Als Autist outen – wie, wo, wer und überhaupt

Es gibt Tage, da weiß ich nicht, was in Eltern gefahren ist.

Mal möchte jemand sein Kind mit einem T-Shirt als Autist outen.
Mal lädt jemand das Bild seines Kindes unverpixelt bei Facebook hoch, wo klar benannt ist, dass es Autist ist.

Ich bin immer für Offenheit bezüglich Autismus. Im Bereich Schule lässt es sich zudem schlecht vermeiden, wenn man Hilfen in Anspruch nimmt.
Aber eins meiner Kinder brandmarken, am besten in einem Format, wo es ganz schnell weltweit verbreitet ist?
Muss das sein?

Wenn mein Kind heute das noch ganz lustig findet (finden könnte!), weil Mama oder Papa es so toll finden, heißt das aber nicht, dass es das in 10 Jahren auch noch so sieht. Wenn Fotos davon im Internet hochgeladen werden, am „besten“ auf einer öffentlichen Seite und mit voller Namensnennung und Beschulungsort oder Adresse, dann schadet das dem jeweiligen Kind. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber in 10 Jahren oder später.

Gut erklärt wird der Interessenskonflikt (Bilder der Kinder ins Netz stellen) Eltern vs. Kinder im Allgemeinen hier.

Eltern haben schlicht und ergreifend ein Fürsorgepflicht und sollten wirklich genau überlegen, wo sie bzgl. Fotos wem (generell gesehen) eine Erlaubnis erteilen und was sie selber veröffentlichen.
Bei autistischen Kindern wiegt diese Verantwortung nochmal ungleich schwerer.

Mobbing kennen sehr viele Autisten. Ob nun in der Kindheit oder später im Berufsleben. Mobbern noch Material zu liefern, quasi frei Haus, sollte also ein NoGo sein.

Und selbst, wenn Eltern davon ausgehen, dass ihr autistisches Kind, aufgrund der Schwere der Betroffenheit niemals auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Stelle finden wird oder selbstständig leben kann, so ist das nicht in „Stein gemeißelt“ (RW). Vielleicht entwickelt sich das Kind entgegen aller Vorhersagen viel besser und schafft Dinge, die keiner für möglich gehalten hätte.

Wenn ich als Elter also mein Kind mit Bild und Namen im Alter von 0-18 Jahren im Internet (dem maximal öffentlichen Raum) als Autist oute, sollte ich mir sehr genau überlegt haben, wie ich dies tue und ob es im Einverständnis mit meinem Kind geschieht. Und je älter das Kind, auch wenn noch nicht volljährig, um so wichtiger ist das Gespräch mit ihm. Ob es das will.

Das krasseste Beispiel war diese Woche eine Mutter, die ihr Kind instrumentalisierte, mit Schild in der Hand, für durchgängige Schulbegleitung (auf Facebook) das Jugendamt „anzusprechen“.

Und da stellt sich mir dann die Frage, welchen Nutzen hat dies für das Kind.
Hat es überhaupt irgendeinen Nutzen.
Wird derjenige den es erreichen soll, so überhaupt erreicht.
Wird zeitgleich ein Widerspruch geschrieben, um die Stundenkürzung abzuwenden.
Was sollen die anderen Nutzer, die man auf eine Problematik hinweisen möchte, tun – das Jugendamt anschreiben?
Leichter kann man ein Amt nicht gegen sich aufbringen!
Ist es dafür gedacht, dass die Mutter Unterstützung bekommt – oder nur „fishing for compliments“. Hätte da eine sachliche Darstellung mit der Bitte um Unterstützung nicht viel mehr Nutzen?

Das Bild steht in einem offenen Profil. Das Kind hält ein Schild. Viele wissen, wie man sowas herunterladen und verändern kann. Und mit ein bisschen Vorstellungsvermögen sollte es relativ schnell klar sein, dass dies NICHT zum Nutzen des Kindes geschieht sondern ihm aktiv in naher oder ferner Zukunft schaden kann.

Und alleine, dass es schaden kann sollte Eltern davon abhalten, so etwas zu tun.

Über Autismus aufklären funktioniert so nicht.
Eine Stundenkürzung der Schulbegleitung abwenden kann man mit einer solchen Aktion auch nicht.

Macht Eure Kinder nicht zur Zielscheibe von Mitschülern und Miteltern. Nicht heute und nicht morgen.

Ihr habt Verantwortung.

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3 Kommentare zu „Als Autist outen – wie, wo, wer und überhaupt“

  1. Ja ich hatte dieses besagte Bild mit Bauchgrummeln auf meiner Seite geteilt. Hatte die Mutter auch noch angeschrieben und geschrieben sie solle doch bitte einen Anwalt für Sozialrecht das Recht des Kindes verteidigen. Finde es prinzipiell auch nicht gut, da gebe ich Dir Recht :/

    Gefällt mir

    1. Ich habe mir die Kommentare zu dem Bild gerade nochmal angesehen.

      All ihre Fragen und die Bitte um Unterstützung sind berechtigt. Was sie bekommt ist aber in der Hauptsache der Mitleidsbonus für das Bild.
      Egal, wer es teilt (und es ist längst aus allen Filterblasen raus, sondern hat maximale Öffentlichkeit) er wird ihr weder beim Formulieren eines Widerspruches helfen, mit ihr als Zeuge zum Amt gehen, ihr einen Anwalt vermitteln oder sonst was.

      Was die Mutter da getan hat ist nicht zielgerichtet.

      Ich kann Eltern grundsätzlich nicht verstehen, die Klarname, Adresse und Beschulungsort irgendwo teilen. Das hat in Gänze so viele negative Effekte. In Verbindung mit Autismus halt potentiert.

      Gesetzt den Fall, dass Kind schafft einen guten Schulabschluss, schafft eine Ausbildung und bewirbt sich auf eine Ausbildungsstelle (egal wo), (Personal)Chefs googeln Namen. Das ist nun mal Fakt. Vielleicht möchte das Kind aber selber nicht so offen mit Autismus umgehen. Und vielleicht möchte es in Zukunft erstmal unbefangen betrachtet werden (von einem Chef oder einer/m etwaigen PartnerIn).

      Wir als Eltern haben schlicht nicht das Recht, so zu handeln.

      Und weil ich es für mich ausschließe, hätte ich es auch niemals geteilt.

      Gefällt 1 Person

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