine Antwort einfordert, ist es wirklich notwendig, dass der Schüler die Lehrkraft ansieht?
Oder ist der Inhalt wichtig?
Das es für AutistInnen sehr unangenehm und verwirrend sein kann Blickkontakt zu halten ist auf dem Blog Realitätsfilter sehr gut beschrieben.

In einem Artikel über eine Tagesklinik für erwachsene AutistInnen las ich unter anderem, dass dort die Kommunikation mit nicht autistischen Menschen, trainiert würde.

Aber werden dort nun die Mechanismen von Kommunikation über Erklärung erlernt oder wieder nur nichtautistisches Verhalten trainiert?

Ich persönlich finde die Basis der Erklärung wichtig. Sei es nun Händeschütteln, Blickkontakt oder andere soziale Umgangsformen die sich zu großen Fallstricken für AutistInnen entwickeln können.

Bloßes Trainieren ohne Verstehen führt meines Erachtens dazu, dass das Verhalten von AutistInnen von außen betrachtet immer noch steif, komisch oder falsch aussieht, was wieder dazu führt, dass sie sich dadurch in eine Außenseiterrolle katapultieren.

Ist dieser Umstand Therapeuten bewusst?

Warum tun sich Menschen die mit AutistInnen arbeiten eigentlich so schwer damit Autismus zu verstehen?

Ich bin der festen Überzeugung, dass nur über erklären gegenseitiges Verstehen erreicht werden kann.
Sei es nun ein Therapeut, der soziale Komponenten erklärt oder ein Autist, der erklärt warum ihm gewisse soziale Umgangsformen schwer fallen oder gar unmöglich sind.
Darüber kann dann ein Autist für sich entscheiden, welcher Weg für ihn richtig ist.
Ob er sich als Autist in Situationen outet und klar sagt, was Händeschütteln oder Blickkontakt bei ihm auslöst oder ob er darauf verzichtet und diese sozialen Mechanismen anwendet.
Generelle, immer anwendbare, Lösungen kann es meines Erachtens nicht geben.

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7 Kommentare zu „Händeschütteln und was man sonst noch so lernen kann“

  1. Ich habe z. B. gelernt: Es ist ok, jemandem nicht die Hand zu geben, wenn die Hände schmutzig sind oder man erkältet ist. Und: Der Ranghöhere gibt zuerst die Hand (also Chef, Lehrer, Amtsträger … oder der offensichtlich wesentlich Ältere). Und: Nicht die Hand zu geben, kann (je nach dem wen man vor sich hat) auch ein Zeichen des Respekts sein. Zu anderen Gelegenheiten ist es geradezu Usus, allen die Hand zu geben. Verwirrend – nicht nur für Autisten.

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  2. Gerade beim Händeschütteln finde ich ja auch die kulturelle Komponente interessant. Wären wir im asiatischen Raum, wäre Händeschütteln wahrscheinlich nicht so ein großes Thema wie hier. Ich hatte auch neulich eine Situation im Krankenhaus wo die Ärztin meinte „Na, eigentlich hätte ich Ihnen ja nicht die Hand geben sollen. Jetzt muss ich sie desinfizieren.“ Worauf ich meinte „Ja, besser wie die Japaner machen“ und kurz eine Verbeugung ausführte. Jedoch nicht in die Richtung zu irgendeiner Person.

    Aber ja, das mit „Wo und wann ist jetzt welche Begrüßungsform angemessen“ ist wirklich verdammt kompliziert. Zum Teil bin ich schon irritiert, wenn ich jetzt eigentlich meine eine Hand schütteln zu müssen (womit ich zum Glück nie solche Probleme hatte), es dann aber aus irgendwelchen Gründen auch immer nicht dazu kommt. War es jetzt schlicht nicht notwendig, dass das Signal beim Gegenüber gefehlt hat? Habe ich jetzt den Fehler gemacht, indem ich auf ein Signal gewartet habe? Inzwischen versuche ich die Verwirrung da zu ignorieren. Aber einfach ist das nicht. Ich könnte ja unabsichtlich angeeckt haben.

    Was man Mal bräuchte, wäre ein Handbuch! … aber das wäre wahrscheinlich dick wie ein Telefonbuch …

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  3. …und es ist und bleibt doch ein Zufall, in welchem Kulturkreis wir geboren sind.
    Schauen wir nach Japan: dort begrüßt man sich durch höfliches Verbeugen (mit Abstand, damit die Köpfe nicht aneinanderrumpseln 🙂 ). Dadurch ist schon per se Blickkontakt schlecht möglich. Respekt vor dem Gegenüber ist wichtig.
    Niemand würde dort auf die Idee kommen, Händeschütteln erzwingen zu wollen.
    Wrong planet? Eigentlich nur wrong Kulturkreis, oder?

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  4. Vielen Dank für diesen Beitrag.
    Für mich ist das Händeschütteln als Therapeutin einfach ein Ritual, eine Art Markierung für mich und die Klienten, dass die Therapie beginnt und endet. Vielleicht vergleichbar mit den Eckfahnen auf dem Fussballfeld oder wohl doch eher mit Anpfiff und Abpfiff des Spiels mit ihren Spielregeln. 🙂
    Bei Kindern warte ich, ob ein Impuls zum Händedruck von ihnen aus kommt oder nicht. Beides ist okay. Wenn Eltern ihre Kinder aufmuntern oder gar ermahnen, ergreife ich da Partei für das Kind. Bei Erwachsenen reagiere ich auch auf Impulse oder deren Aussagen. Neurodermitiker geben auch nicht gerne die Hand, oder Menschen, die erkältet sind.
    Ich bin (noch) keine Autismusexpertin, daher helfen mir genau solche Beiträge, solche Rituale zu überdenken, sehe da aber jetzt schon Klienten, die vermutlich mehr als irritiert wären, wenn ich es ab heute unterlassen würde. Vielleicht warte ich in Zukunft ausschließlich den Impuls der Klienten ab (egal ob Autist oder NT).

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  5. Ich bin der Meinung, da muß wirklich eine Erklärung her, wann man was macht. Was man dann macht, sollte das Kind selber entscheiden können. Ich erkläre in jeder Situation was der Gegenüber toll finden würde an Verhaltensweisen, oft wird es auch angenommen.

    Ich selber merk erst durch meinen Sohn, was alles so verwirrend ist. In der Zeit vor der Diagnose, hatte ich meinem Sohn 4 Jahre alt gezeigt, wie er seinen kleinen Bruder trösten kann, mitunter küssen. Im Kindergarten hatte er einem anderen Jungen die Finger eingeklemmt und gemerkt, dass er Schmerzen hat. Er wollte ihn auch zum Trost küssen, was der Junge nicht wollte. Für meinen Sohn war es schwer zu verstehen, warum er was falsch gemacht hat.

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  6. Hände schütteln ist bei allem immer noch das kleinere Übel.
    Meiner Erfahrung nach geht das Bedürfnis danach ganz generell zurück. Aber es bleibt eine gute Alternative, wenn die Umarmungs- und Bussibegrüßung ansteht.
    Eine Hand ist schnell ausgestreckt, wenn jemand die Arme zur Begrüßung ausbreitet und erwartet, geherzt zu werden.
    Und es wirkt.

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