Wie kann man Gefühle in einem Text…

verlässlich finden, erklären und dann noch einen Text dazu schreiben, der LehrerInnen verständlich erscheint.

Das ist derzeit (mal wieder) ein großes Problem für mich. Unser Jüngster soll ein Lesetagebuch führen. Dafür gibt es die unterschiedlichsten Ansätze für die jeweiligen Altersgruppen und Texte.

Etwas, dass hier schon immer zu Probleme führte sind Fragen wie:

  • welche Gedanken hat eine beliebige Figur aus dem Text
  • stell Dir vor, eine Figur aus dem Text führt Tagebuch, stell Dir vor und schreibe nieder, was sie „heute“ eintragen würde
  • stell Dir vor, dass eine Person aus dem Text Dir eine Postkarte schreiben würde, schreibe auf was sie Dir schreiben könnte
  • schreibe auf, was Deine Lieblingsfigur träumt
  • erstelle ein Stimmungsbarometer für Deine Lieblingsfigur
  • finde eine traurige/schockierende/gruselige/freudige Szene im Buch und begründe warum sie das entsprechende Gefühl vermittelt

Das ist nur eine Auswahl an Fragen die für meinen Jüngsten derzeit sehr schwierig zu bearbeiten sind. Um diese Aufgaben etwas zu erleichtern habe ich nach verschiedensten Lesetagebüchern/Konzepten geschaut, damit er die Arbeit inhaltlich verstehen lernt und in kleinen Schritten sich dem Komplex „Gefühle“ von literarischen Personen nähern kann. Dieses Unternehmen gestaltet sich sehr schwierig. Es scheint als Kernkompetenz gewichtet zu sein, so etwas können zu müssen. Das erscheint mir aber gerade bei Grundschülern fehl am Platz. Für unseren Sohn wäre rein fakten- bzw. textbezogenes Arbeiten hier, gerade für den Einstieg, „einfacher“.

Gerade bei unserem Jüngsten „kämpfen“ wir zusätzlich damit, dass er im jahrgangsübergreifenden Unterricht Klasse 1 – 4 festhängt und das Konzept vorsieht, dass die Schüler sich das meiste selbstständig erarbeiten sollen bzw. müssen. Und leider hat er bis in die vierte Klasse hinein noch nichts vergleichbares erarbeiten müssen. Also fehlt ihm die Erfahrung und der Abgleich mit dem, was andere Kinder aus dem gleichen Text herauslesen um es reflektieren zu können. Nun ist es so, dass die Kinder jedes für sich ein Buch wählen und es mit dem Tagebuch der Klasse vorstellen sollen. Was für „Norm“kinder nun problematisch ist bzw. sein kann wird für mein autistisches Kind zu einer fast unlösbaren Aufgabe. Derzeit versuche ich, von zu Hause aus, diese Fragen zu entzerren, übersetze, lese sein Buch mit, diskutiere mit ihm und versuche im Gespräch ihm mehr zu entlocken als „ich lese da nichts trauriges“ oder „die Figur denkt doch nicht zusätzlich zu dem was sie im Text sagt oder dort über sie geschrieben steht“.

Und nein, es liegt nicht daran, dass er zuwenig lesen würde oder gar nur Sachbücher. Er liebt Abenteuergeschichten und liest viel, ausdauernd und hat ein breitgefächertes Spektrum an Büchern zur Verfügung welches er auch nutzt.
Er liest aber nur das, was da steht.
Sein Sprachverständnis ist gut, er besteht aber auf der Wortwörtlichkeit.
Andeutungen, Signalwörter und Metaphern erkennt er nicht als solche. Er liest Wort für Wort was im Text steht und versteht ihn exakt so, wie der Text daher kommt.
Es liegt nicht daran, dass er über keine Empathie verfügen würde, sondern dass er nicht über hintergründige Informationen im Text erschließen kann, dass sich da etwas diffuses aufbaut. Dazu braucht es das Gespräch und Beispiele.

Das eingesetzte Lehrwerk der Schule hat Fabeln und Kurzgeschichten nie in dieser Intensität bearbeitet, als dass er es hätte lernen können. Ich merke deutlich, dass ihm hier die Erfahrungswerte / der Erfahrungsaustausch mit den Mitschülern fehlt.

Das er dazu in der Lage ist, Gefühle in einer freien Geschichte oder einer Nacherzählung zu beschreiben hat er bewiesen und seine Lehrerin damit in großes Erstaunen versetzt. Dass die Schulbegleitung und ich in der Zeit vorher sehr viel über verschiedene Möglichkeiten mit ihm gesprochen haben und er mit seinen Geschwistern einen weiteren Abgleich gesucht hat ist leider bei der Lehrerin nicht angekommen.

Was ihm in der Vergangenheit schon gut geholfen hat, war der Nachteilsausgleich Fragen umzustellen oder zu verkürzen bzw. eine „Bandwurm“frage in mehrere Teilglieder zu zerlegen. Ebenso hilft sehr, einzelne Wörter, die in Blockaden führen können, zu „übersetzen“. Leider musste ich mir ebenso oft anhören, dass dadurch das zielgleiche Lernen in Gefahr geraten würde. Es wurde und wird leider oft verkannt, dass eine Übersetzung (mit dem Fachbegriff in Klammern dahinter) nach und nach nicht mehr genutzt werden muss, sondern erst durch die Übersetzung an Klarheit gewinnt und später der Fachbegriff alleine stehen kann. Schließlich überfrachtet man Erstklässler auch nicht direkt mit den lateinischen Begriffen der Grammatik sondern führt diese nach und nach ein und erklärt diese immer wieder.

Hilfreich für ein solches Vorgehen sind Checklisten, die als Nachteilsausgleich in der Nähe des autistischen Schülers in der Klasse angebracht bzw. für Hausaufgaben im Hefter und/oder Heft eingeheftet werden. Und nein, ein Nachteilsausgleich ist nicht mit einem Förderschwerpunkt gleichzusetzen, auch wenn sich manches Vorgehen ähnelt.

Die Arbeit einer Schulbegleitung ist hier auf keinen Fall außer Acht zu lassen.
Sie ist auch dazu da, solche Hemnisse zu erkennen und als Übersetzer und Vermittler zwischen autistischem Kind / Eltern / Lehrern und auch Therapeuten zu wirken. Viele Dinge, die Lehrer nur als Verweigerung wahrnehmen; oder als „das Kind kann das halt nicht und kostet mich zu viel Zeit“ können aufgelöst werden. Dazu ist ein intensiver Austausch zwischen den genannten Parteien notwendig.

Eine Schulbegleitung wird dadurch allerdings mitnichten zum Co-Therapeuten und eine reine Aufsicht sollte sie auch niemals sein.
Ihr Aufgabenfeld ist ein anderes und sollte nicht missbraucht werden.

Um auf die oben genannten, exemplarischen Fragen zurückzukommen; diese sind schwer für ein autistisches Kind. Seine Wege, sich den Fragen zu nähern und sie zu beantworten können umständlich erscheinen.
Wichtig ist dass es nie vermittelt bekommt, dass sein Erleben und Verständnis falsch ist, sondern dass es auch andere Herangehensweisen gibt und es über Erklärungen verständlich gemacht wird. Dies benötigt Zeit und die sollte man autistischen Kindern geben.

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4 Kommentare zu „Wie kann man Gefühle in einem Text…“

  1. Was vielleicht helfen könnte wäre, wissenschaftlicher an die Sache heranzugehen, z.B. mit der showing vs telling Sache. Das ist immer wieder Thema beim Schreiben lernen, und man kann von diesen Tips rückschließen und sie zum interpretieren von Texten nutzen. „Er ballt die Hände zu Fäusten“ warum macht man das? Eine instinktive Reaktion auf Wut. Also „= er ist wütend.“ „Er spürt einen Kloß im Hals“ wann passiert das? Bei einer Erkältung oder wenn man weinen muss weil man traurig ist. Welche der beiden Optionen ist wahrscheinlicher? Gibt es im Text Hinweise auf eine Erkältung (werden Kopfschmerzen, Schnupfen, Husten erwähnt)? Nein? Dann wahrscheinlicher „= er ist traurig“. Irgendwann, wenn man das oft genug gemacht hat, geht das schnell und man weiß automatisch dass eine Erkältung nicht zutrifft ohne groß darüber nachdenken zu müssen, aber am Anfang ist es sehr schwierig.

    Es ist ein bisschen wie Fährtenlesen oder Detektivarbeit. Selbst wenn im Text nicht explizit gesagt wird (telling), was los ist, gibt es doch Hinweise (showing). Irgendwann weiß man diese Hinweise auswendig, aber am Anfang muss man sehr schwer arbeiten und sich eine Datenbank anlegen.

    Wie bei den Bandwurmfragen muss man den Text in seine Einzelteile zerlegen. Man muss den Text unter dem Aspekt einer Frage/Aufgabenstelle quasi abgrasen. z.B. „was träumt die Figur“ (was für Träume überhaupt? Tagtraum, Nachtraum?) Nachtträume sind ein Produkt des vorhergehenden Tages; was die Person im Laufe des Tages beschäftigt hat/was ihr passierte, taucht häufig im Nachttraum wieder auf (manchmal auch abstrakt, aber man muss ja nicht gleich so kompliziert werden). Also wenn die Person z.B. ihren Schlüssel verloren hat, kann es sein dass sie davon Träumt in einem Labyrinth (Labyrinth = Symbol für Verwirrung, Verlaufen) zu sein und nach etwas zu suchen. Tagträume zielen darauf ab, ein Ereignis das unangenehm war besser zu gestalten. Wenn also die Person ihren Schlüssel verloren hat und sich deswegen sicherlich nicht gut fühlt (zumindest weil es den Zeitplan durcheinanderbringt), stellt sie sich vielleicht später in einem Tagtraum vor dass sie einen Universalschlüssel hat, mit dem sie alle Türen der Welt öffnen kann, und spinnt dann den Gedanken weiter, was man mit diesem Universalschlüssel so alles machen könnte (z.B. in die Bank einbrechen, und dann wäre sie reich, und was würde sie dann mit dem Geld machen?).

    Die „warum vermittelt diese Szene dieses Gefühl“ Frage ist anhand dieser Indiziensuche auch zu beantworten, allerdings muss man dafür die Symbole kennen. (z.B. in einer traurigen Szene regnet es vielleicht, oder es ist dämmerig oder kalt, oder die Gefühle der Erzählerperson werden sehr häufig dem Leser nahegebracht, was bezwecken soll dass der Leser aufgrund Empathie dasselbe fühlt.) Ziemlich schwierig für einen Grundschüler, finde ich.

    (Ganz ehrlich? Nach 20 Jahre sowas lernen finde ich die Postkarte, Stimmungsbarometer & Tagebuch Fragen immer noch kompliziert und unverständlich und könnte sie ganz ehrlich nicht beantworten.)

    Gefällt 1 Person

  2. Ich würde mir den Text nach den Fragen aussuchen. Entweder ich kenne die Geschichte sehr gut, möglichst auch als Film. Oder ich habe sehr viele Hintergrundinformationen zum Thema der Geschichte. Das heißt, dass ich mir wirklich sehr gut die Situationen im Text vorstellen kann. Und ich stelle mir Fragen: „Wie ist die Situation?“ „Welche Entwicklungen gab es?“ „In welchen Beziehungen stehen die Figuren?“ „Wie sind die Machtverhältnisse?“ (ggf. auch aufmalen) „Wie wirkt sich das Handeln von Person A auf das Ergehen von Person B aus?“ „Wie würde ich mich in einer ähnlichen Situation fühlen?“ „Wer wäre ich in der Geschichte?“ „Gibt es eine Person, der ich gerne Fragen stellen würde? Welche Person wäre das? Was würde ich wissen wollen?“ „In welchem zeitlichen, geografischen und kulturellen Kontext bewegen sich die Figuren? (Personen, Personengruppen, Arten von Gebäuden, Werkzeugen, Pflanzen, Länder, mythische Figuren …)“ „Welche Werte und Normen vertreten die Gruppen, denen die Figuren zugehören?“ Aus der Postkarte würde wahrscheinlich eher ein Brief. Und vom Inhalt her würde ich vorgehen als wenn ich beten würde. Oder ich stelle mir vor: „Ich bin Statist der Handlung (bei einem Indianer-Roman z. B. Stammesmitglied ohne wörtliche Rede, oder bei einem historischen Roman Zeitgenosse der Handelnden), was würde mich (aufgrund o. g. Fragen) beschäftigen, geht mir durch den Kopf (Konsequenzen für die Hauptfigur und für mich, Veränderungen der gesellschaftlichen Situation (soweit von dieser Person zu überblicken)), was würde ich einem Freund erzählen, sähe ich ihn nach langer Zeit wieder?“ Als Traum würde ich eine Was-wäre-wenn-Geschichte erzählen. Das für mich schwierigste wäre das Stimmungsbarometer. Wie soll das denn gehen? Ohne Vorlage wäre ich aufgeschmissen.

    Unterm Strich würde ich den Text erst einmal „auseinandernehmen“ (also Textanalyse auf der Sachebene „Wer macht was wann warum und unter welchen Bedingungen mit welchen Informationen im Hinblick auf welche Personen?“). Jede Teilfrage einzeln beantworten. Die Ausgangslage und Entwicklung und die Beziehungen jeder Figur feststellen. Mir die Situation einer Figur zu einem bestimmten Zeitpunkt vorstellen. Da ist in meinem Fall der springende Punkt: Dass ich mir die Situation möglichst bildlich vorstellen kann (sowohl als „Film im Kopf“ als auch die Fakten, denen eine bestimmte Person ausgesetzt ist).

    Bei lyrischen Texten hilft nur, sich einen Schatz an Metaphern anzulegen. Hilfreich: „Was ist mit einem bestimmten Wort assoziiert?“ „Zu welchen Themen finden sich viele Wörter?“ „Gibt es unbekannte Wörter? – Nachschlagen!“ „Gibt es logische Ungereimtheiten, wenn ja welcher Art?“ „Welche Adjektive (Eigenschaftswörter) kommen im Text vor?“ Sie in positive und negative einteilen. Vergleiche als solche erkennen. Erkennen, ob ein Text im übertragenen Sinn verstanden werden muss. Mir hilft in der Bibel: „Und er erzählte ihnen ein Gleichnis:“ Dann bin ich vorbereitet, dass alles in der Geschichte ein Symbol sein kann. Oder wenn ein wörtliches Verstehen im Textzusammenhang unlogisch wäre. Also ich habe schon gelernt, verschiedene Textsorten zu unterscheiden (Erzählung, Bericht, Gesetzestext, Lyrik, Fachtext, prophetische Texte, Argumentation, Reportage, Skript eines Theaterstücks, Interpretationen, Beschreibung …). Diesen ganzen Lernprozess hat er noch vor sich.

    An Gefühle kann ich erst denken, wenn ich den Text auch wirklich verstanden habe. Und bei manchen Texten ist das einfacher als bei anderen. Je nach dem, wie viele Sachinformationen der Text hergibt. Oder ob ich viel zu einem Thema weiß. Und wie das Thema bei mir besetzt ist, spielt auch eine Rolle. Und das Thema muss mich interessieren. Ich muss es verstehen wollen.

    Ob die Reihenfolge „Umfassendes Textverständnis -> Gefühle erkennen“ einer Lehrerin einleuchtet?

    Gefällt 1 Person

    1. Diese Tipps und Vorschläge sind klasse.

      Für Grundschulkinder würde ich allerdings erwarten, dass Lehrkräfte hier im Vorfeld viele Dinge mit den Kindern erarbeiten und dabei solche Dinge einarbeiten.

      Das Wissen darum muss erarbeitet werden. Und gerade autistische SchülerInnen brauchen hier mehr Anleitung und Informationen.

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